Nachdenklich fuhr ich in die Dämmerung hinein. Mein Zeitgefühl war verschwunden. Ich mußte kurz vor Lania sein. Weiter als bis dorthin wollte ich heute nicht mehr. Ich brauchte einen geeigneten Schlafplatz, um mich von den Strapazen zu erholen. Vielleicht klappte es auch, endlich etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Mein Mund war völlig ausgedörrt. Auch eine Dusche war nötig - aber so anspruchsvoll wollte ich gar nicht sein. Was war mit diesen Spiegeln? Waren sie abgestellt? Ich wurde unsicher. Trotzdem, ich mußte den Versuch unternehmen, da ich dringend Stärkung benötigte. Bei der Gelegenheit würde ich schon feststellen, ob man mich tatsächlich freigegeben hatte.
Es mochte so gegen 23.00 Uhr sein, als ich vor mir einen großzügigen Rastplatz entdeckte, auf dem eine stattliche Anzahl Autos parkte. Sirtaki-Musik klang vom Restaurant herüber. Ich blieb stehen und schlug die Wagentür zu. Durch die Glasfront konnte ich erkennen, daß vereinzelt noch Leute an den Tischen saßen, eine Touristengruppe laut lachte und Metaxa genoß. Kaum hatte ich den Raum betreten, stellte ich fest, daß die verhaßten Spiegel wieder in Aktion traten: „Malaga, Malaga, ... Paragalo." Mit diesen Worten wußte ich nichts anzufangen, doch die Griechen schienen sehr belustigt. Sie ließen den Blick nicht von mir und lachten jedesmal, wenn dieselben Worte wiederholt wurden.
Mein bestelltes Bier kam, und ich stürzte es hinunter wie jemand, der nach einer Wüstentour die Oase erreicht hat, ganz wie in der üblichen Bierreklame. Dazu aß ich mit großem Appetit zwei Schinkenbrötchen. Ein Grieche meinte: ,,lt is really a nice joke!" Ich verstand es nicht und kam mir lächerlich vor. War das etwas Frivoles? Jetzt verhöhnten und verspotteten die mich auch noch! Ich fühlte mich wieder hilflos.
Wolfgang schaltete sich wieder ein: ,,Rudolf, hör auf mit dem Blödsinn!" worauf Rudolf meinte: ,,So leicht soll er mir nicht davonkommen!" Ich registrierte, wie neue Worte auftauchten und wieder wechselten. Ich las: ,,He thinks he gets another chance. But tomorrow he will be dead. We let him go but not for long. He will never come through." Es hörte nicht auf. Ich vermied es, in Richtung Leute zu sehen, und schloß so gut als möglich die Augenlider. Es war also doch nicht zu Ende? Wenigstens war ich nun satt. Ich ließ entnervt die entsprechenden Drachenmengen auf dem Tisch liegen und ging. Ich spürte, daß meine Spiegel in der Dunkelheit besonders gut zu erkennen waren.
Jetzt hörte ich die Stimmen von Touristen: ,,Was ist denn mit dem los, ist das ein Scherz?" ,,Nein, der hat auf dem Killertrip versagt. Sie werden ihn umbringen." Eine Frau war entsetzt: ,,Ach, der arme Kerl, - das sollten Sie aber schnell tun und ihn nicht so lange quälen!" Dieses Mitleidsgefasel wollte ich nicht länger ertragen, ließ den Motor an und zog ab. Scheinbar ließ man mich jetzt in Ruhe. Inzwischen war es Nacht geworden, der Mond fast rund und die Sterne deutlich zu sehen. Des Himmels nicht sehr kundig, konnte ich nur den großen Wagen erkennen. So auf der Piste zu sein, gab mir das Gefühl, daß ich wenigstens etwas tun konnte, indem ich mich bewegte.
Aber vielleicht dachte das auch der Fisch, über dem der Krake seine Fangarme ausbreitete.!
Ich spürte, daß sich bei meinen Augen etwas rührte, und zwinkerte. Die Texte erschienen wieder. Dasselbe wie im Lokal.
Es wurde Zeit, Benzin nachzufüllen, und so fuhr ich auf die gegenüberliegende Straßenseite, als ich dort eine Tankstelle ausmachte, die geöffnet war. An der Kasse saß ein alter Mann. Der Bedienstete schraubte den Deckel auf und löste die Sperre des Zapfhahns. Das Benzin blubberte beim Einlaufen. Als der junge Mann in meine Augen sah, wandte er sich sofort irritiert ab. Der Zähler zeigte 2000 Drachmen an. Während ich aus der Brusttasche mein Geld hervorkramte und gerade zählte, wechselten meine Spiegel. „Take the double", stand jetzt zu lesen. Prompt sagte der Junge: „Four thousand." Ich protestierte und deutete auf die Tankuhr. Er drehte sich um, lief zum Älteren hin, und sie debattierten, wobei sie heftig herumgestikulierten. Als er wiederkam, nickte er: „Okay, - two thousand." Ich hörte Rudolf höhnisch auflachen.
Es trieb mich fort von den Menschen. Ich wollte schlafen. Einen Ort würde ich heute nicht mehr betreten. Jetzt entdeckte ich am Straßenrand eine größere Lagerhalle mit einem Parkplatz davor, auf welchem Baumaschinen und ein Lastwagen abgestellt waren. Es schien friedlich. Rudolf schaltete sich ein und gluckste: ,,Das ist ein guter Platz! Ruhig und abgelegen, -da kann ich ihn ungestört niedermachen!" „Laß ihn jetzt!" Das war Wolfgangs Stimme, die immer wieder auf meiner Seite schien. „Warum denn? Das ist doch eine humane Lösung! Ich erschieße ihn im Schlaf, und er merkt nichts davon." Ich war wirklich zu müde, um zu protestieren oder mich aufzuregen. Sollte er doch kommen! Ich verriegelte alle Türen von innen, nahm das Messer in die rechte Hand und kroch umständlich in meinen Schlafsack.
Als ich im Morgengrauen erwachte, hatte ich fast traumlos geschlafen und fühlte mich erfrischt. Ich lebte also noch! Dieser Tatbestand ließ mich seltsam ruhig. Hätte er mich im Schlaf erschossen, wäre jetzt alles vorbei gewesen. Ich wollte gleich in den nächsten Ort fahren, um zu frühstücken. Was wohl die anderen inzwischen taten? Eine neue Chance im nächsten Jahr hatten sie mir geben wollen - auch wenn ich das Rudolf nicht abnahm. Der einzige, dem ich noch vertraute, war Wolfgang. Vielleicht blieb er auf meiner Seite.
Anhand des Autoatlanten plante ich die heutige Route. Ich wollte nach Igoumenitsa aufbrechen. Diese Strecke konnte ich bis zum Abend bewältigen und von dort aus mit der Fähre nach Italien übersetzen.
Bis auf Schluckbeschwerden ging es mir relativ gut. Ich hatte mir wohl eine Erkältung geholt und streckte meine verspannten Glieder, dann ließ ich den Motor an und steuerte auf den nahen Ort zu. Problemlos konnte ich parken. Es war noch nicht viel los. Vereinzelt und gemächlich liefen die Menschen durch die Gassen. Es war 6.00 Uhr.
An einem hübsch angelegten größeren Platz, den bunte Beete zierten, fand ich ein Cafe, das schon geöffnet war. Der Raum machte einen sauberen Eindruck, war aber spärlich eingerichtet. Ein älterer Mann schien außer mir der einzige Gast zu sein. Er schlürfte seinen Kaffee vorsichtig aus einem dampfenden Glas. Ich ging zur Theke und bestellte Tee und Gebäck. Der Wirt sah mich mitleidig an, als er mir das Gewünschte servierte, und wollte gleich darauf kassieren. Mir war schon klar warum, denn meine Spiegel sagten: „He thinks, he is good, but he was always bad. Give him to eat, tomorrow he will be dead."
Ich mußte mich setzen. Tiefe Niedergeschlagenheit überkam mich, und um irgendetwas zu tun, rief ich nach Wolfgang: „Bist du da, Wolfgang?" „Ja." „Bist du allein?" „Ja, ich bin der erste heute Morgen." „ lch bekomme keine neue Chance?" „Nein, Rudolf stellt sich quer. Er hat dich gestern nur hingehalten. Ich kann nichts machen. Er ist der letzte Jäger und entscheidet deshalb selbst darüber." „Ich wollte mir eine Zeitung kaufen, um zu sehen, ob sie etwas über mich geschrieben haben", sagte ich kleinlaut. Wolfgang wehrte ab. „Das brauchst du nicht. Es steht nichts mehr drin. Du bist fertig. Niemand will mehr etwas von dir. Es ist aus, - so leid es mir tut. Aus und vorbei. Finde dich damit ab, Rolf!" Ich schrie fast: „Dann bleibt mir nur noch Kampf oder Selbstmord?" Wolfgang blieb leise: Es wird keinen Kampf mehr geben. Du bist erledigt. So oder so!" Darauf tiefes Schweigen in der Leitung. Seine Worte taten ihre Wirkung. Ich sackte in mich zusammen und fühlte mich hundeelend. Lange Zeit saß ich so da, regungslos und in miserable Gedanken versunken. Es war wirklich aussichtslos. Man hatte mich aufgegeben, und ich sollte das auch tun. Trotzdem wollte ich meine Nase in eine Zeitung stecken und die „News" lesen. Ich verließ das Cafe und ging mit hängenden Schultern durch die Straßen. Mir kam es so vor, als würden sich alle diese kleinen Ortschaften fast aufs Haar gleichen. Ich nahm mir Zeit, um mich zu sammeln. An einer Kreuzung stieß ich auf einen Kiosk, suchte eine englische Tageszeitung, fand aber nur eine griechische, die englisch übersetzt war. Über mich war tatsächlich nichts zu finden.
Es war mittlerweile Vormittag. Die Straßen belebten sich. Irgendwie hatte ich die Orientierung verloren und mich verfranst. Ich konnte mein Auto nicht mehr finden. Fast wollte ich ungeduldig werden. Meine Nerven begannen, mit mir durchzugehen. Plötzlich stand ich wie zufällig an der richtigen Straßenecke. Ich setzte mich in meinen Wagen, studierte noch einmal die Landkarte und beschloß, den Plan von heute morgen durch zuführen. Von Igoumenitsa bis Brindisi brauchte die Fähre 9 Stunden. Für Rudolf konnte es schwierig werden, mich tagsüber zu erledigen. Ein weiterer Vorteil war, daß ich so noch eine Nacht schlafen konnte, um mich ausgeruht auf das Schiff zu begeben.
Ich war zermürbt, unglücklich, fühlte mich hoffnungslos, krank, schizophren, ausgelaugt. Ich sah miserabel aus, unrasiert, verschwitzt, zerzaust. Der Dreitagebart verlieh mir ein verwegenes Aussehen, und die Augen lagen tief in den Höhlen. Ich war demoralisiert. Meine Stimmung wurde immer schlechter. Mir fehlte der Antrieb. Ich fühlte mich, als ob meine Batterie zu verlöschen begann. Mein Gehirn rotierte: Vielleicht sollte ich alles ganz anders anfangen und mich ein paar Tage ans Meer setzen, um mich langsam auf den Tod vorzubereiten, dachte ich. Das war auf jeden Fall besser, als auf den Schlächter zu warten ... Mich an den Gedanken gewöhnen und ertrinken. Konnte ja sein, daß es ganz leicht ging ... Ich driftete ab!
Dann überlegte ich etwas anderes: Ich wollte noch einmal mit meiner Mutter sprechen und mich wenigstens von ihr verabschieden. Da meldete sich Wolfgang: ,,lch rate dir davon ab. Sie ist schon informiert worden und lehnt es ab, mit dir zu reden, nach allem, was geschehen ist. Sie wünscht deinen Tod!" In dem Moment war ich der einsamste Mensch der Welt. Es war ein Dolchstoß durchs Herz, und mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich bat Wolfgang: „Kannst du nicht wenigstens Kontakt mit mir halten? Laß du mich bitte nicht allein, - bitte!" flehte ich zitternd. Meine Spiegel zeigten folgende Worte: „He is sentenced to death," und „He will pick up a kid and cut his throat." Ich war wie gelähmt. Sollte ich jetzt auch zum Mörder werden? Lieber wollte ich mir selbst das Messer in die Kehle stoßen! Mein Verstand fing an sich zu weigern, noch eine Minute länger über diese Sätze nachzudenken.
Ich fuhr weiter, holte tief Luft und versuchte mich zu beherrschen. Die Gegend wurde immer karger und gebirgiger. Die Sonne hatte die Landschaft verbrannt. Nur vereinzelt war noch etwas Grün zu sehen. Die Farben dieser Region wirkten etwas trist. Nur grau und braun! Das paßte zu meinem seelischen Zustand. Serpentinen führten bergauf, und ich mußte aufpassen und konzentriert bleiben. Es war schrecklich heiß.
Ich hatte das Schiebedach geöffnet, um mir Kühlung zu verschaffen. Zwischendurch kontaktierte ich nun wieder Wolfgang, der mir riet, den Zeitpunkt meines Ablebens selbst zu bestimmen. Makaber! Er riet mir in christlicher Nächstenliebe, daß ich nur den nächsten Abhang hinunterrollen sollte, mit geschlossenen Augen und ... Ich malte es mir aus. Steile Abhänge würde ich genügend zur Auswahl haben. Wie lange würde es dauern, bis mich der Aufprall dahinraffte? War es schmerzhaft? Oder würde ich nichts mehr spüren? Wolfgang trieb mich an: ,,Bring es hinter dich! Dann hast du endlich Ruhe! Es hat doch keinen Sinn mehr, sich zu wehren. Das weißt du!" Jetzt wurde ich bockig. „Ich muß mich erst an den Gedanken gewöhnen, und dazu brauche ich etwas Zeit, - vielleicht eine Stunde?" „Worauf willst du denn warten? Es hilft dir nichts! Mach ein Ende!"
Da meldete sich Rudolf wieder: „Ich hab's gewußt. Er ist ein feiges Schwein! Es wäre die Lösung für uns alle, wenn er es jetzt täte. Es würde wie ein ganz normaler Autounfall aussehen und niemand hätte Scherereien. Ruhe sanft!" Wolfgang meinte nun, ich hätte es gehört und wäre aus allem raus, wenn ich mich endlich dazu entschließen könnte, das Zeitliche zu segnen. „Laßt mir noch etwas Zeit!" bat ich fast ungehalten und konnte mich, aufs äußerste erregt, nicht zu dem entsetzlichen letzten Schritt durchringen. Ich war nie der Typ gewesen, der in problematischen Situationen an Selbstmord denkt. Immer wieder spulte sich vor meinem geistigen Auge der Unfall ab, wie der Wagen den Abgang hinunterrollen würde, zwischendurch auf dem Felsen aufschlug und dann ganz unten zerschellte –wo möglich noch in Flammen aufging, und ich mittendrin! Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, daß ich ganz automatisch schaltete und der Golf wie von selbst fuhr.
Jetzt wurde die Gegend ebener, und es waren wieder vereinzelt Häuser zu sehen. Meine Spiegel veränderten sich wieder, und ein weiterer entsetzlicher Satz erschien. Das bestärkte mich in dem Vorsatz, keinesfalls jemanden mitzunehmen. Ich gab Gas, als ich nach einer Kurve einen jungen Mann im Alter um die 25 Jahre ohne Gepäck am Straßenrand stehen sah, der den Daumen hochhielt. Die Texte wurden immer schlimmer, und ich rief Wolfgang: „Es steigert sich, oder?" Wolfgang klärte mich dahingehend auf, daß man meinen Widerstand gegen den Tod brechen wolle und ich ihn herbeisehnen sollte. Es ginge zu langsam!
Ich blieb auf der Straße und richtete meinen Blick starr geradeaus. Es kam nur immer wieder stereotyp: „Ich brauche Zeit!" Die Spiegel waren wieder in Aktion und blendeten weitere Scheußlichkeiten ein. Im selben Augenblick, in dem ich das las, erblickte ich im Rückspiegel einen VW-Bus mit ausländischen Kennzeichen, in dem vier Männer saßen. Sie überholten mich. Es war ein britischer Wagen, dessen Insassen sich angeregt zu unterhalten schienen. Sie lachten, als sie an mir vorüber fuhren. „Wenn sie jetzt halten, dann ist es aus ..." Mir stockte der Atem, und der Adrenalinspiegel stieg. Wolfgang schrie plötzlich auf: „Mensch, fahr den Hang hinunter, bevor es zu spät ist!"
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