Was ging hier nur vor? Mein Kopf war krank vom vielen Hin-und-Herwälzen meiner Gedanken. In meiner Vorstellung leuchteten hologrammartige blau phosphoreszierende Buchstaben auf. Gab es am Ende einen Spiegel, der alle meine Gedanken und die jeweilig dazu passende Verfassung reflektierte? Blödsinn! Irrwitz! Ich besann mich jetzt wie immer auf die wichtigen, für das Überleben notwendigen Schritte. Theorien halfen nicht weiter. Ich brauchte Gewißheit! Womit und weshalb peinigten sie mich? Schon ging das Nachdenken wieder los. Sie hielten meine grauen Zellen permanent auf Trab.
Rudolf schien die Jagd beendet zu haben. Er konnte über den Computer all meine Schritte verfolgen und mich abfangen, egal wohin ich auch flüchtete. Ich hatte keine Chance, und das deprimierte mich. Ich konnte die Aufgabe nicht mit Sportsgeist lösen. Es gab kein Entrinnen!
Ich wollte einschlafen und zuhause in meinem Bett aufwachen, um einen ganz normalen, berechenbaren Arbeitstag an-zutreten. Ich sehnte mich nach meiner vertrauten Umgebung. Wolfgang schien meine Gedanken wie immer zu kennen: „Er grübelt darüber nach, was das alles soll. Wir haben ihn einfach losgeschickt, ohne daß er davon wußte. Vielleicht sollten wir ihn doch ein bißchen aufklären?" „Wenn wir ihm vorher gesagt hätten, worum es geht, dann wäre er wohl kaum eingestiegen. Oder glaubst du vielleicht irgend jemand macht so was freiwillig?" „Das ist schon klar. Aber wenn er vorbereitet gewesen wäre, hätte er sich anders verhalten können. Du mußt zugeben, daß wir nicht ganz unschuldig sind!"
Mir riss der Geduldsfaden. „Verdammte Scheiße, - sagt mir endlich was hier gespielt wird!" Rudolf war derjenige, der mir antwortete: „Du bist einer der Menschen, die auf den Killertrip gehen müssen, bevor sie vierzig sind. Kommen sie durch, dürfen sie sogar heiraten. Kommen sie nicht durch, sterben sie! Ich wurde wütend und schrie: ,,Wenn ich es nicht schaffe, dann sterbe ich?" „Jawohl, dann stirbst du." Rudolfs Stimme klang eiskalt.
Erst jetzt registrierte ich bewußt, daß ich mich mit den anderen unterhalten konnte. Bisher hatte ich nur ihre Stimmen gehört. War es doch Telepathie? Wolfgang verneinte: ,,Er glaubt, wir verständigen uns mittels Telepathie. Was für ein Unsinn! Es sind ganz normale Sender und Empfänger. Schalter ein, Schalter aus. So einfach ist das!" Fieberhaft überlegte ich, wo hier Geräte zum Abhören und Senden installiert sein konnten. Waren sie womöglich in meinen Körper eingepflanzt worden? Ich erlaubte mir zu fragen, wie die Sache mit dem Spiegel vor meinen Augen funktionierte. „Die erzeugt der Computer. Nach vier Tagen, wenn die Droge nachläßt, sind sie fast nicht mehr wahrnehmbar. Wir können auch mit unserem Computer den Spiegel verändern. Ganz wie es uns beliebt." Ich wollte wissen, wo sie sich aufhielten, und bekam zur Antwort: „Zur Zeit in Naoussa in einer Wohnung. Hier stehen die Sendeanlage und unser Computer." Auf meine Frage, ob sie immer wüßten, wo ich mich aufhielte, wurde ich dahingehend aufgeklärt, daß man dies mit einer Karte im Computer feststellen könne. Diese technischen Möglichkeiten interessierten mich derart brennend, daß ich darüber fast meine missliche Lage vergaß.
Wolfgangs Stimme blendete sich wieder ein: „Jetzt hält er es für möglich, daß er mit sich selbst spricht. Mensch, Rudolf, laß ihn! Er ist völlig ahnungslos!" „Nein. Ich will ihn!" Ich biss mir auf die Lippen und fragte, was er denn davon hätte mich umzubringen, und bekam zur Antwort: „Nichts. Aber es steht nun mal in den Statuten, daß die Gescheiterten sterben müssen. Du bist gescheitert, also stirbst du!" Widerstand bäumte sich auf: „Ich laß mich doch von dir nicht so einfach abmurksen. Ich werde mich wehren. Mit einem Messer!" Wolfgang war sichtlich überrascht: ,,Er will wirklich kämpfen. Wir sollten ihm Gelegenheit dazu geben." Rudolf meinte herablassend: „Gut, wenn er siegt, darf er leben, - aber er darf nie Kinder haben."
Ich war viel zu müde, um mich mit Erfolg auf einen Kampf einzulassen, aber ich wollte ein Ende. Egal wie es aussah! Rudolf glaubte bei mir ein leichtes Zögern festzustellen: „Was ist nun? Kämpfst du oder nicht?" Mir blieb wohl nichts anderes übrig. Wo sollte es stattfinden? Ich fragte danach. „Dort wo du jetzt stehst. Du fährst von der Straße ab und wartest am Rand auf mich. In ein paar Stunden bin ich da." „Was geschieht mit dem, de rauf der Strecke bleibt?" wollte ich wissen. „Der bleibt liegen. Nichts passiert! Alles spielt sich doch auf einer anderen Ebene ab" Wolfgang wurde ungeduldig: „Rede nicht so viel! Er hat doch gesagt, daß er den Kampf will. Ich glaube, daß er gut ist. Ich kenne ihn. Er bewegt sich wie eine Katze."
Für Rudolf zögerte ich zu lange. Er wollte ein klares Ja oder Nein. Ich wollte überhaupt nicht, daß irgendein Mensch starb, selbst wenn es diese drei Bastarde waren. Wahrscheinlich hatte ich mit der natürlichen Schranke zu kämpfen, die sich in jedem Menschen regt, der vor einem Mord steht und den man als halbwegs normal bezeichnen kann. Mord war nicht mein Geschäft und von Selbstmord, hielt ich auch nichts. Meine Gegner mochten diese Überlegungen nicht.
„Er ist zu feige! Wenn er zum Messer greift, erschieße ich ihn. Wenn er jammert, schneide ich ihm die Kehle durch." Ich hatte wohl verloren. „Rudolf gave him a chance. But he did not want to fight with him. He is a bloody coward and has to die", signalisierten meine Spiegel. Wie immer erschien der Text in englischer Sprache.
Um etwas zu tun, fuhr ich los. Ab von der Hauptstraße und hinein in eine kleine Ortschaft. Das Vernünftigste war wohl, meine Kräfte zu mobilisieren, indem ich aß und trank. Ich bemerkte, daß meine Spiegel immer wieder den gleichen Text wiederholten. Als ich vor dem Restaurant anhielt, stieg ich aus und betrat es. Auf meine Frage, ob die Küche offen hätte, sagte der Mann hinter dem Tresen: ,,No" und eine Frau, die neben mir stand: „Not for you!"
Ich war hilflos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein neues Hindernis. Die Leute starrten mich an, und ich glaubte ihre Ablehnung greifen zu können. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ ich den Raum. Niedergeschlagen setzte ich mich in meinen Wagen und startete ziellos. Mit diesen Spiegeln gezeichnet mußte ich überall auf Hindernisse stoßen. Niemand würde mich bedienen und mir eine Malzeit bringen. Das war dann wohl das Ende! Einen Versuch wollte ich noch unternehmen.
„Hört ihr mich?" „Ja, Rolf. Wir hören dich." „Wolfgang, bist du allein?" „Ja. Die anderen sind weggegangen und einer muß immer am Computer sein." „Wo ist Rudolf?" „Ich weiß es nicht." „Wolfgang. Du wolltest mir doch schon mal helfen?" „Ja. Es ist alles schlecht gelaufen für dich. Du kannst nichts dafür."
Ich hakte nach: „Warum will Rudolf mich nicht laufen lassen?" „Ich weiß nicht. Ich glaube, er hasst dich" „Kannst du dich nicht für mich einsetzen?" Überraschend schaltete sich jetzt Rudolf ein: „Du feiger Hund! Ich habe alles mitgehört. Stirb wenigstens anständig und jammere nicht so erbärmlich. Glaub ja nicht, daß ich nachgebe. Ich erwische dich, und dann geht's dir an den Kragen!" Letzterer platzte mir jetzt: „Töten, jagen, Kehle durchschneiden! Ist das alles, was du kannst? Wieso bist du gegen mich? Was hab ich dir denn getan?" „Du bist ein elender Arsch. Ein Jammerlappen. Du verdienst es nicht zu atmen." „Wieso willst du mich quälen? Du könntest mir auch eine Kugel geben, das ginge schneller und sauberer." „Eine Kugel ist viel zu schade für dich. Ersaufen sollst du wie eine dreckige Ratte!" „Aber das ist doch alles Schwachsinn." Wolfgang schaltete sich wieder ein: „Jetzt laß ihn in Ruhe! Du siehst doch, daß er völlig fertig ist."
Es war etwa 20 Uhr. Die Sonne stand bereits tief. Die Dämmerung begann. Eine schöne Zeit, wenn niemand darauf scharf gewesen wäre, mich umzubringen. Sollte ich mich jetzt auf diesen lächerlichen Kampf einlassen und den Helden markieren? Wer war ich eigentlich? Sollten sie sich doch selbst die Köpfe einschlagen. Außerdem waren die Chancen verdammt ungleich verteilt. Ehe ich mein Messer ziehen konnte, hatte ich vermutlich eine Kugel im Bauch.
Ich steuerte auf eine Ortschaft zu, deren Lichter mir entgegenleuchteten. Es sah einigermaßen einladend aus. „Ihr könnt mir wenigstens andere Spiegel aufsetzen, damit ich etwas zu essen bekomme!" Rudolfs sagte höhnisch: „Das könnte dir so passen. Soll doch jeder sehen, was du für ein Schwächling bist." Wolfgang versuchte ihn zu beschwichtigen: „Ändere den Text, Rudolf! Das hat doch mit der Sache nichts zu tun!"
Ich parkte den Wagen und lief die Straße hinunter. Als ich auf ein paar Frauen traf, erkundigte ich mich nach einem Restaurant oder einer Imbiss Möglichkeit. Etwas ängstlich sah ich sie wohl an und wartete wieder auf die gewohnte ablehnende Reaktion. Sie waren zwar etwas befremdet, gaben mir dann aber bereitwillig Auskunft. Ein Mann ging vorbei, blieb neben mir stehen und bot sich sogar an, mich zu begleiten. Ich atmete auf. Diese erste Hilfsbereitschaft seit längerer Zeit tat mir wohl. Ein Hauch neuer Hoffnung keimte auf. Meine Spiegel schienen verändert. Vielleicht hatten diese Menschen aber auch nur Mitleid mit mir. Der Grieche ging voran und führte mich zu einer hell erleuchteten Kneipe. Das Neonlicht blendete mich. Der Laden war brechend voll. Lautes Gemurmel zeugte von guter Kommunikation. Ich setzte mich an die Bar und wartete.
Niemand schien mich zu beachten. Der Wirt hatte alle Hände voll zu tun, schrie den Gästen etwas zu und reichte volle Becher weiter. Plötzlich konnte ich die Texte vor meinen Augen wieder lesen. „Gib ihm zu essen! Es wird sein letztes Mahl sein. Morgen stirbt er."
Ich verließ fluchtartig das Restaurant, vergaß meinen Hunger und meinen Durst und rannte zum Auto. „Das halte ich nicht mehr aus. Laßt mich endlich laufen!" Ich hörte Rudolfs Stimme: „Wenn er einsteigt, schalte ich den Scheißkerl ab! Ich kann ihn nicht mehr hören" „Laßt mich noch eine Zigarette rauchen, dann ist es mir egal, was ihr mit mir macht!" Ich resignierte und gab auf. Wolfgang schien sich wieder für mich einzusetzen: „Laß ihn doch noch ein bißchen fahren, Rudolf! Es kommt doch jetzt nicht mehr darauf an."
Ich wurde nicht abgeschaltet und fuhr weiter. Ich überlegte, als würde das noch etwas nützen, wie ich mich befreien konnte. Wolfgang war auf meiner Seite. Ein kleiner Pluspunkt, wenn er diese Linie durchhielt. Ich wußte nicht, wie weit er den anderen selbst ausgeliefert war, wenn er nicht parierte. Vielleicht konnte ich Rudolf mit seiner Hilfe umstimmen. Mein Verstand eröffnete erneut ein zerrendes Debakel zwischen Kapitulation und Überlebenswillen, Sinn und Unsinn, Logik und Chaos. Ich murmelte: „Ihr seid verrückt. Hoffnungslos verrückt. Wie kann einem so was Spaß machen?"
Wieder meldete sich Wolfgang: „Ich höre immer nur etwas von Schwachsinn und verrückt. Er ist ja schon ganz verquer. Mensch, schalte den Fernschreiber ab, wenn die Presse Wind davon kriegt! Und so einen schicken wir auf den Killertrip." Er machte eine kleine Pause und sagte dann: „Laßt ihn laufen! Von mir aus soll er nächstes Jahr wieder eine Chance bekommen. Vielleicht hat er sich dann stabilisiert. Jetzt kann er nichts dafür. Schuld sind allein wir, weil wir die Sache angezettelt haben. Was denkt ihr, wie seiner Mutter zumute sein wird, wenn sie erfährt, daß ihr Sohn tot ist?"
Rudolf schwieg eine Weile und dann sagte dann endlich: „Okay, laßt ihn laufen!" Abrupt wurde der Kontakt abgebro-chen. Ich wagte nicht zu glauben, daß ich tatsächlich frei sein sollte. Aber nichts, weiter geschah, kein Wort wurde mehr
gewechselt. War das Spiel jetzt beendet? War das ein Computer-Horror-Trip, der gar nicht so brutal enden sollte, sondern lediglich meinen Sportsgeist anstacheln und meine Psyche auf Hochtouren bringen sollte?
Mittwoch, 31. Januar 2007
Mittwoch, 24. Januar 2007
Killertrip Teil 3
Die Luft dampfte. Piräus war ein heißes Pflaster - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühlte mich ausgelaugt, ja fast gleichgültig. Mir war egal, was aus mir wurde. Ich hatte den Eindruck, daß man mir Energie abzog, so als reagierte ich nur noch ferngesteuert. Wieder diese Stimmen, an die ich mich mittlerweile fast gewöhnt hatte, obwohl der Verstand Pause machte, wenn ich mir überlegte, weshalb ich sie überhaupt hörte. „Lass ihn links Reinfahren! Er muß von der Hauptstraße runter." ,,Was können wir tun? Rolf ist fix und fertig." Seine Stimme klang fast besorgt, wenn ich es nicht besser gewußt hätte. „Lass ihn ein wenig laufen!"
Ich parkte meinen Wagen und stolperte zum Markt. Hier waren Stände aufgebaut, die alle nur möglichen Waren zum Verkauf feilboten. Beeindruckende handwerkliche Gegenstände, wie Schmuck, Stickereien, Schnitzereien. Es gab vielerlei Sorten von Obst und Gemüse. Daneben Spielzeug, Töpferwaren, wie Krüge und bemalte Teller, Souvenirs und Schwämme. Es war einiges geboten. Die Leute schlenderten geruhsam durch die entstandenen Gassen, feilschten, schauten, prüften, betasteten, kosteten hier und kauften da.
,,Was sagt der Computer?" ,,Es sieht mies aus. Seine Werte sinken rapide." Wolfgang riet, ich solle mir etwas zu essen kaufen. Ich steuerte wie ein stupider Automat einen Obststand an und stopfte mich mit Birnen voll. Nach weiterem Suchen entdeckte ich einen Stand mit Getränken und schüttete literweise Mineralwasser in meinen Bauch. Dann setzte ich mich für ein paar Minuten an einen Tisch. Mein Widerstand erlahmte. Sollte er doch kommen und mich umbringen! Warum sollte ich mich wehren? Ich hatte keine Lust mehr. Prompt hörte ich auch wieder Wolfgangs Stimme: „Ich glaube, er gibt auf!" „Sieht so aus. Es hat keinen Sinn mehr. Wir schalten ihn jetzt besser ab. Oder denkst du, ein Unfall ist überzeugender?"
Obwohl ich nun wirklich kurz vordem psychischen und physischen Zusammenbruch stand, appellierten die letzten Worte an meinen Durchhaltewillen. Zudem zeigte die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme Wirkung. Der Computer schien das registriert zu haben. „Er erholt sich enorm!" Ich wunderte mich selber, wie ruckartig sich mein Zustand stabilisiert hatte. Ich spürte einen positiven Schub, der mir wieder gestattete, vernünftig zu denken. Mein Überlebenswille hatte mich mobilisiert, der, wie es schien, unausrottbar immer wieder aus irgendeiner Ecke meiner lädierten Psyche kroch.
Ich suchte nun nach einem Laden, in dem ich meine ersehnte Landkarte erwerben konnte, fand aber keinen. Es war merklich heißer geworden, und ich konnte nicht mehr auseinander halten, ob mir der Angstschweiß auf der Stirn stand oder mir die brütende Hitze zu schaffen machte. Ich überlegte, ob ich meine Tour nicht auf den Abend verlegen sollte. Die Dunkelheit konnte Schutz bieten, aber andererseits mochte ich sie nicht.
„Jetzt sieh dir bloß den Computer an! Er zeigt ganz normale Werte. Es ist unglaublich!" „Er hat auch keine Angst mehr. So wie er es jetzt angeht, sieht er es von der sportlichen Seite. Es hat nun einen anderen Aspekt. Er scheint stumpf zu werden und nicht mehr zu registrieren, daß es um sein Leben geht." „Lass ihn!" resümierte Wolfgang, „mit seiner Taktik kann er Rudolf tatsächlich austricksen. Dann kommt er durch und darf Kinder haben."
Ich horchte auf. Was war denn das wieder für ein Blödsinn? Was hatten denn bitteschön Kinder mit dieser Situation zu tun? „Vielleicht sollten wir mal nachsehen, wo Rudolf steckt. Ah - sie fahren parallel zueinander. Es kann nicht mehr lange dauern.
Wir sollten unserem Helden Rolf noch ein bißchen helfen. Oder?" Diese Informationen verbuchte ich für mich. Rudolf war also nicht mehr weit entfernt. Anscheinend konnten die anderen wirklich alles auf dem Bildschirm des Computers nachvollziehen. Sie behielten eine verdammt gute Übersicht der Situation. Trotz ihrer mitfühlenden und freundlichen Informationen fühlte ich mich unsicher, da ich die Hauptstraße schon lange verlassen hatte und in nördlicher Richtung fuhr.
„Was hältst du von der Situation? Findest du nicht, daß es so fast zu einfach ist? Der fährt ja drauflos, als wäre er Teilnehmer einer Ralley. Sieht er Rudolf heute noch irgendwann?" „Ich weiß nicht. Lass ihn erst mal weitermachen." Das verursachte mir Gänsehaut. Sollte das bedeuten, daß sie Rudolf auf mich zudirigieren wollten, um das Ganze spannender zu gestalten? Bullshit! Das war ein gemeiner Schachzug.
Wolfgangs Stimme: „Er bekommt wieder Angst. Der Computer registriert alles!" Jetzt fühlte ich mich natürlich nicht mehr so sicher wie vorher. Da meine Tankuhr jetzt langsam Ebbe anzeigte steuerte ich die nächste Tankstelle an. Ich tankte voll und machte mich danach sofort wieder auf den Weg. Nach einer Weile hatte ich das ungute Gefühl, nicht auf der richtigen Straße zu fahren. Keines der dürftigen Hinweisschilder deutete auf eine Stadt hin, die in meiner Streckenplanung vorkam. Ich hielt an einem Kiosk an und wedelte dem Besitzer mit der Landkarte vor der Nase herum, bis er mir endlich erklärte, wo ich mich befand. Ich hätte mich mehr in nordwestlicher Richtung orientieren müssen, aber da die Staatsstraße Nummer eins von Kefisia nach Thebai führte, wollte ich meine Route beibehalten. Der Mann zeigte mir, wie ich mein Ziel erreichen konnte. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, offiziell durch die Gegend zu rauschen. Auf einer so großen, stark frequentierten Straße glaubte ich zu gut sichtbar zu sein, besonders für Rudolf.
,,Er will auf die Staatsstraße. Laßt uns mal schauen, wo ... Mist, das ist gar nicht gut!" „Wo steckt denn Rudolf?" Der dies wissen wollte, war unzweifelhaft Bernd. „Warte, warte, - ich bin gespannt, was er jetzt macht!" Ich wußte sofort, daß sie von Rudolf sprachen, der sicher in unmittelbarer Nähe war. Wie ein Stich durchzuckte es meinen Körper. Die Angst war wieder da und kroch mir über den Rücken. Ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach. Mein Hemd musste klatschnass sein.
Ich befand mich kurz vor der Kreuzung. Die Ampel zeigte rot. Ich hielt und blinkte nach rechts. Wolfgang: „Verflixt, jetzt erwischt es ihn!"
Jetzt war es soweit. Konfrontationszeit! Eine Sekunde lang überlegte ich, ob ich einen Haken schlagen und einfach umdrehen sollte. Doch der Gegenverkehr ließ das nicht zu. Die Ampel sprang auf grün, und ich bog schnell in die Staatsstraße ein. Im Augenblick war ich zu meiner eigenen Überraschung wieder bemerkenswert cool und konzentriert. War Rudolf nun vor oder hinter mir? Es ging zügig voran, trotz der Verkehrsdichte. Ich blieb hellwach und hörte wieder Wolfgangs Stimme: „Das war ein kurzes Spiel. Da kann man nichts machen. Rudolf ist ein guter Jäger. Pass auf, jetzt sieht er ihn!"
Schon von weitem entdeckte ich einen rundum verglasten Kleinbus, der auf der rechten Seite unter einer Brücke parkte. Den Mann am Steuer konnte ich zwar nicht erkennen, aber es war klar, daß es sich dabei um Rudolf handeln mußte. Das hatte ich im Gefühl! Ich gab nun Gas und zischte an seinem Wagen vorbei. Ich sah in den Rückspiegel, um zu kontrollieren, ob er die Verfolgung aufnahm, konnte aber wegen der anderen Fahrzeuge nichts entdecken. Meine Chance bestand darin, den Knaben abzuhängen. In Panik drückte ich auf die Tube und raste dahin. Ein Stoßgebet sollte mich davor bewahren, daß es zu einer Karambolage kam, die alles zunichte machte. Mit quietschenden Reifen und einem weiteren Stoßgebet fuhr ich bei der nächsten Gelegenheit ab. „Das hat doch keinen Sinn mehr. Der prescht davon wie ein Wahnsinniger. Sollen wir ihn abschalten?" Bernd schien sich Sorgen zu machen, und dieses ewige Wort „Abschalten" ging mir auf die Nerven. Es hatte etwas mit meinem Lebenslicht zu tun! „Lass ihn doch! Vielleicht können wir trotz allem noch etwas unternehmen. Ich glaube, Rudolf spielt nicht fair."
Das sie sich bei der ganzen Schweinerei auch noch um Fairness Sorgen machten! Sie wollten mich doch tatsächlich fair umbringen. Nobler Sportsgeist! Bernd sagte merklich empört: „Wie meinst du das? Denkst du, er hat etwas über die Computer herausbekommen?" „Wahrscheinlich. Für meine Begriffe hat Rudolf zu schnell Rolfs Standort gekannt. Sein Ehrgeiz ist zu groß - und sein Hass auch. Das macht mich mißtrauisch. Ich unterstelle, daß ihm jedes Mittel recht ist, und er nichts dem Zufall überlassen wird." „Was hast du gesagt, Wolfgang?"
Jetzt hatte sich erstmals Rudolf dazugeschaltet. Er wirkte ruhig und selbstsicher. Das machte mich nur noch nervöser. Es war ein Scheißgefühl, - gesehen zu werden, aber selbst keine Übersicht zu haben. Wie eine Maus, die nicht weiß, aus welcher Ecke die Katzenpfote zuschlägt. Hass breitete sich in mir aus. Wolfgang: „Wo sind sie jetzt?"
Wie von Bestien gehetzt, kreuzte ich planlos durch die Gegend, immer in der Hoffnung, daß Rudolf eine andere Richtung einschlagen würde. Die Region wurde immer entlegener. Dichte Nadelwälder und Hügelketten zogen an mir vorbei. Die Straße war holprig und von Löchern übersät. Ich war froh, gute Stoßdämpfer zu haben. „Wo steuert er jetzt hin?" wollte Bernd wissen. „Führst du ihn?" Wolfgang: „Nein, ich lasse ihn selber entscheiden. Wir können uns später wieder einmischen." Ich hatte Bedenken. Dieser Weg erweckte den Eindruck, als würde er irgendwann ins Nichts führen. Er wurde immer enger und steiniger. War ich mit Absicht in diese erbärmliche Pampa geleitet worden? Wollten sie mich hier unbeobachtet erledigen und verscharren?
Nun erreichte ich eine Gabelung und entschied mich für links. Nach wenigen Metern war die Straße zu Ende. Sense. Vorbei! Jetzt hatten sie mich! Sekundenlang blieb ich sitzen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Aber noch war ich nicht tot. Vielleicht bot die andere Straße einen Ausweg? Außerdem mußte ich einen kleinen Vorsprung haben, denn mit dem Kleinbus war Rudolf keinesfalls so schnell wie ich. Mit Vollgas startete ich erneut, rangierte und fuhr das letzte Stück zurück und nahm jetzt unbehelligt die rechte Abzweigung. Nichts hielt mich auf. Nach einigen Kilometern erreichte ich eine bewohnte Gegend. Einfach anmutende Gehöfte grenzten an Felder, auf denen Schafe weideten. Irgendwo stieg Rauch auf. Ein paar Bauern zogen Furchen durch den kargen Boden.
Langsam wurde die Straße besser und mündete schließlich in eine größere Kreuzung. Nun fühlte ich mich wieder sicherer. Ohne zu wissen, wo ich mich genau befand, fuhr ich weiter. Die Orts- und Hinweisschilder sagten mir nichts. Ich ärgerte mich immer mehr, keine präzise Karte zur Verfügung zu haben. Mittlerweile war es 16 Uhr. Die Sonne mußte ungefähr im Südwesten stehen. Mein Plan war, immer so zu fahren, daß ich mich dem Sonnenstand entsprechend orientierte. Mehr als dieses Konzept brachten meine grauen Gehirnzellen im Moment nicht zustande. Rudolf schien meine alte Taktik durchschaut zu haben, deshalb brauchte ich dringend eine neue.
Die Anstrengung der letzten Stunden machte sich bemerkbar. Ich fühlte mich müde und ausgelaugt. Nachdem ich eine kleine Ortschaft hinter mir gelassen hatte, fuhr ich auf einen bewaldeten Bergrücken im Osten zu, hinter dem ich die Küste vermutete. Dort entlang konnte ich nach Athen fahren und dann weiter nach Patras. Auf diese Weise hatte ich eine Chance, Rudolf vielleicht doch noch abzuhängen.
Die Straße führte in steilen Serpentinen aufwärts - ein Plus für den Golf, ein Minus für den Kleinbus. Selbst im zweiten Gang keuchte der Motor ein wenig, und ich mußte mich ganz schön in die Kurven legen. Weiter oben wurde ich mit einem phantastischen Ausblick für meine Mühe entschädigt. Fast träumerisch wanderten meine Augen über den Horizont. Ich glaubte die Nähe des Meeres zu spüren und zu riechen. Als ich den Bergkamm erreicht hatte, passierte ich ein einzeln stehendes Haus. Bei einer Frau, die zwei Kinder an den Händen hielt, erkundigte ich mich nach dem Weg. Die Bäuerin war freundlich, aber da sie nur Griechisch konnte, war die Verständigung schwierig. Mit Hilfe meiner Karte bedeutete sie mir, daß ich mich zwar auf der Straße zum Meer befand, die jedoch dort auch endete. Es gab keine Strecke die Küste entlang. Schon wieder saß ich in der Falle!
Mit einem Anflug von Resignation wendete ich den Wagen zurück. Falls Rudolf mir auf den Fersen war, könnte ich ihm jetzt begegnen. Ich hoffte mein Zick-Zack-Kurs würde mich davor bewahren. Während ich mit mir und meiner Situation haderte und meinen Atlas verfluchte, schaltete sich Rudolf plötzlich ein: ,,Es hat keinen Zweck mehr." Wolfgang: ,,Willst du wirklich aufgeben?" Rudolf: ,,Du siehst doch, daß er nur in der Gegend herumirrt." Wolfgang: „Was soll er auch sonst machen? Sein Versuch, zu einer besseren Karte zu kommen, ist gescheitert." Rudolf: „Das weiß ich auch, aber ich mag nicht mehr." Wolfgang: „Gib ihm noch eine Chance!" Rudolf: „Ich halte das für sinnlos!"
Ich fühlte, daß sich die Sache zu meinen Ungunsten entwickelte. Wenn Rudolf, der Ehrgeizige, sogar die Hatz abblasen wollte? Ich fragte mich, was sie jetzt mit mir vorhatten? Niedergeschlagen fuhr ich weiter. Ein Schild deutete auf eine Hauptverkehrsstraße hin. Kurz vor der Einmündung blieb ich stehen und ließ mir von einem spazierenden Griechen meinen Standpunkt erklären. Es war wieder die Seitenstraße, die nun nach Thebai und Larissa führte. Wenigstens etwas! Ich bog ein und gab Gas. Wenig später nutzte ich eine Tankstelle, um mir einen Moment die Füße zu vertreten, vielleicht etwas zu trinken und zu einer Detailkarte zu kommen. Die Tankstelle lag direkt an einer Straßenmündung und war mit einem kleinen Shop ausgestattet. Ich hatte kein Glück. Der Tankwart füllte nur mein Benzinreservoir. Als ich ihn bezahlte, ereignete sich etwas, womit ich im Traum nie gerechnet hatte und was mich zutiefst erschütterte. Er sah mich mit großen Augen an und meinte trocken auf Englisch:
“The boy is on the killertrip. His name is Rolf B. from Munich in West Germany. He started this year for the first time in Noussa on Paros. l can read it in his eyes. Yesterday he was good. He was the first, who got his car on the ferry boat. But today he is bad, because he is tired from his last hunt. He should rest at day and ride at night. He tried his luck, but he did not care. Thessaloniki, Igoumenitsa and Patras are in his mind. He can go everywhere, the killer will be there. He will cut his throat and throw him over board."
Damit wandte er sich ab und ließ mich verdutzt stehen. Ich war so verblüfft, daß ich gar nicht auf die Idee kam, nachzufragen, wie er darauf gekommen war. Wie in Trance stieg ich in mein Auto und fuhr weiter. Die gehörten Sätze wiederholten sich permanent. Sie schienen in meinen Gehirnwindungen zu kreisen und mich nicht mehr loszulassen.
Wenn einer aus meinen Augen lesen konnte, - dann konnte es vielleicht der Rest der Welt auch? Grauen erfaßte mich.
Ich parkte meinen Wagen und stolperte zum Markt. Hier waren Stände aufgebaut, die alle nur möglichen Waren zum Verkauf feilboten. Beeindruckende handwerkliche Gegenstände, wie Schmuck, Stickereien, Schnitzereien. Es gab vielerlei Sorten von Obst und Gemüse. Daneben Spielzeug, Töpferwaren, wie Krüge und bemalte Teller, Souvenirs und Schwämme. Es war einiges geboten. Die Leute schlenderten geruhsam durch die entstandenen Gassen, feilschten, schauten, prüften, betasteten, kosteten hier und kauften da.
,,Was sagt der Computer?" ,,Es sieht mies aus. Seine Werte sinken rapide." Wolfgang riet, ich solle mir etwas zu essen kaufen. Ich steuerte wie ein stupider Automat einen Obststand an und stopfte mich mit Birnen voll. Nach weiterem Suchen entdeckte ich einen Stand mit Getränken und schüttete literweise Mineralwasser in meinen Bauch. Dann setzte ich mich für ein paar Minuten an einen Tisch. Mein Widerstand erlahmte. Sollte er doch kommen und mich umbringen! Warum sollte ich mich wehren? Ich hatte keine Lust mehr. Prompt hörte ich auch wieder Wolfgangs Stimme: „Ich glaube, er gibt auf!" „Sieht so aus. Es hat keinen Sinn mehr. Wir schalten ihn jetzt besser ab. Oder denkst du, ein Unfall ist überzeugender?"
Obwohl ich nun wirklich kurz vordem psychischen und physischen Zusammenbruch stand, appellierten die letzten Worte an meinen Durchhaltewillen. Zudem zeigte die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme Wirkung. Der Computer schien das registriert zu haben. „Er erholt sich enorm!" Ich wunderte mich selber, wie ruckartig sich mein Zustand stabilisiert hatte. Ich spürte einen positiven Schub, der mir wieder gestattete, vernünftig zu denken. Mein Überlebenswille hatte mich mobilisiert, der, wie es schien, unausrottbar immer wieder aus irgendeiner Ecke meiner lädierten Psyche kroch.
Ich suchte nun nach einem Laden, in dem ich meine ersehnte Landkarte erwerben konnte, fand aber keinen. Es war merklich heißer geworden, und ich konnte nicht mehr auseinander halten, ob mir der Angstschweiß auf der Stirn stand oder mir die brütende Hitze zu schaffen machte. Ich überlegte, ob ich meine Tour nicht auf den Abend verlegen sollte. Die Dunkelheit konnte Schutz bieten, aber andererseits mochte ich sie nicht.
„Jetzt sieh dir bloß den Computer an! Er zeigt ganz normale Werte. Es ist unglaublich!" „Er hat auch keine Angst mehr. So wie er es jetzt angeht, sieht er es von der sportlichen Seite. Es hat nun einen anderen Aspekt. Er scheint stumpf zu werden und nicht mehr zu registrieren, daß es um sein Leben geht." „Lass ihn!" resümierte Wolfgang, „mit seiner Taktik kann er Rudolf tatsächlich austricksen. Dann kommt er durch und darf Kinder haben."
Ich horchte auf. Was war denn das wieder für ein Blödsinn? Was hatten denn bitteschön Kinder mit dieser Situation zu tun? „Vielleicht sollten wir mal nachsehen, wo Rudolf steckt. Ah - sie fahren parallel zueinander. Es kann nicht mehr lange dauern.
Wir sollten unserem Helden Rolf noch ein bißchen helfen. Oder?" Diese Informationen verbuchte ich für mich. Rudolf war also nicht mehr weit entfernt. Anscheinend konnten die anderen wirklich alles auf dem Bildschirm des Computers nachvollziehen. Sie behielten eine verdammt gute Übersicht der Situation. Trotz ihrer mitfühlenden und freundlichen Informationen fühlte ich mich unsicher, da ich die Hauptstraße schon lange verlassen hatte und in nördlicher Richtung fuhr.
„Was hältst du von der Situation? Findest du nicht, daß es so fast zu einfach ist? Der fährt ja drauflos, als wäre er Teilnehmer einer Ralley. Sieht er Rudolf heute noch irgendwann?" „Ich weiß nicht. Lass ihn erst mal weitermachen." Das verursachte mir Gänsehaut. Sollte das bedeuten, daß sie Rudolf auf mich zudirigieren wollten, um das Ganze spannender zu gestalten? Bullshit! Das war ein gemeiner Schachzug.
Wolfgangs Stimme: „Er bekommt wieder Angst. Der Computer registriert alles!" Jetzt fühlte ich mich natürlich nicht mehr so sicher wie vorher. Da meine Tankuhr jetzt langsam Ebbe anzeigte steuerte ich die nächste Tankstelle an. Ich tankte voll und machte mich danach sofort wieder auf den Weg. Nach einer Weile hatte ich das ungute Gefühl, nicht auf der richtigen Straße zu fahren. Keines der dürftigen Hinweisschilder deutete auf eine Stadt hin, die in meiner Streckenplanung vorkam. Ich hielt an einem Kiosk an und wedelte dem Besitzer mit der Landkarte vor der Nase herum, bis er mir endlich erklärte, wo ich mich befand. Ich hätte mich mehr in nordwestlicher Richtung orientieren müssen, aber da die Staatsstraße Nummer eins von Kefisia nach Thebai führte, wollte ich meine Route beibehalten. Der Mann zeigte mir, wie ich mein Ziel erreichen konnte. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, offiziell durch die Gegend zu rauschen. Auf einer so großen, stark frequentierten Straße glaubte ich zu gut sichtbar zu sein, besonders für Rudolf.
,,Er will auf die Staatsstraße. Laßt uns mal schauen, wo ... Mist, das ist gar nicht gut!" „Wo steckt denn Rudolf?" Der dies wissen wollte, war unzweifelhaft Bernd. „Warte, warte, - ich bin gespannt, was er jetzt macht!" Ich wußte sofort, daß sie von Rudolf sprachen, der sicher in unmittelbarer Nähe war. Wie ein Stich durchzuckte es meinen Körper. Die Angst war wieder da und kroch mir über den Rücken. Ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach. Mein Hemd musste klatschnass sein.
Ich befand mich kurz vor der Kreuzung. Die Ampel zeigte rot. Ich hielt und blinkte nach rechts. Wolfgang: „Verflixt, jetzt erwischt es ihn!"
Jetzt war es soweit. Konfrontationszeit! Eine Sekunde lang überlegte ich, ob ich einen Haken schlagen und einfach umdrehen sollte. Doch der Gegenverkehr ließ das nicht zu. Die Ampel sprang auf grün, und ich bog schnell in die Staatsstraße ein. Im Augenblick war ich zu meiner eigenen Überraschung wieder bemerkenswert cool und konzentriert. War Rudolf nun vor oder hinter mir? Es ging zügig voran, trotz der Verkehrsdichte. Ich blieb hellwach und hörte wieder Wolfgangs Stimme: „Das war ein kurzes Spiel. Da kann man nichts machen. Rudolf ist ein guter Jäger. Pass auf, jetzt sieht er ihn!"
Schon von weitem entdeckte ich einen rundum verglasten Kleinbus, der auf der rechten Seite unter einer Brücke parkte. Den Mann am Steuer konnte ich zwar nicht erkennen, aber es war klar, daß es sich dabei um Rudolf handeln mußte. Das hatte ich im Gefühl! Ich gab nun Gas und zischte an seinem Wagen vorbei. Ich sah in den Rückspiegel, um zu kontrollieren, ob er die Verfolgung aufnahm, konnte aber wegen der anderen Fahrzeuge nichts entdecken. Meine Chance bestand darin, den Knaben abzuhängen. In Panik drückte ich auf die Tube und raste dahin. Ein Stoßgebet sollte mich davor bewahren, daß es zu einer Karambolage kam, die alles zunichte machte. Mit quietschenden Reifen und einem weiteren Stoßgebet fuhr ich bei der nächsten Gelegenheit ab. „Das hat doch keinen Sinn mehr. Der prescht davon wie ein Wahnsinniger. Sollen wir ihn abschalten?" Bernd schien sich Sorgen zu machen, und dieses ewige Wort „Abschalten" ging mir auf die Nerven. Es hatte etwas mit meinem Lebenslicht zu tun! „Lass ihn doch! Vielleicht können wir trotz allem noch etwas unternehmen. Ich glaube, Rudolf spielt nicht fair."
Das sie sich bei der ganzen Schweinerei auch noch um Fairness Sorgen machten! Sie wollten mich doch tatsächlich fair umbringen. Nobler Sportsgeist! Bernd sagte merklich empört: „Wie meinst du das? Denkst du, er hat etwas über die Computer herausbekommen?" „Wahrscheinlich. Für meine Begriffe hat Rudolf zu schnell Rolfs Standort gekannt. Sein Ehrgeiz ist zu groß - und sein Hass auch. Das macht mich mißtrauisch. Ich unterstelle, daß ihm jedes Mittel recht ist, und er nichts dem Zufall überlassen wird." „Was hast du gesagt, Wolfgang?"
Jetzt hatte sich erstmals Rudolf dazugeschaltet. Er wirkte ruhig und selbstsicher. Das machte mich nur noch nervöser. Es war ein Scheißgefühl, - gesehen zu werden, aber selbst keine Übersicht zu haben. Wie eine Maus, die nicht weiß, aus welcher Ecke die Katzenpfote zuschlägt. Hass breitete sich in mir aus. Wolfgang: „Wo sind sie jetzt?"
Wie von Bestien gehetzt, kreuzte ich planlos durch die Gegend, immer in der Hoffnung, daß Rudolf eine andere Richtung einschlagen würde. Die Region wurde immer entlegener. Dichte Nadelwälder und Hügelketten zogen an mir vorbei. Die Straße war holprig und von Löchern übersät. Ich war froh, gute Stoßdämpfer zu haben. „Wo steuert er jetzt hin?" wollte Bernd wissen. „Führst du ihn?" Wolfgang: „Nein, ich lasse ihn selber entscheiden. Wir können uns später wieder einmischen." Ich hatte Bedenken. Dieser Weg erweckte den Eindruck, als würde er irgendwann ins Nichts führen. Er wurde immer enger und steiniger. War ich mit Absicht in diese erbärmliche Pampa geleitet worden? Wollten sie mich hier unbeobachtet erledigen und verscharren?
Nun erreichte ich eine Gabelung und entschied mich für links. Nach wenigen Metern war die Straße zu Ende. Sense. Vorbei! Jetzt hatten sie mich! Sekundenlang blieb ich sitzen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Aber noch war ich nicht tot. Vielleicht bot die andere Straße einen Ausweg? Außerdem mußte ich einen kleinen Vorsprung haben, denn mit dem Kleinbus war Rudolf keinesfalls so schnell wie ich. Mit Vollgas startete ich erneut, rangierte und fuhr das letzte Stück zurück und nahm jetzt unbehelligt die rechte Abzweigung. Nichts hielt mich auf. Nach einigen Kilometern erreichte ich eine bewohnte Gegend. Einfach anmutende Gehöfte grenzten an Felder, auf denen Schafe weideten. Irgendwo stieg Rauch auf. Ein paar Bauern zogen Furchen durch den kargen Boden.
Langsam wurde die Straße besser und mündete schließlich in eine größere Kreuzung. Nun fühlte ich mich wieder sicherer. Ohne zu wissen, wo ich mich genau befand, fuhr ich weiter. Die Orts- und Hinweisschilder sagten mir nichts. Ich ärgerte mich immer mehr, keine präzise Karte zur Verfügung zu haben. Mittlerweile war es 16 Uhr. Die Sonne mußte ungefähr im Südwesten stehen. Mein Plan war, immer so zu fahren, daß ich mich dem Sonnenstand entsprechend orientierte. Mehr als dieses Konzept brachten meine grauen Gehirnzellen im Moment nicht zustande. Rudolf schien meine alte Taktik durchschaut zu haben, deshalb brauchte ich dringend eine neue.
Die Anstrengung der letzten Stunden machte sich bemerkbar. Ich fühlte mich müde und ausgelaugt. Nachdem ich eine kleine Ortschaft hinter mir gelassen hatte, fuhr ich auf einen bewaldeten Bergrücken im Osten zu, hinter dem ich die Küste vermutete. Dort entlang konnte ich nach Athen fahren und dann weiter nach Patras. Auf diese Weise hatte ich eine Chance, Rudolf vielleicht doch noch abzuhängen.
Die Straße führte in steilen Serpentinen aufwärts - ein Plus für den Golf, ein Minus für den Kleinbus. Selbst im zweiten Gang keuchte der Motor ein wenig, und ich mußte mich ganz schön in die Kurven legen. Weiter oben wurde ich mit einem phantastischen Ausblick für meine Mühe entschädigt. Fast träumerisch wanderten meine Augen über den Horizont. Ich glaubte die Nähe des Meeres zu spüren und zu riechen. Als ich den Bergkamm erreicht hatte, passierte ich ein einzeln stehendes Haus. Bei einer Frau, die zwei Kinder an den Händen hielt, erkundigte ich mich nach dem Weg. Die Bäuerin war freundlich, aber da sie nur Griechisch konnte, war die Verständigung schwierig. Mit Hilfe meiner Karte bedeutete sie mir, daß ich mich zwar auf der Straße zum Meer befand, die jedoch dort auch endete. Es gab keine Strecke die Küste entlang. Schon wieder saß ich in der Falle!
Mit einem Anflug von Resignation wendete ich den Wagen zurück. Falls Rudolf mir auf den Fersen war, könnte ich ihm jetzt begegnen. Ich hoffte mein Zick-Zack-Kurs würde mich davor bewahren. Während ich mit mir und meiner Situation haderte und meinen Atlas verfluchte, schaltete sich Rudolf plötzlich ein: ,,Es hat keinen Zweck mehr." Wolfgang: ,,Willst du wirklich aufgeben?" Rudolf: ,,Du siehst doch, daß er nur in der Gegend herumirrt." Wolfgang: „Was soll er auch sonst machen? Sein Versuch, zu einer besseren Karte zu kommen, ist gescheitert." Rudolf: „Das weiß ich auch, aber ich mag nicht mehr." Wolfgang: „Gib ihm noch eine Chance!" Rudolf: „Ich halte das für sinnlos!"
Ich fühlte, daß sich die Sache zu meinen Ungunsten entwickelte. Wenn Rudolf, der Ehrgeizige, sogar die Hatz abblasen wollte? Ich fragte mich, was sie jetzt mit mir vorhatten? Niedergeschlagen fuhr ich weiter. Ein Schild deutete auf eine Hauptverkehrsstraße hin. Kurz vor der Einmündung blieb ich stehen und ließ mir von einem spazierenden Griechen meinen Standpunkt erklären. Es war wieder die Seitenstraße, die nun nach Thebai und Larissa führte. Wenigstens etwas! Ich bog ein und gab Gas. Wenig später nutzte ich eine Tankstelle, um mir einen Moment die Füße zu vertreten, vielleicht etwas zu trinken und zu einer Detailkarte zu kommen. Die Tankstelle lag direkt an einer Straßenmündung und war mit einem kleinen Shop ausgestattet. Ich hatte kein Glück. Der Tankwart füllte nur mein Benzinreservoir. Als ich ihn bezahlte, ereignete sich etwas, womit ich im Traum nie gerechnet hatte und was mich zutiefst erschütterte. Er sah mich mit großen Augen an und meinte trocken auf Englisch:
“The boy is on the killertrip. His name is Rolf B. from Munich in West Germany. He started this year for the first time in Noussa on Paros. l can read it in his eyes. Yesterday he was good. He was the first, who got his car on the ferry boat. But today he is bad, because he is tired from his last hunt. He should rest at day and ride at night. He tried his luck, but he did not care. Thessaloniki, Igoumenitsa and Patras are in his mind. He can go everywhere, the killer will be there. He will cut his throat and throw him over board."
Damit wandte er sich ab und ließ mich verdutzt stehen. Ich war so verblüfft, daß ich gar nicht auf die Idee kam, nachzufragen, wie er darauf gekommen war. Wie in Trance stieg ich in mein Auto und fuhr weiter. Die gehörten Sätze wiederholten sich permanent. Sie schienen in meinen Gehirnwindungen zu kreisen und mich nicht mehr loszulassen.
Wenn einer aus meinen Augen lesen konnte, - dann konnte es vielleicht der Rest der Welt auch? Grauen erfaßte mich.
Freitag, 19. Januar 2007
Teil 2
Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder aufgerappelt hatte, l Vor meinen Augen blieb das Bild des auslaufenden Schiffes kleben, - ein Film, den ich am liebsten zurückgespult hätte. Ich gab Gas und fuhr schnell zu meinem Ausgangsplatz zurück. An der gewohnten Stelle hielt ich, parkte, stieg aus, um Ordnung in meine Gedanken zu bekommen. Ich mußte in Erfahrung bringen, ob es eine alternative Fähre gab und wenn, wohin diese fuhr.
Sollte Gert mir aufgelauert haben, dann würde er wahrscheinlich bemerkt haben, daß ich nicht auf der Fähre war. Also war damit zu rechnen, daß er die Suche nach mir wieder aufnehmen würde, wissend, daß ich heute keine Chance mehr hatte, von der Insel zu kommen. Meine Nerven waren angespannt wie ein Flitzebogen.
Entschlossen versperrte ich die Wagentür, streckte meine Schultern und ging zielstrebig zum Anlegesteg. Die Tennisschuhe, die ich praktischerweise trug, dämpften meine Schritte. Zu meiner Erleichterung hatte eines der ansässigen Reisebüros noch offen und konnte mir die nötigen Informationen verschaffen. Tatsächlich gab es eine Fähre, die um 2.00 Uhr morgens nach Piräus abgehen würde. Allerdings konnte der Mann nicht sagen, ob es noch Platz für ein Auto gab. Dies konnte ich erst kurz vor der Einschiffung erfahren. Da sollte ich noch einmal nachfragen. Der Agent, den man fast für einen Seemann halten konnte, warf einen Blick auf mein zerknittertes Ticket und wollte wissen, warum ich denn die gebuchte Passage um 23.00 Uhr nicht genommen hatte. Ich faselte etwas von einem Unfall, da ich ihm über den wirklichen Sachverhalt schlecht etwas sagen konnte. Mit einem kurzen Nicken verließ ich das Office und ging erleichtert auf die Straße. Die Touristenströme waren inzwischen wesentlich dünner geworden, und ich suchte Deckung nahe bei einer Gruppe.
Diesmal mußte ich es schaffen. Bis zur Abfahrt verblieben mir zweieinhalb Stunden, die ich an einem sicheren Ort verbringen wollte. Ein Blick zum Anlegesteg ließ mich meine Überlegungen vergessen. Unmittelbar vor dem noch geschlossenen Tor zum Steg war eine Lücke zwischen den wartenden Autos. Meine Chance! Ein Geschenk des Himmels! Nichts wie hin zu meinem Wagen, mit Tempo dazwischen gestellt, bevor ein anderer auf dieselbe Idee kam und mir den Platz wegschnappte. Ich rannte die Straße hinunter, schlug dabei immer wieder einen Bogen um kleinere Touristengruppen und war gleich da. Abrupt wurde meine Euphorie gebremst. Der Mann, der vor mir ging, war Gert! Mein Herz trommelte. Mit einem Satz sprang ich hinter einen geparkten Kleinlaster. Vorsichtig lugte ich hervor. Das mußte Gert sein, - schwarze Jeans, grünes Hemd mit Aufschrift, - die gleiche Statur, Größe, derselbe Gang! Den Kopf allerdings konnte ich bei der schwachen Straßenbeleuchtung nur undeutlich erkennen. Außerdem sah ich ihn nur von hinten. Ich bemühte mich, meine Angst zu unterdrücken und mich unter Kontrolle zu halten. ,,Du blöder Hund, du gemeingefährlicher, - du fühlst dich wohl ziemlich sicher," dachte ich, und eine grimmige Wut erfaßte mich.
Gert schien nicht zu bemerken, daß er beobachtet wurde. Ich war im Vorteil! Jetzt war ich der Jäger! Vielleicht konnte ich ihm in einer passenden Ecke auflauern und mich aus dem Hinter- halt auf ihn stürzen. Allerdings mußte es schnell gehen. Bevor er dazu kam, seine Pistole zu entsichern und sie auf mich zu richten, mußte ich ihm an die Kehle gehen. Im Augenblick faszinierte mich der Gedanke, so zu agieren. Andererseits erschrak ich über die Vehemenz meiner Aggressionen. Normalerweise war ich ein friedlicher Typ und nur ein einziges Mal in eine Schlägerei verwickelt worden, und das auch nur, um einem Kollegen zu helfen, der angepöbelt wurde. Wie dem auch sei, - ganz unbemerkt konnte das nicht vonstatten gehen. Passanten konnten aufmerksam werden, und ich müßte sofort das Weite suchen, bevor man mich hier einbuchtete. Wenn ich wirklich mit dem Messer angreifen wollte, mußte ich mich vergewissern, auch den Richtigen zu treffen. Also mußte ich prüfen, ob es sich tatsächlich um Gert handelte. Ich wollte mich näher anschleichen.
Aus der Deckung heraus konnte ich mein am Straßenrand geparktes Auto sehen und die Gestalt, die direkt darauf zuging. Wenn er das war, würde er meinen Wagen erkennen und irgendwie darauf reagieren. Das tat er! Als er den Golf mit dem deutschen Kennzeichen bemerkte, wandte er den Kopf nach rechts und musterte es eindringlich. Allerdings ging er daran vorbei, ohne stehen zubleiben.
,,OK, das Gefährt hat er entdeckt," dachte ich ,,aber es ist noch nicht zu spät. Ich habe noch einige Trümpfe im Ärmel." Sobald Gert außer Sicht war, lief ich hin, riss die Tür auf, sprang hinein und fuhr los. Ich düste so schnell wie möglich zum Kai. Zum Glück war die Lücke noch da. Sie schien auf mich gewartet zu haben, und ich parkte schnell ein. Mit einem Ruck stieg ich aus und nahm Deckung hinter einem anderen Vehikel. Von der rechten Seite aus war eine Annäherung, ohne gesehen zu werden, nicht möglich. Dort befand sich eine alte Mühle, direkt auf dem hell erleuchteten Platz. Linkerhand, wo eine ganze Reihe von Fahrzeugen abgestellt war, blieb es ziemlich dunkel. Von dieser Richtung aus konnte man sich unbemerkt ziemlich nahe heranbewegen. Meine Ausgangslage war bestens, und ich konnte wieder beruhigt aufatmen.
Wenn ich es schaffte, den Wagen mit an Bord zu bringen, hatte ich schon halb gewonnen. Sollten die PKW-Plätze ausgebucht sein, was dann? Darüber wollte ich im Augenblick nicht nachdenken. Die Anspannung hatte etwas nachgelassen, und ich verspürte großen Durst. Ich mußte diesen Wahnwitz herunterspülen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte noch eine Kneipe geöffnet. Ein paar Stimmfetzen drangen zu mir herüber. Junge Leute hockten, an ihre Rucksäcke gelehnt, am Boden, rauchten Zigaretten und tranken aus Dosen. Ich ging quer über den Platz auf das Lokal zu.
Gert war wohl noch nicht in der Nähe, und selbst wenn, konnte er nicht schießen. Dazu war alles zu gut beleuchtet. Eine Menge Leute warteten auf die Fähre, teils sich die Füße vertretend, teils in den Fahrzeugen. Für einen gezielten Schuss aus der Dunkelheit war die Distanz zu groß. Ich war sicher.
Beim Barkeeper orderte ich ein großes Bier und trank es in einem Zug aus. Ich wischte mir den Schaum vom Mund. Dann wandte ich mich um, konnte aber nichts bemerken. Ich kaufte einen Apfel, rubbelte die Schale an meinem Shirt glänzend und biss hinein. Gemächlich schlurfte ich zur Autoschlange und verbarg mich irgendwo in der Mitte, mit Blick auf die dunkle linke Seite.
Ich erwog, mich anderen Deutschen anzuvertrauen, um während der Fahrt Verbündete zu haben, die mich schützen konnten. Aber ich verwarf diesen Plan wieder. Irgendetwas hielt mich ab davon. Wahrscheinlich der Gedanke, daß mich jeder vernunftbegabte Mensch als verrückt abqualifizieren würde.
Ich wartete. Die Zeit verstrich schleppend. Noch nie hatte ich ein derart ausgeprägtes Bedürfnis entwickelt, wieder nachhause in mein verregnetes Deutschland zu kommen. Es strengte mich an, immer auf der Hut zu sein, und diese Drohung von Gewalt passte nicht zu meiner Mentalität.
Jetzt fiel mir eine Gestalt auf, die an einen Pfahl angelehnt stand. Der Umriß einer Person, die in meine Richtung sah. Wieder konnte ich nicht genau erkennen, wer es war. Es konnte Gert sein, aber ich war mir nicht sicher. - Ich mußte näher heran! Langsam ging ich zwischen den Fahrzeugen auf den Mann zu. Deckung gab es genug, denn die meisten Fahrer hatten sich neben die Wagen gestellt, stützten sich an die Türen und rauchten. Die anvisierte Person schien jetzt registriert zu haben, daß ich herankam. Plötzlich bewegte sie sich in Richtung der Straße und wurde durch ein Wohnmobil verdeckt. Ich nahm die Verfolgung auf und beschleunigte meinen Schritt. In der Rolle des Verfolgers fühlte ich mich allemal wohler als in der Rolle des Opfers. So hatte ich das Spiel in der Hand, vorausgesetzt, mich hatte nicht schon eine dritte Person im Visier, von der ich nichts wußte.
Die Gasse war leer. Daneben lag ein kleiner, relativ gepflegter Park, mit einer großen Rasenfläche und einigen Palmen bepflanzt. Kein Mensch zu sehen. Eine Grille zirpte. „Gert - du bist mir entwischt. Hast diesmal Glück gehabt aber nur diesmal!" murmelte ich und blieb hinter dem Camper stehen. Ich steckte mir eine Zigarette an und atmete nervös den Qualm ein. Da hörte ich Stimmen, die mir bekannt vorkamen. Sie waren es! Wolfgangs Stimme klang laut und schrill, als er sagte: ,,Schaut mal, wo er steht!" Gert meinte: ,,So komme ich nicht mehr an ihn heran." Wolfgang hatte richtig begriffen: ,,Er ist ausgestiegen, damit du ihn nicht im Auto erwischen kannst" Dann meinte Gert auch noch anerkennend: „Er ist gut, und Mut hat er auch.
Er muß mich zuerst gesehen haben und kam hinter mir her." „Meinst du, daß er durchkommt?" „Ich glaube, er schafft es."
Ich hatte abwechselnd Wolfgangs und Gerts Stimme vernommen. Dann hörte ich Bernd sagen: „Wenn er gut ist, kommt er durch" Dann wieder Wolfgang: „Laß ihn heute fahren, weil er so gut war! Aber morgen sollten wir ihn in Patras fertig machen, damit er uns in Deutschland keine Probleme bereitet." Gert schlug dann vor, auch die Fähre zu nehmen und mich dann an Bord fertig zu machen. Sie erwogen auch, Rudolf anrufen, damit er nach Athen fliegt und mich in Piräus abfängt. Bernd meinte daraufhin, daß er mich netterweise noch ein halbes Jahr leben lassen wolle, falls ich es bis nach Deutschland schaffte, und wie die anderen darüber dachten. „Nein", hörte ich Gert sagen, „wenn er Deutschland erreicht, darf ich ihn nicht mehr töten." Dann fragte ihn Bernd noch lachend, was er denn für ein lausiger Killer sei.
Gebannt hatte ich dieses Gespräch verfolgt und wollte nicht glauben, was sich da abspielte. Diese Sache entbehrte jeglicher Logik und geschah doch. Nun wollten diese Kerle auch noch mit an Bord gehen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ebenso wenig, daß jetzt Rudolf anreiste und auch noch mitmischte. Ausgerechnet der! Ein Klassenkamerad, der älteste in der ganzen Clique, immer gut gelaunt und clever. Ein aufgewecktes Kerlchen, von Beruf Computerfachmann, dem es gelungen war, für seine Firma ein paar spezielle Programme zu entwickeln. Er schaffte es sogar, Sicherheitscodes zu knacken und so Einblick in die Daten anderer Systeme zu nehmen. Just for fun! Rudolf der Hacker. Um dieses Talent habe ich ihn immer beneidet, da ich solche technischen Finessen nicht beherrschte und mich dafür auch nicht geeignet fühlte.
Ich bekam wieder Angst. Die Sätze durchkreisten mein Gehirn. Wo steckten nur diese Misttypen? Vorsichtig kroch ich aus meinem Versteck und blickte mich um. Es war nichts zu sehen, aber was hieß das schon. Lediglich ein ganzes Stück weiter unter einem Torbogen am Rande des Platzes stand jemand, der mich möglicherweise beobachtete. Ich wollte es genau wissen. Alle Vorsicht außer Acht lassend, ging ich direkt auf die Gestalt zu, durch den geschwungenen Eingang durch und landete in einer vollbesetzten Pizzeria. Keine Spur von dem Gesindel - keine bekannten Gesichter. Einen Moment lang blieb ich verstört stehen, dann wandte ich mich um und ging zurück zum Anlegesteg. Ich erinnerte mich, irgendwann gehört oder gelesen zu haben, daß man unter dem Einfluß von Drogen erhöhte Sinneswahrnehmungen hatte und auch über eine größere Entfernung hin Worte empfangen konnte. Vielleicht war das tatsächlich so, und ich hatte das eben testen können. Allerdings konnte das Zeug ja nicht ewig wirken, und das irritierte mich. Es war aber möglich, daß die drei in der Nähe des Torbogens standen und sich in meiner Sache berieten. Wie auch immer. Ich mußte mich einschiffen lassen und höllisch aufpassen.
Angespannt - wie immer in letzter Zeit - wartete ich, bis die Fähre eingelaufen war. Ich nahm mir vor, nicht durchzudrehen und in Ruhe zu warten, bis der geeignete Moment kam, so weit wie möglich an das Schiff heranzufahren. Nun stieg wieder Angst in mir hoch und diesmal so stark, daß mir die Nackenhaare senkrecht standen. Sie kroch durch meinen Körper von unten nach oben und umklammerte meinen Hals. Ich konnte kaum atmen, versuchte klar zu denken, aber es gelang mir nicht. Es dauerte schier endlos, bis die Ausschiffung der ankommenden Fahrzeuge über die Bühne gegangen war. Erst als ein LKW die Auffahrt heraufkam, löste sich meine Erregung. Wie geplant, gelang es mir, auf dem Anlegesteg gut nach vorne zu kommen. Ein Kontrolleur überprüfte die Tickets, bevor er die PKW durchwinkte. „Wenn er mir sagt, daß mein Ticket verfallen ist dann ist alles aus!"
Ich war an der Reihe, und der Mann warf einen kurzen Blick auf mein Billet. Dann rief er den Leuten vom Bootspersonal etwas auf Griechisch zu. Er wandte sich wieder mir zu und bedeutete mir mit hastigen Armbewegungen und großem Palaver, mein Auto nach rechts zu steuern und dort abzustellen.
Ich wurde immer nervöser. Meine Hände klebten und auf meiner Stirn perlten Schweißtropfen. „Lieber Gott, lass mich bitte nicht hier hängen!" Um alles in der Welt wollte ich nicht übrig bleiben. Mein Atem ging stoßweise. Ich weiß nicht mehr, was ich alles fühlte. Ich starrte wie das Karnickel auf die Schlange, als ich der Einschiffung zusah, hilflos und abhängig.
Als ich zum Mitteldeck hochsah, bemerkte ich dort eine einzelne Person, die auf Beobachtungsposten zu sein schien. War es Gert? Also doch! Erfuhr mit, war mir auf den Fersen, ließ nicht locker. Die Angst begann mich wieder zu lahmen. Ich schmeckte Blut auf den Lippen. Muß mich wohl gebissen haben. Mein Nervenkostüm flatterte. Sollte ich umkehren? Noch hatte ich Gelegenheit dazu, noch war ich nicht an Bord. Allerdings würde mich das nicht retten, sondern die kommende Konfrontation nur verzögern.
Die Schreie und das wilde Gestikulieren des Kontrolleurs rissen mich aus den Gedanken. Ich konnte auf die Fähre. Nach den Kommandos der Einweiser rangierte ich den Wagen auf das Schiff und stellte ihn ab, wohin sie mich dirigiert hatten. Ich wußte nicht, ob ich aufatmen sollte. Auch meine eigenen Gedanken verursachten mir Wechselbäder. Um nach oben zu gelangen, mußte ich die schmale Treppe vom Autodeck nehmen. Aber was tun, wenn mein Verfolger dort lauerte - mit gezückter Pistole und eiskalt? Er brauchte nach vollbrachter Tat nur ganz unauffällig das Schiff zu verlassen und niemand konnte ihn zur Verantwortung ziehen. Das perfekte Verbrechen!
Ich spielte mit dem Gedanken, mich zu verbarrikadieren, vielleicht in einem anderen Fahrzeug, das versehentlich nicht abgeschlossen war. Es war kühl und ich zitterte. Ich verwarf den Gedanken wieder. Hier hätte Gert ein leichtes Spiel. Wenn er nur sorgfältig genug nach mir suchte, würde er mich irgendwann auf dieser Ebene finden und auslöschen. Während der Fahrt hielt sich hier unten niemand auf, und somit gab es keinen Zeugen.
Nein, die besten Aussichten hatte ich immer noch, wenn ich mich unter die Fahrgäste mischte und darauf achtete, nicht separat herumzustehen. Gert würde es nicht wagen, so direkt vor den Augen anderer Menschen, so cool war auch er nicht. Ich wühlte in meinem Gepäck, sortierte das Wichtigste aus und packte es in einen Beutel. Das Messer steckte ich dazu und griff nach meinem Schlafsack. Den nächsten Mitreisenden, die den Weg nach oben nahmen, wollte ich auf dem Fuß folgen. Eine Weile geschah überhaupt nichts. Das Parkdeck war jetzt vollbesetzt und alles unter Dach und Fach. Die Einschiffung war beendet, und die Fähre mußte in Kürze ablegen.
Endlich kamen drei Passagiere an mir vorbei und gingen die Treppe hoch. Erleichtert stieg ich hinterher und gelangte so unbehelligt an Deck. Von Gert war nichts zu sehen. Ich suchte den Raum mit den Pullmansitzen und hielt nach einem Platz in der Mitte Ausschau. Außer schlafenden Travellern konnte ich nichts entdecken. Alles schien friedlich. Zuerst wollte ich mich etwas ausruhen, denn das war dringend nötig. Später konnte ich die Decks systematisch durchkämmen.
Das sanfte Rollen machte mich schläfrig, und mein Bewußtsein rutschte langsam weg. Ich träumte von Wogen, die über mir zusammenschlugen, von einsamen endlosen Gassen, die im Zick-zack-Kurs verliefen und nirgendwohin führten, von Menschen, die mich mit leerem Blick anstarrten und stumm den Kopf schüttelten. Ich wollte schreien und brachte doch keinen Ton heraus. Ich träumte von Gert, der über mir hämisch grinste und sich an seinem schwarzen Schnurrbart zupfte. Seine stechenden Augen verfolgten mich. Ich war so schwer geworden und konnte mich kaum noch bewegen. Gelächter dröhnte in meinen Ohren, als säße ich in einem großen leeren Haus, - alles grau und oliv Farben, dann kalkweiß. Das Meer rauschte in meinem Schädel. Dann blitzte ein Messer und wurde so lang wie ein Schwert, bis es zerbrach und in tausend Stücke fiel.
Ich wachte auf, rieb mir die Augen und erinnerte mich wieder, wo ich war. Das Schiff schwankte ein wenig, und das Rumpeln der schweren Maschinen dröhnte bis hier herauf. Ich sah nach der Zeit. 3.30 Uhr! Mein Schlaf war nur kurz gewesen. Ich verließ leise den Raum und schlurfte zur Reling. Was sollte ich tun, wenn ich Gert fand? Ihn in ein Gespräch verwickeln, weshalb er mich umbringen wollte? Sollte ich zum Kapitän gehen und um Hilfe bitten, so daß der mich dann sicher für einen Irren hielt?
Von den Strapazen geschwächt, wankte ich benommen das Deck entlang. Kaum jemand war wach. Teils hatten sich die Reisenden auf den Bänken, teils auf dem Boden in ihre Schlafsäcke eingerollt. Einige schnarchten. Ich studierte mehrere Gesichter. Viele waren nicht zu erkennen, da sie sich eine Decke über den Kopf gezogen hatten. Das ärgerte mich, aber ich wagte nicht, den Stoff zu lüften, um genauer hinzusehen.
Als ich mir etwa die Hälfte aller Passagiere angesehen hatte, hörte ich Bernds Stimme: „Da ist er ja! Hat er das Messer dabei?" Ich drehte mich um und entdeckte ihn, wie er neben Wolfgang im Schlafsack lag und den Arm auf dem Boden aufstützte. Bernd hatte sich abgewandt und zischte Wolfgang zu: „Schau nicht hin!" Wolfgang antwortete daraufhin: „Warum nicht? Rolf kann ja gar nichts machen. Wir sind auf einer anderen Ebene!" Er lachte leise. Irritiert ging ich weiter und glaubte zu halluzinieren. Wieso waren die beiden an Bord und Gert nicht? Die Sache war doch ganz anders abgesprochen. Und was sollte das Gequatsche von einer anderen Ebene? Ich hatte sie doch ganz deutlich gesehen und gehört. Oder spielten mir hier meine Nerven einen bösen Streich? War ich so verrückt vor Angst, daß ich die Gesichtszüge in andere Menschen hineininterpretierte? Verunsichert ging ich auf meinen Platz zurück. Alles schlief. Die Luft war stickig und heiß. Obwohl ich todmüde war, versuchte ich wach zu bleiben. Ich rollte meinen Schlafsack auf dem Boden zwischen den Sitzen aus und legte mich hinein. Sofort muß ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Die Nacht war unruhig. Wirre Träume suchten mich heim und unterbrachen meinen Tiefschlaf.
Am frühen Morgen, die Sonne ging gerade auf und die Dämmerung zauberte eine wunderschöne Färbung an den Horizont, hörte ich ganz deutlich, wie sich ein paar Sitzreihen weiter Bernd und Wolfgang in gemütlichem Plauderton unterhielten. „Wir warten, bis er wach ist, und dann besprechen wir mit ihm die ganze Sache!" Sollte das heißen, daß sie sich einen üblen Scherz mit mir erlaubt hatten? Ich wußte nicht, ob ich erleichtert oder wütend sein sollte. Meine Gefühlslage schwankte ebenso wie die Fähre. Noch war ich bereit aufzustehen. Ich wollte mich sammeln. Das war eine neue Situation! Langsam schlummerte ich wieder ein. Als ich wieder aufwachte, fühlte ich mich wohl, - ja fast heiter. Ich richtete mich auf, streckte meine Glieder und hielt Ausschau nach den anderen, konnte sie aber nicht entdecken. Die meisten Mitreisenden schliefen noch. Die beiden wohl auch.
Um sie auf mich aufmerksam zu machen, folgte ich meinem Impuls und rief in ihre Richtung: „Hey, ihr Killer!" Keine Reaktion. Niemand antwortete. Ein paar der vor sich hin dösenden Leute schauten ungehalten. Die beiden waren an Deck gegangen. Vielleicht saßen sie beim Frühstück. Ich packte meine sieben Sachen zusammen und trollte mich. Es war etwa sechs Uhr. Die meisten Passagiere befanden sich bereits an Oberdeck. Die Ankunft in Piräus sollte in einer Stunde stattfinden. Auf der Backbord- wie auch auf der Steuerbordseite konnte man schon sehr deutlich das Festland sehen. Ich setzte mich auf eine Bank, genoss die frische Brise und die wechselnde Aussicht. Mein Kopf war frei. Ich fühlte mich erholt. Im Moment hatte ich auch keine Lust, die beiden Kerle zu suchen, um mich mit ihnen über den ganzen Mist zu unterhalten. Doch je näher der Zeitpunkt des Anlegens rückte, desto mehr verschlechterte sich meine Stimmung.
Diese seltsame Spannung im Schädel stellte sich wieder ein. Ich brauchte Bewegung und lief das ganze Schiff auf und ab. Nirgends fand ich die beiden. Sollte ich mich getäuscht haben? Da hörte ich wieder ihre Stimmen: ,,Er sucht uns, weil er glaubt, wir wären auf der Fähre!" ,,Er scheint noch immer nicht begriffen zu haben, daß dies kein Spaß ist!" „Vielleicht sollten wir ihm ein bißchen helfen? Wir haben ihn schließlich einfach losgeschickt, und er weiß von nichts. Er hat noch nicht einmal eine Ahnung, daß es um sein Leben geht."
Einen Moment schwiegen sie. Es waren die Stimmen von Bernd und Wolfgang. Dann ging es weiter: „Rudolf dürfte noch nicht in Piräus sein. Rolf wird bestimmt zur Fähre nach Patras aufbrechen, weil er seine Karre nicht stehen läßt." „Glaubst du? Ich könnte mir vorstellen, daß er nach von Athen fährt und dann mit einem Flugzeug aus Griechenland abrauscht. Er hat nur vier Tage Zeit." „Rudolf wird wohl erwarten, daß Rolf nach Patras fährt. Er kann ihn nicht leiden. Er will ihn haben. Kürzlich sagte er mir, er hätte nichts dagegen, wenn Rolf über Bord geht und dabei ersäuft!"
Mir stockte der Atmen. Ging dieser Horror schon wieder weiter, gerade jetzt, wo ich schon so weit war zu glauben, es handle sich um einen üblen Spaß? „Entweder er ersäuft, oder Rudolf schneidet ihm die Kehle durch". Sein Ton war hämisch. Jetzt hörte ich wieder die Stimme von Wolfgang: „Glaubst du, Rudolf kommt rechtzeitig in Piräus an?" ,,Keine Ahnung. Wenn sein Flug nach Athen nicht geklappt hat, ist er eventuell nach Thessaloniki geflogen. Von dort aus kommt er schnell mit einem Mietwagen nach Patras." „Wann geht dort die Fähre?" „Heute Nacht um 24.00 Uhr. Das schafft er." „Warte mal! Rolf hat jetzt gemerkt, daß es um sein Leben geht. Er hat das Spiel begriffen. Was sagt der Computer?" „Schlechte Werte." „Meinst du, wir kriegen das wieder hin? Wir können ihn höchstens noch viermal einschalten."
Dieser Dialog zwischen Wolfgang und Bernd betäubte mich. Der Zustand in meinem Gehirn wurde unerträglich. Wenn das nicht aufhörte, würde ich ohnmächtig werden, daß spürte ich.
„Zeig ihm die Karte!" Schon wieder die Stimme von Bernd! Jetzt ging ich vom Außen- zum innendeck und entdeckte sofort eine große Wandkarte von Griechenland. Mir war klar, daß ich den nächst besten Weg finden mußte, Griechenland zu verlassen. Je eher, desto besser. Irgendwo würde ich auf Rudolf treffen und dann kam es zum Kampf, das stand außer Frage. Ich hörte auch zum ersten Mal, daß Rudolf mich nicht ausstehen konnte. Ich dachte im Gegenteil er sei mein bester Freund! Ich wußte nicht, wie ich das alles einordnen sollte, woher dieser Umschwung kam. Diese Ohnmacht lähmte mich, machte mich fast verrückt. Mir blieb nur der Gedanke an Flucht.
Eineinhalb Tage Aufenthalt auf der Fähre ab Patras! Eine entsetzliche Vorstellung. Da war es besser, das Schiff von Igou-menitsa zu nehmen und eine kürzere Überfahrt zu haben. Während ich überlegte, verschlimmerte sich mein Zustand derart, daß ich zum Schluß überhaupt nicht mehr fähig war, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Auch die anderen schienen das bemerkt zu haben, denn Bernd sagte jetzt, daß der andere mal schauen sollte, was der Computer anzeige und ob man ihn nicht abschalten solle. Es hätte ja doch keinen Zweck mehr.
Irgendwie schien ich mit ihnen telepathisch in Verbindung zu stehen, soviel hatte ich mittlerweile kapiert. Allerdings hatte ich nicht den geringsten Schimmer, wie das funktioniert. Auf welche Weise konnten sie mich überhaupt über diesen Computer überwachen? Was bedeutete das Wort: „Abschalten"? Bedeutete das am Ende meinen Tod?
Unter Aufbringung aller Willenskräfte, die mir noch zur Verfügung standen, versuchte ich, mich zu konzentrieren, um eine Strategie für mein Überleben zu entwickeln. Sie schienen noch damit beschäftigt, meine Computerwerte zu analysieren. Ich hörte Bernd sagen: ,,Schau dir mal seine Hirnströme an! Das sieht nicht gut aus. Meinst du nicht, daß er zu alt ist für solche Spielchen?" „Da! Er ist bereit, auf sein Auto zu verzichten. Er hat einen guten Plan!" Das war Wolfgangs Stimme.
Nun hatte ich mein Konzept! So wie es aussah, rechneten alle fest damit, daß ich mich auf den Weg nach Patras machte. Also würde ich das nicht tun. Ich beschloss, eine andere Route zu nehmen, und zwar von Piräus über Thebai und Lania nach Larissa und von dort nach Thessaloniki. Auf der letztgenannten Strecke würde ich Rast machen und mich irgendwo in der Provinz verstecken. Danach würde ich in Thessaloniki den Wagen stehen lassen und per Flugzeug nach Deutschland reisen. Das Auto konnte ich später holen lassen. Jetzt ging es darum, meine Haut zu retten, die mir lieb und teuer war.
Rudolf würde vergeblich in Patras nach mir suchen. Auf die Art konnte ich ihn austricksen. Selbst wenn ich nicht die Maschine ab Thessaloniki nähme, könnte ich versuchen, auf dem Landweg über Jugoslawien Deutschland zu erreichen. Möglicherweise würde Rudolf auch zwei Tage in Patras warten, weil er annahm, ich müßte dort die Fähre besteigen. Einen Augenblick lang fühlte ich Euphorie. Ich war sehr zufrieden mit mir! Jetzt machte sich Bernd wieder bemerkbar. „Wenn er das Programm durchzieht, hat er gewonnen, auf die Idee kommt Rudolf nie!"
Das eben Gehörte bestätigte mich, und ich schöpfte wieder Hoffnung. Jetzt kam es nur noch darauf an, ob mein potentieller Mörder Piräus noch nicht erreicht hatte. Ich war erleichtert, daß ich nur noch einen Gegner hatte. Die übrigen schienen neutral zu sein und beobachteten die Chose nur auf dem Bildschirm. Ich konnte mich täuschen, aber ich hatte sogar den Eindruck, daß Bernd und Wolfgang ein wenig auf meiner Seite standen. Mich durchzuckte die Idee, die Städtenamen meiner Route zu notieren, - da hörte ich Wolfgang sagen: „Nichts aufschreiben!" Daraufhin ließ ich es bleiben. Mir wurde wieder bewußt, daß ich mich noch an Bord befand, als ich vernahm, wie hinter mir in der Nähe der Reling ein Junge auf Deutsch diesen Satz sagte, den ich schon einmal gehört hatte: „Der ist auf einer anderen Ebene!" Eine ältere Frau erwiderte, ebenfalls auf Deutsch: „Was sagst du? Der steht doch unter Drogen!"
Bevor ich mich zu den beiden umdrehen konnte, wurde ich durch die englischen Worte eines Besatzungsmitglieds abgelenkt, der, mit schwarzer Hose und weißem Hemd bekleidet, zwei Meter weiter stand. „Yes, he is on the Killertrip. If he's good, he comes. But if the Killer is in Piräus ..." Er vollführte mit der flachen Hand die Bewegung des Durchschneidens der Kehle. Ich wandte mich ab, tat so, als hätte ich nichts von dem mitbekommen, was sich eben ereignet hatte, und ging auf das Achterdeck. Mir war sehr wohl klar, daß ich in der Scheiße steckte, - feiner war das nicht zu beschreiben.
Angestrengt durchforstete ich die Gesichter der am Ufer Wartenden, aber Rudolf war nicht auszumachen. Jetzt schalteten sich die Mitspieler wieder ein: ,,Falls Rudolf schon da ist, wird er alles dransetzen, Rolf im Auto zu erschießen, ohne daß jemand etwas bemerkt" Bernd antwortete Wolfgang: ,,Rolf kann sich wehren und versuchen, Rudolf mit dem Wagen zu überfahren, wenn er sich ihm nähert. Dann ist das Spiel zu Ende!" Wolfgang konterte: „Das könnte schon sein, aber ich untersteile, daß Rolf nicht die Nerven dazu hat. Er ist in der Hinsicht gehemmt und wird es nicht wagen. Vor allem - und das ist der Knackpunkt an der Sache - er weiß ja nicht, daß sich alles auf einer anderen Ebene abspielt und ihm selbst nichts geschehen kann, wenn er Rudolf überfährt."
Mit dem eben registrierten Dialog konnte ich nun überhaupt nichts anzufangen. Langsam wurde mir das alles zu verwirrend. Ich wollte so gern eine Pause machen und nur noch glauben, was ich sehen und anfassen konnte. Genug des Gefasels von Ebenen und Erschießen und Abschalten. Es reichte!
Ich beschloß, mich nun um die nächstliegende Realität zu kümmern, und wartete so lange, bis die meisten Wagen die Fähre verlassen hatten. Dann machte ich mich auf zum Autodeck, das schon relativ leer war. Mein Golf stand allein in diesem Teil, nur im vorderen verblieben noch wenige andere Fahrzeuge. Der Rest ging zügig voran, und ich fuhr so schnell wie möglich von der Anlegestelle zur Hauptstraße, die nach Patras führte. In Piräus mußte ich mir dann eine Karte besorgen, denn in meinem Autoatlas war der Maßstab zu groß und es waren leider nur die Hauptstraßen eingezeichnet. Um meine ohnehin nicht berühmten Chancen zu verbessern, mußte ich genau informiert sein.
Sollte Gert mir aufgelauert haben, dann würde er wahrscheinlich bemerkt haben, daß ich nicht auf der Fähre war. Also war damit zu rechnen, daß er die Suche nach mir wieder aufnehmen würde, wissend, daß ich heute keine Chance mehr hatte, von der Insel zu kommen. Meine Nerven waren angespannt wie ein Flitzebogen.
Entschlossen versperrte ich die Wagentür, streckte meine Schultern und ging zielstrebig zum Anlegesteg. Die Tennisschuhe, die ich praktischerweise trug, dämpften meine Schritte. Zu meiner Erleichterung hatte eines der ansässigen Reisebüros noch offen und konnte mir die nötigen Informationen verschaffen. Tatsächlich gab es eine Fähre, die um 2.00 Uhr morgens nach Piräus abgehen würde. Allerdings konnte der Mann nicht sagen, ob es noch Platz für ein Auto gab. Dies konnte ich erst kurz vor der Einschiffung erfahren. Da sollte ich noch einmal nachfragen. Der Agent, den man fast für einen Seemann halten konnte, warf einen Blick auf mein zerknittertes Ticket und wollte wissen, warum ich denn die gebuchte Passage um 23.00 Uhr nicht genommen hatte. Ich faselte etwas von einem Unfall, da ich ihm über den wirklichen Sachverhalt schlecht etwas sagen konnte. Mit einem kurzen Nicken verließ ich das Office und ging erleichtert auf die Straße. Die Touristenströme waren inzwischen wesentlich dünner geworden, und ich suchte Deckung nahe bei einer Gruppe.
Diesmal mußte ich es schaffen. Bis zur Abfahrt verblieben mir zweieinhalb Stunden, die ich an einem sicheren Ort verbringen wollte. Ein Blick zum Anlegesteg ließ mich meine Überlegungen vergessen. Unmittelbar vor dem noch geschlossenen Tor zum Steg war eine Lücke zwischen den wartenden Autos. Meine Chance! Ein Geschenk des Himmels! Nichts wie hin zu meinem Wagen, mit Tempo dazwischen gestellt, bevor ein anderer auf dieselbe Idee kam und mir den Platz wegschnappte. Ich rannte die Straße hinunter, schlug dabei immer wieder einen Bogen um kleinere Touristengruppen und war gleich da. Abrupt wurde meine Euphorie gebremst. Der Mann, der vor mir ging, war Gert! Mein Herz trommelte. Mit einem Satz sprang ich hinter einen geparkten Kleinlaster. Vorsichtig lugte ich hervor. Das mußte Gert sein, - schwarze Jeans, grünes Hemd mit Aufschrift, - die gleiche Statur, Größe, derselbe Gang! Den Kopf allerdings konnte ich bei der schwachen Straßenbeleuchtung nur undeutlich erkennen. Außerdem sah ich ihn nur von hinten. Ich bemühte mich, meine Angst zu unterdrücken und mich unter Kontrolle zu halten. ,,Du blöder Hund, du gemeingefährlicher, - du fühlst dich wohl ziemlich sicher," dachte ich, und eine grimmige Wut erfaßte mich.
Gert schien nicht zu bemerken, daß er beobachtet wurde. Ich war im Vorteil! Jetzt war ich der Jäger! Vielleicht konnte ich ihm in einer passenden Ecke auflauern und mich aus dem Hinter- halt auf ihn stürzen. Allerdings mußte es schnell gehen. Bevor er dazu kam, seine Pistole zu entsichern und sie auf mich zu richten, mußte ich ihm an die Kehle gehen. Im Augenblick faszinierte mich der Gedanke, so zu agieren. Andererseits erschrak ich über die Vehemenz meiner Aggressionen. Normalerweise war ich ein friedlicher Typ und nur ein einziges Mal in eine Schlägerei verwickelt worden, und das auch nur, um einem Kollegen zu helfen, der angepöbelt wurde. Wie dem auch sei, - ganz unbemerkt konnte das nicht vonstatten gehen. Passanten konnten aufmerksam werden, und ich müßte sofort das Weite suchen, bevor man mich hier einbuchtete. Wenn ich wirklich mit dem Messer angreifen wollte, mußte ich mich vergewissern, auch den Richtigen zu treffen. Also mußte ich prüfen, ob es sich tatsächlich um Gert handelte. Ich wollte mich näher anschleichen.
Aus der Deckung heraus konnte ich mein am Straßenrand geparktes Auto sehen und die Gestalt, die direkt darauf zuging. Wenn er das war, würde er meinen Wagen erkennen und irgendwie darauf reagieren. Das tat er! Als er den Golf mit dem deutschen Kennzeichen bemerkte, wandte er den Kopf nach rechts und musterte es eindringlich. Allerdings ging er daran vorbei, ohne stehen zubleiben.
,,OK, das Gefährt hat er entdeckt," dachte ich ,,aber es ist noch nicht zu spät. Ich habe noch einige Trümpfe im Ärmel." Sobald Gert außer Sicht war, lief ich hin, riss die Tür auf, sprang hinein und fuhr los. Ich düste so schnell wie möglich zum Kai. Zum Glück war die Lücke noch da. Sie schien auf mich gewartet zu haben, und ich parkte schnell ein. Mit einem Ruck stieg ich aus und nahm Deckung hinter einem anderen Vehikel. Von der rechten Seite aus war eine Annäherung, ohne gesehen zu werden, nicht möglich. Dort befand sich eine alte Mühle, direkt auf dem hell erleuchteten Platz. Linkerhand, wo eine ganze Reihe von Fahrzeugen abgestellt war, blieb es ziemlich dunkel. Von dieser Richtung aus konnte man sich unbemerkt ziemlich nahe heranbewegen. Meine Ausgangslage war bestens, und ich konnte wieder beruhigt aufatmen.
Wenn ich es schaffte, den Wagen mit an Bord zu bringen, hatte ich schon halb gewonnen. Sollten die PKW-Plätze ausgebucht sein, was dann? Darüber wollte ich im Augenblick nicht nachdenken. Die Anspannung hatte etwas nachgelassen, und ich verspürte großen Durst. Ich mußte diesen Wahnwitz herunterspülen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte noch eine Kneipe geöffnet. Ein paar Stimmfetzen drangen zu mir herüber. Junge Leute hockten, an ihre Rucksäcke gelehnt, am Boden, rauchten Zigaretten und tranken aus Dosen. Ich ging quer über den Platz auf das Lokal zu.
Gert war wohl noch nicht in der Nähe, und selbst wenn, konnte er nicht schießen. Dazu war alles zu gut beleuchtet. Eine Menge Leute warteten auf die Fähre, teils sich die Füße vertretend, teils in den Fahrzeugen. Für einen gezielten Schuss aus der Dunkelheit war die Distanz zu groß. Ich war sicher.
Beim Barkeeper orderte ich ein großes Bier und trank es in einem Zug aus. Ich wischte mir den Schaum vom Mund. Dann wandte ich mich um, konnte aber nichts bemerken. Ich kaufte einen Apfel, rubbelte die Schale an meinem Shirt glänzend und biss hinein. Gemächlich schlurfte ich zur Autoschlange und verbarg mich irgendwo in der Mitte, mit Blick auf die dunkle linke Seite.
Ich erwog, mich anderen Deutschen anzuvertrauen, um während der Fahrt Verbündete zu haben, die mich schützen konnten. Aber ich verwarf diesen Plan wieder. Irgendetwas hielt mich ab davon. Wahrscheinlich der Gedanke, daß mich jeder vernunftbegabte Mensch als verrückt abqualifizieren würde.
Ich wartete. Die Zeit verstrich schleppend. Noch nie hatte ich ein derart ausgeprägtes Bedürfnis entwickelt, wieder nachhause in mein verregnetes Deutschland zu kommen. Es strengte mich an, immer auf der Hut zu sein, und diese Drohung von Gewalt passte nicht zu meiner Mentalität.
Jetzt fiel mir eine Gestalt auf, die an einen Pfahl angelehnt stand. Der Umriß einer Person, die in meine Richtung sah. Wieder konnte ich nicht genau erkennen, wer es war. Es konnte Gert sein, aber ich war mir nicht sicher. - Ich mußte näher heran! Langsam ging ich zwischen den Fahrzeugen auf den Mann zu. Deckung gab es genug, denn die meisten Fahrer hatten sich neben die Wagen gestellt, stützten sich an die Türen und rauchten. Die anvisierte Person schien jetzt registriert zu haben, daß ich herankam. Plötzlich bewegte sie sich in Richtung der Straße und wurde durch ein Wohnmobil verdeckt. Ich nahm die Verfolgung auf und beschleunigte meinen Schritt. In der Rolle des Verfolgers fühlte ich mich allemal wohler als in der Rolle des Opfers. So hatte ich das Spiel in der Hand, vorausgesetzt, mich hatte nicht schon eine dritte Person im Visier, von der ich nichts wußte.
Die Gasse war leer. Daneben lag ein kleiner, relativ gepflegter Park, mit einer großen Rasenfläche und einigen Palmen bepflanzt. Kein Mensch zu sehen. Eine Grille zirpte. „Gert - du bist mir entwischt. Hast diesmal Glück gehabt aber nur diesmal!" murmelte ich und blieb hinter dem Camper stehen. Ich steckte mir eine Zigarette an und atmete nervös den Qualm ein. Da hörte ich Stimmen, die mir bekannt vorkamen. Sie waren es! Wolfgangs Stimme klang laut und schrill, als er sagte: ,,Schaut mal, wo er steht!" Gert meinte: ,,So komme ich nicht mehr an ihn heran." Wolfgang hatte richtig begriffen: ,,Er ist ausgestiegen, damit du ihn nicht im Auto erwischen kannst" Dann meinte Gert auch noch anerkennend: „Er ist gut, und Mut hat er auch.
Er muß mich zuerst gesehen haben und kam hinter mir her." „Meinst du, daß er durchkommt?" „Ich glaube, er schafft es."
Ich hatte abwechselnd Wolfgangs und Gerts Stimme vernommen. Dann hörte ich Bernd sagen: „Wenn er gut ist, kommt er durch" Dann wieder Wolfgang: „Laß ihn heute fahren, weil er so gut war! Aber morgen sollten wir ihn in Patras fertig machen, damit er uns in Deutschland keine Probleme bereitet." Gert schlug dann vor, auch die Fähre zu nehmen und mich dann an Bord fertig zu machen. Sie erwogen auch, Rudolf anrufen, damit er nach Athen fliegt und mich in Piräus abfängt. Bernd meinte daraufhin, daß er mich netterweise noch ein halbes Jahr leben lassen wolle, falls ich es bis nach Deutschland schaffte, und wie die anderen darüber dachten. „Nein", hörte ich Gert sagen, „wenn er Deutschland erreicht, darf ich ihn nicht mehr töten." Dann fragte ihn Bernd noch lachend, was er denn für ein lausiger Killer sei.
Gebannt hatte ich dieses Gespräch verfolgt und wollte nicht glauben, was sich da abspielte. Diese Sache entbehrte jeglicher Logik und geschah doch. Nun wollten diese Kerle auch noch mit an Bord gehen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ebenso wenig, daß jetzt Rudolf anreiste und auch noch mitmischte. Ausgerechnet der! Ein Klassenkamerad, der älteste in der ganzen Clique, immer gut gelaunt und clever. Ein aufgewecktes Kerlchen, von Beruf Computerfachmann, dem es gelungen war, für seine Firma ein paar spezielle Programme zu entwickeln. Er schaffte es sogar, Sicherheitscodes zu knacken und so Einblick in die Daten anderer Systeme zu nehmen. Just for fun! Rudolf der Hacker. Um dieses Talent habe ich ihn immer beneidet, da ich solche technischen Finessen nicht beherrschte und mich dafür auch nicht geeignet fühlte.
Ich bekam wieder Angst. Die Sätze durchkreisten mein Gehirn. Wo steckten nur diese Misttypen? Vorsichtig kroch ich aus meinem Versteck und blickte mich um. Es war nichts zu sehen, aber was hieß das schon. Lediglich ein ganzes Stück weiter unter einem Torbogen am Rande des Platzes stand jemand, der mich möglicherweise beobachtete. Ich wollte es genau wissen. Alle Vorsicht außer Acht lassend, ging ich direkt auf die Gestalt zu, durch den geschwungenen Eingang durch und landete in einer vollbesetzten Pizzeria. Keine Spur von dem Gesindel - keine bekannten Gesichter. Einen Moment lang blieb ich verstört stehen, dann wandte ich mich um und ging zurück zum Anlegesteg. Ich erinnerte mich, irgendwann gehört oder gelesen zu haben, daß man unter dem Einfluß von Drogen erhöhte Sinneswahrnehmungen hatte und auch über eine größere Entfernung hin Worte empfangen konnte. Vielleicht war das tatsächlich so, und ich hatte das eben testen können. Allerdings konnte das Zeug ja nicht ewig wirken, und das irritierte mich. Es war aber möglich, daß die drei in der Nähe des Torbogens standen und sich in meiner Sache berieten. Wie auch immer. Ich mußte mich einschiffen lassen und höllisch aufpassen.
Angespannt - wie immer in letzter Zeit - wartete ich, bis die Fähre eingelaufen war. Ich nahm mir vor, nicht durchzudrehen und in Ruhe zu warten, bis der geeignete Moment kam, so weit wie möglich an das Schiff heranzufahren. Nun stieg wieder Angst in mir hoch und diesmal so stark, daß mir die Nackenhaare senkrecht standen. Sie kroch durch meinen Körper von unten nach oben und umklammerte meinen Hals. Ich konnte kaum atmen, versuchte klar zu denken, aber es gelang mir nicht. Es dauerte schier endlos, bis die Ausschiffung der ankommenden Fahrzeuge über die Bühne gegangen war. Erst als ein LKW die Auffahrt heraufkam, löste sich meine Erregung. Wie geplant, gelang es mir, auf dem Anlegesteg gut nach vorne zu kommen. Ein Kontrolleur überprüfte die Tickets, bevor er die PKW durchwinkte. „Wenn er mir sagt, daß mein Ticket verfallen ist dann ist alles aus!"
Ich war an der Reihe, und der Mann warf einen kurzen Blick auf mein Billet. Dann rief er den Leuten vom Bootspersonal etwas auf Griechisch zu. Er wandte sich wieder mir zu und bedeutete mir mit hastigen Armbewegungen und großem Palaver, mein Auto nach rechts zu steuern und dort abzustellen.
Ich wurde immer nervöser. Meine Hände klebten und auf meiner Stirn perlten Schweißtropfen. „Lieber Gott, lass mich bitte nicht hier hängen!" Um alles in der Welt wollte ich nicht übrig bleiben. Mein Atem ging stoßweise. Ich weiß nicht mehr, was ich alles fühlte. Ich starrte wie das Karnickel auf die Schlange, als ich der Einschiffung zusah, hilflos und abhängig.
Als ich zum Mitteldeck hochsah, bemerkte ich dort eine einzelne Person, die auf Beobachtungsposten zu sein schien. War es Gert? Also doch! Erfuhr mit, war mir auf den Fersen, ließ nicht locker. Die Angst begann mich wieder zu lahmen. Ich schmeckte Blut auf den Lippen. Muß mich wohl gebissen haben. Mein Nervenkostüm flatterte. Sollte ich umkehren? Noch hatte ich Gelegenheit dazu, noch war ich nicht an Bord. Allerdings würde mich das nicht retten, sondern die kommende Konfrontation nur verzögern.
Die Schreie und das wilde Gestikulieren des Kontrolleurs rissen mich aus den Gedanken. Ich konnte auf die Fähre. Nach den Kommandos der Einweiser rangierte ich den Wagen auf das Schiff und stellte ihn ab, wohin sie mich dirigiert hatten. Ich wußte nicht, ob ich aufatmen sollte. Auch meine eigenen Gedanken verursachten mir Wechselbäder. Um nach oben zu gelangen, mußte ich die schmale Treppe vom Autodeck nehmen. Aber was tun, wenn mein Verfolger dort lauerte - mit gezückter Pistole und eiskalt? Er brauchte nach vollbrachter Tat nur ganz unauffällig das Schiff zu verlassen und niemand konnte ihn zur Verantwortung ziehen. Das perfekte Verbrechen!
Ich spielte mit dem Gedanken, mich zu verbarrikadieren, vielleicht in einem anderen Fahrzeug, das versehentlich nicht abgeschlossen war. Es war kühl und ich zitterte. Ich verwarf den Gedanken wieder. Hier hätte Gert ein leichtes Spiel. Wenn er nur sorgfältig genug nach mir suchte, würde er mich irgendwann auf dieser Ebene finden und auslöschen. Während der Fahrt hielt sich hier unten niemand auf, und somit gab es keinen Zeugen.
Nein, die besten Aussichten hatte ich immer noch, wenn ich mich unter die Fahrgäste mischte und darauf achtete, nicht separat herumzustehen. Gert würde es nicht wagen, so direkt vor den Augen anderer Menschen, so cool war auch er nicht. Ich wühlte in meinem Gepäck, sortierte das Wichtigste aus und packte es in einen Beutel. Das Messer steckte ich dazu und griff nach meinem Schlafsack. Den nächsten Mitreisenden, die den Weg nach oben nahmen, wollte ich auf dem Fuß folgen. Eine Weile geschah überhaupt nichts. Das Parkdeck war jetzt vollbesetzt und alles unter Dach und Fach. Die Einschiffung war beendet, und die Fähre mußte in Kürze ablegen.
Endlich kamen drei Passagiere an mir vorbei und gingen die Treppe hoch. Erleichtert stieg ich hinterher und gelangte so unbehelligt an Deck. Von Gert war nichts zu sehen. Ich suchte den Raum mit den Pullmansitzen und hielt nach einem Platz in der Mitte Ausschau. Außer schlafenden Travellern konnte ich nichts entdecken. Alles schien friedlich. Zuerst wollte ich mich etwas ausruhen, denn das war dringend nötig. Später konnte ich die Decks systematisch durchkämmen.
Das sanfte Rollen machte mich schläfrig, und mein Bewußtsein rutschte langsam weg. Ich träumte von Wogen, die über mir zusammenschlugen, von einsamen endlosen Gassen, die im Zick-zack-Kurs verliefen und nirgendwohin führten, von Menschen, die mich mit leerem Blick anstarrten und stumm den Kopf schüttelten. Ich wollte schreien und brachte doch keinen Ton heraus. Ich träumte von Gert, der über mir hämisch grinste und sich an seinem schwarzen Schnurrbart zupfte. Seine stechenden Augen verfolgten mich. Ich war so schwer geworden und konnte mich kaum noch bewegen. Gelächter dröhnte in meinen Ohren, als säße ich in einem großen leeren Haus, - alles grau und oliv Farben, dann kalkweiß. Das Meer rauschte in meinem Schädel. Dann blitzte ein Messer und wurde so lang wie ein Schwert, bis es zerbrach und in tausend Stücke fiel.
Ich wachte auf, rieb mir die Augen und erinnerte mich wieder, wo ich war. Das Schiff schwankte ein wenig, und das Rumpeln der schweren Maschinen dröhnte bis hier herauf. Ich sah nach der Zeit. 3.30 Uhr! Mein Schlaf war nur kurz gewesen. Ich verließ leise den Raum und schlurfte zur Reling. Was sollte ich tun, wenn ich Gert fand? Ihn in ein Gespräch verwickeln, weshalb er mich umbringen wollte? Sollte ich zum Kapitän gehen und um Hilfe bitten, so daß der mich dann sicher für einen Irren hielt?
Von den Strapazen geschwächt, wankte ich benommen das Deck entlang. Kaum jemand war wach. Teils hatten sich die Reisenden auf den Bänken, teils auf dem Boden in ihre Schlafsäcke eingerollt. Einige schnarchten. Ich studierte mehrere Gesichter. Viele waren nicht zu erkennen, da sie sich eine Decke über den Kopf gezogen hatten. Das ärgerte mich, aber ich wagte nicht, den Stoff zu lüften, um genauer hinzusehen.
Als ich mir etwa die Hälfte aller Passagiere angesehen hatte, hörte ich Bernds Stimme: „Da ist er ja! Hat er das Messer dabei?" Ich drehte mich um und entdeckte ihn, wie er neben Wolfgang im Schlafsack lag und den Arm auf dem Boden aufstützte. Bernd hatte sich abgewandt und zischte Wolfgang zu: „Schau nicht hin!" Wolfgang antwortete daraufhin: „Warum nicht? Rolf kann ja gar nichts machen. Wir sind auf einer anderen Ebene!" Er lachte leise. Irritiert ging ich weiter und glaubte zu halluzinieren. Wieso waren die beiden an Bord und Gert nicht? Die Sache war doch ganz anders abgesprochen. Und was sollte das Gequatsche von einer anderen Ebene? Ich hatte sie doch ganz deutlich gesehen und gehört. Oder spielten mir hier meine Nerven einen bösen Streich? War ich so verrückt vor Angst, daß ich die Gesichtszüge in andere Menschen hineininterpretierte? Verunsichert ging ich auf meinen Platz zurück. Alles schlief. Die Luft war stickig und heiß. Obwohl ich todmüde war, versuchte ich wach zu bleiben. Ich rollte meinen Schlafsack auf dem Boden zwischen den Sitzen aus und legte mich hinein. Sofort muß ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Die Nacht war unruhig. Wirre Träume suchten mich heim und unterbrachen meinen Tiefschlaf.
Am frühen Morgen, die Sonne ging gerade auf und die Dämmerung zauberte eine wunderschöne Färbung an den Horizont, hörte ich ganz deutlich, wie sich ein paar Sitzreihen weiter Bernd und Wolfgang in gemütlichem Plauderton unterhielten. „Wir warten, bis er wach ist, und dann besprechen wir mit ihm die ganze Sache!" Sollte das heißen, daß sie sich einen üblen Scherz mit mir erlaubt hatten? Ich wußte nicht, ob ich erleichtert oder wütend sein sollte. Meine Gefühlslage schwankte ebenso wie die Fähre. Noch war ich bereit aufzustehen. Ich wollte mich sammeln. Das war eine neue Situation! Langsam schlummerte ich wieder ein. Als ich wieder aufwachte, fühlte ich mich wohl, - ja fast heiter. Ich richtete mich auf, streckte meine Glieder und hielt Ausschau nach den anderen, konnte sie aber nicht entdecken. Die meisten Mitreisenden schliefen noch. Die beiden wohl auch.
Um sie auf mich aufmerksam zu machen, folgte ich meinem Impuls und rief in ihre Richtung: „Hey, ihr Killer!" Keine Reaktion. Niemand antwortete. Ein paar der vor sich hin dösenden Leute schauten ungehalten. Die beiden waren an Deck gegangen. Vielleicht saßen sie beim Frühstück. Ich packte meine sieben Sachen zusammen und trollte mich. Es war etwa sechs Uhr. Die meisten Passagiere befanden sich bereits an Oberdeck. Die Ankunft in Piräus sollte in einer Stunde stattfinden. Auf der Backbord- wie auch auf der Steuerbordseite konnte man schon sehr deutlich das Festland sehen. Ich setzte mich auf eine Bank, genoss die frische Brise und die wechselnde Aussicht. Mein Kopf war frei. Ich fühlte mich erholt. Im Moment hatte ich auch keine Lust, die beiden Kerle zu suchen, um mich mit ihnen über den ganzen Mist zu unterhalten. Doch je näher der Zeitpunkt des Anlegens rückte, desto mehr verschlechterte sich meine Stimmung.
Diese seltsame Spannung im Schädel stellte sich wieder ein. Ich brauchte Bewegung und lief das ganze Schiff auf und ab. Nirgends fand ich die beiden. Sollte ich mich getäuscht haben? Da hörte ich wieder ihre Stimmen: ,,Er sucht uns, weil er glaubt, wir wären auf der Fähre!" ,,Er scheint noch immer nicht begriffen zu haben, daß dies kein Spaß ist!" „Vielleicht sollten wir ihm ein bißchen helfen? Wir haben ihn schließlich einfach losgeschickt, und er weiß von nichts. Er hat noch nicht einmal eine Ahnung, daß es um sein Leben geht."
Einen Moment schwiegen sie. Es waren die Stimmen von Bernd und Wolfgang. Dann ging es weiter: „Rudolf dürfte noch nicht in Piräus sein. Rolf wird bestimmt zur Fähre nach Patras aufbrechen, weil er seine Karre nicht stehen läßt." „Glaubst du? Ich könnte mir vorstellen, daß er nach von Athen fährt und dann mit einem Flugzeug aus Griechenland abrauscht. Er hat nur vier Tage Zeit." „Rudolf wird wohl erwarten, daß Rolf nach Patras fährt. Er kann ihn nicht leiden. Er will ihn haben. Kürzlich sagte er mir, er hätte nichts dagegen, wenn Rolf über Bord geht und dabei ersäuft!"
Mir stockte der Atmen. Ging dieser Horror schon wieder weiter, gerade jetzt, wo ich schon so weit war zu glauben, es handle sich um einen üblen Spaß? „Entweder er ersäuft, oder Rudolf schneidet ihm die Kehle durch". Sein Ton war hämisch. Jetzt hörte ich wieder die Stimme von Wolfgang: „Glaubst du, Rudolf kommt rechtzeitig in Piräus an?" ,,Keine Ahnung. Wenn sein Flug nach Athen nicht geklappt hat, ist er eventuell nach Thessaloniki geflogen. Von dort aus kommt er schnell mit einem Mietwagen nach Patras." „Wann geht dort die Fähre?" „Heute Nacht um 24.00 Uhr. Das schafft er." „Warte mal! Rolf hat jetzt gemerkt, daß es um sein Leben geht. Er hat das Spiel begriffen. Was sagt der Computer?" „Schlechte Werte." „Meinst du, wir kriegen das wieder hin? Wir können ihn höchstens noch viermal einschalten."
Dieser Dialog zwischen Wolfgang und Bernd betäubte mich. Der Zustand in meinem Gehirn wurde unerträglich. Wenn das nicht aufhörte, würde ich ohnmächtig werden, daß spürte ich.
„Zeig ihm die Karte!" Schon wieder die Stimme von Bernd! Jetzt ging ich vom Außen- zum innendeck und entdeckte sofort eine große Wandkarte von Griechenland. Mir war klar, daß ich den nächst besten Weg finden mußte, Griechenland zu verlassen. Je eher, desto besser. Irgendwo würde ich auf Rudolf treffen und dann kam es zum Kampf, das stand außer Frage. Ich hörte auch zum ersten Mal, daß Rudolf mich nicht ausstehen konnte. Ich dachte im Gegenteil er sei mein bester Freund! Ich wußte nicht, wie ich das alles einordnen sollte, woher dieser Umschwung kam. Diese Ohnmacht lähmte mich, machte mich fast verrückt. Mir blieb nur der Gedanke an Flucht.
Eineinhalb Tage Aufenthalt auf der Fähre ab Patras! Eine entsetzliche Vorstellung. Da war es besser, das Schiff von Igou-menitsa zu nehmen und eine kürzere Überfahrt zu haben. Während ich überlegte, verschlimmerte sich mein Zustand derart, daß ich zum Schluß überhaupt nicht mehr fähig war, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Auch die anderen schienen das bemerkt zu haben, denn Bernd sagte jetzt, daß der andere mal schauen sollte, was der Computer anzeige und ob man ihn nicht abschalten solle. Es hätte ja doch keinen Zweck mehr.
Irgendwie schien ich mit ihnen telepathisch in Verbindung zu stehen, soviel hatte ich mittlerweile kapiert. Allerdings hatte ich nicht den geringsten Schimmer, wie das funktioniert. Auf welche Weise konnten sie mich überhaupt über diesen Computer überwachen? Was bedeutete das Wort: „Abschalten"? Bedeutete das am Ende meinen Tod?
Unter Aufbringung aller Willenskräfte, die mir noch zur Verfügung standen, versuchte ich, mich zu konzentrieren, um eine Strategie für mein Überleben zu entwickeln. Sie schienen noch damit beschäftigt, meine Computerwerte zu analysieren. Ich hörte Bernd sagen: ,,Schau dir mal seine Hirnströme an! Das sieht nicht gut aus. Meinst du nicht, daß er zu alt ist für solche Spielchen?" „Da! Er ist bereit, auf sein Auto zu verzichten. Er hat einen guten Plan!" Das war Wolfgangs Stimme.
Nun hatte ich mein Konzept! So wie es aussah, rechneten alle fest damit, daß ich mich auf den Weg nach Patras machte. Also würde ich das nicht tun. Ich beschloss, eine andere Route zu nehmen, und zwar von Piräus über Thebai und Lania nach Larissa und von dort nach Thessaloniki. Auf der letztgenannten Strecke würde ich Rast machen und mich irgendwo in der Provinz verstecken. Danach würde ich in Thessaloniki den Wagen stehen lassen und per Flugzeug nach Deutschland reisen. Das Auto konnte ich später holen lassen. Jetzt ging es darum, meine Haut zu retten, die mir lieb und teuer war.
Rudolf würde vergeblich in Patras nach mir suchen. Auf die Art konnte ich ihn austricksen. Selbst wenn ich nicht die Maschine ab Thessaloniki nähme, könnte ich versuchen, auf dem Landweg über Jugoslawien Deutschland zu erreichen. Möglicherweise würde Rudolf auch zwei Tage in Patras warten, weil er annahm, ich müßte dort die Fähre besteigen. Einen Augenblick lang fühlte ich Euphorie. Ich war sehr zufrieden mit mir! Jetzt machte sich Bernd wieder bemerkbar. „Wenn er das Programm durchzieht, hat er gewonnen, auf die Idee kommt Rudolf nie!"
Das eben Gehörte bestätigte mich, und ich schöpfte wieder Hoffnung. Jetzt kam es nur noch darauf an, ob mein potentieller Mörder Piräus noch nicht erreicht hatte. Ich war erleichtert, daß ich nur noch einen Gegner hatte. Die übrigen schienen neutral zu sein und beobachteten die Chose nur auf dem Bildschirm. Ich konnte mich täuschen, aber ich hatte sogar den Eindruck, daß Bernd und Wolfgang ein wenig auf meiner Seite standen. Mich durchzuckte die Idee, die Städtenamen meiner Route zu notieren, - da hörte ich Wolfgang sagen: „Nichts aufschreiben!" Daraufhin ließ ich es bleiben. Mir wurde wieder bewußt, daß ich mich noch an Bord befand, als ich vernahm, wie hinter mir in der Nähe der Reling ein Junge auf Deutsch diesen Satz sagte, den ich schon einmal gehört hatte: „Der ist auf einer anderen Ebene!" Eine ältere Frau erwiderte, ebenfalls auf Deutsch: „Was sagst du? Der steht doch unter Drogen!"
Bevor ich mich zu den beiden umdrehen konnte, wurde ich durch die englischen Worte eines Besatzungsmitglieds abgelenkt, der, mit schwarzer Hose und weißem Hemd bekleidet, zwei Meter weiter stand. „Yes, he is on the Killertrip. If he's good, he comes. But if the Killer is in Piräus ..." Er vollführte mit der flachen Hand die Bewegung des Durchschneidens der Kehle. Ich wandte mich ab, tat so, als hätte ich nichts von dem mitbekommen, was sich eben ereignet hatte, und ging auf das Achterdeck. Mir war sehr wohl klar, daß ich in der Scheiße steckte, - feiner war das nicht zu beschreiben.
Angestrengt durchforstete ich die Gesichter der am Ufer Wartenden, aber Rudolf war nicht auszumachen. Jetzt schalteten sich die Mitspieler wieder ein: ,,Falls Rudolf schon da ist, wird er alles dransetzen, Rolf im Auto zu erschießen, ohne daß jemand etwas bemerkt" Bernd antwortete Wolfgang: ,,Rolf kann sich wehren und versuchen, Rudolf mit dem Wagen zu überfahren, wenn er sich ihm nähert. Dann ist das Spiel zu Ende!" Wolfgang konterte: „Das könnte schon sein, aber ich untersteile, daß Rolf nicht die Nerven dazu hat. Er ist in der Hinsicht gehemmt und wird es nicht wagen. Vor allem - und das ist der Knackpunkt an der Sache - er weiß ja nicht, daß sich alles auf einer anderen Ebene abspielt und ihm selbst nichts geschehen kann, wenn er Rudolf überfährt."
Mit dem eben registrierten Dialog konnte ich nun überhaupt nichts anzufangen. Langsam wurde mir das alles zu verwirrend. Ich wollte so gern eine Pause machen und nur noch glauben, was ich sehen und anfassen konnte. Genug des Gefasels von Ebenen und Erschießen und Abschalten. Es reichte!
Ich beschloß, mich nun um die nächstliegende Realität zu kümmern, und wartete so lange, bis die meisten Wagen die Fähre verlassen hatten. Dann machte ich mich auf zum Autodeck, das schon relativ leer war. Mein Golf stand allein in diesem Teil, nur im vorderen verblieben noch wenige andere Fahrzeuge. Der Rest ging zügig voran, und ich fuhr so schnell wie möglich von der Anlegestelle zur Hauptstraße, die nach Patras führte. In Piräus mußte ich mir dann eine Karte besorgen, denn in meinem Autoatlas war der Maßstab zu groß und es waren leider nur die Hauptstraßen eingezeichnet. Um meine ohnehin nicht berühmten Chancen zu verbessern, mußte ich genau informiert sein.
Dienstag, 16. Januar 2007
Killertrip Teil 1
Hallo allerseits,
ich möchte heute damit beginnen, eine äußerst seltsame und merkwürdige Geschichte zu erzählen, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Die Geschichte ist bewußt in der Ich-Erzählform geschrieben, um die Anteilnahme des Lesers zu steigern. Den gesamten Text, werde ich in den nächsten Wochen hier posten.
Teil 1
Als die Story begann, war ich bereits eine Woche lang mit meiner Clique in Griechenland unterwegs. In diesem Urlaub, auf den wir uns alle schon sehr gefreut hatten wollten wir uns voll unserem Hobby, dem Windsurfen, widmen und suchten uns geeignete Buchten. Bis dato hätte ich unsere Gruppe so beschrieben: jung, fröhlich, locker, unkompliziert und erprobt kameradschaftlich. Diese Meinung sollte sich ändern!
Wie jeden Abend schlenderten wir auf der Suche nach einem Lokal für unseren Nachtschluck durch die reizvolle Hafengegend. Diesmal waren wir nur zu dritt, da der Rest der Bande bereits zum Strand zurückgefahren war. Es lag ein besonders heißer Tag hinter uns, so daß sich die Kumpels schon vor der Zeit in ihre Wohnmobile und Zelte zurückgezogen hatten.
Wir entschieden uns für ein brechend volles Restaurant mit fröhlichem Publikum. Es roch nach schwerem Öl, Gewürzen und Tabakqualm. Die Leute waren laut und dem Alkohol zugetan. Wir standen dem in nichts nach und prosteten uns zu.
Als ich, nachdem ich vorher schon drei Gläser Wein getankt hatte, meinen vierten Ouzo leerte, entdeckte ich auf dem Grund des Glases etwas, das wie feinkörniges graues Pulver (oder Zigarettenasche) aussah. Hatte ich mich am Drink eines anderen vergriffen? Möglicherweise flößte mir hier jemand etwas ein? Ich ließ den Rest stehen und beachtete den Vorfall nicht weiter.
Gegen Mitternacht schwankten wir zum Strand zurück und ich rollte mich in eine Decke auf dem Rücksitz meines Wagens und versuchte zu schlafen. Dabei machte ich eine seltsame Beobachtung. Meine Gedanken waren auf eine beunruhigende Weise glasklar. Ich erinnerte mich an den Vorfall mit diesem mysteriösen Pulver und dachte an Rauschgift. Ich blieb die Nacht schlaflos.
Am nächsten Morgen befand ich mich in äußerst gereizter Stimmung und überlegte, ob ich nicht noch am gleichen Tag abreisen sollte. Ich wechselte später auch meinen Standort unter Umständen, die mir Gänsehaut verursachen sollten, aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen! Der Tag war nach meinem Gefühl noch heißer und drückender als sonst - als ob die Luft stehenblieb und kein Hauch sich regte. Ich genoß den Duft der vielen Eukalyptusbäume. Das war auch der Grund, warum ich neben solch einem knorrigen Exemplar parkte. Mir war überhaupt nicht nach Surfen zumute. Nicht einmal nach Baden. Ich wollte allein sein, vor mich hin dösen, Schlaf nachholen. Nichts tun. Einfach Siesta halten, etwas, das die Südländer perfekt beherrschen. Ich hatte nur kopfschüttelnd abgewunken, als meine Freunde mich fragten, ob ich mit ans Meer kommen wollte.
Mein Zeitgefühl war weg. Keine Ahnung, wie lange ich abgetaucht war, als ich es mir auf meiner Luftmatratze bequem gemacht hatte. Der Tag verflog, die Dämmerung machte sich bemerkbar. Wolkenfetzen färbten sich zartrot, mischten sich mit Grau und einem dunkleren Blau. Langsam löste sich das Himmelsbild auf. Obwohl ich noch nichts gegessen hatte, machte sich kein Hunger bemerkbar. Gegen acht Uhr wollten wir uns in unserem Stammlokal treffen. Ich raffte mich auf, zog mich an, steuerte Noussa an und schlenderte dort herum. Ich kaufte Postkarten, bis mich meine Freunde mit einem lauten ,,Hallo" begrüßten. Wir gingen ins Lokal, wo sie schon einen Tisch reserviert hatten. Ich suchte noch schnell die Toilette auf. Diese Örtlichkeit war kein angenehmer Ort. Kein Papier und ein Wasserhahn, der eine undefinierbare Brühe ausspuckte. Ich wischte mir die Hände an den Hosen ab und würgte.
Als ich zurückkam, unterhielten sich alle angeregt und laut, um den allgemeinen Lärmpegel zu übertönen. Dann geschah etwas Ungewöhnliches. Bernd griff zu einer der Flaschen, als Wolfgang ihn am Arm festhielt. „Laß sie stehen! Das ist doch die von Gert präparierte!" Er zuckte zurück, nahm eine andere und goß ein. Ich war beunruhigt. Hatte ich etwas falsch verstanden? Oder mir etwas eingebildet?
Der Salat schmeckte fad. Nur Öl, keine Würze. Ich salzte nach. Meine Kehle war trocken, und ich griff nach einer Flasche. Ich nahm einen satten Schluck von dem schäumenden Bier. Da explodierte etwas in meinem Kopf. Der Verstand war wie ausgelöscht. Weg. Nichts. Mattscheibe! Es dauerte, bis ich meine Umgebung wieder einigermaßen wahrnehmen konnte. Langsam wurden die Umrisse wieder konkret. Mich übermannte Angst, und ich hörte wie von weit her Gert sagen: „Ihr könnt anfangen!" Wolfgang antwortete erschrocken: ,,Der ist wohl verrückt geworden. Der hat tatsächlich Rolf eingeschaltet. Wenn er vor ihm nicht haltmacht, dann vor niemandem mehr auch nicht vor uns!"
Ich hörte Bernd sagen: „Jetzt kommt es schon nicht mehr darauf an - und vergiß nicht - uns kann schließlich nichts passieren! Rolf wird sicher gleich nach Parikia fahren. Sollte er zur Polizei gehen, erklären wir ihn einfach für verrückt." Er rückte seine runde Brille zurecht und atmete tief. „Wenn er stattdessen ins Hospital marschiert, lauern wir ihm dort auf und machen ihn fertig, noch ehe er ein Wort sagen kann!" Einen Augenblick hielt er inne, und über seinem Gesicht breitete sich ein zufriedenes Grinsen aus. „Auch wenn er zum Strand geht und sein Surfbrett holt, fangen wir ihn unterwegs ab." Seine Stimme wurde leise.
Mir war überhaupt nicht klar, was hier vorging. Ich glaubte an eine Sinnestäuschung, als ich plötzlich erneut Gerts Stimme hörte. „Er darf die Fähre nicht erreichen. Ich erschieße ihn spätestens, wenn er sich in die Warteschlange der PKW ein- reiht. Der Schalldämpfer ist sicher und verschluckt jeden Laut. Kein Mensch wird etwas mitkriegen." „Nur wenn er versuchen sollte, das Morgenschiff zu nehmen, hätte ich ein Problem. Ich schieße nicht gern bei Tageslicht!"
In mir stieg langsam aber sicher Todesangst auf. Ich fühlte mich verdammt allein und verwirrt. Wehrlos! Mein Herz fing an zu rasen. Blut schoß mir in den Kopf. Hatte man mir Gift oder Drogen verabreicht? Bildete ich mir das alles ein? Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Etwas wacklig stand ich auf. „Mir ist schlecht", sagte ich leise. „Ich gehe ein paar Schritte an die Luft." Wolfgang und Bernd warfen mir einen seltsamen Blick zu. Als ich die Terrasse des Restaurants verließ, hörte ich jemanden flüstern: „Wenn er bis neun nicht wieder da ist, fahren wir nach Parikia ..."
Ich riß mich zusammen und bog rechts ab und fing an zu laufen. Nach kurzer Zeit hatte ich meinen Wagen erreicht. Einen Moment erleichtert stieg ich ein und atmete auf. Nichts wie weg hier! Auf Zelt und Surfbrett konnte ich notfalls verzichten. Jetzt ging es um mein Leben! Das mich meine eigenen Freunde, die ich schon so lange kannte, töten wollten, mußte erst verarbeitet werden. Doch warum, blieb vorerst offen.
Obwohl ich sehr schnell Richtung Parikia fuhr, versuchte ich konzentriert zu bleiben. Es durfte nichts dazwischen kommen. Bloß kein Unfall! Mehr Probleme konnte ich mir nicht leisten. Was war zu tun? Die Polizei informieren, einen Arzt aufsuchen?
Ich brauchte für die Strecke eine halbe Stunde, suchte einen Parkplatz und ging zur Ortsmitte. Der erste Passant, den ich nach der Polizei fragte, gab mir nur eine vage Antwort. Nachdem ich noch andere Leute ansprach, erhielt ich endlich eine Beschreibung des Weges, fand das Revier, stürmte die Treppen hinauf und klopfte an die erste Tür. Irgendjemand raunte, und ich betrat das Zimmer. In dem kargen Raum saßen außer dem Be amten ein Mann und zwei Frauen herum und alle sahen mich verwundert an. Hastig erzählte ich in halbwegs passablem Schulenglisch, daß man mich vergiften wolle und ich dringend einen Arzt brauchte. Eine der jüngeren Griechinnen lachte auf, hielt aber sofort inne, als sie den gehetzten Ausdruck in meinem Gesicht wahrnahm. Ihre Miene wurde unsicher - sie verstand wohl, daß es mir ernst war. „Gleich in unmittelbarer Nähe gibt es ein Krankenhaus" meinte der Polizist, griff zum Telefon und wählte eine Nummer. „Der Doktor weiß Bescheid, daß Sie kommen."
In seiner ruhigen Art, die mir gut tat, erklärte er mir den Weg. Gott sei Dank fand ich das Hospital, das wirklich nur wenige Minuten entfernt lag und auch das Zimmer, wohin man mich bestellt hatte. Der jüngere der beiden Mediziner hörte mir zu, was ich zu berichten hatte, und wandte sich in Abständen seinem Kollegen zu, um ihm den Sachverhalt auf Griechisch zu übersetzen. Ich bat darum, mich auf Drogen abzuschecken. Nach einer kurzen routinierten Untersuchung betrachteten beide intensiv meine Augen. „Ich kann leider nichts feststellen", sagte derjenige, der auch ein recht gutes Englisch sprach. „Ihren Schilderungen nach könnte es sich bei den aufgetretenen Symptomen um LSD oder eine verwandte Droge handeln. Ein genaues Ergebnis können Sie erst bekommen, wenn wir einen Bluttest gemacht haben." Er stockte und sprach weiter: „Das wird aber ein bis zwei Tage dauern". Er sah mich besorgt an. Ich muß wohl verzweifelt gewirkt haben und antwortete: „Das dauert mir zu lang - ich stehe die Warterei nicht durch!" „Ich versteh sie ja junger Mann. An ihrer Stelle würde ich Griechenland so bald als möglich verlassen. Zuhause in Deutschland werden Sie sich sicher fühlen. Lassen Sie sich von Ihrem Hausarzt dort ansehen und dann kommt alles in Ordnung!" Seinen Worten folgte ein aufmunterndes Lächeln, das ich dankbar quittierte.
Ich verabschiedete mich mit markigem Händedruck und kehrte zu meinem Wagen zurück. Ob sich die anderen um mein Surfbrett kümmerten wußte ich nicht. Die unguten Gedanken kamen wieder und erneut packte mich Unruhe. Ich mußte weg.
In einem Cafe, das scheinbar häufig von Touristen frequentiert wurde, wie ein paar bunte Aufkleber internationaler Reisegruppen an der Eingangstür zeigten, fragte ich nach der Abfahrtszeit der nächsten Fähre. Der Mann hinter dem Tresen war gerade dabei Gläser zu polieren und sagte in gebrochenem Deutsch: „Um 23 Uhr geht ein Schiff. Jeden Tag. Wollen sie nicht noch bleiben? Schön in Griechenland!" Wenn der wüßte! Seine Naivität hatte für mich im Augenblick sogar etwas Komisches. Ich grinste und schüttelte den Kopf. Jetzt war es 21 Uhr, noch zwei Stunden, dann war es soweit.
Draußen war es bereits dunkel. Ich hatte mir noch nicht einmal einen Kaffee gegönnt. Ich war angespannt bis zum Zerreißen. Die nächsten Schritte mußten gut überlegt werden. Sollten die Brüder wirklich jetzt losfahren, waren sie in einer halben Stunde hier. Ich mußte mir sofort ein Ticket kaufen, bevor sie den Hafen erreichten. Ich kramte Geld hervor und ging zum ersten Buchungsbüro. „Tut mir leid", sagte das Mädchen hinter dem Schalter mit einem charmanten Augenaufschlag, „wir sind leider ausgebucht für heute Nacht!" Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen und spürte, wie sich meine Schultern verspannten.
„Ruhig bleiben!" ermahnte ich mich, als ich aus der Tür trat. Ich atmete die Abendluft ein und zwang mich gelassen zu bleiben. Sollte ich für heute bleiben müssen, gäbe es erst morgens um 7 Uhr die nächste Abfahrt. Das hätte den Vorteil, daß mich die Helle des Tages schützen würde, wie Gert gesagt hatte: „Ich schieße nicht gern bei Tag!" Bei dem Gedanken stellten sich meine Nackenhaare auf. Das würde allerdings auch bedeuten, daß sie die ganze Nacht zur Verfügung hatten, mich umzubringen.
Ich war zu erregt und weigerte mich, diese Vorstellung konkret werden zu lassen. Nein, ich würde nicht aufgeben! Sollte es zu einer Konfrontation kommen, dann heute. Entschlossen ging ich die Straße weiter und betrat das nächste Schiffahrtsbüro. Ich hatte Glück! Alles schien jetzt wieder so einfach, und meine Lebensgeister erwachten. Ich steckte mein Ticket in die Tasche und wurde etwas ruhiger.
Jetzt war es 21.30 Uhr. Sie konnten möglicherweise schon in der Hafengegend sein und mich suchen. Vorsichtig um mich spähend, machte ich mich auf den Weg. Inzwischen schlenderten ganze Massen von Touristen auf und ab und die Lokale waren voll besetzt. Dinnertime auch für die Griechen, die teilweise ihre Kinder mit dabei hatten und sowieso erst um diese Zeit die Restaurants betraten.
Wenn ich mich nicht in dieser verfahrenen Situation befunden hätte, wäre das ein schöner Urlaubsabend, den man hätte genießen können. Planlos Spazierengehen, sich von den Lichtern faszinieren lassen, Leute beobachten, irgendwo einkehren, ein nettes Gespräch anfangen, mit hübschen Mädchen flirten -nichts davon war mir möglich. Irgendwie hatte ich das nicht verdient. Ich schwelgte in Selbstmitleid und wollte aus diesem Alptraum aufwachen.
Die rechte Straßenseite war voll geparkt mit Autos, die alle auf die Fähre warteten. Der Griff nach meinen Papieren in der Tasche beruhigte mich. Inzwischen hatte sich sogar Hunger entwickelt und ich beschloß essen zu gehen. Am besten schien mir, in der Nähe des Wagens zu bleiben. Ich wollte mich in Deckung halten und mischte mich unter die Touristen. Da fiel mir ein, daß ich in meinem Gepäck ein Messer hatte. Als ich bei meinem Vehikel ankam, öffnete ich die Hecktür und begann fieberhaft zu suchen. Ich wurde fündig! Da lag es - in einem Seitenfach meines Sportbags und glänzte mir entgegen. Ich ließ es zunächst im Auto und plazierte es griffbereit, aber verdeckt rechts neben dem Fahrersitz und schloß ab. Dann schlenderte ich, betont locker, die Straße hinunter, um mir eine Gaststätte zu suchen die meine Magennerven beruhigte, die Augen immer wach nach links und rechts gerichtet. Ich landete in einer der zahlreichen billigen Kneipen, in welchen man tadellosen Fisch essen konnte. Meine Ansprüche waren nicht hoch und ich hoffte, daß mit der Körperstärkung auch mein Optimismus wiederkehrte.
Ich suchte mir einen Stuhl, von dessen Platz aus ich die gesamte Straßenszene beobachten konnte, selbst aber getarnt blieb, da ich mich zu einer Gruppe junger Skandinavier gesellte.
Bis zur Abfahrt meiner Fähre hatte ich noch eine gute Stunde Zeit zur Verfügung, genug, um in Ruhe meine Mahlzeit einzunehmen und doch noch die relativ weite Strecke zur Anlegestelle zu schaffen. Je mehr die Zeit verstrich, während ich aß, desto unruhiger wurde ich. Obwohl der Schwertfisch, den ich bestellt hatte, frisch vom Grill kam, das Zaziki pikant schmeckte und das Bier dazu nicht übel war, entging mir bei alledem der Genuß. Stattdessen stieg mein Adrenalinspiegel. Meine Stimmung rutschte auf den Nullpunkt, die Gedanken begannen sich zu überschlagen und mit mir Karussell zu fahren. Die Angst schwappte mit einem mal hoch und lahmte meinen Verstand. Ich mußte raus hier.
Eilig winkte ich dem Ober und zahlte hastig meine Rechnung. Fast rannte ich aus dem Lokal! Die frische Luft und Bewegung taten mir gut. Die Dunkelheit nutzend, ging ich in flotten Schritten zurück zum Auto. Es war anzunehmen, daß die anderen, mindestens aber Gert, mittlerweile nach mir suchten. Die Jagd hatte begonnen!
Ich wurde wütend. „Ihr Schweine", dachte ich mir, „was soll das Ganze? Ihr seid wohl verrückt geworden!" Mein Campingmesser, das zunächst für alles andere als zur Verteidigung gedacht war, schien mir doch relativ harmlos, verglichen mit den Mitteln, mit denen man auf mich losgehen wollte. Mit einer Schußwaffe hätte ich größere Chancen, aber ich konnte schlecht einen Polizisten niederschlagen, um mir dessen Revolver anzueignen.
Es mußte jetzt bald soweit sein. Das Schiff war längst in Sichtweite und näherte sich langsam dem Hafen. Es kam Leben in die wartende Menge. Die Leute drängten sich in einer Woge zum Kai.
Ich hielt mich zwischen parkenden Autos auf, von wo aus ich die Angelegenheit gut im Auge hatte, mich selbst aber schnell ducken konnte, sollte ich einen meiner Verfolger ausmachen. Um wenigstens etwas in der Hand zu haben, entschied ich mich, mein Messer zu holen. Ich klemmte es unter mein Hemd in den Gürtel meiner Jeans, wo es durch Öffnen eines Knopfes gut erreichbar war. Ich wartete in der Dunkelheit und beobachtete meine Umgebung. Die Zeit verstrich endlos langsam.
Jetzt hatte die Fähre ihre Endposition erreicht. Hell beleuchtet hob sie sich von den Schatten der Nacht ab. Ich überlegte mein weiteres Vorgehen. Keinesfalls durfte ich in der Warteschlange stehen. Es wäre ein leichtes für Gert, ganz einfach und unbemerkt im Vorbeigehen auf mich zu zielen. Der Schalldämpfer würde verhindern, daß jemand aufmerksam und damit zum Zeugen wurde. Ich mußte in Bewegung bleiben und dann als letzter auffahren. Dies schien mir der einzig gangbare Weg zu sein. Mein Plan stand fest. Bis zur Einschiffung hatte ich noch eine halbe Stunde. Ich bemühte mich, die schleichende Angst zu unterdrücken. In meinem Kopf baute sich wieder dieser eigenartige Spannungszustand auf, der vielleicht doch auf die Droge zurückzuführen war. Aber das half mir nichts, da es nicht zu ändern war. Die Minuten tropften dahin.
Endlich rührte sich etwas. Die ersten Fahrzeuge wurden gestartet, Scheinwerfer blitzten, in die Warteschlange kam Bewegung. Jetzt hielt mich nichts mehr in meinem Versteck. Mein Herz pochte wild.
Ich schlich zu meinem Auto, öffnete die Tür und ließ den Motor an. Außer ein paar Fußgängern konnte ich niemanden bemerken. Ich steuerte langsam in Richtung der Anlagestelle. Schon von weitem konnte ich sehen, daß die letzten Fahrzeuge der Reihe immer noch am selben Platz standen. Es ging wohl nicht so schnell voran. Kurz vor dem Einfädeln schlug ich einen Haken und bog links in die nächste Straße ein. Einmal um den Häuserblock, dann zurück zu meinem alten Parkplatz. Jetzt geradeaus weiter, um den Anschluß zu suchen, mich meinem Ziel zu nähern. Das geöffnete Deck sah aus wie ein riesiges Maul, das einen Wagen nach dem anderen verschluckte.
Für mich wurde es kritisch, da ich sichtbar war für jemanden, der mir hier auflauerte. Meine Taktik war für die Brüder durchschaubar. Zügig fuhr ich am Steg vorbei und wiederholte das Manöver, kurvte noch einmal um den Block. Ich hatte ja gesehen, daß noch mindestens 30 Autos anstanden. Beim nächsten Anlauf mußte es klappen. Meine Angst war verflogen, die Anspannung allerdings geblieben.
Da ich die Gegend nun schon recht gut kannte, fuhr ich ein paar Schlenker und machte Umwege, bis ich die Hafenstraße wieder anpeilte. Ich hatte erwartet, daß die Autos der zweiten Schlange inzwischen eingeschifft seien. Doch meine Enttäuschung war groß, daß diese Reihe noch nicht abgefertigt schien. Ich beruhigte mich mit Stau- und Verladeproblemen und mußte die Prozedur noch einmal wiederholen. Ich stoppte den Wagen und starrte zum Schiff hinüber. Blankes Entsetzen packte mich. Fassungslos mußte ich zusehen, wie es sich immer mehr entfernte. Sekundenlang setzte mein Denken aus. Tiefe Hoffnungslosigkeit erfaßte mich. Das durfte doch nicht wahr sein!
Ich hatte mich selbst in mein Unglück manövriert. Die vermeintliche Reihe war keine, die zur Abfahrt drängte, sondern eine Parkzone. Mir war, als gäbe der Boden unter meinen Füßen nach. Ich umklammerte mit beiden Händen verzweifelt das Lenkrad.
ich möchte heute damit beginnen, eine äußerst seltsame und merkwürdige Geschichte zu erzählen, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Die Geschichte ist bewußt in der Ich-Erzählform geschrieben, um die Anteilnahme des Lesers zu steigern. Den gesamten Text, werde ich in den nächsten Wochen hier posten.
Teil 1
Als die Story begann, war ich bereits eine Woche lang mit meiner Clique in Griechenland unterwegs. In diesem Urlaub, auf den wir uns alle schon sehr gefreut hatten wollten wir uns voll unserem Hobby, dem Windsurfen, widmen und suchten uns geeignete Buchten. Bis dato hätte ich unsere Gruppe so beschrieben: jung, fröhlich, locker, unkompliziert und erprobt kameradschaftlich. Diese Meinung sollte sich ändern!
Wie jeden Abend schlenderten wir auf der Suche nach einem Lokal für unseren Nachtschluck durch die reizvolle Hafengegend. Diesmal waren wir nur zu dritt, da der Rest der Bande bereits zum Strand zurückgefahren war. Es lag ein besonders heißer Tag hinter uns, so daß sich die Kumpels schon vor der Zeit in ihre Wohnmobile und Zelte zurückgezogen hatten.
Wir entschieden uns für ein brechend volles Restaurant mit fröhlichem Publikum. Es roch nach schwerem Öl, Gewürzen und Tabakqualm. Die Leute waren laut und dem Alkohol zugetan. Wir standen dem in nichts nach und prosteten uns zu.
Als ich, nachdem ich vorher schon drei Gläser Wein getankt hatte, meinen vierten Ouzo leerte, entdeckte ich auf dem Grund des Glases etwas, das wie feinkörniges graues Pulver (oder Zigarettenasche) aussah. Hatte ich mich am Drink eines anderen vergriffen? Möglicherweise flößte mir hier jemand etwas ein? Ich ließ den Rest stehen und beachtete den Vorfall nicht weiter.
Gegen Mitternacht schwankten wir zum Strand zurück und ich rollte mich in eine Decke auf dem Rücksitz meines Wagens und versuchte zu schlafen. Dabei machte ich eine seltsame Beobachtung. Meine Gedanken waren auf eine beunruhigende Weise glasklar. Ich erinnerte mich an den Vorfall mit diesem mysteriösen Pulver und dachte an Rauschgift. Ich blieb die Nacht schlaflos.
Am nächsten Morgen befand ich mich in äußerst gereizter Stimmung und überlegte, ob ich nicht noch am gleichen Tag abreisen sollte. Ich wechselte später auch meinen Standort unter Umständen, die mir Gänsehaut verursachen sollten, aber das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen! Der Tag war nach meinem Gefühl noch heißer und drückender als sonst - als ob die Luft stehenblieb und kein Hauch sich regte. Ich genoß den Duft der vielen Eukalyptusbäume. Das war auch der Grund, warum ich neben solch einem knorrigen Exemplar parkte. Mir war überhaupt nicht nach Surfen zumute. Nicht einmal nach Baden. Ich wollte allein sein, vor mich hin dösen, Schlaf nachholen. Nichts tun. Einfach Siesta halten, etwas, das die Südländer perfekt beherrschen. Ich hatte nur kopfschüttelnd abgewunken, als meine Freunde mich fragten, ob ich mit ans Meer kommen wollte.
Mein Zeitgefühl war weg. Keine Ahnung, wie lange ich abgetaucht war, als ich es mir auf meiner Luftmatratze bequem gemacht hatte. Der Tag verflog, die Dämmerung machte sich bemerkbar. Wolkenfetzen färbten sich zartrot, mischten sich mit Grau und einem dunkleren Blau. Langsam löste sich das Himmelsbild auf. Obwohl ich noch nichts gegessen hatte, machte sich kein Hunger bemerkbar. Gegen acht Uhr wollten wir uns in unserem Stammlokal treffen. Ich raffte mich auf, zog mich an, steuerte Noussa an und schlenderte dort herum. Ich kaufte Postkarten, bis mich meine Freunde mit einem lauten ,,Hallo" begrüßten. Wir gingen ins Lokal, wo sie schon einen Tisch reserviert hatten. Ich suchte noch schnell die Toilette auf. Diese Örtlichkeit war kein angenehmer Ort. Kein Papier und ein Wasserhahn, der eine undefinierbare Brühe ausspuckte. Ich wischte mir die Hände an den Hosen ab und würgte.
Als ich zurückkam, unterhielten sich alle angeregt und laut, um den allgemeinen Lärmpegel zu übertönen. Dann geschah etwas Ungewöhnliches. Bernd griff zu einer der Flaschen, als Wolfgang ihn am Arm festhielt. „Laß sie stehen! Das ist doch die von Gert präparierte!" Er zuckte zurück, nahm eine andere und goß ein. Ich war beunruhigt. Hatte ich etwas falsch verstanden? Oder mir etwas eingebildet?
Der Salat schmeckte fad. Nur Öl, keine Würze. Ich salzte nach. Meine Kehle war trocken, und ich griff nach einer Flasche. Ich nahm einen satten Schluck von dem schäumenden Bier. Da explodierte etwas in meinem Kopf. Der Verstand war wie ausgelöscht. Weg. Nichts. Mattscheibe! Es dauerte, bis ich meine Umgebung wieder einigermaßen wahrnehmen konnte. Langsam wurden die Umrisse wieder konkret. Mich übermannte Angst, und ich hörte wie von weit her Gert sagen: „Ihr könnt anfangen!" Wolfgang antwortete erschrocken: ,,Der ist wohl verrückt geworden. Der hat tatsächlich Rolf eingeschaltet. Wenn er vor ihm nicht haltmacht, dann vor niemandem mehr auch nicht vor uns!"
Ich hörte Bernd sagen: „Jetzt kommt es schon nicht mehr darauf an - und vergiß nicht - uns kann schließlich nichts passieren! Rolf wird sicher gleich nach Parikia fahren. Sollte er zur Polizei gehen, erklären wir ihn einfach für verrückt." Er rückte seine runde Brille zurecht und atmete tief. „Wenn er stattdessen ins Hospital marschiert, lauern wir ihm dort auf und machen ihn fertig, noch ehe er ein Wort sagen kann!" Einen Augenblick hielt er inne, und über seinem Gesicht breitete sich ein zufriedenes Grinsen aus. „Auch wenn er zum Strand geht und sein Surfbrett holt, fangen wir ihn unterwegs ab." Seine Stimme wurde leise.
Mir war überhaupt nicht klar, was hier vorging. Ich glaubte an eine Sinnestäuschung, als ich plötzlich erneut Gerts Stimme hörte. „Er darf die Fähre nicht erreichen. Ich erschieße ihn spätestens, wenn er sich in die Warteschlange der PKW ein- reiht. Der Schalldämpfer ist sicher und verschluckt jeden Laut. Kein Mensch wird etwas mitkriegen." „Nur wenn er versuchen sollte, das Morgenschiff zu nehmen, hätte ich ein Problem. Ich schieße nicht gern bei Tageslicht!"
In mir stieg langsam aber sicher Todesangst auf. Ich fühlte mich verdammt allein und verwirrt. Wehrlos! Mein Herz fing an zu rasen. Blut schoß mir in den Kopf. Hatte man mir Gift oder Drogen verabreicht? Bildete ich mir das alles ein? Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Etwas wacklig stand ich auf. „Mir ist schlecht", sagte ich leise. „Ich gehe ein paar Schritte an die Luft." Wolfgang und Bernd warfen mir einen seltsamen Blick zu. Als ich die Terrasse des Restaurants verließ, hörte ich jemanden flüstern: „Wenn er bis neun nicht wieder da ist, fahren wir nach Parikia ..."
Ich riß mich zusammen und bog rechts ab und fing an zu laufen. Nach kurzer Zeit hatte ich meinen Wagen erreicht. Einen Moment erleichtert stieg ich ein und atmete auf. Nichts wie weg hier! Auf Zelt und Surfbrett konnte ich notfalls verzichten. Jetzt ging es um mein Leben! Das mich meine eigenen Freunde, die ich schon so lange kannte, töten wollten, mußte erst verarbeitet werden. Doch warum, blieb vorerst offen.
Obwohl ich sehr schnell Richtung Parikia fuhr, versuchte ich konzentriert zu bleiben. Es durfte nichts dazwischen kommen. Bloß kein Unfall! Mehr Probleme konnte ich mir nicht leisten. Was war zu tun? Die Polizei informieren, einen Arzt aufsuchen?
Ich brauchte für die Strecke eine halbe Stunde, suchte einen Parkplatz und ging zur Ortsmitte. Der erste Passant, den ich nach der Polizei fragte, gab mir nur eine vage Antwort. Nachdem ich noch andere Leute ansprach, erhielt ich endlich eine Beschreibung des Weges, fand das Revier, stürmte die Treppen hinauf und klopfte an die erste Tür. Irgendjemand raunte, und ich betrat das Zimmer. In dem kargen Raum saßen außer dem Be amten ein Mann und zwei Frauen herum und alle sahen mich verwundert an. Hastig erzählte ich in halbwegs passablem Schulenglisch, daß man mich vergiften wolle und ich dringend einen Arzt brauchte. Eine der jüngeren Griechinnen lachte auf, hielt aber sofort inne, als sie den gehetzten Ausdruck in meinem Gesicht wahrnahm. Ihre Miene wurde unsicher - sie verstand wohl, daß es mir ernst war. „Gleich in unmittelbarer Nähe gibt es ein Krankenhaus" meinte der Polizist, griff zum Telefon und wählte eine Nummer. „Der Doktor weiß Bescheid, daß Sie kommen."
In seiner ruhigen Art, die mir gut tat, erklärte er mir den Weg. Gott sei Dank fand ich das Hospital, das wirklich nur wenige Minuten entfernt lag und auch das Zimmer, wohin man mich bestellt hatte. Der jüngere der beiden Mediziner hörte mir zu, was ich zu berichten hatte, und wandte sich in Abständen seinem Kollegen zu, um ihm den Sachverhalt auf Griechisch zu übersetzen. Ich bat darum, mich auf Drogen abzuschecken. Nach einer kurzen routinierten Untersuchung betrachteten beide intensiv meine Augen. „Ich kann leider nichts feststellen", sagte derjenige, der auch ein recht gutes Englisch sprach. „Ihren Schilderungen nach könnte es sich bei den aufgetretenen Symptomen um LSD oder eine verwandte Droge handeln. Ein genaues Ergebnis können Sie erst bekommen, wenn wir einen Bluttest gemacht haben." Er stockte und sprach weiter: „Das wird aber ein bis zwei Tage dauern". Er sah mich besorgt an. Ich muß wohl verzweifelt gewirkt haben und antwortete: „Das dauert mir zu lang - ich stehe die Warterei nicht durch!" „Ich versteh sie ja junger Mann. An ihrer Stelle würde ich Griechenland so bald als möglich verlassen. Zuhause in Deutschland werden Sie sich sicher fühlen. Lassen Sie sich von Ihrem Hausarzt dort ansehen und dann kommt alles in Ordnung!" Seinen Worten folgte ein aufmunterndes Lächeln, das ich dankbar quittierte.
Ich verabschiedete mich mit markigem Händedruck und kehrte zu meinem Wagen zurück. Ob sich die anderen um mein Surfbrett kümmerten wußte ich nicht. Die unguten Gedanken kamen wieder und erneut packte mich Unruhe. Ich mußte weg.
In einem Cafe, das scheinbar häufig von Touristen frequentiert wurde, wie ein paar bunte Aufkleber internationaler Reisegruppen an der Eingangstür zeigten, fragte ich nach der Abfahrtszeit der nächsten Fähre. Der Mann hinter dem Tresen war gerade dabei Gläser zu polieren und sagte in gebrochenem Deutsch: „Um 23 Uhr geht ein Schiff. Jeden Tag. Wollen sie nicht noch bleiben? Schön in Griechenland!" Wenn der wüßte! Seine Naivität hatte für mich im Augenblick sogar etwas Komisches. Ich grinste und schüttelte den Kopf. Jetzt war es 21 Uhr, noch zwei Stunden, dann war es soweit.
Draußen war es bereits dunkel. Ich hatte mir noch nicht einmal einen Kaffee gegönnt. Ich war angespannt bis zum Zerreißen. Die nächsten Schritte mußten gut überlegt werden. Sollten die Brüder wirklich jetzt losfahren, waren sie in einer halben Stunde hier. Ich mußte mir sofort ein Ticket kaufen, bevor sie den Hafen erreichten. Ich kramte Geld hervor und ging zum ersten Buchungsbüro. „Tut mir leid", sagte das Mädchen hinter dem Schalter mit einem charmanten Augenaufschlag, „wir sind leider ausgebucht für heute Nacht!" Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen und spürte, wie sich meine Schultern verspannten.
„Ruhig bleiben!" ermahnte ich mich, als ich aus der Tür trat. Ich atmete die Abendluft ein und zwang mich gelassen zu bleiben. Sollte ich für heute bleiben müssen, gäbe es erst morgens um 7 Uhr die nächste Abfahrt. Das hätte den Vorteil, daß mich die Helle des Tages schützen würde, wie Gert gesagt hatte: „Ich schieße nicht gern bei Tag!" Bei dem Gedanken stellten sich meine Nackenhaare auf. Das würde allerdings auch bedeuten, daß sie die ganze Nacht zur Verfügung hatten, mich umzubringen.
Ich war zu erregt und weigerte mich, diese Vorstellung konkret werden zu lassen. Nein, ich würde nicht aufgeben! Sollte es zu einer Konfrontation kommen, dann heute. Entschlossen ging ich die Straße weiter und betrat das nächste Schiffahrtsbüro. Ich hatte Glück! Alles schien jetzt wieder so einfach, und meine Lebensgeister erwachten. Ich steckte mein Ticket in die Tasche und wurde etwas ruhiger.
Jetzt war es 21.30 Uhr. Sie konnten möglicherweise schon in der Hafengegend sein und mich suchen. Vorsichtig um mich spähend, machte ich mich auf den Weg. Inzwischen schlenderten ganze Massen von Touristen auf und ab und die Lokale waren voll besetzt. Dinnertime auch für die Griechen, die teilweise ihre Kinder mit dabei hatten und sowieso erst um diese Zeit die Restaurants betraten.
Wenn ich mich nicht in dieser verfahrenen Situation befunden hätte, wäre das ein schöner Urlaubsabend, den man hätte genießen können. Planlos Spazierengehen, sich von den Lichtern faszinieren lassen, Leute beobachten, irgendwo einkehren, ein nettes Gespräch anfangen, mit hübschen Mädchen flirten -nichts davon war mir möglich. Irgendwie hatte ich das nicht verdient. Ich schwelgte in Selbstmitleid und wollte aus diesem Alptraum aufwachen.
Die rechte Straßenseite war voll geparkt mit Autos, die alle auf die Fähre warteten. Der Griff nach meinen Papieren in der Tasche beruhigte mich. Inzwischen hatte sich sogar Hunger entwickelt und ich beschloß essen zu gehen. Am besten schien mir, in der Nähe des Wagens zu bleiben. Ich wollte mich in Deckung halten und mischte mich unter die Touristen. Da fiel mir ein, daß ich in meinem Gepäck ein Messer hatte. Als ich bei meinem Vehikel ankam, öffnete ich die Hecktür und begann fieberhaft zu suchen. Ich wurde fündig! Da lag es - in einem Seitenfach meines Sportbags und glänzte mir entgegen. Ich ließ es zunächst im Auto und plazierte es griffbereit, aber verdeckt rechts neben dem Fahrersitz und schloß ab. Dann schlenderte ich, betont locker, die Straße hinunter, um mir eine Gaststätte zu suchen die meine Magennerven beruhigte, die Augen immer wach nach links und rechts gerichtet. Ich landete in einer der zahlreichen billigen Kneipen, in welchen man tadellosen Fisch essen konnte. Meine Ansprüche waren nicht hoch und ich hoffte, daß mit der Körperstärkung auch mein Optimismus wiederkehrte.
Ich suchte mir einen Stuhl, von dessen Platz aus ich die gesamte Straßenszene beobachten konnte, selbst aber getarnt blieb, da ich mich zu einer Gruppe junger Skandinavier gesellte.
Bis zur Abfahrt meiner Fähre hatte ich noch eine gute Stunde Zeit zur Verfügung, genug, um in Ruhe meine Mahlzeit einzunehmen und doch noch die relativ weite Strecke zur Anlegestelle zu schaffen. Je mehr die Zeit verstrich, während ich aß, desto unruhiger wurde ich. Obwohl der Schwertfisch, den ich bestellt hatte, frisch vom Grill kam, das Zaziki pikant schmeckte und das Bier dazu nicht übel war, entging mir bei alledem der Genuß. Stattdessen stieg mein Adrenalinspiegel. Meine Stimmung rutschte auf den Nullpunkt, die Gedanken begannen sich zu überschlagen und mit mir Karussell zu fahren. Die Angst schwappte mit einem mal hoch und lahmte meinen Verstand. Ich mußte raus hier.
Eilig winkte ich dem Ober und zahlte hastig meine Rechnung. Fast rannte ich aus dem Lokal! Die frische Luft und Bewegung taten mir gut. Die Dunkelheit nutzend, ging ich in flotten Schritten zurück zum Auto. Es war anzunehmen, daß die anderen, mindestens aber Gert, mittlerweile nach mir suchten. Die Jagd hatte begonnen!
Ich wurde wütend. „Ihr Schweine", dachte ich mir, „was soll das Ganze? Ihr seid wohl verrückt geworden!" Mein Campingmesser, das zunächst für alles andere als zur Verteidigung gedacht war, schien mir doch relativ harmlos, verglichen mit den Mitteln, mit denen man auf mich losgehen wollte. Mit einer Schußwaffe hätte ich größere Chancen, aber ich konnte schlecht einen Polizisten niederschlagen, um mir dessen Revolver anzueignen.
Es mußte jetzt bald soweit sein. Das Schiff war längst in Sichtweite und näherte sich langsam dem Hafen. Es kam Leben in die wartende Menge. Die Leute drängten sich in einer Woge zum Kai.
Ich hielt mich zwischen parkenden Autos auf, von wo aus ich die Angelegenheit gut im Auge hatte, mich selbst aber schnell ducken konnte, sollte ich einen meiner Verfolger ausmachen. Um wenigstens etwas in der Hand zu haben, entschied ich mich, mein Messer zu holen. Ich klemmte es unter mein Hemd in den Gürtel meiner Jeans, wo es durch Öffnen eines Knopfes gut erreichbar war. Ich wartete in der Dunkelheit und beobachtete meine Umgebung. Die Zeit verstrich endlos langsam.
Jetzt hatte die Fähre ihre Endposition erreicht. Hell beleuchtet hob sie sich von den Schatten der Nacht ab. Ich überlegte mein weiteres Vorgehen. Keinesfalls durfte ich in der Warteschlange stehen. Es wäre ein leichtes für Gert, ganz einfach und unbemerkt im Vorbeigehen auf mich zu zielen. Der Schalldämpfer würde verhindern, daß jemand aufmerksam und damit zum Zeugen wurde. Ich mußte in Bewegung bleiben und dann als letzter auffahren. Dies schien mir der einzig gangbare Weg zu sein. Mein Plan stand fest. Bis zur Einschiffung hatte ich noch eine halbe Stunde. Ich bemühte mich, die schleichende Angst zu unterdrücken. In meinem Kopf baute sich wieder dieser eigenartige Spannungszustand auf, der vielleicht doch auf die Droge zurückzuführen war. Aber das half mir nichts, da es nicht zu ändern war. Die Minuten tropften dahin.
Endlich rührte sich etwas. Die ersten Fahrzeuge wurden gestartet, Scheinwerfer blitzten, in die Warteschlange kam Bewegung. Jetzt hielt mich nichts mehr in meinem Versteck. Mein Herz pochte wild.
Ich schlich zu meinem Auto, öffnete die Tür und ließ den Motor an. Außer ein paar Fußgängern konnte ich niemanden bemerken. Ich steuerte langsam in Richtung der Anlagestelle. Schon von weitem konnte ich sehen, daß die letzten Fahrzeuge der Reihe immer noch am selben Platz standen. Es ging wohl nicht so schnell voran. Kurz vor dem Einfädeln schlug ich einen Haken und bog links in die nächste Straße ein. Einmal um den Häuserblock, dann zurück zu meinem alten Parkplatz. Jetzt geradeaus weiter, um den Anschluß zu suchen, mich meinem Ziel zu nähern. Das geöffnete Deck sah aus wie ein riesiges Maul, das einen Wagen nach dem anderen verschluckte.
Für mich wurde es kritisch, da ich sichtbar war für jemanden, der mir hier auflauerte. Meine Taktik war für die Brüder durchschaubar. Zügig fuhr ich am Steg vorbei und wiederholte das Manöver, kurvte noch einmal um den Block. Ich hatte ja gesehen, daß noch mindestens 30 Autos anstanden. Beim nächsten Anlauf mußte es klappen. Meine Angst war verflogen, die Anspannung allerdings geblieben.
Da ich die Gegend nun schon recht gut kannte, fuhr ich ein paar Schlenker und machte Umwege, bis ich die Hafenstraße wieder anpeilte. Ich hatte erwartet, daß die Autos der zweiten Schlange inzwischen eingeschifft seien. Doch meine Enttäuschung war groß, daß diese Reihe noch nicht abgefertigt schien. Ich beruhigte mich mit Stau- und Verladeproblemen und mußte die Prozedur noch einmal wiederholen. Ich stoppte den Wagen und starrte zum Schiff hinüber. Blankes Entsetzen packte mich. Fassungslos mußte ich zusehen, wie es sich immer mehr entfernte. Sekundenlang setzte mein Denken aus. Tiefe Hoffnungslosigkeit erfaßte mich. Das durfte doch nicht wahr sein!
Ich hatte mich selbst in mein Unglück manövriert. Die vermeintliche Reihe war keine, die zur Abfahrt drängte, sondern eine Parkzone. Mir war, als gäbe der Boden unter meinen Füßen nach. Ich umklammerte mit beiden Händen verzweifelt das Lenkrad.
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