Rudolf: „Also gut, - jetzt hast du alle Prüfungen bestanden, bist frei, und kannst fahren, wohin du willst. Nichts wird dir mehr geschehen." Ein Fels fiel mir vom Herzen. Jetzt fühlte ich mich wahrlich besser, auch wenn mein Nervenkostüm seit Beginn dieses Spiels völlig ramponiert war. Da zeigten die Spiegel neue Worte: „He thinks to talk to someone. But he is alone, he's talking to himself." Einen kurzen Augenblick war ich erschrocken, dann faßte ich mich jedoch wieder. ,,Umso besser!" dachte ich. Das war genau das, was ich schon längst vermutet hatte. Ab jetzt würde ich für mich bleiben und jeglichen Kontakt meiden. Anscheinend spielte sich sowieso doch nur alles in meinem Kopf ab. Ab jetzt hieß die Devise: Cool bleiben. Nicht mehr verrückt machen lassen! Der ganze Blödsinn mußte ein Ende haben!
Ich konzentrierte mich auf die Fahrt, war inzwischen auf einer befahrenen Strecke angekommen und kurz vor Igoume-nitsa. Um 18.30 Uhr traf ich dort ein. Gerade war eine Fähre dabei abzulegen. Ich parkte in der Nähe der Anlegestelle und stieg aus. Hier gab es wenigstens Tafeln mit den Fahrplänen, so daß ich nicht unbedingt ein Travel Office aufsuchen mußte. Ich konnte ersehen, daß ich erst am nächsten Morgen nach Italien übersetzen konnte. Das war sogar besser als die Nachtpassage, die mir zu gefährlich erschien. Ich stieg wieder in meinen Golf, um nach einer Schlafmöglichkeit Ausschau zu halten.
Nachdem ich einige Zeit herumgekurvt war, um mich über die Stadt zu informieren und einen Eindruck von ihr zu bekommen, kehrte ich wieder zum Hafen zurück und stellte den Wagen ab. Es wurde dunkel. Die ersten Lichter blitzten auf. Ich hatte Zeit. Wie ich wußte, leuchtete meine Augenschrift, jetzt ebenso deutlich auf. Allerdings hatte sie sich während der letzten Stunden brav schweigend verhalten. Vielleicht bildete ich sie mir ja auch nur ein und es gab sie doch nicht. Ich machte mir Mut, wollte meine Selbstsicherheit zurückgewinnen und betrat eine an der Straße gelegene Grillstube. Der Grieche, bei dem ich die Bestellung für ein Brot mit Zaziki und ein Glas Wein aufgab, sprach gut Deutsch und war sehr zuvorkommend. Er wies mir einen der Tische draußen zu und bat mich um etwas Geduld. Nur drei davon waren besetzt. Unauffällig beobachtete ich die Leute, die daran verteilt saßen und ihr Abendessen einnahmen. Niemand schien sich um meine Anwesenheit sonderlich zu kümmern und mich zu beachten. Das war beruhigend.
Nach einiger Zeit spürte ich etwas an meinen Augen. Das altbekannte ,,Malaga, Malaga" wurde sichtbar. Die beiden Griechen am Nebentisch waren darauf aufmerksam geworden und amüsierten sich über mich. Ich glaubte ,,lt's a nice joke" zu hören, war mir dessen aber nicht ganz sicher. Mit einem freundlichen „Guten Appetit!" brachte der Wirt meinen Teller. Ich sah ihn direkt an, aber in seinem Gesicht war keine Regung auszumachen. Erst, als er etwas weiter entfernt mit einem Touristen redete, der Deutscher sein konnte, meinte ich, das Wort,,Todesschmaus" verstanden zu haben. Meine Spiegel sprachen wieder: ,,He is sentenced to death."
Ich blieb unbeirrt und kaute an meinem Sandwich weiter. Während ich langsam meinen Rotwein austrank, der etwas harzig schmeckte, wechselte der Text zum widerlichsten Satz, der bisher aufgetaucht war: ,,He will pick up a kid and cut it's throat." Aus den Augenwinkeln und mit gesenktem Kopf beobachtete ich die beiden Griechen. Sie schienen es mitbekommen zu haben und ihr Gesichtsausdruck wurde finster. Ich wollte keinen Fehler begehen und hielt es für besser, hier zu verschwinden. Ich ließ einen verhältnismäßig großzügigen Geldbetrag liegen und machte mich eilig auf die Socken.
Plötzlich hatte ich eine Eingebung! ,,Sie haben Informanten!" Mit meinen ungewöhnlichen Augentexten war ich auf jeden Fall identifizierbar, - damit verriet ich meinen Aufenthaltsort! Wenn einer der Eingeweihten mich entdeckt hatte, brauchte er nur noch telefonisch die Zentrale zu benachrichtigen, und schon waren sie aktuell informiert! Man hatte wohl ein Netz gestrickt, aus dem kein Entrinnen möglich war. Ich fühlte mich tatsächlich wie die Fliege, die an den klebrigen Fäden der Spinne hängen geblieben war und darauf warten konnte, bis das Untier kam und die Beute verschlang! So also wußte man Bescheid und konnte die nächsten Maßnahmen treffen! Das erschien mir völlig einleuchtend und immer mehr wuchs diese Idee für mich zur Gewißheit. Die Vorstellung, am Computer sichtbar zu sein, schien also falsch.
Trotzdem, - irgendeine drahtlose Verbindung mußte auch bestehen, - für die Übertragung der Signale auf meine Spiegel. So war zu überlegen, auf welche Weise ich mich schützen konnte. Es war ja schon gut, wenn ich die Lider senkte und vermied, Menschen direkt anzusehen. Eine Sonnenbrille konnte mein Problem lösen! Das ich darauf nicht schon längst gekommen war! Eigene Dummheit hatte mich meine Ray-Ban in München vergessen lassen! Gleich am nächsten Morgen, -noch vor Abfahrt - wollte ich mir an einem der Stände eine passende aussuchen. Vielleicht konnte ich so das verräterische Leuchten verdecken! Meine Stimmung gewann an Auftrieb.
Ich ließ den Motor an und kreiste durch die Ortschaft. Diese Nacht mußte ich noch heil überstehen, auch ohne Augengläser. Jedesmal, wenn mir jemand entgegenkam, - sei es als Autofahrer oder Fußgänger - kniff ich meine Sichtfenster so schmal wie möglich zusammen und änderte die Blickrichtung zur Seite ab. Diesmal würde ich auf der Hut sein, auch wenn es hier Informanten gab, denen nicht verborgen geblieben war, daß ich in Igoumenitsa eingetroffen war. Sicher kannten sie auch meinen Wagen, - so viele Münchner Kennzeichen gab es sicher auch wieder nicht.
Ich war langsam durch die dunklen Straßen gefahren und erreichte nun einen größeren Platz, auf dem eine große Anzahl Fahrzeuge parkte. An den Nummernschildern ersah ich, daß die meisten europäische Touristen waren. In einigen Wagen schliefen die Leute bereits. Sicher wollten sie ebenfalls die Morgenfähre nach Brindisi nehmen. Es schien mir gut geeignet, mich hier drunter zumischen und ich steuerte in eine enge Lücke. Außerdem gaben die wenigen Straßenlaternen nur schwaches Licht ab, was ein zusätzlicher Vorteil war. Es war ruhig und man hörte kaum etwas vom Straßenverkehr. Vorsichtig und leise verschloß ich alle Türen, rutschte nach hinten und schlüpfte in den Schlafsack. Da es etwas kühler war, legte ich mir noch eine Decke über und streckte mich so weit wie möglich aus. Die Anstrengungen der gesamten letzten Tage machten sich bemerkbar und mein Hals schmerzte wieder. Ich war zwar hundemüde, vermochte aber dennoch nicht, gleich einzuschlafen. Die heftigen Schwankungen zwischen Zuversicht und Resignation, die Gedanken um Leben und Tod, das ständige Gefühl, in Gefahr zu sein, hatten mich seelisch und körperlich ausgezehrt. Dabei war Schlaf das wichtigste und billigste Mittel, für meine Rekreation so sorgen. ,,l will care", murmelte ich zu mir selbst, nun auch schon in Englisch. Ich verbrachte längere Zeit in einem Dämmerzustand, bis ich endlich einschlief.
Das Motorengeräusch eines ankommenden Autos ließ mich erwachen. Ich wußte nicht, wie spät es war und schreckte schlaftrunken hoch, um mich wegen der Spiegel sofort wieder zu ducken. Zehn Meter von mir entfernt stand ein Pritschentransporter. Ein Mann stieg aus und ging direkt auf meinen Golf zu. Er besah sich den Rand des Parkplatzes, lief wieder zurück und wies den Fahrer so ein, daß der Kleintransporter rückwärts neben mir zum Stehen kam. Die Ladefläche wurde gekippt und von rutschendem Geräusch begleitet. Eine Unmenge Dreck und Bauschutt staubte zu Boden. Ich unterdrückte ein Husten. Nachdem die Normallage wieder hergestellt war, verschwanden die Männer mit ihrem Pritschenwagen. Da ich die Aktion mitbekommen hatte, die nichts mit mir zu tun gehabt hatte, rollte ich mich wieder zusammen und schlief augenblicklich ein.
Später erwachte ich erneut. Eine seltsame Unruhe, vielleicht eine Vorahnung, hatte mich ergriffen. Vorsichtig hob ich den Kopf und sah mich um. Es dämmerte. Am Ende des Parkplatzes, auf einem etwas höher gelegenen Hang, der mit Bäumen und Sträuchern bewachsen war, stand ein Mann, der in meine Richtung blickte. Also wurde ich doch observiert! Die Informanten schienen meinen Wagen entdeckt zu haben und sich zu nähern. Was hatten sie mit mir vor? Meine Spiegel waren wach und zeichneten auf: „He will pick up a kid and cut his throat."
War das eine Falle? Hatten sie selbst ein Kind gemeuchelt und die Leiche im Bauschutt verborgen? Meine Phantasie ging mit mir durch. Natürlich würde man mich der Tat verdächtigen! Ich war hellwach. Wieder stieg Panik in mir auf. In meiner Vorstellung sah ich mich schon gefangen in meinem Golf, umringt von einer tobenden Meute, die mit Stöcken und Steinen meine Fenster einschlug, mit Messern auf mich losging, mich herauszerrte, um mich am nächsten Baum zu lynchen. Ich hatte schon gehört, daß Südländer kein Pardon kannten, wenn es um Kinder ging, - da konnte die Sachlage sein, wie sie wollte! Ich wagte nicht auszusteigen. Mir ging es auch nicht drum, zu prüfen, ob meine Vermutung richtig war. Ich beschloß, Fersengeld zu geben. Hastig wickelte ich mich aus der Decke, kletterte behend auf den Fahrersitz, drehte den Schlüssel um und legte den Rückwärtsgang ein. Der Mann war verschwunden. Ich beschwichtigte mich und blieb bei langsamer Fahrweise, um ja nicht aufzufallen. Meine Abfahrt mit der Fähre hatte ich gestrichen. Am besten, ich verließ Igoumenitsa sofort und steuerte loannina an. Unterwegs hatte ich dann immer noch die Wahl zwischen Thessaloniki und Patras.
Ich erreichte eine kleinere, recht belebte Straße, die ich von meiner Informationstour am Vorabend schon kannte. Jetzt wußte ich auch, wie ich von hier zur großen Abzweigung nach loannina fahren mußte. Konzentriert nahm ich meinen Weg auf, als ich plötzlich am Straßenrand den Kleintransporter stehen sah. Ich passierte ihn und schaute in den Rückspiegel. Sofort wurden die Scheinwerfer eingeschaltet und der Wagen folgte mir. Ich beschleunigte. Er auch. Ich wollte sichergehen und wagte einen Test. Mit einem Ruck stoppte ich auf dem Seitenstreifen. Das Fahrzeug rauschte an mir vorbei und hielt in einiger Entfernung vor mir, ohne Motor und Licht auszuschalten. Also wurde ich doch verfolgt! Ich mußte den Kerl abschütteln. Aber wie?
Als ich wieder anfuhr, setzte auch er sich erneut in Bewegung. Ich nahm mir vor, hinter ihm zu bleiben und bei nächster Gelegenheit einen Haken zu schlagen. Der Kleintransporter fuhr also auch in Richtung der Ausfallstraße nach loannina! Vermutlich hatten die Leute in der Zentrale mir unterstellt, meinen Plan diesbezüglich zu ändern und auf dem Landweg zu fliehen.
Die Einmündung war schnell erreicht. Mein Begleiter verlangsamte und bog rechts ab. Diese Chance nutzte ich, um die Gegenrichtung zu nehmen. Mit halsbrecherischem Tempo wendete ich erneut bei der ersten Biegung nach links und raste in den Ort zurück. Ich trat konstant das Pedal durch, lieferte noch einige Links-rechts-Schlenker und preschte, immer noch mit riskant überhöhter Geschwindigkeit, auf die Seepromenade zu, die hell erleuchtet und voller Menschen war. Jetzt war eine Vollbremsung nötig. Die Leute kümmerten sich nicht um den Verkehr und liefen, ohne sich umzusehen, quer über die Fahrbahn. Etwas knallte auf mein Auto. Eine wütende Beschimpfung auf Griechisch folgte. Ich war zwar erschrocken, ließ mich aber nicht beirren und fuhr flott weiter. Am Ende der Uferpromenade stand ein Einbahnstraßenschild. Ich vergewisserte mich, ob mir niemand entgegenkam und bog ohne zu zögern ein. Gleich bei der ersten Gelegenheit blinkte ich nach links und steuerte eine Nebenstraße entlang, die bergauf führte. Nach kurzer Zeit wußte ich wieder, wo ich war!
Ab hier hatte ich meine geplante Route wieder und erreichte in Kürze die Ausfallstraße. Mein Begleiter war verschwunden. Ihn hatte ich relativ leicht abgehängt. Aber ein wenig stolz war ich wegen meines Manövers schon! Da anzunehmen war, dass meine Informanten nicht ewig in Igoumenitsa suchen würden und mir früher oder später auf der Strecke nach loannina folgen würden, brauchte ich Vorsprung. Ich drückte auf die Tube, blieb aber wachsam. Es konnte ja sein, daß mich irgendwo am Straßenrand der Kleintransporter erwartete.
Freitag, 23. Februar 2007
Donnerstag, 15. Februar 2007
Killertrip Teil 6
Ich behielt meinen Kurs jedoch bei, fuhr geradeaus und beschloß, mich meiner Haut zu wehren, so gut ich konnte auch wenn ich allein gegen vier Leute antreten mußte. Nach jeder Kurve rechnete ich damit, den VW-Bus quer stehend vorzufinden, um mich damit zum Halten zu zwingen. Aber das Erwartete geschah nicht. Jede Serpentine, die ich ohne Hinderung passierte, ließ mich erleichtert aufatmen.
Als die Straße wieder sanft verlief und sich etwas zum Gefalle neigte, sah ich endlich ein Rasthaus, auf dessen Parkplatz der Bus angehalten hatte. Die Männer standen lachend daneben und winkten, als ich an Ihnen vorbeifuhr. Ich konnte mein Glück nicht fassen, beschleunigte den Golf und war froh, hier wegzukommen. Es war vielleicht wirklich das Beste, diesem Horror durch den eigenen Tod zu entkommen. Ich hatte mehr Angst vor der Grausamkeit meiner Peiniger, als vor dem Sterben. Diese Menschen hatten Spaß am Quälen. Sie mußten krank sein. Doch alles Lamentieren half nichts, - meine Situation hatte sich nicht verändert. Wie konnte Gott das zulassen? Allerdings ließ er in der Welt genügend andere Grausamkeiten zu, so das ich nicht ernsthaft in der Lage war, meine Reste von Religion auszugraben. Ich hoffte nicht auf Hilfe von oben. Es war allerdings niemand da, dem ich vertrauen konnte außer Gott. Ich fing an, mich an diesen Gedanken zu klammern, und schöpfte wieder Mut.
Ich kam nun durch einen Ort, nachdem ich eine längere Zeit lang keine Menschen und Häuser mehr gesehen hatte. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und meine Kehle anfeuchten, die sich völlig ausgedörrt anfühlte. Ich suchte mir eine Gaststätte und betrat sie nach meinen letzten Erfahrungen wohl etwas zu langsam und vorsichtig. Ich wollte meinen Saft auf der Veranda trinken und nicht in dem dunklen ungemütlichen Gastzimmer. Eine Frau zog ängstlich ihr Kind zur Seite, als ich an ihr vorbeiging. Ich vermutete wieder einen bösen Spruch auf meinen Spiegeln und konnte sogleich lesen: „He trusted in God, but God sent him to hell. He can go everywhere, somebody will be there. He will cut bis throat and throw him over board." Ich versuchte die Fassung zu bewahren, orderte beim Barkeeper mein Getränk, zahlte und verließ sofort den Raum. Ich stürzte den Saft hinunter, warf die leere Flasche in den Abfalleimer und ging zurück zum Wagen.
Meine grauen Zellen und die Gefühle schienen langsam abzusterben. Der Killer hatte mich inzwischen aufgegeben, und nicht nur das - er war bereit, jemand anderem den schmutzigen Part zu überlassen. Damit war ich nach diesem Spruch des Spiegels Freiwild für alle. Aber das allein war nicht das Bedrohlichste. Ich fühlte mich auch von Gott verlassen. Damit war ich endgültig und völlig alleingelassen. Hoffnungslos starrte ich auf die Straße. Ich wußte nicht mehr weiter. Lähmung überfiel mich und ließ mich fast absterben. Die Spiegel wiederholten den Text. Nach einer Stunde untätigen Wartens, in der ich nur stumm im Wagen gesessen hatte, startete ich wieder und nahm die alte Route auf. Ich ließ mein Leben Revue passieren und fragte mich, was ich alles falsch gemacht hatte, wofür ich diese Strafe verdiente. Mir fiel nichts ein, was diese Quälerei rechtfertigte, von kleinen lächerlichen Verfehlungen abgesehen. Vielleicht hatte ich durch mein Verhalten im Leben eines anderes Menschen Negatives ausgelöst und wußte nichts davon. Außerdem war das alles Jacke wie Hose. Ich konnte jetzt nichts mehr ungeschehen machen. Gott wußte schon, was er tat, und spätestens, wenn ich tot war, würde ich es erfahren! Ich versuchte, mich mit meinem Schicksal abzufinden.
Lange Zeit fuhr ich einfach so dahin, immer in Richtung Igoumenitsa, und ließ meine Gedanken plätschern. Ich hatte über Jahre nicht mehr derartig philosophische Gedanken gewälzt. Existentielle Fragen verdrängte ich in der Regel mit meiner rationellen Einstellung, aber jetzt war ich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen. Ich suchte nach Antworten und bemühte mich um Gott. Ich versuchte, mir den Himmel und die Hölle vorzustellen, und überlegte, in welcher Etage ich wohl landen werde.
Es war Mittag geworden, und die Hitze machte mir zu schaffen. Ich beschloss, eine Pause einzulegen und die nächsten Stunden vielleicht ein Nickerchen zuzulassen, sofern ich einen sicheren Ort dafür fand. Vorher startete ich einen neuen Versuch, zu einer Mahlzeit zu kommen, die ich in dieser kleinen Ansiedlung, die ich jetzt erreicht hatte, zu mir nehmen wollte. Vor dem Rasthaus, das sich schon allein durch seine Größe von den anderen Gebäuden abhob, standen einige Bäume, die angenehme Schatten warfen. Darunter waren Tische und Bänke aufgestellt, an welchen Griechen saßen, die Wein tranken und Karten spielten. Ein Huhn lief gackernd herum und pickte nach Körnern und Brotkrumen. Ich konnte genau spüren, daß meine Spiegel wieder Text produzierten, aber im Augenblick war mir das völlig egal. Sollten doch alle wissen, was mit mir los war! Ich hatte keine Lust mehr, etwas zu verbergen. ,,He trusted in God. But God sent him to hell. He thinks he is good, but he was always bad. Give him to eat, tomorrow he will be dead. He can go everywhere, somebody will be there. He will cut his throat and throw him over board." Und dazu immer wieder: ,,Malaga, Malaga", begleitet von Rudolfs widerlich höhnischem Gelächter. Sie waren wohl aufgewacht.
Ich setzte mich an einen Tisch, und gleich darauf kam ein Kellner, um mich nach meinen Wünschen zu fragen. Da ich Appetit hatte und die Gelegenheit nutzen wollte, bestellte ich Brot, Bauernsalat und Schafskäse und ein halbes Grillhuhn. Dazu ein großes kaltes Mineralwasser. Henkersmalzeit! Fast fühlte ich mich wohl, als ich das alles verputzt hatte, und verlangte nach einem Kaffee. Der Schatten, die Ruhe und das Essen taten mir gut.
Ich beschloss hier zu bleiben, vielleicht etwas zu dösen und erst gegen 16 Uhr weiterzufahren. Einen Augenblick lang begann ich zu zweifeln, ob ich mich nicht auf dem besten Wege zum Wahnsinn befand. Was hatte nur dieses Chaos ausgelöst? Ich empfand es so real, daß es realer nicht mehr ging. Konnte es trotzdem sein, daß ich mir alles einbildete? Ich dachte daran, den Gedankengang zu überprüfen, ob sich die ganze Angelegenheit nur in meinem Kopf abspielte. Ich hörte Rudolf wieder sagen: „Paß auf jetzt!"
Die Spiegel waren wieder da und signalisierten den Text von vorhin. Ich fragte den Wirt, ob er Englisch verstünde, doch dieser schüttelte den Kopf. Er deutete auf einen Jungen, der hier bediente. Ich wartete, bis er mit einem leeren Tablett hereintrat, hockte mich vor ihn auf den Boden und zeigte auf meine Augen: „Do you speak Englisch?" Als er bejahte, schrieben die Spiegel: „Malaga, Malaga!" Ich fragte wieder: „And what can you read in my eyes now?" Ohne zu zögern, antwortete der Junge und lachte dabei: „Queer!" Ich bedankte mich und verzog den Mund zu einem bösen Grinsen. „Queer" bedeutet „irre" und im Slang auch „schwul". „Malaga" mußte zumindest etwas Ähnliches bedeuten. Also doch! Es stimmte! Die Spiegel waren wieder in Aktion. Das war der Beweis. Konnte man sich so etwas einbilden? Konnte er es sich einbilden? Dies war die verrückteste Realität, mit der ich je konfrontiert wurde. Allerdings war es für die Leute, die in diesen Spiegeln lesen konnten, auch keine Alltäglichkeit. Warum reagierten sie so seltsam gleichgültig, als ob jeder mit diesen Dingern herumliefe? Rudolf konnte mir einfach alle erdenklichen Gemeinheiten aufsetzen, und ich konnte nichts dagegen tun!
Ich ging wieder nach draußen, nippte an meinem Mineralwasser und überlegte mir, wie das alles technisch machbar sein konnte. Mir fiel keine plausible Erklärung ein, aber das musste nichts heißen. Die Technik konnte weiter sein als meine Vorstellungskraft. Vielleicht handelte es sich hier um eine Insiderentwicklung, mit der die Allgemeinheit nicht konfrontiert wurde, und das aus gutem Grund.
Um 16.00 Uhr reiste ich weiter. Ich nahm Kontakt auf mit Wolfgang und fragte ihn, weshalb Rudolf mich ständig diffamierte. „lch kann es dir nicht sagen, Rolf. Ich werde versuchen, ihn zu beeinflussen, das künftig zu unterlassen." Die Verbindung mit Wolfgang wurde immer schlechter. Möglicherweise war das aber nur auf die größer werdende Entfernung zwischen Paros und meinem Standpunkt zurückzuführen. Vielleicht ließ auch die Wirkung der Droge nach. Ich fühlte mich mit meinen Gedanken sterbensallein!
Es ging erneut bergauf. Diesmal hatte ich den Eindruck, durch eine Mondlandschaft zu fahren, da es keinen Baum und keinen Strauch gab. Nichts schien sich zu regen. Eine tote Gegend - passend zu meinem Gemütszustand und dem, was mir bevorstand. Eine gute Gegend, um zu sterben! Ich hatte die Vorstellung, mutterseelenallein durch diese karge Region zu kurven, ohne jemals jemandem zu begegnen, ohne irgendwann an ein Ziel zu gelangen. Der Gedanke jagte mir solche Schauer über den Rücken, daß mich Panik erfaßte. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr kontrollieren. Sie hatten sich selbständig gemacht, und ich war dem hilflos ausgeliefert.
Eine Idee setzte sich durch. Ich wollte meine Reaktionen überprüfen, ob überhaupt noch irgendetwas funktionierte. Beispielsweise anhalten, dann aussteigen und wieder weiterfahren. Ich stoppte an einem breiteren Randstreifen. Meine Hände, die sich um das Lenkrad gekrallt hatten, waren feucht. Ich stieg aus und atmete erleichtert auf, als meine Füße den Boden berührten. Eine Weile marschierte ich auf und ab, versuchte soviel Sauerstoff wie nur möglich zu tanken und mich zu entspannen. Ich stieg wieder ein, startete und machte mich auf den Weg. Auf welchen Weg?
Nach einiger Zeit produzierten meine Spiegel einen neuen Text: „He did not want to die, so he has to live forever." Ewiges Leben? Das was viele Menschen ersehnten und als wünschenswert erachteten, bereitete mir jetzt unsagbare Angst. Seltsame Bilder entstanden in meinem Kopf. Ich sah mich als alten Mann, vor einer Holzhütte sitzend, einsam und gemieden, ausgegrenzt von allen Menschen, gezeichnet bis zum Sanktnimmerleinstag durch meine Augenschrift. Ich aktivierte schnell meine Logik und zerrte mich in die Gegenwart zurück. Münchhausen im Sumpf ... Wollte ich nicht verrückt werden, mußte ich die anderen für verrückt erklären und die Vorstellung pflegen, daß ich ein Opfer von perfider Technik und Drogeneinwirkung war. Damit war dann meine Geistesverfassung aus dem Schneider. Ich wollte jetzt wieder mit den anderen reden und Zugeständnisse erkämpfen, die mir halfen. Ich fing einfach an zu reden und hörte nicht mehr auf. Ich erzählte von meinen Erkenntnissen, von meinem Leben, meinen Vorsätzen und Bemühungen. Ich versuchte, die anderen in meine Lage zu versetzen, um auf diese Weise Verständnis und Mitgefühl zu erwecken. Es schien mir endlich auch zu gelingen. Nur Rudolf sperrte sich noch, wollte nicht lockerlassen. Aber dann hatte ich auch ihn überzeugt. Es gab wahrhaftig andere, schönere Spiele, die noch dazu produktiver waren, als dieses Katz-und-Maus-Spiel mit mir.
Als die Straße wieder sanft verlief und sich etwas zum Gefalle neigte, sah ich endlich ein Rasthaus, auf dessen Parkplatz der Bus angehalten hatte. Die Männer standen lachend daneben und winkten, als ich an Ihnen vorbeifuhr. Ich konnte mein Glück nicht fassen, beschleunigte den Golf und war froh, hier wegzukommen. Es war vielleicht wirklich das Beste, diesem Horror durch den eigenen Tod zu entkommen. Ich hatte mehr Angst vor der Grausamkeit meiner Peiniger, als vor dem Sterben. Diese Menschen hatten Spaß am Quälen. Sie mußten krank sein. Doch alles Lamentieren half nichts, - meine Situation hatte sich nicht verändert. Wie konnte Gott das zulassen? Allerdings ließ er in der Welt genügend andere Grausamkeiten zu, so das ich nicht ernsthaft in der Lage war, meine Reste von Religion auszugraben. Ich hoffte nicht auf Hilfe von oben. Es war allerdings niemand da, dem ich vertrauen konnte außer Gott. Ich fing an, mich an diesen Gedanken zu klammern, und schöpfte wieder Mut.
Ich kam nun durch einen Ort, nachdem ich eine längere Zeit lang keine Menschen und Häuser mehr gesehen hatte. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und meine Kehle anfeuchten, die sich völlig ausgedörrt anfühlte. Ich suchte mir eine Gaststätte und betrat sie nach meinen letzten Erfahrungen wohl etwas zu langsam und vorsichtig. Ich wollte meinen Saft auf der Veranda trinken und nicht in dem dunklen ungemütlichen Gastzimmer. Eine Frau zog ängstlich ihr Kind zur Seite, als ich an ihr vorbeiging. Ich vermutete wieder einen bösen Spruch auf meinen Spiegeln und konnte sogleich lesen: „He trusted in God, but God sent him to hell. He can go everywhere, somebody will be there. He will cut bis throat and throw him over board." Ich versuchte die Fassung zu bewahren, orderte beim Barkeeper mein Getränk, zahlte und verließ sofort den Raum. Ich stürzte den Saft hinunter, warf die leere Flasche in den Abfalleimer und ging zurück zum Wagen.
Meine grauen Zellen und die Gefühle schienen langsam abzusterben. Der Killer hatte mich inzwischen aufgegeben, und nicht nur das - er war bereit, jemand anderem den schmutzigen Part zu überlassen. Damit war ich nach diesem Spruch des Spiegels Freiwild für alle. Aber das allein war nicht das Bedrohlichste. Ich fühlte mich auch von Gott verlassen. Damit war ich endgültig und völlig alleingelassen. Hoffnungslos starrte ich auf die Straße. Ich wußte nicht mehr weiter. Lähmung überfiel mich und ließ mich fast absterben. Die Spiegel wiederholten den Text. Nach einer Stunde untätigen Wartens, in der ich nur stumm im Wagen gesessen hatte, startete ich wieder und nahm die alte Route auf. Ich ließ mein Leben Revue passieren und fragte mich, was ich alles falsch gemacht hatte, wofür ich diese Strafe verdiente. Mir fiel nichts ein, was diese Quälerei rechtfertigte, von kleinen lächerlichen Verfehlungen abgesehen. Vielleicht hatte ich durch mein Verhalten im Leben eines anderes Menschen Negatives ausgelöst und wußte nichts davon. Außerdem war das alles Jacke wie Hose. Ich konnte jetzt nichts mehr ungeschehen machen. Gott wußte schon, was er tat, und spätestens, wenn ich tot war, würde ich es erfahren! Ich versuchte, mich mit meinem Schicksal abzufinden.
Lange Zeit fuhr ich einfach so dahin, immer in Richtung Igoumenitsa, und ließ meine Gedanken plätschern. Ich hatte über Jahre nicht mehr derartig philosophische Gedanken gewälzt. Existentielle Fragen verdrängte ich in der Regel mit meiner rationellen Einstellung, aber jetzt war ich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen. Ich suchte nach Antworten und bemühte mich um Gott. Ich versuchte, mir den Himmel und die Hölle vorzustellen, und überlegte, in welcher Etage ich wohl landen werde.
Es war Mittag geworden, und die Hitze machte mir zu schaffen. Ich beschloss, eine Pause einzulegen und die nächsten Stunden vielleicht ein Nickerchen zuzulassen, sofern ich einen sicheren Ort dafür fand. Vorher startete ich einen neuen Versuch, zu einer Mahlzeit zu kommen, die ich in dieser kleinen Ansiedlung, die ich jetzt erreicht hatte, zu mir nehmen wollte. Vor dem Rasthaus, das sich schon allein durch seine Größe von den anderen Gebäuden abhob, standen einige Bäume, die angenehme Schatten warfen. Darunter waren Tische und Bänke aufgestellt, an welchen Griechen saßen, die Wein tranken und Karten spielten. Ein Huhn lief gackernd herum und pickte nach Körnern und Brotkrumen. Ich konnte genau spüren, daß meine Spiegel wieder Text produzierten, aber im Augenblick war mir das völlig egal. Sollten doch alle wissen, was mit mir los war! Ich hatte keine Lust mehr, etwas zu verbergen. ,,He trusted in God. But God sent him to hell. He thinks he is good, but he was always bad. Give him to eat, tomorrow he will be dead. He can go everywhere, somebody will be there. He will cut his throat and throw him over board." Und dazu immer wieder: ,,Malaga, Malaga", begleitet von Rudolfs widerlich höhnischem Gelächter. Sie waren wohl aufgewacht.
Ich setzte mich an einen Tisch, und gleich darauf kam ein Kellner, um mich nach meinen Wünschen zu fragen. Da ich Appetit hatte und die Gelegenheit nutzen wollte, bestellte ich Brot, Bauernsalat und Schafskäse und ein halbes Grillhuhn. Dazu ein großes kaltes Mineralwasser. Henkersmalzeit! Fast fühlte ich mich wohl, als ich das alles verputzt hatte, und verlangte nach einem Kaffee. Der Schatten, die Ruhe und das Essen taten mir gut.
Ich beschloss hier zu bleiben, vielleicht etwas zu dösen und erst gegen 16 Uhr weiterzufahren. Einen Augenblick lang begann ich zu zweifeln, ob ich mich nicht auf dem besten Wege zum Wahnsinn befand. Was hatte nur dieses Chaos ausgelöst? Ich empfand es so real, daß es realer nicht mehr ging. Konnte es trotzdem sein, daß ich mir alles einbildete? Ich dachte daran, den Gedankengang zu überprüfen, ob sich die ganze Angelegenheit nur in meinem Kopf abspielte. Ich hörte Rudolf wieder sagen: „Paß auf jetzt!"
Die Spiegel waren wieder da und signalisierten den Text von vorhin. Ich fragte den Wirt, ob er Englisch verstünde, doch dieser schüttelte den Kopf. Er deutete auf einen Jungen, der hier bediente. Ich wartete, bis er mit einem leeren Tablett hereintrat, hockte mich vor ihn auf den Boden und zeigte auf meine Augen: „Do you speak Englisch?" Als er bejahte, schrieben die Spiegel: „Malaga, Malaga!" Ich fragte wieder: „And what can you read in my eyes now?" Ohne zu zögern, antwortete der Junge und lachte dabei: „Queer!" Ich bedankte mich und verzog den Mund zu einem bösen Grinsen. „Queer" bedeutet „irre" und im Slang auch „schwul". „Malaga" mußte zumindest etwas Ähnliches bedeuten. Also doch! Es stimmte! Die Spiegel waren wieder in Aktion. Das war der Beweis. Konnte man sich so etwas einbilden? Konnte er es sich einbilden? Dies war die verrückteste Realität, mit der ich je konfrontiert wurde. Allerdings war es für die Leute, die in diesen Spiegeln lesen konnten, auch keine Alltäglichkeit. Warum reagierten sie so seltsam gleichgültig, als ob jeder mit diesen Dingern herumliefe? Rudolf konnte mir einfach alle erdenklichen Gemeinheiten aufsetzen, und ich konnte nichts dagegen tun!
Ich ging wieder nach draußen, nippte an meinem Mineralwasser und überlegte mir, wie das alles technisch machbar sein konnte. Mir fiel keine plausible Erklärung ein, aber das musste nichts heißen. Die Technik konnte weiter sein als meine Vorstellungskraft. Vielleicht handelte es sich hier um eine Insiderentwicklung, mit der die Allgemeinheit nicht konfrontiert wurde, und das aus gutem Grund.
Um 16.00 Uhr reiste ich weiter. Ich nahm Kontakt auf mit Wolfgang und fragte ihn, weshalb Rudolf mich ständig diffamierte. „lch kann es dir nicht sagen, Rolf. Ich werde versuchen, ihn zu beeinflussen, das künftig zu unterlassen." Die Verbindung mit Wolfgang wurde immer schlechter. Möglicherweise war das aber nur auf die größer werdende Entfernung zwischen Paros und meinem Standpunkt zurückzuführen. Vielleicht ließ auch die Wirkung der Droge nach. Ich fühlte mich mit meinen Gedanken sterbensallein!
Es ging erneut bergauf. Diesmal hatte ich den Eindruck, durch eine Mondlandschaft zu fahren, da es keinen Baum und keinen Strauch gab. Nichts schien sich zu regen. Eine tote Gegend - passend zu meinem Gemütszustand und dem, was mir bevorstand. Eine gute Gegend, um zu sterben! Ich hatte die Vorstellung, mutterseelenallein durch diese karge Region zu kurven, ohne jemals jemandem zu begegnen, ohne irgendwann an ein Ziel zu gelangen. Der Gedanke jagte mir solche Schauer über den Rücken, daß mich Panik erfaßte. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr kontrollieren. Sie hatten sich selbständig gemacht, und ich war dem hilflos ausgeliefert.
Eine Idee setzte sich durch. Ich wollte meine Reaktionen überprüfen, ob überhaupt noch irgendetwas funktionierte. Beispielsweise anhalten, dann aussteigen und wieder weiterfahren. Ich stoppte an einem breiteren Randstreifen. Meine Hände, die sich um das Lenkrad gekrallt hatten, waren feucht. Ich stieg aus und atmete erleichtert auf, als meine Füße den Boden berührten. Eine Weile marschierte ich auf und ab, versuchte soviel Sauerstoff wie nur möglich zu tanken und mich zu entspannen. Ich stieg wieder ein, startete und machte mich auf den Weg. Auf welchen Weg?
Nach einiger Zeit produzierten meine Spiegel einen neuen Text: „He did not want to die, so he has to live forever." Ewiges Leben? Das was viele Menschen ersehnten und als wünschenswert erachteten, bereitete mir jetzt unsagbare Angst. Seltsame Bilder entstanden in meinem Kopf. Ich sah mich als alten Mann, vor einer Holzhütte sitzend, einsam und gemieden, ausgegrenzt von allen Menschen, gezeichnet bis zum Sanktnimmerleinstag durch meine Augenschrift. Ich aktivierte schnell meine Logik und zerrte mich in die Gegenwart zurück. Münchhausen im Sumpf ... Wollte ich nicht verrückt werden, mußte ich die anderen für verrückt erklären und die Vorstellung pflegen, daß ich ein Opfer von perfider Technik und Drogeneinwirkung war. Damit war dann meine Geistesverfassung aus dem Schneider. Ich wollte jetzt wieder mit den anderen reden und Zugeständnisse erkämpfen, die mir halfen. Ich fing einfach an zu reden und hörte nicht mehr auf. Ich erzählte von meinen Erkenntnissen, von meinem Leben, meinen Vorsätzen und Bemühungen. Ich versuchte, die anderen in meine Lage zu versetzen, um auf diese Weise Verständnis und Mitgefühl zu erwecken. Es schien mir endlich auch zu gelingen. Nur Rudolf sperrte sich noch, wollte nicht lockerlassen. Aber dann hatte ich auch ihn überzeugt. Es gab wahrhaftig andere, schönere Spiele, die noch dazu produktiver waren, als dieses Katz-und-Maus-Spiel mit mir.
Donnerstag, 8. Februar 2007
Killertrip Teil 5
Nachdenklich fuhr ich in die Dämmerung hinein. Mein Zeitgefühl war verschwunden. Ich mußte kurz vor Lania sein. Weiter als bis dorthin wollte ich heute nicht mehr. Ich brauchte einen geeigneten Schlafplatz, um mich von den Strapazen zu erholen. Vielleicht klappte es auch, endlich etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Mein Mund war völlig ausgedörrt. Auch eine Dusche war nötig - aber so anspruchsvoll wollte ich gar nicht sein. Was war mit diesen Spiegeln? Waren sie abgestellt? Ich wurde unsicher. Trotzdem, ich mußte den Versuch unternehmen, da ich dringend Stärkung benötigte. Bei der Gelegenheit würde ich schon feststellen, ob man mich tatsächlich freigegeben hatte.
Es mochte so gegen 23.00 Uhr sein, als ich vor mir einen großzügigen Rastplatz entdeckte, auf dem eine stattliche Anzahl Autos parkte. Sirtaki-Musik klang vom Restaurant herüber. Ich blieb stehen und schlug die Wagentür zu. Durch die Glasfront konnte ich erkennen, daß vereinzelt noch Leute an den Tischen saßen, eine Touristengruppe laut lachte und Metaxa genoß. Kaum hatte ich den Raum betreten, stellte ich fest, daß die verhaßten Spiegel wieder in Aktion traten: „Malaga, Malaga, ... Paragalo." Mit diesen Worten wußte ich nichts anzufangen, doch die Griechen schienen sehr belustigt. Sie ließen den Blick nicht von mir und lachten jedesmal, wenn dieselben Worte wiederholt wurden.
Mein bestelltes Bier kam, und ich stürzte es hinunter wie jemand, der nach einer Wüstentour die Oase erreicht hat, ganz wie in der üblichen Bierreklame. Dazu aß ich mit großem Appetit zwei Schinkenbrötchen. Ein Grieche meinte: ,,lt is really a nice joke!" Ich verstand es nicht und kam mir lächerlich vor. War das etwas Frivoles? Jetzt verhöhnten und verspotteten die mich auch noch! Ich fühlte mich wieder hilflos.
Wolfgang schaltete sich wieder ein: ,,Rudolf, hör auf mit dem Blödsinn!" worauf Rudolf meinte: ,,So leicht soll er mir nicht davonkommen!" Ich registrierte, wie neue Worte auftauchten und wieder wechselten. Ich las: ,,He thinks he gets another chance. But tomorrow he will be dead. We let him go but not for long. He will never come through." Es hörte nicht auf. Ich vermied es, in Richtung Leute zu sehen, und schloß so gut als möglich die Augenlider. Es war also doch nicht zu Ende? Wenigstens war ich nun satt. Ich ließ entnervt die entsprechenden Drachenmengen auf dem Tisch liegen und ging. Ich spürte, daß meine Spiegel in der Dunkelheit besonders gut zu erkennen waren.
Jetzt hörte ich die Stimmen von Touristen: ,,Was ist denn mit dem los, ist das ein Scherz?" ,,Nein, der hat auf dem Killertrip versagt. Sie werden ihn umbringen." Eine Frau war entsetzt: ,,Ach, der arme Kerl, - das sollten Sie aber schnell tun und ihn nicht so lange quälen!" Dieses Mitleidsgefasel wollte ich nicht länger ertragen, ließ den Motor an und zog ab. Scheinbar ließ man mich jetzt in Ruhe. Inzwischen war es Nacht geworden, der Mond fast rund und die Sterne deutlich zu sehen. Des Himmels nicht sehr kundig, konnte ich nur den großen Wagen erkennen. So auf der Piste zu sein, gab mir das Gefühl, daß ich wenigstens etwas tun konnte, indem ich mich bewegte.
Aber vielleicht dachte das auch der Fisch, über dem der Krake seine Fangarme ausbreitete.!
Ich spürte, daß sich bei meinen Augen etwas rührte, und zwinkerte. Die Texte erschienen wieder. Dasselbe wie im Lokal.
Es wurde Zeit, Benzin nachzufüllen, und so fuhr ich auf die gegenüberliegende Straßenseite, als ich dort eine Tankstelle ausmachte, die geöffnet war. An der Kasse saß ein alter Mann. Der Bedienstete schraubte den Deckel auf und löste die Sperre des Zapfhahns. Das Benzin blubberte beim Einlaufen. Als der junge Mann in meine Augen sah, wandte er sich sofort irritiert ab. Der Zähler zeigte 2000 Drachmen an. Während ich aus der Brusttasche mein Geld hervorkramte und gerade zählte, wechselten meine Spiegel. „Take the double", stand jetzt zu lesen. Prompt sagte der Junge: „Four thousand." Ich protestierte und deutete auf die Tankuhr. Er drehte sich um, lief zum Älteren hin, und sie debattierten, wobei sie heftig herumgestikulierten. Als er wiederkam, nickte er: „Okay, - two thousand." Ich hörte Rudolf höhnisch auflachen.
Es trieb mich fort von den Menschen. Ich wollte schlafen. Einen Ort würde ich heute nicht mehr betreten. Jetzt entdeckte ich am Straßenrand eine größere Lagerhalle mit einem Parkplatz davor, auf welchem Baumaschinen und ein Lastwagen abgestellt waren. Es schien friedlich. Rudolf schaltete sich ein und gluckste: ,,Das ist ein guter Platz! Ruhig und abgelegen, -da kann ich ihn ungestört niedermachen!" „Laß ihn jetzt!" Das war Wolfgangs Stimme, die immer wieder auf meiner Seite schien. „Warum denn? Das ist doch eine humane Lösung! Ich erschieße ihn im Schlaf, und er merkt nichts davon." Ich war wirklich zu müde, um zu protestieren oder mich aufzuregen. Sollte er doch kommen! Ich verriegelte alle Türen von innen, nahm das Messer in die rechte Hand und kroch umständlich in meinen Schlafsack.
Als ich im Morgengrauen erwachte, hatte ich fast traumlos geschlafen und fühlte mich erfrischt. Ich lebte also noch! Dieser Tatbestand ließ mich seltsam ruhig. Hätte er mich im Schlaf erschossen, wäre jetzt alles vorbei gewesen. Ich wollte gleich in den nächsten Ort fahren, um zu frühstücken. Was wohl die anderen inzwischen taten? Eine neue Chance im nächsten Jahr hatten sie mir geben wollen - auch wenn ich das Rudolf nicht abnahm. Der einzige, dem ich noch vertraute, war Wolfgang. Vielleicht blieb er auf meiner Seite.
Anhand des Autoatlanten plante ich die heutige Route. Ich wollte nach Igoumenitsa aufbrechen. Diese Strecke konnte ich bis zum Abend bewältigen und von dort aus mit der Fähre nach Italien übersetzen.
Bis auf Schluckbeschwerden ging es mir relativ gut. Ich hatte mir wohl eine Erkältung geholt und streckte meine verspannten Glieder, dann ließ ich den Motor an und steuerte auf den nahen Ort zu. Problemlos konnte ich parken. Es war noch nicht viel los. Vereinzelt und gemächlich liefen die Menschen durch die Gassen. Es war 6.00 Uhr.
An einem hübsch angelegten größeren Platz, den bunte Beete zierten, fand ich ein Cafe, das schon geöffnet war. Der Raum machte einen sauberen Eindruck, war aber spärlich eingerichtet. Ein älterer Mann schien außer mir der einzige Gast zu sein. Er schlürfte seinen Kaffee vorsichtig aus einem dampfenden Glas. Ich ging zur Theke und bestellte Tee und Gebäck. Der Wirt sah mich mitleidig an, als er mir das Gewünschte servierte, und wollte gleich darauf kassieren. Mir war schon klar warum, denn meine Spiegel sagten: „He thinks, he is good, but he was always bad. Give him to eat, tomorrow he will be dead."
Ich mußte mich setzen. Tiefe Niedergeschlagenheit überkam mich, und um irgendetwas zu tun, rief ich nach Wolfgang: „Bist du da, Wolfgang?" „Ja." „Bist du allein?" „Ja, ich bin der erste heute Morgen." „ lch bekomme keine neue Chance?" „Nein, Rudolf stellt sich quer. Er hat dich gestern nur hingehalten. Ich kann nichts machen. Er ist der letzte Jäger und entscheidet deshalb selbst darüber." „Ich wollte mir eine Zeitung kaufen, um zu sehen, ob sie etwas über mich geschrieben haben", sagte ich kleinlaut. Wolfgang wehrte ab. „Das brauchst du nicht. Es steht nichts mehr drin. Du bist fertig. Niemand will mehr etwas von dir. Es ist aus, - so leid es mir tut. Aus und vorbei. Finde dich damit ab, Rolf!" Ich schrie fast: „Dann bleibt mir nur noch Kampf oder Selbstmord?" Wolfgang blieb leise: Es wird keinen Kampf mehr geben. Du bist erledigt. So oder so!" Darauf tiefes Schweigen in der Leitung. Seine Worte taten ihre Wirkung. Ich sackte in mich zusammen und fühlte mich hundeelend. Lange Zeit saß ich so da, regungslos und in miserable Gedanken versunken. Es war wirklich aussichtslos. Man hatte mich aufgegeben, und ich sollte das auch tun. Trotzdem wollte ich meine Nase in eine Zeitung stecken und die „News" lesen. Ich verließ das Cafe und ging mit hängenden Schultern durch die Straßen. Mir kam es so vor, als würden sich alle diese kleinen Ortschaften fast aufs Haar gleichen. Ich nahm mir Zeit, um mich zu sammeln. An einer Kreuzung stieß ich auf einen Kiosk, suchte eine englische Tageszeitung, fand aber nur eine griechische, die englisch übersetzt war. Über mich war tatsächlich nichts zu finden.
Es war mittlerweile Vormittag. Die Straßen belebten sich. Irgendwie hatte ich die Orientierung verloren und mich verfranst. Ich konnte mein Auto nicht mehr finden. Fast wollte ich ungeduldig werden. Meine Nerven begannen, mit mir durchzugehen. Plötzlich stand ich wie zufällig an der richtigen Straßenecke. Ich setzte mich in meinen Wagen, studierte noch einmal die Landkarte und beschloß, den Plan von heute morgen durch zuführen. Von Igoumenitsa bis Brindisi brauchte die Fähre 9 Stunden. Für Rudolf konnte es schwierig werden, mich tagsüber zu erledigen. Ein weiterer Vorteil war, daß ich so noch eine Nacht schlafen konnte, um mich ausgeruht auf das Schiff zu begeben.
Ich war zermürbt, unglücklich, fühlte mich hoffnungslos, krank, schizophren, ausgelaugt. Ich sah miserabel aus, unrasiert, verschwitzt, zerzaust. Der Dreitagebart verlieh mir ein verwegenes Aussehen, und die Augen lagen tief in den Höhlen. Ich war demoralisiert. Meine Stimmung wurde immer schlechter. Mir fehlte der Antrieb. Ich fühlte mich, als ob meine Batterie zu verlöschen begann. Mein Gehirn rotierte: Vielleicht sollte ich alles ganz anders anfangen und mich ein paar Tage ans Meer setzen, um mich langsam auf den Tod vorzubereiten, dachte ich. Das war auf jeden Fall besser, als auf den Schlächter zu warten ... Mich an den Gedanken gewöhnen und ertrinken. Konnte ja sein, daß es ganz leicht ging ... Ich driftete ab!
Dann überlegte ich etwas anderes: Ich wollte noch einmal mit meiner Mutter sprechen und mich wenigstens von ihr verabschieden. Da meldete sich Wolfgang: ,,lch rate dir davon ab. Sie ist schon informiert worden und lehnt es ab, mit dir zu reden, nach allem, was geschehen ist. Sie wünscht deinen Tod!" In dem Moment war ich der einsamste Mensch der Welt. Es war ein Dolchstoß durchs Herz, und mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich bat Wolfgang: „Kannst du nicht wenigstens Kontakt mit mir halten? Laß du mich bitte nicht allein, - bitte!" flehte ich zitternd. Meine Spiegel zeigten folgende Worte: „He is sentenced to death," und „He will pick up a kid and cut his throat." Ich war wie gelähmt. Sollte ich jetzt auch zum Mörder werden? Lieber wollte ich mir selbst das Messer in die Kehle stoßen! Mein Verstand fing an sich zu weigern, noch eine Minute länger über diese Sätze nachzudenken.
Ich fuhr weiter, holte tief Luft und versuchte mich zu beherrschen. Die Gegend wurde immer karger und gebirgiger. Die Sonne hatte die Landschaft verbrannt. Nur vereinzelt war noch etwas Grün zu sehen. Die Farben dieser Region wirkten etwas trist. Nur grau und braun! Das paßte zu meinem seelischen Zustand. Serpentinen führten bergauf, und ich mußte aufpassen und konzentriert bleiben. Es war schrecklich heiß.
Ich hatte das Schiebedach geöffnet, um mir Kühlung zu verschaffen. Zwischendurch kontaktierte ich nun wieder Wolfgang, der mir riet, den Zeitpunkt meines Ablebens selbst zu bestimmen. Makaber! Er riet mir in christlicher Nächstenliebe, daß ich nur den nächsten Abhang hinunterrollen sollte, mit geschlossenen Augen und ... Ich malte es mir aus. Steile Abhänge würde ich genügend zur Auswahl haben. Wie lange würde es dauern, bis mich der Aufprall dahinraffte? War es schmerzhaft? Oder würde ich nichts mehr spüren? Wolfgang trieb mich an: ,,Bring es hinter dich! Dann hast du endlich Ruhe! Es hat doch keinen Sinn mehr, sich zu wehren. Das weißt du!" Jetzt wurde ich bockig. „Ich muß mich erst an den Gedanken gewöhnen, und dazu brauche ich etwas Zeit, - vielleicht eine Stunde?" „Worauf willst du denn warten? Es hilft dir nichts! Mach ein Ende!"
Da meldete sich Rudolf wieder: „Ich hab's gewußt. Er ist ein feiges Schwein! Es wäre die Lösung für uns alle, wenn er es jetzt täte. Es würde wie ein ganz normaler Autounfall aussehen und niemand hätte Scherereien. Ruhe sanft!" Wolfgang meinte nun, ich hätte es gehört und wäre aus allem raus, wenn ich mich endlich dazu entschließen könnte, das Zeitliche zu segnen. „Laßt mir noch etwas Zeit!" bat ich fast ungehalten und konnte mich, aufs äußerste erregt, nicht zu dem entsetzlichen letzten Schritt durchringen. Ich war nie der Typ gewesen, der in problematischen Situationen an Selbstmord denkt. Immer wieder spulte sich vor meinem geistigen Auge der Unfall ab, wie der Wagen den Abgang hinunterrollen würde, zwischendurch auf dem Felsen aufschlug und dann ganz unten zerschellte –wo möglich noch in Flammen aufging, und ich mittendrin! Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, daß ich ganz automatisch schaltete und der Golf wie von selbst fuhr.
Jetzt wurde die Gegend ebener, und es waren wieder vereinzelt Häuser zu sehen. Meine Spiegel veränderten sich wieder, und ein weiterer entsetzlicher Satz erschien. Das bestärkte mich in dem Vorsatz, keinesfalls jemanden mitzunehmen. Ich gab Gas, als ich nach einer Kurve einen jungen Mann im Alter um die 25 Jahre ohne Gepäck am Straßenrand stehen sah, der den Daumen hochhielt. Die Texte wurden immer schlimmer, und ich rief Wolfgang: „Es steigert sich, oder?" Wolfgang klärte mich dahingehend auf, daß man meinen Widerstand gegen den Tod brechen wolle und ich ihn herbeisehnen sollte. Es ginge zu langsam!
Ich blieb auf der Straße und richtete meinen Blick starr geradeaus. Es kam nur immer wieder stereotyp: „Ich brauche Zeit!" Die Spiegel waren wieder in Aktion und blendeten weitere Scheußlichkeiten ein. Im selben Augenblick, in dem ich das las, erblickte ich im Rückspiegel einen VW-Bus mit ausländischen Kennzeichen, in dem vier Männer saßen. Sie überholten mich. Es war ein britischer Wagen, dessen Insassen sich angeregt zu unterhalten schienen. Sie lachten, als sie an mir vorüber fuhren. „Wenn sie jetzt halten, dann ist es aus ..." Mir stockte der Atem, und der Adrenalinspiegel stieg. Wolfgang schrie plötzlich auf: „Mensch, fahr den Hang hinunter, bevor es zu spät ist!"
Es mochte so gegen 23.00 Uhr sein, als ich vor mir einen großzügigen Rastplatz entdeckte, auf dem eine stattliche Anzahl Autos parkte. Sirtaki-Musik klang vom Restaurant herüber. Ich blieb stehen und schlug die Wagentür zu. Durch die Glasfront konnte ich erkennen, daß vereinzelt noch Leute an den Tischen saßen, eine Touristengruppe laut lachte und Metaxa genoß. Kaum hatte ich den Raum betreten, stellte ich fest, daß die verhaßten Spiegel wieder in Aktion traten: „Malaga, Malaga, ... Paragalo." Mit diesen Worten wußte ich nichts anzufangen, doch die Griechen schienen sehr belustigt. Sie ließen den Blick nicht von mir und lachten jedesmal, wenn dieselben Worte wiederholt wurden.
Mein bestelltes Bier kam, und ich stürzte es hinunter wie jemand, der nach einer Wüstentour die Oase erreicht hat, ganz wie in der üblichen Bierreklame. Dazu aß ich mit großem Appetit zwei Schinkenbrötchen. Ein Grieche meinte: ,,lt is really a nice joke!" Ich verstand es nicht und kam mir lächerlich vor. War das etwas Frivoles? Jetzt verhöhnten und verspotteten die mich auch noch! Ich fühlte mich wieder hilflos.
Wolfgang schaltete sich wieder ein: ,,Rudolf, hör auf mit dem Blödsinn!" worauf Rudolf meinte: ,,So leicht soll er mir nicht davonkommen!" Ich registrierte, wie neue Worte auftauchten und wieder wechselten. Ich las: ,,He thinks he gets another chance. But tomorrow he will be dead. We let him go but not for long. He will never come through." Es hörte nicht auf. Ich vermied es, in Richtung Leute zu sehen, und schloß so gut als möglich die Augenlider. Es war also doch nicht zu Ende? Wenigstens war ich nun satt. Ich ließ entnervt die entsprechenden Drachenmengen auf dem Tisch liegen und ging. Ich spürte, daß meine Spiegel in der Dunkelheit besonders gut zu erkennen waren.
Jetzt hörte ich die Stimmen von Touristen: ,,Was ist denn mit dem los, ist das ein Scherz?" ,,Nein, der hat auf dem Killertrip versagt. Sie werden ihn umbringen." Eine Frau war entsetzt: ,,Ach, der arme Kerl, - das sollten Sie aber schnell tun und ihn nicht so lange quälen!" Dieses Mitleidsgefasel wollte ich nicht länger ertragen, ließ den Motor an und zog ab. Scheinbar ließ man mich jetzt in Ruhe. Inzwischen war es Nacht geworden, der Mond fast rund und die Sterne deutlich zu sehen. Des Himmels nicht sehr kundig, konnte ich nur den großen Wagen erkennen. So auf der Piste zu sein, gab mir das Gefühl, daß ich wenigstens etwas tun konnte, indem ich mich bewegte.
Aber vielleicht dachte das auch der Fisch, über dem der Krake seine Fangarme ausbreitete.!
Ich spürte, daß sich bei meinen Augen etwas rührte, und zwinkerte. Die Texte erschienen wieder. Dasselbe wie im Lokal.
Es wurde Zeit, Benzin nachzufüllen, und so fuhr ich auf die gegenüberliegende Straßenseite, als ich dort eine Tankstelle ausmachte, die geöffnet war. An der Kasse saß ein alter Mann. Der Bedienstete schraubte den Deckel auf und löste die Sperre des Zapfhahns. Das Benzin blubberte beim Einlaufen. Als der junge Mann in meine Augen sah, wandte er sich sofort irritiert ab. Der Zähler zeigte 2000 Drachmen an. Während ich aus der Brusttasche mein Geld hervorkramte und gerade zählte, wechselten meine Spiegel. „Take the double", stand jetzt zu lesen. Prompt sagte der Junge: „Four thousand." Ich protestierte und deutete auf die Tankuhr. Er drehte sich um, lief zum Älteren hin, und sie debattierten, wobei sie heftig herumgestikulierten. Als er wiederkam, nickte er: „Okay, - two thousand." Ich hörte Rudolf höhnisch auflachen.
Es trieb mich fort von den Menschen. Ich wollte schlafen. Einen Ort würde ich heute nicht mehr betreten. Jetzt entdeckte ich am Straßenrand eine größere Lagerhalle mit einem Parkplatz davor, auf welchem Baumaschinen und ein Lastwagen abgestellt waren. Es schien friedlich. Rudolf schaltete sich ein und gluckste: ,,Das ist ein guter Platz! Ruhig und abgelegen, -da kann ich ihn ungestört niedermachen!" „Laß ihn jetzt!" Das war Wolfgangs Stimme, die immer wieder auf meiner Seite schien. „Warum denn? Das ist doch eine humane Lösung! Ich erschieße ihn im Schlaf, und er merkt nichts davon." Ich war wirklich zu müde, um zu protestieren oder mich aufzuregen. Sollte er doch kommen! Ich verriegelte alle Türen von innen, nahm das Messer in die rechte Hand und kroch umständlich in meinen Schlafsack.
Als ich im Morgengrauen erwachte, hatte ich fast traumlos geschlafen und fühlte mich erfrischt. Ich lebte also noch! Dieser Tatbestand ließ mich seltsam ruhig. Hätte er mich im Schlaf erschossen, wäre jetzt alles vorbei gewesen. Ich wollte gleich in den nächsten Ort fahren, um zu frühstücken. Was wohl die anderen inzwischen taten? Eine neue Chance im nächsten Jahr hatten sie mir geben wollen - auch wenn ich das Rudolf nicht abnahm. Der einzige, dem ich noch vertraute, war Wolfgang. Vielleicht blieb er auf meiner Seite.
Anhand des Autoatlanten plante ich die heutige Route. Ich wollte nach Igoumenitsa aufbrechen. Diese Strecke konnte ich bis zum Abend bewältigen und von dort aus mit der Fähre nach Italien übersetzen.
Bis auf Schluckbeschwerden ging es mir relativ gut. Ich hatte mir wohl eine Erkältung geholt und streckte meine verspannten Glieder, dann ließ ich den Motor an und steuerte auf den nahen Ort zu. Problemlos konnte ich parken. Es war noch nicht viel los. Vereinzelt und gemächlich liefen die Menschen durch die Gassen. Es war 6.00 Uhr.
An einem hübsch angelegten größeren Platz, den bunte Beete zierten, fand ich ein Cafe, das schon geöffnet war. Der Raum machte einen sauberen Eindruck, war aber spärlich eingerichtet. Ein älterer Mann schien außer mir der einzige Gast zu sein. Er schlürfte seinen Kaffee vorsichtig aus einem dampfenden Glas. Ich ging zur Theke und bestellte Tee und Gebäck. Der Wirt sah mich mitleidig an, als er mir das Gewünschte servierte, und wollte gleich darauf kassieren. Mir war schon klar warum, denn meine Spiegel sagten: „He thinks, he is good, but he was always bad. Give him to eat, tomorrow he will be dead."
Ich mußte mich setzen. Tiefe Niedergeschlagenheit überkam mich, und um irgendetwas zu tun, rief ich nach Wolfgang: „Bist du da, Wolfgang?" „Ja." „Bist du allein?" „Ja, ich bin der erste heute Morgen." „ lch bekomme keine neue Chance?" „Nein, Rudolf stellt sich quer. Er hat dich gestern nur hingehalten. Ich kann nichts machen. Er ist der letzte Jäger und entscheidet deshalb selbst darüber." „Ich wollte mir eine Zeitung kaufen, um zu sehen, ob sie etwas über mich geschrieben haben", sagte ich kleinlaut. Wolfgang wehrte ab. „Das brauchst du nicht. Es steht nichts mehr drin. Du bist fertig. Niemand will mehr etwas von dir. Es ist aus, - so leid es mir tut. Aus und vorbei. Finde dich damit ab, Rolf!" Ich schrie fast: „Dann bleibt mir nur noch Kampf oder Selbstmord?" Wolfgang blieb leise: Es wird keinen Kampf mehr geben. Du bist erledigt. So oder so!" Darauf tiefes Schweigen in der Leitung. Seine Worte taten ihre Wirkung. Ich sackte in mich zusammen und fühlte mich hundeelend. Lange Zeit saß ich so da, regungslos und in miserable Gedanken versunken. Es war wirklich aussichtslos. Man hatte mich aufgegeben, und ich sollte das auch tun. Trotzdem wollte ich meine Nase in eine Zeitung stecken und die „News" lesen. Ich verließ das Cafe und ging mit hängenden Schultern durch die Straßen. Mir kam es so vor, als würden sich alle diese kleinen Ortschaften fast aufs Haar gleichen. Ich nahm mir Zeit, um mich zu sammeln. An einer Kreuzung stieß ich auf einen Kiosk, suchte eine englische Tageszeitung, fand aber nur eine griechische, die englisch übersetzt war. Über mich war tatsächlich nichts zu finden.
Es war mittlerweile Vormittag. Die Straßen belebten sich. Irgendwie hatte ich die Orientierung verloren und mich verfranst. Ich konnte mein Auto nicht mehr finden. Fast wollte ich ungeduldig werden. Meine Nerven begannen, mit mir durchzugehen. Plötzlich stand ich wie zufällig an der richtigen Straßenecke. Ich setzte mich in meinen Wagen, studierte noch einmal die Landkarte und beschloß, den Plan von heute morgen durch zuführen. Von Igoumenitsa bis Brindisi brauchte die Fähre 9 Stunden. Für Rudolf konnte es schwierig werden, mich tagsüber zu erledigen. Ein weiterer Vorteil war, daß ich so noch eine Nacht schlafen konnte, um mich ausgeruht auf das Schiff zu begeben.
Ich war zermürbt, unglücklich, fühlte mich hoffnungslos, krank, schizophren, ausgelaugt. Ich sah miserabel aus, unrasiert, verschwitzt, zerzaust. Der Dreitagebart verlieh mir ein verwegenes Aussehen, und die Augen lagen tief in den Höhlen. Ich war demoralisiert. Meine Stimmung wurde immer schlechter. Mir fehlte der Antrieb. Ich fühlte mich, als ob meine Batterie zu verlöschen begann. Mein Gehirn rotierte: Vielleicht sollte ich alles ganz anders anfangen und mich ein paar Tage ans Meer setzen, um mich langsam auf den Tod vorzubereiten, dachte ich. Das war auf jeden Fall besser, als auf den Schlächter zu warten ... Mich an den Gedanken gewöhnen und ertrinken. Konnte ja sein, daß es ganz leicht ging ... Ich driftete ab!
Dann überlegte ich etwas anderes: Ich wollte noch einmal mit meiner Mutter sprechen und mich wenigstens von ihr verabschieden. Da meldete sich Wolfgang: ,,lch rate dir davon ab. Sie ist schon informiert worden und lehnt es ab, mit dir zu reden, nach allem, was geschehen ist. Sie wünscht deinen Tod!" In dem Moment war ich der einsamste Mensch der Welt. Es war ein Dolchstoß durchs Herz, und mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich bat Wolfgang: „Kannst du nicht wenigstens Kontakt mit mir halten? Laß du mich bitte nicht allein, - bitte!" flehte ich zitternd. Meine Spiegel zeigten folgende Worte: „He is sentenced to death," und „He will pick up a kid and cut his throat." Ich war wie gelähmt. Sollte ich jetzt auch zum Mörder werden? Lieber wollte ich mir selbst das Messer in die Kehle stoßen! Mein Verstand fing an sich zu weigern, noch eine Minute länger über diese Sätze nachzudenken.
Ich fuhr weiter, holte tief Luft und versuchte mich zu beherrschen. Die Gegend wurde immer karger und gebirgiger. Die Sonne hatte die Landschaft verbrannt. Nur vereinzelt war noch etwas Grün zu sehen. Die Farben dieser Region wirkten etwas trist. Nur grau und braun! Das paßte zu meinem seelischen Zustand. Serpentinen führten bergauf, und ich mußte aufpassen und konzentriert bleiben. Es war schrecklich heiß.
Ich hatte das Schiebedach geöffnet, um mir Kühlung zu verschaffen. Zwischendurch kontaktierte ich nun wieder Wolfgang, der mir riet, den Zeitpunkt meines Ablebens selbst zu bestimmen. Makaber! Er riet mir in christlicher Nächstenliebe, daß ich nur den nächsten Abhang hinunterrollen sollte, mit geschlossenen Augen und ... Ich malte es mir aus. Steile Abhänge würde ich genügend zur Auswahl haben. Wie lange würde es dauern, bis mich der Aufprall dahinraffte? War es schmerzhaft? Oder würde ich nichts mehr spüren? Wolfgang trieb mich an: ,,Bring es hinter dich! Dann hast du endlich Ruhe! Es hat doch keinen Sinn mehr, sich zu wehren. Das weißt du!" Jetzt wurde ich bockig. „Ich muß mich erst an den Gedanken gewöhnen, und dazu brauche ich etwas Zeit, - vielleicht eine Stunde?" „Worauf willst du denn warten? Es hilft dir nichts! Mach ein Ende!"
Da meldete sich Rudolf wieder: „Ich hab's gewußt. Er ist ein feiges Schwein! Es wäre die Lösung für uns alle, wenn er es jetzt täte. Es würde wie ein ganz normaler Autounfall aussehen und niemand hätte Scherereien. Ruhe sanft!" Wolfgang meinte nun, ich hätte es gehört und wäre aus allem raus, wenn ich mich endlich dazu entschließen könnte, das Zeitliche zu segnen. „Laßt mir noch etwas Zeit!" bat ich fast ungehalten und konnte mich, aufs äußerste erregt, nicht zu dem entsetzlichen letzten Schritt durchringen. Ich war nie der Typ gewesen, der in problematischen Situationen an Selbstmord denkt. Immer wieder spulte sich vor meinem geistigen Auge der Unfall ab, wie der Wagen den Abgang hinunterrollen würde, zwischendurch auf dem Felsen aufschlug und dann ganz unten zerschellte –wo möglich noch in Flammen aufging, und ich mittendrin! Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, daß ich ganz automatisch schaltete und der Golf wie von selbst fuhr.
Jetzt wurde die Gegend ebener, und es waren wieder vereinzelt Häuser zu sehen. Meine Spiegel veränderten sich wieder, und ein weiterer entsetzlicher Satz erschien. Das bestärkte mich in dem Vorsatz, keinesfalls jemanden mitzunehmen. Ich gab Gas, als ich nach einer Kurve einen jungen Mann im Alter um die 25 Jahre ohne Gepäck am Straßenrand stehen sah, der den Daumen hochhielt. Die Texte wurden immer schlimmer, und ich rief Wolfgang: „Es steigert sich, oder?" Wolfgang klärte mich dahingehend auf, daß man meinen Widerstand gegen den Tod brechen wolle und ich ihn herbeisehnen sollte. Es ginge zu langsam!
Ich blieb auf der Straße und richtete meinen Blick starr geradeaus. Es kam nur immer wieder stereotyp: „Ich brauche Zeit!" Die Spiegel waren wieder in Aktion und blendeten weitere Scheußlichkeiten ein. Im selben Augenblick, in dem ich das las, erblickte ich im Rückspiegel einen VW-Bus mit ausländischen Kennzeichen, in dem vier Männer saßen. Sie überholten mich. Es war ein britischer Wagen, dessen Insassen sich angeregt zu unterhalten schienen. Sie lachten, als sie an mir vorüber fuhren. „Wenn sie jetzt halten, dann ist es aus ..." Mir stockte der Atem, und der Adrenalinspiegel stieg. Wolfgang schrie plötzlich auf: „Mensch, fahr den Hang hinunter, bevor es zu spät ist!"
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