Montag, 20. August 2007

Killertrip Teil 12

Die Gefährlichkeit meiner Lage war immer noch nicht entschärft. Ich hatte mich von dem Schrecken noch nicht ganz erholt, als über die Ansage bekannt gegeben wurde, daß ein Versuch unternommen worden war, mich auf der Toilette zu töten. Das außerdem derjenige selbst zu Tode kommen würde, der mir das Leben nahm. Das der Computer sich so für mich einsetzte, beruhigte mich ungemein, aber noch saß ich nicht im Flieger.
Ständig wurde die Halle von neuen Menschengruppen bevölkert. Die Leute rannten hin und her. Für mich waren das zusätzliche Risikofaktoren, da sie über mich und meine Situation nichts wußten, solange sie keinen der Lautsprecherberichte vernommen hatten. Möglicherweise war einer unter ihnen, der sich durch meine Augenschrift so gereizt fühlte, daß er sich impulsiv zu einer Aggressionshandlung hinreißen ließ.
Als ich mich dem Lufthansa-Schalter näherte, sah ich, daß er nun besetzt war. Ich stützte beide Arme auf das Pult und sah die Hostess erwartungsvoll an. „Geben Sie mir bitte ein Ticket nach München!" Sie tippte die Flugnummer in den Computer ein und sagte einen Moment später mit Bedauern in der Stimme: „Tut mir leid, die Maschine ist ausgebucht! Ich kann Ihnen nur einen Platz in der ersten Klasse anbieten, und das erst auf dem Mittagsflug! Der Flugschein kostet einfach DM 930,-." Ich zögerte, da ich nicht genau wußte, auf welchem Stand sich meine Finanzen befanden. Die Stewardess zuckte mit den Schultern. „Vielleicht versuchen Sie es an einem der anderen Schalter. Es kann sein, daß eine andere Gesellschaft Platz in der Economy-Class hat." Etwas enttäuscht machte ich einen Kassensturz, nachdem ich mich bedankt hatte.
Neben mir saß ein Mädchen, das zu einer älteren Dame auf Deutsch sagte: „Das ist der Mann, von dem sie in den Ansagen immer sprechen. Er ist auf dem Killertrip." Die Touristin sah mich erschrocken an: „Was hat der arme Kerl da an seinen Augen?" Das Mädchen erklärte: „Den Text erzeugt ein Computer. Aber zwei Killer, die noch leben, ändern ihn immer wieder ab." „Die Arbeit des Computers zeigt Wirkung!" dachte ich zufrieden. „Das sieht ja ganz gut aus." Trotzdem erschien mir alles irgendwie unwirklich. Meine lang gehegte, immer wiederkehrende Vermutung, daß ich alles, was ich unter dem Einfluss der Droge hörte, anders verstand, erschien mir wesentlich realistischer. Aber ich konnte ja nur auf das reagieren, was ich als wahr erachtete.
Mein Geld reichte für das Ticket erster Klasse! Aber ich wollte erst sehen, ob ich nicht noch eine Alternative auftreiben konnte, vor allem eine Maschine, die Athen früher verließ. So trabte ich von einem Check-ln zum anderen, aber überall erteilte man mir nur Absagen. Klar, daß um diese Jahreszeit Hochsaison war, aber ich wurde das Gefühl nicht los, daß es in erster Linie darum ging, mir keinen Flugplatz zu geben. Wenigstens konnte ich auf die LH zurückgreifen.
Da wurde die Situation plötzlich bedrohlich: Der Lautsprecher verkündete, daß ich nicht der Richtige sei, sondern ein Killer, der sich mit gefälschten Papieren auf der Flucht befände. Außerdem würde man mir bei Betreten der Toiletten die Kehle durchschneiden, beziehungsweise bei Verlassen des Airports mich erschießen. Ich war wie betäubt. Wie war das zustande gekommen? Um Gottes Willen! Das war mein Ende! Wolfgangs höhnisches Gelächter ließ mich frösteln. „Jetzt haben wir ihn! Er kommt nicht mehr lebend raus!" Also daher wehte der Wind! Die anderen hatten wohl bei der Flughafenleitung angerufen und den Leuten eine wilde Geschichte aufgetischt, die den Computer unglaubwürdig machte. Ich stand wieder allein da. Doch ich raffte mich auf, lief zum Lufthansa-Schalter und erklärte mit fester Stimme: „Ich nehme das Ticket erster Klasse!" Ungehalten erwiderte die Hostess, daß diese Passage inzwischen verkauft worden und auch die Flüge für die folgenden Tage ausgebucht seien. Alles hatte sich gegen mich verschworen!
Jetzt konnte mir nur noch die Deutsche Botschaft helfen! Ich lief zu einem der öffentlichen Fernsprecher und wählte die Nummer. Eine Frau meldete sich in deutscher Sprache. Erleichtert bat ich, mit dem Botschafter selbst sprechen zu dürfen. „Er ist leider nicht im Hause", bedauerte die Sekretärin, „aber ich gebe Ihnen einen Kollegen." Dem schüttete ich mein Herz aus, - daß ich krank sei, man mir eine Droge verabreicht hätte, ich nicht mehr in der Lage sei, mit dem Auto heimzukehren und Probleme mit dem Rückflug hätte. Von der Killerstory hatte ich jedoch nichts erwähnt.
Der Mann versprach mir, am Schalter anzurufen, wo ich in einer halben Stunde nochmals nachfragen sollte. Verdächtig ruhig sagte Wolfgang: ,,Bernd, ruf die Botschaft an, sonst entwischt er uns noch!" „Ihr Schweine!" murmelte ich. Meine Augen verengten sich. Welche Lügen mochten sie nun wieder über mich verbreiten? Ich konnte nur hoffen, daß man ihnen keinen Glauben schenkte. Ungeduldig wartete ich, bis die 30 Minuten um waren. Sofort erschien ich wieder bei der Lufthansa und fragte nach, ob sich das Konsulat schon gemeldet hätte. Die Stewardess verneinte. Nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen. Lag es vielleicht daran, daß meine Widersacher überzeugend gewesen waren und mich diffamiert hatten?
Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief ich durch die Halle. Nach einer weiteren halben Stunde wiederholte ich meine Anfrage, aber nichts hatte sich getan. Überheblich und triumphierend ließ sich Wolfgang hören: „Rolf, du bist geliefert. Kein Mensch glaubt dir noch ein Wort! Du hast ausgespielt!" Ich mußte mich setzen.
Unbedingt mußte ich noch einmal mit der Botschaft sprechen. Ich rannte zum Telefon und wählte mit zittrigen Fingern. Der Anschluß war ständig besetzt, ich kam einfach nicht durch. Meine Augen wanderten durch den Raum. Gerade hatte ein Soldat in Uniform die Flughalle betreten. Eine Frau lief auf ihn zu, fuchtelte mit einem Blatt Papier in der Luft, redete heftig auf ihn ein und gestikulierte in meine Richtung. Sie verschwand und der Söldner kam langsam auf mich zu. In angemessener Entfernung blieb er stehen und musterte mich. Hatte man ihn auf mich angesetzt? Aber ohne Grund konnte doch niemand etwas gegen mich unternehmen. Ich benahm mich so normal wie möglich und drückte auf die Wiederholungstaste.
Endlich hatte ich Glück! Ich wurde mit demselben Herrn wie vorhin verbunden. Er fragte mich scherzhaft: „Sind Sie immer noch in Athen? Ich wähnte Sie längst auf dem Nachhauseweg!" Ich wurde wütend. „Niemand hat mir ein Ticket gegeben, weil Sie nicht bei der Lufthansa angerufen haben!" knurrte ich. „Sie müssen verstehen, - ich bin völlig am Ende und muß weg von hier! Das Konsulat ist verpflichtet, mir zu helfen! Es wird mir nur jetzt nichts nutzen, wenn ich deutsche Touristen über meine Lage informiere, die erst in München zur Polizei gehen können. Das dauert zu lange!" „In Ordnung, - ich kümmere mich darum. Geben Sie mir Ihre Personalien. Wenn sie überprüft sind, lasse ich Sie in der Halle ausrufen, alles klar?" Eine leise Hoffnung keimte auf. Würde ich mich auf ihn verlassen können?
Ich wartete über eine Stunde, aber nichts rührte sich. Trotzdem ging ich zum Schalter und stellte meine übliche Frage. Die Lufthansa Hostess verneinte abweisend. Sie schien nervös. Ich hatte meine Tasche abgestellt und machte keine Anstalten wegzugehen. Unbehagen erfüllte mich. Irgendetwas braute sich über mir zusammen.
Da sah ich, wie der Soldat sich anschickte, alle Leute wegzuschicken und umzudirigieren, die sich in meiner Nähe befanden oder in die Richtung kamen. Ich verfolgte das Treiben, konnte mir aber keinen Reim darauf machen. Erst, als ich ganz allein am Schalter verblieben war, dämmerte mir die Absicht: Ich sollte jetzt und hier getötet werden! Die Stewardess war kreidebleich. Hatte man sie darüber informiert? Dann konnte dieser Hinweis nur von der Botschaft selbst gekommen sein! Also war auch hier die Hoffnung auf Hilfe ein Trugschluss gewesen!
Erstmals verspürte ich wieder Todesangst. Sie war so gewaltig, daß ich unfähig war, mich zu bewegen. Ich war wie angewurzelt. Druck in meinem Kopf blockierte jeden klaren Gedanken. Eine Frau, die mit trippelnden Schritten auf mich zukam, wurde energisch von dem Grünbekleideten zurückgehalten und in die Halle geschickt. Ich riss mich am Riemen, schnappte mein Gepäckstück, ging so bedacht und gemächlich wie möglich zu den Sitzreihen hinüber und mischte mich in die Menge. Wenn er schoss, würde er zweifelsfrei auch Unbeteiligte treffen, - und das würde er wohl doch nicht wagen.
Ich zitterte am ganzen Körper und sank in den Stuhl. Es war wohl Zeit zum Aufgeben. Welche Chance hatte ich noch? Mein Zustand verschlechterte sich dramatisch. Doch da ertönte laut eine neue Ansage: Der Computer hatte den Fernschreiber der Botschaft kontaktiert und einen kompletten Bericht über meine Odyssee, das Spielsystem und alle daran Beteiligten geliefert! Meine Niedergeschlagenheit war wie weggeblasen! Ich sprang auf. Verärgert meldete sich Wolfgang: „Mist, - jetzt wissen sie alles! Ruf nochmals das Konsulat an und erzähl ihnen irgendwas! Sonst geht noch alles daneben!" „Diese Ratte!" dachte ich. Sofort wollte ich die Botschaft über die Richtigkeit der Angaben des Computers informieren. Das Elektronengehirn hatte wahrlich eine Leistung vollbracht, die beachtlich war. Ich fühlte eine Dankbarkeit der Maschine gegenüber, auf die mehr Verlass zu sein schien, als auf alle Menschen, mit denen ich zu tun hatte!

Dienstag, 29. Mai 2007

Killertrip Teil 11

Mit Widerwillen ging ich auf einen Uniformierten zu, der wohl der Aufsichtsbeamte war. Ich erkundigte mich nach den Abflügen nach München, erhielt aber nur die mürrische Auskunft, daß die Schalter um 6.00 Uhr öffnen würden und fast zu gleicher Zeit die ersten Maschinen starteten. Wolfgang gab Kommentar: „Erst um 6.00 Uhr! Bis dahin muß es uns gelingen, die Einheimischen gegen ihn aufzuhetzen! Wir sollten sie reizen bis aufs Blut!" Ich lachte böse. Dieser Mistkerl konnte es nicht lassen! Obwohl mein Spiel als gewonnen gegolten hatte, ließ er mich nicht aus den Klauen. Doch ich fühlte mich jetzt einigermaßen sicher, - die internationale Atmosphäre, die hier spürbar war, vermittelte mir den Eindruck, schon nicht mehr ganz in Griechenland zu sein.
Die Sonnenbrille, zu der ich es immer noch nicht gebracht hatte, hätte meine Lage unauffälliger, und daher einfach gestaltet. So wie manche jungen Leute die dunklen Gläser auch in der Disco trugen, hätte ich hier als cool gegolten, aber mehr nicht. Vielleicht sollte ich einige von den Deutschen ansprechen? Aber nein, zuerst würde ich versuchen, allein zurecht zu kommen, das hatte ich bisher ja auch gemeistert.
Ich setzte mich wieder, zündete mir umständlich eine etwas verdrückte Zigarette an und zog den Rauch tief in die Lungen. An Schlaf war nicht zu denken, obwohl ich völlig erschöpft war. Ich sollte versuchen, mich ein wenig zu entspannen und die noch verbleibenden Stunden mich ruhig zu verhalten.
Jedesmal, wenn ein Grieche an mir vorbeischlenderte, wurden die Spiegel tätig und flackerten. Die Aussagen wechselten wie gehabt. Meistens schloß ich die Augen. Sollte ich Gegenmaßnahmen treffen? Warum sollte ich eigentlich Wolfgang das Feld kampflos übergeben?
Ich stand auf und ging in den Trakt des Gebäudes, in dem ich schon eingangs die Aufseher gesehen hatte. Hinter einem Pult saß ein Uniformierter, der mich mit müden, geröteten Augen ansah, als ich ihn ansprach. Er sollte die leuchtenden Schriftzüge nicht beachten, bedeutete ich ihm und hielt ihm meinen Pass unter die Nase. Er blätterte darin, blickte mich verständnislos an. „l'm on the killertrip", fügte ich hinzu. Er stand auf, ging durch eine Tür in den Nebenraum und kam mit zwei Kollegen wieder. Einer der beiden, - vermutlich der Vorgesetzte fragte mich nach meinem Problem. Ich wiederholte das bereits Gesagte und bat um autorisierten Schutz, bis ich mein Ticket nach München in Händen hätte. Sie besprachen sich, lachten und retournierten mein Dokument mit der Beteuerung, ich könne mich auf sie verlassen:
Mißmutig trottete ich von dannen. Ich hatte ganz und gar nicht das Gefühl, verstanden worden zu sein, - im Gegenteil! Vielleicht hatten sie den Eindruck, ich sei nicht ganz richtig im Kopf. Ich zwang mich zur Ruhe und nahm wieder Platz.
Hinter einem geschlossenen Schalter saß ein Beamter, der sich intensiv mit seiner Zeitung beschäftigte. Ich wollte noch einen Versuch starten und ging zu ihm hin. Mit beschwörenden Worten wiederholte ich meine Story und zückte den Reisepass. Der Mann hörte mir zwar zu, sah mich etwas seltsam an und schwieg. Ich beteuerte, daß ich der Richtige sei und seine Hilfe benötigte. Da lächelte er und sagte: ,,Please go." Ich war wie erschlagen. Entweder wollte er nicht verstehen oder auch er glaubte mir nicht. Es war zum Verzweifeln!
Wolfgang, der währenddessen immer wieder "Malaga" projiziert hatte, triumphierte. "Sie nehmen ihn nicht ernst! Von ihnen hat er keinerlei Schutz zu erwarten!" Verwirrt und verunsichert lief ich durch die Halle. Ich konnte nicht mehr stillsitzen. Die Zeit verrann kaum.
Noch immer waren die Schalter geschlossen, nur an dem der Alitalia standen ein paar Leute, wahrscheinlich Bodenstewardessen, und zwei Männer. Ich ging auf die Gruppe zu und fragte eine der Damen nach der Nummer der Deutschen Botschaft. Die junge Frau war sehr freundlich, suchte aus einem Notizbuch das Gewünschte und schrieb es auf einen Zettel, den sie mir mit einem Lächeln reichte. Als sie meine Augen sah, drückte ihr Gesicht Verwunderung aus. Ich erklärte, daß das Geflacker ein Trick der beiden überlebenden Killer sei, mit dem sie versuchten, die Leute gegen mich aufzuhetzen.
Nachdem ich mich höflich bedankt hatte, marschierte ich zu einem der vorhandenen öffentlichen Telefone und wählte die Deutsche Botschaft an. Es meldete sich nur der Anrufbeantworter, um die Information zu vermitteln, daß erst ab 7.30 Uhr das Büro besetzt sei. Danach versuchte ich es bei der Internationalen Touristenpolizei, deren Nummer sich am Apparat befand. Ein verschlafen klingender Diensthabender hörte mir desinteressiert zu und empfahl mir dann, mich an die am Flughafen befindlichen Beamten zu wenden. Wieder nichts! Anscheinend konnte man auf die Freunde und Helfer in der Tat nicht zählen!
Also blieb mir nichts übrig, als abzuwarten, bis die Abfertigungsschalter ihren Dienst aufnahmen. Alle Blicke waren jetzt auf mich gerichtet, - die der Frauen verwundert, - die der Männer eher abweisend. Für mich entstand der Eindruck, daß sich alle Menschen, mit denen ich in Berührung gekommen war, -in zwei Gruppen gespalten hatten, - Pro und Kontra. Die einen glaubten den Text, der von Wolfgang stammte, die anderen den, welchen der Computer produzierte. Es schien sich jetzt zu einen Zweikampf dieser beiden zu entwickeln. Meine Spiegel reagierten entsprechend und wechselten permanent. Ich mußte versuchen, die Sympathie der Leute zu gewinnen.
Endlich dämmerte es. Immer mehr Passagiere frequentierten die Abfertigungshalle. Ein Imbissstand klappte seine Tür hoch. Ich ging davon aus, daß das gesamte Personal wußte, wer ich war. Um zu prüfen, wie man mich einschätzte, lief ich hinüber zu dem Mann am Würstchenstand, zeigte auch ihm meinen Pass und gab ihm einen Kurzbericht meiner Erlebnisse. Auf meine Frage, ob er mir Glauben schenkte, winkte er ab und verneinte. Enttäuscht steckte ich meine Papiere ein und kaufte ein Mineralwasser.
Ich hatte das Gefühl, als ob die Situation sich zugespitzt hatte. Mit den Fingerspitzen tastete ich nach meinem Messer, das ich am Gürtel gebunden in der Hose trug, - griffbereit, aber nicht sichtbar. Sollte es meinen Widersachern tatsächlich gelingen, Stimmung gegen mich zu machen, würde ich mich wehren müssen. Die beiden schienen wieder an Zuversicht gewonnen zu haben, je mehr mir die Nerven flatterten. Ich wollte nur noch warten, bis die Lufthansa ihren Schalter öffnete.
Gerade, als ich mich wieder hinsetzte, sah ich einen Mann, dessen Uniform sich von den anderen deutlich unterschied. Noch einmal wollte ich es versuchen. „Are you policeman?" Er nickte freundlich. Ich fuhr fort und erklärte ihm, daß Polizisten doch Menschen in Not helfen würden und man mir bisher diese Unterstützung verweigert hätte. Daß man mir eine Droge verabreicht hätte und es mir deshalb sehr schlecht ginge und ich so schnell wie möglich nach München fliegen wollte. Dann fragte ich, ob er mir dabei behilflich sein könnte, die Sache mit meinem Ticket zu regeln. Endlich schien ich auf Glauben und Hilfe gestoßen zu sein!
Der Beamte versprach, sich für mich einzusetzen und legte mir behutsam die Hand auf den Arm. Dann gab er mir ein Zeichen, ihm zu folgen und wir gingen quer durch die Halle zu einem Schalter, an dem mehrere Leute warteten. Die Hostess schien schon tätig zu sein und blätterte in ihren Listen. Der Polizist redete ein paar Worte mir ihr und wandte sich dann an mich. ,,We have to wait till 6.00 o'clock. Then it will be opened." Also hatten sich einige Beschäftigte gegen mich verschworen! Ich hatte doch mitbekommen, daß die junge Frau schon Fluggäste abgefertigt hatte! Erneut bat ich den Beamten, mir eben um 6.00 Uhr zu helfen, wenn der Check-ln begann. Da er dann Dienstschluss hätte, würde er seinen Kollegen anweisen, mir zur Seite zu stehen, versicherte er mir treuherzig. Das gab mir neuen Auftrieb.
Wolfgang knurrte: „Verdammt, der Bulle hilft ihm!" Bernd: ,,Komm, gib es endlich auf! Es hat wirklich keinen Zweck mehr!" Wolfgang entgegnete bockig: ,,Nein! Etwas Zeit haben wir noch!"
Wieder nahm ich Platz. Ein wenig wohler war mir zumute, da ich mich in der Obhut des Polizisten geborgen fühlte. Aber es war gut, ihm nichts vom Killertrip erzählt zu haben. Meine Spiegel schien er nicht registriert zu haben, oder er hatte sich nicht daran gestört. Vielleicht aber waren sie doch nicht vorhanden.
Meine Anspannung war groß. Ich stand wieder auf, um mir die Beine zu vertreten. Wenn doch nur die Zeit schneller verrinnen würde! Da kam eine Nachricht über die Hallenansage: Eine Frauenstimme erzählte auf Englisch, daß der Computer, um mich zu schützen, den Fernschreiber des Flughafens ausfindig gemacht und angewählt hatte. Danach folgte ein Bericht über meine bisherige Tour und die Information, daß ich bereits zwei der Killer getötet hatte, die anderen jedoch noch am Leben waren und durch Manipulation meiner Spiegel versuchten, die im Flughafengelände befindlichen Griechen auf mich zu hetzen. Das Ziel sei, mich auf diese Weise töten zu lassen. Dann wies sie noch darauf hin, daß ich mit einem Messer bewaffnet sei und mich gegen jeden Angriff zur Wehr setzen würde.
Kaum hatte ich mich über die Fehlbehauptung gewundert, daß ich für den Tod von Gert und Rudolf verantwortlich sein sollte, da ertönte der Lautsprecher erneut: Der Computer habe sich korrigiert und nicht ich, sondern die beiden selbst hätten sich das Leben genommen.
Wolfgang meldete sich aufgeregt: „Der Computer muß im Flughafen sein und macht Propaganda für Rolf! Aber wo ist das System genau? Es stinkt mir, daß wir ihn nicht umgehen können!" Bernd entgegnete: „Der Standort wird geheim gehalten, keiner weiß es genau."
Ich war überrascht, daß sich die Situation so plötzlich und eindeutig zu meinen Gunsten verändert hatte. Wenn ich das Elektronengehirn auf meiner Seite hatte, mußte ich es schaffen, endgültig hier herauszukommen. Ich lief zurück in die Halle. Als ich an den Toiletten vorbeikam, dachte ich, daß es mir sicher nicht schaden konnte, mich frisch zumachen und zu rasieren. Ich betrat den Raum, aber Misstrauen beschlich mich, als ich die beiden Männer erblickte, die sich gerade den Bart schabten. Der eine stieß den anderen an, wandte sich zu mir und sagte: „This is the Malaga. Cut his throat!" Ich packte mein Messer, ohne es herauszuziehen und blieb in Angriffsstellung. Doch der andere Mann beschwichtigte: „The Computer says, he is the right one, because he has the knife." Hastig verließ ich die Waschräume.

Samstag, 28. April 2007

Killertrip Teil 10

Meine Gedanken wirbelten durcheinander. Die Situation spitzte sich dramatisch zu. Meine Spiegel signalisierten:
„He`s qood he comes." Nachdem von Presse die Rede gewesen war, mußte die Sache eine weitaus bedeutendere Größenordnung haben, als ich angenommen hatte. Ich war anscheinend einem Riesenkomplott zum Opfer gefallen. Wie vielen mochte ähnliches widerfahren sein? Meine Peiniger erschienen mir wie aufgescheuchte Hühner. Jetzt waren sie die Bedrohten. Ich konnte nicht unterdrücken, daß eine breite Genugtuung in mir aufstieg.
Sie schwiegen oder murmelten nur Unverständliches, waren damit beschäftigt, deprimiert die Daten durchzugehen. Wolfgang: ,,Jetzt stecken wir ganz schön in der Scheiße. Welcher Hornochse hat damals gesagt, das System sei sicher und uns könnte nichts passieren?" Rudolf: „Bisher ist ja auch noch kein Spieler durchgekommen." Wolfgang: „Ausgerechnet wir müssen das Pech haben. Aber vielleicht können wir das System retten, wenn wir schon verspielt haben." „Dir glaube ich kein Wort mehr", schnaubte ich. „Von wegen System retten!" Wolfgang war doch nur daran interessiert, seine eigene Haut aus der Affäre zu ziehen. Ausgerechnet dieser Sau hatte ich mein Vertrauen geschenkt. Ihn sogar gebeten, mich nicht zu verlassen! Für einen Augenblick bereute ich meine damalige Schwäche.
Wolfgang: „Nach der Computerinformation kann Rolf bis Athen durchziehen, ohne anzuhalten. Ihr könnt euch vorstellen, was los ist, wenn er am Flughafen ankommt! Aber, warten wir's ab, - vielleicht geschieht doch noch etwas!" „Gar nichts wird passieren!" zischte ich, „Jetzt erst recht nicht!" Ich war bemüht, noch effektiver zu fahren und hielt mich soweit rechts wie möglich. Zeitweise wurde ich von wütenden Fahrern angeblinkt oder angehupt, da ich im Schneckentempo auf einer Autobahn vor mich hinzuckelte. Aber sie konnten ja nicht wissen, was der Grund für meine Bummelei war. Ich ließ mich nicht irritieren. Und ich hatte die besseren Karten!
Plötzlich hörte ich Rudolf mit bebender Stimme sagen: ,,Gert ist tot! Er hat sich im Nebenzimmer vergiftet!" Niemand sagte einen Ton. Selbst ich war geschockt. Wohin sollte das noch führen? Mußte das alles geschehen? Rudolf war total deprimiert. Es schien ihm an die Nieren zu gehen. Vielleicht war er doch nicht so cool, wie er die ganze Zeit über getan hatte. „Es hat keinen Zweck mehr. Laßt uns aufhören!" Wolfgang: „Laßt uns den Computer fragen, ob wir einen Versuch unternehmen sollen, das System zu retten." Wolfgangs Stimme war heiser. Nach kurzer Zeit gab er die Antwort: „Der Computer gibt uns freie Hand. Aber sobald Rolf Athen betritt, gibt er das System auf."
Eine Angstsekunde durchzuckte mein Herz. Aber was sollte jetzt noch an Hinderung auftauchen, - vielleicht 50 Kilometer vor Athen? Falls das Elektronengehirn selbst gegen mich antrat, - das wäre ein Problem. Doch es war neutral. Am Straßenrand entdeckte ich ein Schild: Maut. Hier würde ich auf jeden Fall anhalten müssen. Die Unruhe brach wieder aus. Wolfgang hatte das bemerkt: „Er muß an einer Mautstelle stoppen! Das ist unsere Chance, - vielleicht die letzte! Wir setzen ihm einen wilden Text auf, - dann werden wir ja sehen!" Sofort reagierten meine Spiegel: „Malaga, Malaga, kill him, kill him!" Es gab keinen Ausweg und kein Zurück. Ich mußte hier vorbei. Vielleicht konnte ich dem Kassierer das Geld zustecken, ohne ihn überhaupt anzuschauen. Falls er versuchen sollte, mich aufzuhalten, würde ich Gas geben und davonrauschen wie der Blitz. Aber was, wenn er mir die Polizei hinterherjagte? Ich hatte kein Vertrauen mehr zu den Beamten. Und, - wer würde mir meine Story schon glauben?
Es war soweit. Ich blieb stehen und senkte den Kopf. So gab ich dem Mann einen Geldschein, der die angezeigte Gebühr überstieg und fuhr, ohne das Wechselgeld abzuwarten, davon. Meine Spannung löste sich sofort. Die anderen fluchten. Wolfgang sagte: „Nimm ihm das blöde ,Malaga' von den Augen! Sollte er einen Unfall haben, soll er wenigstens anständig abtreten." Meine Spiegel schrieben: „He's good, he comes."
Ich hatte mich wieder unter Kontrolle. Die letzte Hürde schien genommen. Mein Blick fiel auf die Tankuhr. Der Zeiger war inzwischen weit in den gelben Reservebereich vorgerückt. Wolfgang, der dies nicht bemerkt zu haben schien: ,,Meine Güte, er schafft es wirklich! Ich hätte nie für möglich gehalten, daß die Karre mit so wenig Sprit auskommt!" Ich fühlte mich nun sicher. Nur mußte ich mich orientieren, in welcher Richtung zur Stadt der Flughafen lag. Ich verrenkte mir den Hals bei jedem Schild. Langes Suchen war nicht drin.
Wolfgangs Stimme riß mich aus meiner Konzentration. ,,Der Computer sagt, es kommt noch eine Mautstelle! Die letzte, kurz vor Athen. Jetzt oder nie! Wir müssen ihn hier kriegen!! Rudolf, - kennst du ein gemeines griechisches Schimpfwort?!" Rudolf: „Papyros-Malaga (!?)" Wolfgang: „Okay. Dann ändere seine Spiegel!" Wieder beschlich mich die Angst, doch ich versuchte, sie im Zaum zu halten. Ich atmete tief und stoßweise.
Entschlossen legte ich einen kleineren Gang ein und fuhr langsam heran. Jetzt kam es noch einmal drauf an. Meine Spiegel blitzten und wechselten zwischen: ,,Papyros Malaga", und „kill him, kill him!" Die Hände wurden feucht. Ich preßte meine Zähne aufeinander, bis sie knirschten.
An der Schranke stoppte ich und reichte dem Wart den Drachmenschein. Er übergab mir eine Karte und rief mir ungehalten einen griechischen Wortschwall zu, von dem ich nichts verstand, außer „Papyros Malaga". Man ließ mich unbehelligt weiterfahren! Ich hatte es endgültig überstanden!
Jetzt mußte ich nur noch den Weg zum Airport finden. Die anderen hatten wohl resigniert. Da hörte ich Rudolf anerkennend sagen: „Neben ihm möchte ich begraben sein!" Seine Stimme erinnerte an einen Volltrunkenen, - schwer und verzerrt. Bernd fragte daraufhin: „Was ist denn mit Rudolf los?" Wolfgang antwortete leise: „Er hat auch Gift genommen, er stirbt." Ich war entsetzt! Obwohl Rudolf mein ärgster Gegner gewesen war, verspürte ich keine Rachegefühle. Das Unglück anderer konnte ich nicht als befriedigend empfinden. Tiefe Niedergeschlagenheit drückte mich in meinen Sitz. Es war mir unmöglich, irgendeinen Sinn zu erkennen.
Die Gegend, durch die ich jetzt fuhr, mußte schon ein Randbezirk sein. Ich hatte es geschafft. Der Zeiger meiner Tankuhr hatte den äußersten Bereich der Reservemarkierung erreicht. Ich seufzte. „Gott, - jetzt mußt du fahren!" Obwohl ich bereits im zentralen Stadtgebiet war, wies nichts auf den Flughafen hin. Wolfgang meldete sich wieder: „Noch hat er den Airport nicht erreicht! Wenn der Wagen jetzt stehen bleibt, braucht er Hilfe. Entweder eine Tankstelle oder Passanten, die ihn anschieben. Beides kann uns nützen." Bernd: „Warum läßt du es nicht sein? Der Computer hat schon kapituliert." Wolfgang: „Bis wir hier auffliegen, vergeht noch Zeit. Solange machen wir weiter. Und wenn wir schon in der Hölle braten, Rolf möchte ich dahin mitnehmen!" Ich wurde böse. „So ein Dreckschwein!"
Ich kurvte weiter. Endlich traf ich auf ein Schild „Aeroport“'. Fast war ich daran, zu denken, daß ich mich verfranst hatte. Aber nichts war zu sehen, was auf einen Flughafen hindeutete. Die Straße stieg jetzt leicht an. Da entschloß ich mich, die Fahrt abzubrechen. Ich mußte auf dem letzten Tropfen sein. Die erste Nebenstraße bog ich ab, suchte eine Parkmöglichkeit und zwängte den Golf in eine Lücke. Ich stellte den Motor ab blickte mich um. Die Kreuzung war schlecht beleuchtet, kein Mensch weit und breit. Es war 1.00 Uhr morgens. Ich würde mir ein Taxi nehmen.
Dann öffnete ich die Hecktür und suchte aus meinem Gepäck die wichtigsten Gegenstände, um sie in einer kleinen Tasche zu verstauen. Den Pass steckte ich zu den Geldscheinen in meinen Brustbeutel, den ich immer bei mir trug. Dann wechselte ich meine Kleidung, da ich wieder verschwitzt war und auch aus Gründen der Tarnung. Zwei Leute marschierten über die Kreuzung. Ich kniff sofort die Augen zusammen und sah starr nach unten. Wolfgang hatte sofort reagiert und wieder ,,Malaga!" auf meine Spiegel gesetzt. Er zischte zwischen den Zähnen hervor: ,,Kommt schon, kommt schon, - schlagt ihn nieder!"
Zu meiner Überraschung registrierte ich, daß sich der Text gewandelt hatte: „No Malaga, he's good, he comes", stand jetzt zu lesen. Wolfgang knurrte: „Verdammt, - der Computer quatscht dazwischen! Er hilft ihm!" Bernd: „Laß uns endlich aufhören, - es ist sinnlos geworden!" Wolfgang fluchte und tippte auf der Tastatur herum Aber, wie sehr er auch versuchte, seine Worte einzugeben - der Computer korrigierte sie. Das wilde Geflacker an meinen Augen mußte in der Dunkelheit sichtbar sein. Es war gefährlich. Ich mußte auf die Hauptstraße, um dort ein Taxi aufzuhalten.
Noch herrschte reger Verkehr, obwohl es schon 1.30 Uhr früh war. Passanten waren kaum noch unterwegs. Taxistand konnte ich keinen ausfindig machen, - also winkte ich mit den Armen. Da bremste ein Wagen direkt neben mir. Erleichtert stieg ich in den Fond. Den Kopf hielt ich gesenkt. Obwohl der Fahrer kein Englisch sprach, konnte ich klarmachen, daß ich zum Flughafen wollte. Er nickte. Meine Spiegel mußten ihm aufgefallen sein, denn über Funk gab er etwas auf Griechisch weiter, von dem ich nur „Malaga" verstand. Doch eine Frauenstimme antwortete auf Englisch: ,,He is no Malaga, - l heard about him!"
Mein Kommen hatte sich also anscheinend schon herumgesprochen! Doch ich würde auf der Hut sein. Auch der Taxifahrer könnte ein Spitzel sein, der mich in eine abgelegene Gegend verschleppte, wo bereits die Häscher auf mich warteten, um mir den Rest zu geben. Aufmerksam ließ ich meine Augen jetzt umherschweifen. Sollte mir irgendetwas suspekt sein, würde ich den Mann zum Anhalten bringen, notfalls mit Gewalt. Doch alles blieb friedlich und wir durchquerten weiterhin die großen, hell beleuchteten Stadtstraßen.
Nach ungefähr 20 Minuten wandte der Fahrer sich zu mir und gestikulierte, daß wir unser Ziel erreicht hätten. Er hielt direkt vor dem Haupteingang. Ich bezahlte und stieg aus. Mittlerweile war es 02.00 Uhr morgens, als ich das Flughafengebäude betrat. Niemand da, der auf mich lauerte! Ich seufzte erleichtert. Also war es doch nur meiner Phantasie entsprungen!
In der Halle hockten oder lagen eine ganze Menge Leute auf den wenigen Bänken und am Boden. Sie schliefen. Alle Schalter waren geschlossen. Ich hatte gerade auf einem einzelnen Stuhl Platz genommen, da ertönte der Lautsprecher und eine weibliche Stimme gab bekannt: „The man who just arrived, is on the killertrip, he's good, he comes. His name is Rolf B." Verdammt, - sie hatten mich doch bemerkt! Ich blickte mich suchend um, aber nirgendwo war eine junge Dame zu sehen, die an einem Mikrophon stand, um Mitteilungen durchzugeben. Meine Spiegel waren noch immer aktiv. ,,Malaga" wechselte mit ,,No Malaga", - so war deutlich, daß Wolfgang und der Computer miteinander konkurrierten.

Donnerstag, 12. April 2007

Killertrip Teil 9

Ich stieg in den Wagen und brauste nach Agrinion. So gut und stark hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt! Das schienen auch die anderen festzustellen. Wolfgang: „Tatsächlich! Schau dir bloß die Werte an! Rolf hat ein unglaubliches Selbstbewußtsein! Wir müssen uns etwas einfallen lassen!" Als erstes würde ich mir jetzt in der Stadt die Sonnenbrille besorgen. Damit würde ich mich auf der weiteren Fahrt und auch am Flughafen schützen. Ich wollte nicht, daß nochmal jemand meine Spiegel zu Gesicht bekam.
Agrinion schien wie ausgestorben. Ich parkte an einer Haupt-1 Straße, die ich mühelos würde wiederfinden können und spazierte durch die Straßen. Sonderbarerweise fehlten nicht nur die Touristen, - auch von den Einheimischen war keiner unterwegs. Bisher hatte ich mich nie um Ladenschlußzeiten gekümmert. Normalerweise war es in Mittelmeerländern üblich, daß gerade am Abend die Geschäfte geöffnet blieben. Unverrichteter Dinge und daher unzufrieden ging ich zum Wagen zurück und fuhr weiter.
Als ich den Stadtrand erreichte, erblickte ich eine Anhalterin, die eine Sonnenbrille trug! Gebannt starrte ich das Mädchen an. Mit ausgestrecktem Arm stand sie da, als ob sie provozierend sagen wollte: „Schau, - ich habe genau das, was du brauchst!" Ich war unentschlossen, denn neben ihr hockte ein schlaksiger, langhaariger Junge. Ich passierte sie. Der Himmel war bedeckt und die Sonne schien überhaupt nicht, zumindest nicht blendend. Es war nicht nötig, sich die Augen zu schützen. Sollte ich das als Zeichen für mich werten?
Abrupt wendete ich. Als ich die beiden erreicht hatte, kam der Boy auf mich zu und fragte in gebrochenem Englisch: „You drive Delphi?" Ich bejahte, da mein Weg tatsächlich über Delphi nach Athen führte, „l can take you with me, if she sells me her sun-glasses!" Er schüttelte den Kopf. „No!" Ich winkte und wendete nochmal, wieder in Richtung Athen. Einen Augenblick kam ich mir schofel vor. Ich hätte die beiden auch so mitnehmen können. Bisher war es ohne Brille gegangen. Außerdem würde ich halt auf andere Weise dazu kommen, spätestens in Athen, da gab es Läden. Das war das einzig Wichtige: Dort ankommen! Dann hatte ich das Spiel gewonnen. Bis dahin jedoch hatte ich noch 350 Kilometer. Vor Mitternacht würde ich dieses Ziel nicht erreichen. Um diese Zeit gab es auch keine Flugmöglichkeit mehr.
Ich war optimistisch! Meine Chancen waren noch nie so gut. Bei meinen Augen tat sich etwas. Die Spiegel ,,He comes to meet the killer!" Ich streckte die Schultern und schob mein Kinn energisch nach vorn. Während der Weiterfahrt blieb ich konzentriert, den Fuß voll aufs Gaspedal gedrückt. Jeder geschaffte Kilometer brachte mich dem Abflug aus diesem Land und damit meiner Sicherheit näher. Manchmal winkten mir fremde Menschen zu, wenn ich durch eine besiedelte Region kam. Vielleicht, weil sie die Signale gelesen hatten, oder auch nur aus Freundlichkeit. Ehemalige Gastarbeiter, die schon in München gelebt und daher die Autonummer erkannt hatten. Ich wußte es nicht und entschied mich, es als nette Geste zu werten.
Eine Stunde später konnte ich erstmals rechter Hand das Meer sehen! Jetzt kam ich in eine Ortschaft, fuhr durch das Zentrum an einer Hafenanlage vorbei, an welcher eine Fähre angedockt hatte. Das mußte das Schiff nach Patras, zum Peloponnes sein! Ich achtete auf die Hinweisschilder, um mich nicht unnötig zu verfransen. Ein Polizist regelte den Verkehr an einer Kreuzung, an der dutzende von Autos sich einreihten und warteten, bis sie freie Fahrt erhielten. Als ich in Rufweite des Gendarmen war, beugte ich mich aus dem Seitenfenster meines Golfs: ,,Which one is the way to Athens?" Im selben Moment spürte ich, wie folgende Schrift auf meinen Augen erschien: „Malaga, Malaga!" Der Polizist blickte mich abweisend an, sagte etwas mir Unverständliches und wies mit dem Arm in die Richtung, aus der ich gekommen war. Plötzlich war Wolfgang zu hören: ,,Hast du's mitgekriegt? Der Bulle schickt ihn zurück!" Er lachte begeistert. Rudolf: ,,Halt den Mund, du Idiot!" Ich hatte schon gewendet.
Ob mich der Gendarm auf die falsche Fährte geschickt hatte, und Wolfgang deshalb so schadenfroh war? Sie schienen doch immer zu wissen, was ich vorhatte, verdammt!
Da ich immer noch orientierungslos war, hielt ich bei zwei Frauen, die mir auf dem Bürgersteig entgegenkamen. Die Spiegel arbeiteten und wiederholten ihren Text. Als ich auf Englisch nach dem Weg fragte, schienen die beiden belustigt, riefen „Athen, Athen!" und gestikulierten mir, daß ich entgegengesetzt fahren sollte. Ich bedankte mich und drehte nochmals. Tatsächlich hatte man mich irregeführt! Es mußte an den blöden Spiegeln und ihrem noch blöderen Inhalt liegen! Es nervte. Wütend erreichte ich dieselbe Kreuzung und folgte einfach der Mehrzahl der Fahrzeuge. Dies mußte eine glorreiche Eingebung gewesen sein, denn schon hundert Meter weiter bewies ein Schild, daß ich endlich die richtige Strecke erwischt hatte!
,,Er hat die Straße", hörte ich Wolfgang, ,,Schade. Beinahe hätten wir es geschafft! Malaga ist das ideale Reizwort für die Griechen. Das trifft sie. Wenn wir das beibehalten, werden sie ihn früher oder später aufhalten, aus dem Wagen zerren und erschlagen." Ich war gewarnt! Von nun an würde ich jeden Kontakt vermeiden und bei jeder unumgänglichen Begegnung den Blick total senken.
Inzwischen hatte ich die Stadt hinter mir gelassen und preschte über die Küstenstraße, rechts von mir das Meer. Da die Spannung wieder zunahm, war ich nicht imstande, den Ausblick zu genießen, obwohl er beeindruckend war. Obwohl ich ziemlich sicher war, nach Osten unterwegs zu sein, wollte ich auf eine Überprüfung nicht verzichten. Ich schraubte den Deckel meines Überlebensmessers auf, das eine ganze Anzahl Funktionen beinhaltete: In Folie verpackte Streichhölzer, einen Angelhaken mit Schnur, und - einen kleinen Kompass, der mir jetzt gute Dienste zu leisten vermochte! Alles o.k.! Kein Zweifel, - es war Osten! Mein Herz hüpfte. Ich packte das Peilgerät in den Knauf zurück und verschraubte ihn.
Wolfgang ließ sich vernehmen, aber an seiner leisen Stimme konnte ich ersehen, daß er verunsichert war. „Verflixt. Rolf macht keine Fehler mehr. Jetzt hab ich den Eindruck, als sei er genau so gut vorbereitet wie wir." Die Bedenken der anderen waren meine Zuversicht! Es sah gut aus! Jetzt müßte schon etwas Gravierendes geschehen, -ein Unfall zum Beispiel, um meinen Sieg zu gefährden. Doch da erschrak ich: Ein mehr zufälliger Blick auf meine Tankanzeige ließ meine Euphorie schrumpfen. Mir verblieben vielleicht noch zwölf Liter Sprit. Zwölf Liter für 200km, - ohne zu tanken war das kaum zu schaffen. Meine Hände wurden wieder feucht und ich umklammerte das Steuer fester.
Wolfgang war überrascht: ,,Was hat er denn jetzt? Bekommt er doch nochmal Angst?" Bernd erklärte: „Der Computer sagt, daß sein Benzin wohl nicht bis Athen reichen wird." Wolfgang, der eindeutig nicht mehr auf meiner Seite stand, erwiderte hämisch: „Was? Dann muß er tanken, - und hier kriegen wir ihn! Wir speichern einen Text auf seine Spiegel, daß die Leute, die das sehen, ausrasten werden! Was ist mit den Informanten? Mach alle mobil! Jede offene Tankstelle zwischen Rolfs jetzigem Standort und Athen muß von unseren Agenten besetzt sein! Das ist unsere Stunde!!" Das war ein harter Rückschlag. Und ich hatte mich schon so kurz vorm Ziel gewähnt!
Erst langsam fand ich meine Beherrschung wieder. Mein Atem ging stoßweise und der Puls raste. Ich rechnete: Wenn mein Golf bei 130km/h normalerweise 10 Liter benötigte, mußte ich die Geschwindigkeit drosseln. Wenn ich 90km/h fuhr, waren es ungefähr 7-8 Liter, also ca. immer noch 15 Liter für 200 Kilometer - und die hatte ich nicht. Wenn ich konstant bei 60km/h blieb, und das im vierten Gang, könnte ich sparen. In dem Fall würde ich mit 5-6 Litern auf 100km kommen, - und das reichte für die 200km nach Athen! Ich hatte mich wieder beruhigt. Den Verbrauch mußte ich voll unter Kontrolle haben. Vor allem müßte ich darauf achten, keine unnötigen Brems- und Beschleunigungsmanöver durchzuführen.
Die Straße verlief immer noch entlang der Küste. Es dämmerte. Ich schaltete die Scheinwerfer ein und schloß das Schiebedach. Es war kühl geworden. Meine Tachonadel zitterte bei 60km/h. Die Tankanzeige war unverändert. Ich hatte nur auf die rechte Seite gewechselt, um die Überholspur freizugeben und blieb konzentriert. Sollten wirklich alle Stricke reißen und trotz der sparsamen, vorsichtigen Fahrweise das Benzin zur Neige gehen, so würde ich nur eine Tankstelle anlaufen, die von einer Einzelperson bedient wurde. Falls sich diese wegen meines Augentextes weigern sollte, den Sprit rauszurücken, müßte ich handgreiflich werden, aber das nur im äußersten Notfall. Außerdem bestand das Risiko, daß zufällig jemand hinzukam, um vielleicht auch zu tanken. Falls er sich einmischte, hätte ich den Schlamassel.
Ich beschloß, das beste für mich zu hoffen. Mein Optimismus war wieder gewachsen und ich begann sogar, mich zu überschätzen. ,,Mit mir nicht! Ihr Idioten, - ich zeig's euch allen!!" Ich setzte ein grimmiges Lächeln auf. Plötzlich dröhnte ein kreischendes Geräusch in meinem Kopf. Bernd: „Was hast du gemacht?" Wolfgang: „Der Computer hat Großkotzigkeit gemessen. In diesem Fall dürfen wir ihn abschalten! Aber es funktioniert nicht, - ich hab es schon versucht. Rolf ist irgendwie abgeschirmt." Ich war verwirrt. Aber gleich hatte ich mich wieder gefangen. „Gott hilft mir wieder", dachte ich. „Wenn Er auf meiner Seite ist, - dann komme ich durch!" Bernd: „Was meint er?" Wolfgang: „Der Computer sagt, Rolf spricht auf einer höheren Ebene, - er kann ihn nicht verstehen." „Aha, - wenn ich zu Ihm spreche, ist es nicht lesbar! Wie sollte ein Computer das auch kapieren, - schließlich ist er eine Maschine!" Ich begann, mir Mut zu machen und wiederholte: ,,Wenn Gott auf meiner Seite ist, - dann komme ich durch!"
Seit einiger Zeit war die Küste aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich fuhr auf eine Gabelung zu. Trotz aufgeblendeten Fernlichts waren die Hinweisschilder in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Außerdem konnte ich die griechischen Schriftzeichen nicht gut entziffern. Ich folgte einer Linkskurve, doch schon nach wenigen Metern wurde ich unsicher. Mich jetzt zu verfahren, das konnte fatal sein! Jeder Kilometer zuviel erhöhte das Risiko.
Meine Intuition ließ mich rückwärts zur Kreuzung fahren. Da entdeckte ich den Wegweiser nach Delphi und Athen, den ich vorhin übersehen hatte! Erleichtert blinkte ich und nahm die rechte Straße. Wolfgang ließ sich hören: ,,Verdammt, - das war knapp! Beinahe hätte er sich verfranst!" Ich grinste wütend. Nein, ich würde noch besser aufpassen und mir keinen Schnitzer erlauben!
Nach kurzer Zeit erreichte ich Delphi, die Stadt des berühmten Orakels! Wo mochte die Pythia ihren Dreistuhl platziert haben? “Erkenne dich selbst," soll in der Antike auf einem Schild am Ortseingang gestanden haben. Ich wollte in der Neuzeit jedoch das Zentrum meiden. Hier liefen die Menschenkreuz und quer über die Plätze und Straßen, ohne auch nur ein bißchen auf den Verkehr zu achten und sich umzuschauen, bevor sie die Richtung wechselten. Aber mir blieb keine andere Wahl. Auf den Nebenstraßen, die plötzlich irgendwo enden konnten, würde ich mich allenfalls verirren und das war das letzte, was ich brauchen konnte. Prophylaktisch drückte ich die Knöpfe der Türen und hielt dauernd die Augen zugekniffen, daß nur noch Schlitze übrig waren. Sollte ich doch aufgehalten werden, müßte ich rücksichtslos durch die Menge rauschen, um zu entkommen. Ich hoffte, daß mir und den Leuten das erspart blieb.
Ein Phänomen erweckte meine Aufmerksamkeit: Alle Schilder innerhalb der Stadt erblickte ich nur rückwärts! Lag das an meinen Augen, - oder hatten die von Rudolf georderten Informanten alle Wegweiser einfach umgedreht, um mich zu verwirren? Es war mir nicht möglich, mich zu orientieren. So blieb nur das Vertrauen in mein Gefühl und meine Intuition, die sich bisher schon bewährt hatte. So kreiste ich durch die teilweise sehr engen Gassen, die außerdem schmuddelig waren und Schlaglöcher aufwiesen. Plötzlich erreichte ich eine Ausfallstraße, die durch ein Schild nach Athen ausgewiesen war. Erleichtert setzte ich meine Route fort.
Wolfgang schien verärgert: ,,Es ist wie verhext! Er hat sich zurechtgefunden, als hätte er den sechsten Sinn!" Mein Blick auf die Tankuhr war bedenklich. Das Stop-and-Go innerhalb Delphis hatte mich sicherlich ein Mehr an Sprit gekostet. Trotzdem brauchte ich mir vorläufig keine Sorgen zu machen. Ich hatte das Gefühl, daß es reichen würde.
Wolfgang meldete sich: ,,Mist! Der Computer sagt tatsächlich, daß Rolf es schaffen kann! Er hat alle Werte analysiert und errechnet, daß das Benzin reicht, wenn Rolf das Tempo und die Fahrweise beibehält. Er wird nicht tanken müssen." Das tat mir gut! Wie der Computer allerdings zu den Daten meines Fahrzeugs kam, war mir schleierhaft. War denn der Golf auch an das Überwachungsnetz angeschlossen? Wie auch immer, - jetzt galt es, die letzten Kilometer auch noch durchzustehen. Es mußten ungefähr 120 sein. Anscheinend analysierte der Computer dauernd neue Daten. Ich konnte mitverfolgen, wie Bernd und Wolfgang sich nur noch über Drehmomente, Spritmengen und Kilometerleistung unterhielten. Es hätte mich gereizt, mich ein- zumischen, aber ich wollte ihre Aufmerksamkeit nicht unbedingt auf mich lenken und mich dadurch vielleicht wieder beirren lassen. Es war gut so, wenn sie ihre Nase nur in technische Fakten steckten und mich dabei in Ruhe ließen!
Solange die Straße einigermaßen eben verlief oder leicht ins Gefalle überging, konnte ich mein Auto problemlos rollen lassen. Bei jeder Steigung jedoch wurde ich nervös. Wenn es etwas länger bergauf ging, begann ich zu zweifeln. Ich wußte ja, dass jede Gemütsveränderung vom Computer aufgezeichnet wurde und somit den anderen zugänglich war. Meine feuchten Hände, die Angst signalisierten, waren der Triumph und die Hoffnung meiner Peiniger. Die Belastung, unter der ich stand, war hoch genug.
Die nächste Tankstelle, die ich passierte, war beleuchtet und geöffnet, aber fünf Männer hielten sich drinnen auf. Grund genug, weiterzufahren. Das Risiko war zu groß. Ich ärgerte mich. Mist! Ein voller Tank hätte meine Lage enorm verbessert! Dann wäre ich diese Sorge los gewesen. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn mein Wagen kurz vor Athen ausrollen und keinen Mucks mehr von sich geben würde! Wenn ich es bis in die Stadt schaffte, könnte ich zur Not ein Taxi zum Airport nehmen. Aber noch war es nicht soweit. Noch war ich im Spiel.
Während ich sinnierte, klickte sich der Computer in meine Gedanken: „Der Sender ist in der Goldplombe!" Wolfgang war der erste, der erregt darauf reagierte: „Der Computer hat ihm verraten, wo der Sender sitzt! Er gibt das System verloren! Er ist überzeugt, daß Rolf nicht mehr aufzuhalten ist. Selbst wenn jetzt noch etwas dazwischenfunken sollte wie ein Unfall, - erklärt er Rolf als Gewinner! Sobald er die Stadtgrenze erreicht hat, will der Computer alle Presseagenturen anwählen und das Spielsystem preisgeben!" Bernd erwiderte ernüchtert: „Dann können wir einpacken."

Samstag, 17. März 2007

Killertrip Teil 8

Nachdem ich die Außenbezirke der Stadt hinter mir gelassen hatte, fühlte ich mich etwas sicherer. In der Dunkelheit war mein Golf nur schwer zu erkennen und es dämmerte bereits. Irgendwie war dieser Tag an mir vorbeigeflogen. Man konnte mich nicht mehr einholen, - allenfalls mit Motorrädern, aber ob sie damit gerüstet waren? Ich fuhr mit Bleifuß und sammelte Kilometer.
Die Nacht brach an. Obwohl ich nichts zu mir genommen hatte, war ich weder hungrig noch durstig. Mein Körper war nur auf Konzentration eingestellt. Die Gemütsverfassung hatte sich einigermaßen stabilisiert. Meine einzige Sorge galt meinem verräterischen Augenleuchten. Zu einer Sonnenbrille hatte ich es heute nicht geschafft. Also mußte ich meine Lider wieder zusammenkneifen, um nicht erkannt zu werden. Das war nicht ungefährlich, da es meine Fahrweise wesentlich einschränkte. Besonders, wenn mir auf schmalen, kurvenreichen Gebirgs-strecken die Lastwagen entgegenkamen, wurde mein Verhalten nur einerseits zum Schutz, andererseits zum Risiko. Ich behielt jedoch das Tempo bei.
Die Bergstrecke zwischen Igoumenitsa und Ioannina kostete viel Sprit, - meine Tankanzeige stand auf Reserve. Mit dem Rest wollte ich soweit kommen, wie heute noch möglich. Ich hoffte, daß er wenigstens bis zu r Talfahrt reichte. Es klappte. Bergab ließ ich den Wagen rollen und erzielte auf diese Weise eine höhere Kilometerleistung, als ich angenommen hatte. Fast trocken tuckerte ich auf einen Parkplatz auf der linken Straßenseite und schaltete sogleich Scheinwerfer und Motor aus. Weit und breit war niemand zu sehen. Ein etwas abgelegen stehendes Haus war völlig dunkel. Nichts rührte sich. Ich schraubte den Verschluß meines Reservekanisters und des Tanks auf und füllte den Inhalt ein. Jedesmal, wenn ein Auto an mir vorbei zischte, wandte ich mich ab und schloß die Augen. Ich wollte jedes Risiko vermeiden. Dann orientierte ich mich wieder an meinem Atlas, den ich mit einer Taschenlampe beleuchtete. Es war nicht mehr weit bis Ioannina. Von dort aus wollte ich in Richtung Süden über Arta nach Patras. Das Benzin würde über Ioannina hinaus noch einige Kilometer reichen.
Jetzt war es schon gegen 2.00 Uhr morgens und ich wollte mich bald nach einen Schlafplatz umschauen. Vorsichtig fuhr ich weiter, mir meiner Spiegel bewußt. Kurz nach Ioannina verließ ich die Hauptstraße und bog in einen Feldweg, der von der Piste aus nicht zu sehen war. Alles blieb ruhig und dunkel, obwohl die Gegend gut bewohnt war, wie ich an den zahlreichen Häusern unschwer erkennen konnte. Wieder versperrte ich alle Türen und kroch in meinen Schlafsack. Langsam wich die Spannung.
Ich hatte vielleicht eine Stunde geschlafen, als ich von einem eigenartigen Geräusch geweckt wurde. Es hörte sich an, als ob Wasser meinen Golf umströmte. Es wurde lauter. Panische Angst scheuchte mich hoch. Parkte ich etwa in einem Flußbett? Wurde ich schon von gewaltigen Wogen hinweggerissen? Verzweifelt versuchte ich, etwas zu erkennen und drückte meine Nase ans Fenster. Es war zu finster. Mein von Angstphantasien umnebeltes Gehirn benötigte eine Zeit, bis es die Tierleiber erkennen konnte, die an beiden Seiten meines Fahrzeugs entlangzogen, - hunderte von Ziegen hatten mich gestört. Erleichtert fiel ich zurück. Der Hirte ging teilnahmslos vorüber, und nach wenigen Minuten war der ganze Spuk vorbei.
Gerade hatte ich mich wieder beruhigt, als ich die Stimmen von zwei, drei Leuten vernahm, die sich lautstark unterhielten. Sofort bezog ich das auf mich. Wahrscheinlich hatten sie mein Auto entdeckt und mich an den Spiegeln erkannt. Jetzt fühlte ich mich nicht mehr sicher und beschloß, zu verschwinden. Also kroch ich vor auf den Fahrersitz, startete und kehrte auf die Hauptstraße zurück. Einige Kilometer weiter fand ich einen Weg, der nach rechts führte, auf einen größeren Gebäudekomplex zu. Ich zuckelte an dem Gehöft vorbei und parkte hinter einem flachen Schuppen. Hier konnte ich endlich den Rest der Nacht verbringen, da ich von der Straße aus nicht gesehen werden konnte und auch sonst von keiner Ecke Gefahr drohte. Ich legte mich sofort hin und schlief ein.
Es war schon relativ spät, als ich erwachte, aber ich ließ mir Zeit. Obwohl ich durchgeschlafen hatte, fühlte ich mich schwach und matt. Die Schluckbeschwerden hatten zugenommen. Meine rechte Halsseite war geschwollen, - innen und außen. Ich vermutete eine Seitenstrangangina. Als ich aufstand, verspürte ich darüber hinaus starke Gliederschmerzen. Vielleicht hatte ich auch eine Sommergrippe. Das kam allerdings sehr ungelegen, da es meinen ohnehin überstrapazierten Körper zusätzlich schwächte. Mit Mineralwasser, das ich noch im Auto hatte, putzte ich mir notdürftig die Zähne und spülte den Mund aus, damit der faulige Geschmack verschwand.
Vor einem der gegenüberliegenden Häuser tauchte jetzt ein Mann auf, der etwas räumte. Er hatte mich wohl gesehen, kümmerte sich aber nicht um meine Anwesenheit und kramte weiter. Ich ordnete meine Sachen und ließ den Motor an. Lange würde ich sicher nicht mehr durchhalten können. Heute mußte ich tanken und dringend etwas essen.
Es dauerte zum Glück nicht lang, bis ich eine Tankstelle erreichte. Diesmal bediente mich eine Frau. Sie musterte mich, aber das konnte auch an meinem räuberhaften Outfit liegen. Ansonsten verhielt sie sich ganz normal. Sollte die Wirkung der Droge verschwunden sein, - und damit meine Spiegel? Ich wagte nicht, dies zu hoffen, denn bisher war ich diesbezüglich immer enttäuscht worden.
Etwas seelisch aufgemöbelt fuhr ich weiter Richtung Süden. Es mochte etwa eine knappe Stunde später sein, als ich auf eine großzügig angelegte Gaststätte traf, die einen sehr einladenden Eindruck machte, ich bog ab und nahm das kurze Wegstück bis direkt vor die Terrasse, wo ich stehen blieb. Obwohl es ein klarer, schöner Tag war, - sonnig aber noch nicht so heiß, saß niemand an den Tischen, die draußen standen. Vielleicht war es noch zu früh für Gäste. Eine Frau, die um die 40 war, spülte Gläser und wischte den Tresen. Sie trug ihr langes, schwarzes Haar streng nach hinten gebunden. Ich wandte mich an sie, aber sie schien kein Englisch zu sprechen. Lächelnd schüttelte sie den Kopf und sagte etwas Freundliches auf Griechisch. Ich deutete auf ein paar der Speisen, die auf dem Büfett standen. Die Auswahl war reichlich, - viele in Öl eingelegte Gemüse, Oliven, Käse, gefüllte Weinblätter, und andere Sachen, die ich nicht kannte. Zu Brot und Wurst, die sie mir aufgeschnitten brachte, nahm ich noch eine Rebe herrlicher Weintrauben. Nach meiner kleinen Schlemmerei trank ich ein Glas des heißen, starken griechischen Kaffees, spuckte aber einmal, als ich etwas vom Satz auf der Zunge behielt.
Ich hatte versucht, mich ruhig und normal zu geben und hielt auch meinen Blick gesenkt. Es gab keine Anzeichen, daß etwas außergewöhnlich war; meine Spiegel schienen inaktiv zu sein, - wenn sie noch vorhanden waren. Vielleicht aber war mir auch nur das Gefühl dafür abhanden gekommen. Ich war mir mit einem Mal nicht mehr so sicher, daß ich lesen konnte, was sie zeigten. Nachdem ich fertig war, wischte ich mir über den Mund und zahlte bei der netten Frau. Um nicht sofort wieder anhalten zu müssen, wenn ich Durst bekam, hatte ich mich mit Mineralwasser eingedeckt. Auch eine neue Packung Zigaretten hatte ich gekauft, obwohl ich zur Zeit erheblich weniger rauchte als sonst.
Inzwischen war es Mittag geworden und die Hitze hatte zugenommen. Das kostete mich wieder Kraft. Ich wollte nur noch eine kurze Strecke hinter mich bringen und dann Rast machen bis zum Nachmittag, wenn die Sonne ihre Power schon verloren hatte.
Die Gegend, durch die ich jetzt kam, unterschied sich in nichts von der Struktur der Regionen der beiden letzten Tagesreisen. Das erweckte in mir den Eindruck, nicht recht weiter gekommen zu sein und auf der Stelle zu treten, vielleicht war ich auch nur ungeduldig. Meine Zielvorstellung war die, ins Flugzeug zu stei-gen, das,,Fasten seat belt" und das Klicken des Gurtes zu hören, mich in den Sitz zu drücken und endlich abzuheben ... Aber bis dahin hatte ich noch einiges zu bewältigen.
Ich parkte wieder auf dem Vorplatz eines Rasthauses am Rande der Straße, welches eingerahmt war von großen, schattenspendenden Bäumen, unter denen ich Platz nahm und ein paar Minuten die Ruhe genoss. Erst dann trabte ich hinein, um mir selbstbewusst kalten Saft zu holen. Zwei ältere Herrschaften unterhielten sich am Nachbartisch, prosteten sich zu, aber nahmen keine Notiz von mir. Ich hatte meinen Atlas mit aus dem Wagen genommen und studierte noch einmal meine Route. Jetzt befand ich mich kurz vor der Stadt Arta, die etwa 160km vor Patras lag. Hier liefen so gegen 23.00/24.00 Uhr die Fähren nach Italien aus, soweit ich mich erinnern konnte. Ich war nur nicht sicher, ob das täglich der Fall war. Von Patras bis Ancona zu kommen, dauerte eineinhalb Tage und von da aus bis München mußte ich einen weiteren Tag Fahrzeit rechnen.
Mein Allgemeinbefinden war nicht besonders, - ich war einfach ausgelaugt und meine Rachenschmerzen machten mir zu schaffen. Es war wohl doch das beste, Griechenland auf dem Luftweg zu verlassen, auch wenn ich bei dieser Version den Wagen am Flughafen würde stehen lassen und zu einem anderen Zeitpunkt würde nachholen müssen. Meine persönliche Rettung ging auf jeden Fall vor. Die Frage war auch die, wann das Spiel endete. In Patras? Oder erst in München? In dieser Auslegung würde der Landweg eine weitere Tortur bedeuten. Immer auf der Hut, vor Rudolf oder sogar einem mir unbekannten Killer. Furchtbar!
Sollte Rudolf heute Patras anpeilen, dann war dies nur per Flugzeug möglich. Die letzte Maschine startete um 17.00 Uhr von Paros nach Athen. Aufgrund dessen wollte ich versuchen, auf meinem Weg nach Patras so gegen 18.00 Uhr in Agrinion einzutreffen. Von da aus hatte ich die Möglichkeit, mich für Patras zu entscheiden, oder aber via Lania und Larissa doch Thessaloniki anzusteuern. Auf diese Weise blieben meine Verfolger, wie auch die Informanten selbst, im Ungewissen.
Für zwei Stunden hatte ich mir ein Schläfchen im Auto gegönnt, was von der Temperatur her ganz erträglich war, weil ich im Schatten geparkt hatte. Erst um 16.00 Uhr machte ich mich wieder auf die Socken. Bis Agrinion waren knapp 100km zu bestreiten; ich hatte also genug Zeit. Da meldeten sich meine Spiegel wieder! „Patras, Athens and Thessaloniki are in his mind." Also war das Spiel immer noch nicht beendet! Aber ich war nicht sonderlich überrascht. Es klärte zumindest den Punkt, daß ich mir Patras und die Fährüberfahrt aus dem Kopf schlagen konnte, um mir diese Strapaze nicht zuzumuten.
Ich erreichte einen See, als ich schon kurz vor meinem Etappenziel war. Drei Tage hatte ich keine Berührung mehr mit Wasser gehabt; ich war verschwitzt und überzeugt, zu stinken. Es war eine Wohltat und eine Erfrischung, mich ins Naß zu stürzen. Ich tauchte unter und prustend wieder auf. Eine Weile schwamm und planschte ich, - der einzige Badegast hier -schüttelte die Tropfen aus meinem länger gewordenen braunen Haar. Mit meinem Frotteehandtuch rieb ich mich gründlich ab und suchte mir dann aus meinem Gepäck die sauberste Wäsche, die ich finden konnte. Ich war gerade dabei, mich anzuziehen und einmal mit dem Kamm durch die Mähne zu fahren, als ich Rudolf sagen hörte: „Egal, wohin er jetzt fährt, - ich pack ihn und dann murks ich ihn ab!" Mich packte auch etwas: die Wut. So eine linke Tour, erst großzügig versprechen, daß er mich freigegeben hatte, und nichts davon wahr! „Mieses Schwein", zischte ich zwischen den Zähnen hervor.
Nun blieb nur noch eine Destination: Athen. Thessaloniki war zu weit und hätte wieder nur eine Verzögerung bedeutet. Nach Athen würde Rudolf es heute auf keinen Fall mehr schaffen, da die Fähren ja gegen Mitternacht ablegten und erst am nächsten Morgen in Piräus landen konnten. Falls ich heute abend oder morgen früh keine Flugpassage ergattern konnte, würde ich den Spieß umdrehen und nun meinerseits Rudolf auflauern, - entweder am Hafen in Piräus oder am Airport. Ich war nicht nur zornig, sondern auch wild entschlossen, jetzt den Kampf anzutreten. „Der Computer sagt, er will nach Athen", meldete sich überraschend Wolfgang. Rudolf: „Wenn er das tut, ist das endlich ein Zeichen, daß Rolf doch kein Feigling ist!"
Da geschah etwas Neues und völlig Unerwartetes: Der Computer schaltete sich erstmals selbst direkt ein: ,,Er war nie feige. Er wurde nur absolut unvorbereitet in eine Situation geworfen, die er nicht verstehen konnte. Daß Rolf versuchte, herauszukommen und zu fliehen, ist eine klare und logische Reaktion. Rudolf war nie bereit, ihm eine reelle Chance einzuräumen. Deshalb habe ich ihn in Igoumenitsa geweckt, damit er der gestellten Falle entrinnen konnte. Er meinte zwar, Gott habe ihm geholfen, aber vielleicht hat sein Gott ja auch Einfluß auf mich. Jetzt, wo die Wirkung der Droge langsam nachläßt, zeigt sich deutlich, zu welch klugen, taktischen Überlegungen Rolf fähig ist. Alle meine Werte zeigen äußerste Entschlossenheit und Präzision. Er hat beste Aussichten, das Spiel zu gewinnen."
Ich war konsterniert. ,,Jetzt ist es raus", dachte ich. ,,Rudolf ist das eigentliche Schwein. Und unfair dazu!" Blanker Hass rann durch meine Adern. Ich sah dem Kampf nun mit anderen Augen entgegen, es würde mir Genugtuung bereiten, dieses Dreckschwein zu töten. Rudolf war wütend: „Ich muß nach Athen. Als ,Dreckschwein' lasse ich mich nicht bezeichnen!" Wolfgang: „Und wie willst du das bewerkstelligen? Mit einem Privatflugzeug? Aber auch damit wird es knapp. Du hast ja gehört, was der Computer gesagt hat. Wenn Rolf Athen erreicht, hat er das Spiel gewonnen. Und bis dahin braucht er höchstens noch vier Stunden. Warte erstmal ab und beruhige dich!"

Freitag, 23. Februar 2007

Killertrip Teil 7

Rudolf: „Also gut, - jetzt hast du alle Prüfungen bestanden, bist frei, und kannst fahren, wohin du willst. Nichts wird dir mehr geschehen." Ein Fels fiel mir vom Herzen. Jetzt fühlte ich mich wahrlich besser, auch wenn mein Nervenkostüm seit Beginn dieses Spiels völlig ramponiert war. Da zeigten die Spiegel neue Worte: „He thinks to talk to someone. But he is alone, he's talking to himself." Einen kurzen Augenblick war ich erschrocken, dann faßte ich mich jedoch wieder. ,,Umso besser!" dachte ich. Das war genau das, was ich schon längst vermutet hatte. Ab jetzt würde ich für mich bleiben und jeglichen Kontakt meiden. Anscheinend spielte sich sowieso doch nur alles in meinem Kopf ab. Ab jetzt hieß die Devise: Cool bleiben. Nicht mehr verrückt machen lassen! Der ganze Blödsinn mußte ein Ende haben!
Ich konzentrierte mich auf die Fahrt, war inzwischen auf einer befahrenen Strecke angekommen und kurz vor Igoume-nitsa. Um 18.30 Uhr traf ich dort ein. Gerade war eine Fähre dabei abzulegen. Ich parkte in der Nähe der Anlegestelle und stieg aus. Hier gab es wenigstens Tafeln mit den Fahrplänen, so daß ich nicht unbedingt ein Travel Office aufsuchen mußte. Ich konnte ersehen, daß ich erst am nächsten Morgen nach Italien übersetzen konnte. Das war sogar besser als die Nachtpassage, die mir zu gefährlich erschien. Ich stieg wieder in meinen Golf, um nach einer Schlafmöglichkeit Ausschau zu halten.
Nachdem ich einige Zeit herumgekurvt war, um mich über die Stadt zu informieren und einen Eindruck von ihr zu bekommen, kehrte ich wieder zum Hafen zurück und stellte den Wagen ab. Es wurde dunkel. Die ersten Lichter blitzten auf. Ich hatte Zeit. Wie ich wußte, leuchtete meine Augenschrift, jetzt ebenso deutlich auf. Allerdings hatte sie sich während der letzten Stunden brav schweigend verhalten. Vielleicht bildete ich sie mir ja auch nur ein und es gab sie doch nicht. Ich machte mir Mut, wollte meine Selbstsicherheit zurückgewinnen und betrat eine an der Straße gelegene Grillstube. Der Grieche, bei dem ich die Bestellung für ein Brot mit Zaziki und ein Glas Wein aufgab, sprach gut Deutsch und war sehr zuvorkommend. Er wies mir einen der Tische draußen zu und bat mich um etwas Geduld. Nur drei davon waren besetzt. Unauffällig beobachtete ich die Leute, die daran verteilt saßen und ihr Abendessen einnahmen. Niemand schien sich um meine Anwesenheit sonderlich zu kümmern und mich zu beachten. Das war beruhigend.
Nach einiger Zeit spürte ich etwas an meinen Augen. Das altbekannte ,,Malaga, Malaga" wurde sichtbar. Die beiden Griechen am Nebentisch waren darauf aufmerksam geworden und amüsierten sich über mich. Ich glaubte ,,lt's a nice joke" zu hören, war mir dessen aber nicht ganz sicher. Mit einem freundlichen „Guten Appetit!" brachte der Wirt meinen Teller. Ich sah ihn direkt an, aber in seinem Gesicht war keine Regung auszumachen. Erst, als er etwas weiter entfernt mit einem Touristen redete, der Deutscher sein konnte, meinte ich, das Wort,,Todesschmaus" verstanden zu haben. Meine Spiegel sprachen wieder: ,,He is sentenced to death."
Ich blieb unbeirrt und kaute an meinem Sandwich weiter. Während ich langsam meinen Rotwein austrank, der etwas harzig schmeckte, wechselte der Text zum widerlichsten Satz, der bisher aufgetaucht war: ,,He will pick up a kid and cut it's throat." Aus den Augenwinkeln und mit gesenktem Kopf beobachtete ich die beiden Griechen. Sie schienen es mitbekommen zu haben und ihr Gesichtsausdruck wurde finster. Ich wollte keinen Fehler begehen und hielt es für besser, hier zu verschwinden. Ich ließ einen verhältnismäßig großzügigen Geldbetrag liegen und machte mich eilig auf die Socken.
Plötzlich hatte ich eine Eingebung! ,,Sie haben Informanten!" Mit meinen ungewöhnlichen Augentexten war ich auf jeden Fall identifizierbar, - damit verriet ich meinen Aufenthaltsort! Wenn einer der Eingeweihten mich entdeckt hatte, brauchte er nur noch telefonisch die Zentrale zu benachrichtigen, und schon waren sie aktuell informiert! Man hatte wohl ein Netz gestrickt, aus dem kein Entrinnen möglich war. Ich fühlte mich tatsächlich wie die Fliege, die an den klebrigen Fäden der Spinne hängen geblieben war und darauf warten konnte, bis das Untier kam und die Beute verschlang! So also wußte man Bescheid und konnte die nächsten Maßnahmen treffen! Das erschien mir völlig einleuchtend und immer mehr wuchs diese Idee für mich zur Gewißheit. Die Vorstellung, am Computer sichtbar zu sein, schien also falsch.
Trotzdem, - irgendeine drahtlose Verbindung mußte auch bestehen, - für die Übertragung der Signale auf meine Spiegel. So war zu überlegen, auf welche Weise ich mich schützen konnte. Es war ja schon gut, wenn ich die Lider senkte und vermied, Menschen direkt anzusehen. Eine Sonnenbrille konnte mein Problem lösen! Das ich darauf nicht schon längst gekommen war! Eigene Dummheit hatte mich meine Ray-Ban in München vergessen lassen! Gleich am nächsten Morgen, -noch vor Abfahrt - wollte ich mir an einem der Stände eine passende aussuchen. Vielleicht konnte ich so das verräterische Leuchten verdecken! Meine Stimmung gewann an Auftrieb.
Ich ließ den Motor an und kreiste durch die Ortschaft. Diese Nacht mußte ich noch heil überstehen, auch ohne Augengläser. Jedesmal, wenn mir jemand entgegenkam, - sei es als Autofahrer oder Fußgänger - kniff ich meine Sichtfenster so schmal wie möglich zusammen und änderte die Blickrichtung zur Seite ab. Diesmal würde ich auf der Hut sein, auch wenn es hier Informanten gab, denen nicht verborgen geblieben war, daß ich in Igoumenitsa eingetroffen war. Sicher kannten sie auch meinen Wagen, - so viele Münchner Kennzeichen gab es sicher auch wieder nicht.
Ich war langsam durch die dunklen Straßen gefahren und erreichte nun einen größeren Platz, auf dem eine große Anzahl Fahrzeuge parkte. An den Nummernschildern ersah ich, daß die meisten europäische Touristen waren. In einigen Wagen schliefen die Leute bereits. Sicher wollten sie ebenfalls die Morgenfähre nach Brindisi nehmen. Es schien mir gut geeignet, mich hier drunter zumischen und ich steuerte in eine enge Lücke. Außerdem gaben die wenigen Straßenlaternen nur schwaches Licht ab, was ein zusätzlicher Vorteil war. Es war ruhig und man hörte kaum etwas vom Straßenverkehr. Vorsichtig und leise verschloß ich alle Türen, rutschte nach hinten und schlüpfte in den Schlafsack. Da es etwas kühler war, legte ich mir noch eine Decke über und streckte mich so weit wie möglich aus. Die Anstrengungen der gesamten letzten Tage machten sich bemerkbar und mein Hals schmerzte wieder. Ich war zwar hundemüde, vermochte aber dennoch nicht, gleich einzuschlafen. Die heftigen Schwankungen zwischen Zuversicht und Resignation, die Gedanken um Leben und Tod, das ständige Gefühl, in Gefahr zu sein, hatten mich seelisch und körperlich ausgezehrt. Dabei war Schlaf das wichtigste und billigste Mittel, für meine Rekreation so sorgen. ,,l will care", murmelte ich zu mir selbst, nun auch schon in Englisch. Ich verbrachte längere Zeit in einem Dämmerzustand, bis ich endlich einschlief.
Das Motorengeräusch eines ankommenden Autos ließ mich erwachen. Ich wußte nicht, wie spät es war und schreckte schlaftrunken hoch, um mich wegen der Spiegel sofort wieder zu ducken. Zehn Meter von mir entfernt stand ein Pritschentransporter. Ein Mann stieg aus und ging direkt auf meinen Golf zu. Er besah sich den Rand des Parkplatzes, lief wieder zurück und wies den Fahrer so ein, daß der Kleintransporter rückwärts neben mir zum Stehen kam. Die Ladefläche wurde gekippt und von rutschendem Geräusch begleitet. Eine Unmenge Dreck und Bauschutt staubte zu Boden. Ich unterdrückte ein Husten. Nachdem die Normallage wieder hergestellt war, verschwanden die Männer mit ihrem Pritschenwagen. Da ich die Aktion mitbekommen hatte, die nichts mit mir zu tun gehabt hatte, rollte ich mich wieder zusammen und schlief augenblicklich ein.
Später erwachte ich erneut. Eine seltsame Unruhe, vielleicht eine Vorahnung, hatte mich ergriffen. Vorsichtig hob ich den Kopf und sah mich um. Es dämmerte. Am Ende des Parkplatzes, auf einem etwas höher gelegenen Hang, der mit Bäumen und Sträuchern bewachsen war, stand ein Mann, der in meine Richtung blickte. Also wurde ich doch observiert! Die Informanten schienen meinen Wagen entdeckt zu haben und sich zu nähern. Was hatten sie mit mir vor? Meine Spiegel waren wach und zeichneten auf: „He will pick up a kid and cut his throat."
War das eine Falle? Hatten sie selbst ein Kind gemeuchelt und die Leiche im Bauschutt verborgen? Meine Phantasie ging mit mir durch. Natürlich würde man mich der Tat verdächtigen! Ich war hellwach. Wieder stieg Panik in mir auf. In meiner Vorstellung sah ich mich schon gefangen in meinem Golf, umringt von einer tobenden Meute, die mit Stöcken und Steinen meine Fenster einschlug, mit Messern auf mich losging, mich herauszerrte, um mich am nächsten Baum zu lynchen. Ich hatte schon gehört, daß Südländer kein Pardon kannten, wenn es um Kinder ging, - da konnte die Sachlage sein, wie sie wollte! Ich wagte nicht auszusteigen. Mir ging es auch nicht drum, zu prüfen, ob meine Vermutung richtig war. Ich beschloß, Fersengeld zu geben. Hastig wickelte ich mich aus der Decke, kletterte behend auf den Fahrersitz, drehte den Schlüssel um und legte den Rückwärtsgang ein. Der Mann war verschwunden. Ich beschwichtigte mich und blieb bei langsamer Fahrweise, um ja nicht aufzufallen. Meine Abfahrt mit der Fähre hatte ich gestrichen. Am besten, ich verließ Igoumenitsa sofort und steuerte loannina an. Unterwegs hatte ich dann immer noch die Wahl zwischen Thessaloniki und Patras.
Ich erreichte eine kleinere, recht belebte Straße, die ich von meiner Informationstour am Vorabend schon kannte. Jetzt wußte ich auch, wie ich von hier zur großen Abzweigung nach loannina fahren mußte. Konzentriert nahm ich meinen Weg auf, als ich plötzlich am Straßenrand den Kleintransporter stehen sah. Ich passierte ihn und schaute in den Rückspiegel. Sofort wurden die Scheinwerfer eingeschaltet und der Wagen folgte mir. Ich beschleunigte. Er auch. Ich wollte sichergehen und wagte einen Test. Mit einem Ruck stoppte ich auf dem Seitenstreifen. Das Fahrzeug rauschte an mir vorbei und hielt in einiger Entfernung vor mir, ohne Motor und Licht auszuschalten. Also wurde ich doch verfolgt! Ich mußte den Kerl abschütteln. Aber wie?
Als ich wieder anfuhr, setzte auch er sich erneut in Bewegung. Ich nahm mir vor, hinter ihm zu bleiben und bei nächster Gelegenheit einen Haken zu schlagen. Der Kleintransporter fuhr also auch in Richtung der Ausfallstraße nach loannina! Vermutlich hatten die Leute in der Zentrale mir unterstellt, meinen Plan diesbezüglich zu ändern und auf dem Landweg zu fliehen.
Die Einmündung war schnell erreicht. Mein Begleiter verlangsamte und bog rechts ab. Diese Chance nutzte ich, um die Gegenrichtung zu nehmen. Mit halsbrecherischem Tempo wendete ich erneut bei der ersten Biegung nach links und raste in den Ort zurück. Ich trat konstant das Pedal durch, lieferte noch einige Links-rechts-Schlenker und preschte, immer noch mit riskant überhöhter Geschwindigkeit, auf die Seepromenade zu, die hell erleuchtet und voller Menschen war. Jetzt war eine Vollbremsung nötig. Die Leute kümmerten sich nicht um den Verkehr und liefen, ohne sich umzusehen, quer über die Fahrbahn. Etwas knallte auf mein Auto. Eine wütende Beschimpfung auf Griechisch folgte. Ich war zwar erschrocken, ließ mich aber nicht beirren und fuhr flott weiter. Am Ende der Uferpromenade stand ein Einbahnstraßenschild. Ich vergewisserte mich, ob mir niemand entgegenkam und bog ohne zu zögern ein. Gleich bei der ersten Gelegenheit blinkte ich nach links und steuerte eine Nebenstraße entlang, die bergauf führte. Nach kurzer Zeit wußte ich wieder, wo ich war!
Ab hier hatte ich meine geplante Route wieder und erreichte in Kürze die Ausfallstraße. Mein Begleiter war verschwunden. Ihn hatte ich relativ leicht abgehängt. Aber ein wenig stolz war ich wegen meines Manövers schon! Da anzunehmen war, dass meine Informanten nicht ewig in Igoumenitsa suchen würden und mir früher oder später auf der Strecke nach loannina folgen würden, brauchte ich Vorsprung. Ich drückte auf die Tube, blieb aber wachsam. Es konnte ja sein, daß mich irgendwo am Straßenrand der Kleintransporter erwartete.

Donnerstag, 15. Februar 2007

Killertrip Teil 6

Ich behielt meinen Kurs jedoch bei, fuhr geradeaus und beschloß, mich meiner Haut zu wehren, so gut ich konnte auch wenn ich allein gegen vier Leute antreten mußte. Nach jeder Kurve rechnete ich damit, den VW-Bus quer stehend vorzufinden, um mich damit zum Halten zu zwingen. Aber das Erwartete geschah nicht. Jede Serpentine, die ich ohne Hinderung passierte, ließ mich erleichtert aufatmen.
Als die Straße wieder sanft verlief und sich etwas zum Gefalle neigte, sah ich endlich ein Rasthaus, auf dessen Parkplatz der Bus angehalten hatte. Die Männer standen lachend daneben und winkten, als ich an Ihnen vorbeifuhr. Ich konnte mein Glück nicht fassen, beschleunigte den Golf und war froh, hier wegzukommen. Es war vielleicht wirklich das Beste, diesem Horror durch den eigenen Tod zu entkommen. Ich hatte mehr Angst vor der Grausamkeit meiner Peiniger, als vor dem Sterben. Diese Menschen hatten Spaß am Quälen. Sie mußten krank sein. Doch alles Lamentieren half nichts, - meine Situation hatte sich nicht verändert. Wie konnte Gott das zulassen? Allerdings ließ er in der Welt genügend andere Grausamkeiten zu, so das ich nicht ernsthaft in der Lage war, meine Reste von Religion auszugraben. Ich hoffte nicht auf Hilfe von oben. Es war allerdings niemand da, dem ich vertrauen konnte außer Gott. Ich fing an, mich an diesen Gedanken zu klammern, und schöpfte wieder Mut.
Ich kam nun durch einen Ort, nachdem ich eine längere Zeit lang keine Menschen und Häuser mehr gesehen hatte. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und meine Kehle anfeuchten, die sich völlig ausgedörrt anfühlte. Ich suchte mir eine Gaststätte und betrat sie nach meinen letzten Erfahrungen wohl etwas zu langsam und vorsichtig. Ich wollte meinen Saft auf der Veranda trinken und nicht in dem dunklen ungemütlichen Gastzimmer. Eine Frau zog ängstlich ihr Kind zur Seite, als ich an ihr vorbeiging. Ich vermutete wieder einen bösen Spruch auf meinen Spiegeln und konnte sogleich lesen: „He trusted in God, but God sent him to hell. He can go everywhere, somebody will be there. He will cut bis throat and throw him over board." Ich versuchte die Fassung zu bewahren, orderte beim Barkeeper mein Getränk, zahlte und verließ sofort den Raum. Ich stürzte den Saft hinunter, warf die leere Flasche in den Abfalleimer und ging zurück zum Wagen.
Meine grauen Zellen und die Gefühle schienen langsam abzusterben. Der Killer hatte mich inzwischen aufgegeben, und nicht nur das - er war bereit, jemand anderem den schmutzigen Part zu überlassen. Damit war ich nach diesem Spruch des Spiegels Freiwild für alle. Aber das allein war nicht das Bedrohlichste. Ich fühlte mich auch von Gott verlassen. Damit war ich endgültig und völlig alleingelassen. Hoffnungslos starrte ich auf die Straße. Ich wußte nicht mehr weiter. Lähmung überfiel mich und ließ mich fast absterben. Die Spiegel wiederholten den Text. Nach einer Stunde untätigen Wartens, in der ich nur stumm im Wagen gesessen hatte, startete ich wieder und nahm die alte Route auf. Ich ließ mein Leben Revue passieren und fragte mich, was ich alles falsch gemacht hatte, wofür ich diese Strafe verdiente. Mir fiel nichts ein, was diese Quälerei rechtfertigte, von kleinen lächerlichen Verfehlungen abgesehen. Vielleicht hatte ich durch mein Verhalten im Leben eines anderes Menschen Negatives ausgelöst und wußte nichts davon. Außerdem war das alles Jacke wie Hose. Ich konnte jetzt nichts mehr ungeschehen machen. Gott wußte schon, was er tat, und spätestens, wenn ich tot war, würde ich es erfahren! Ich versuchte, mich mit meinem Schicksal abzufinden.
Lange Zeit fuhr ich einfach so dahin, immer in Richtung Igoumenitsa, und ließ meine Gedanken plätschern. Ich hatte über Jahre nicht mehr derartig philosophische Gedanken gewälzt. Existentielle Fragen verdrängte ich in der Regel mit meiner rationellen Einstellung, aber jetzt war ich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen. Ich suchte nach Antworten und bemühte mich um Gott. Ich versuchte, mir den Himmel und die Hölle vorzustellen, und überlegte, in welcher Etage ich wohl landen werde.
Es war Mittag geworden, und die Hitze machte mir zu schaffen. Ich beschloss, eine Pause einzulegen und die nächsten Stunden vielleicht ein Nickerchen zuzulassen, sofern ich einen sicheren Ort dafür fand. Vorher startete ich einen neuen Versuch, zu einer Mahlzeit zu kommen, die ich in dieser kleinen Ansiedlung, die ich jetzt erreicht hatte, zu mir nehmen wollte. Vor dem Rasthaus, das sich schon allein durch seine Größe von den anderen Gebäuden abhob, standen einige Bäume, die angenehme Schatten warfen. Darunter waren Tische und Bänke aufgestellt, an welchen Griechen saßen, die Wein tranken und Karten spielten. Ein Huhn lief gackernd herum und pickte nach Körnern und Brotkrumen. Ich konnte genau spüren, daß meine Spiegel wieder Text produzierten, aber im Augenblick war mir das völlig egal. Sollten doch alle wissen, was mit mir los war! Ich hatte keine Lust mehr, etwas zu verbergen. ,,He trusted in God. But God sent him to hell. He thinks he is good, but he was always bad. Give him to eat, tomorrow he will be dead. He can go everywhere, somebody will be there. He will cut his throat and throw him over board." Und dazu immer wieder: ,,Malaga, Malaga", begleitet von Rudolfs widerlich höhnischem Gelächter. Sie waren wohl aufgewacht.
Ich setzte mich an einen Tisch, und gleich darauf kam ein Kellner, um mich nach meinen Wünschen zu fragen. Da ich Appetit hatte und die Gelegenheit nutzen wollte, bestellte ich Brot, Bauernsalat und Schafskäse und ein halbes Grillhuhn. Dazu ein großes kaltes Mineralwasser. Henkersmalzeit! Fast fühlte ich mich wohl, als ich das alles verputzt hatte, und verlangte nach einem Kaffee. Der Schatten, die Ruhe und das Essen taten mir gut.
Ich beschloss hier zu bleiben, vielleicht etwas zu dösen und erst gegen 16 Uhr weiterzufahren. Einen Augenblick lang begann ich zu zweifeln, ob ich mich nicht auf dem besten Wege zum Wahnsinn befand. Was hatte nur dieses Chaos ausgelöst? Ich empfand es so real, daß es realer nicht mehr ging. Konnte es trotzdem sein, daß ich mir alles einbildete? Ich dachte daran, den Gedankengang zu überprüfen, ob sich die ganze Angelegenheit nur in meinem Kopf abspielte. Ich hörte Rudolf wieder sagen: „Paß auf jetzt!"
Die Spiegel waren wieder da und signalisierten den Text von vorhin. Ich fragte den Wirt, ob er Englisch verstünde, doch dieser schüttelte den Kopf. Er deutete auf einen Jungen, der hier bediente. Ich wartete, bis er mit einem leeren Tablett hereintrat, hockte mich vor ihn auf den Boden und zeigte auf meine Augen: „Do you speak Englisch?" Als er bejahte, schrieben die Spiegel: „Malaga, Malaga!" Ich fragte wieder: „And what can you read in my eyes now?" Ohne zu zögern, antwortete der Junge und lachte dabei: „Queer!" Ich bedankte mich und verzog den Mund zu einem bösen Grinsen. „Queer" bedeutet „irre" und im Slang auch „schwul". „Malaga" mußte zumindest etwas Ähnliches bedeuten. Also doch! Es stimmte! Die Spiegel waren wieder in Aktion. Das war der Beweis. Konnte man sich so etwas einbilden? Konnte er es sich einbilden? Dies war die verrückteste Realität, mit der ich je konfrontiert wurde. Allerdings war es für die Leute, die in diesen Spiegeln lesen konnten, auch keine Alltäglichkeit. Warum reagierten sie so seltsam gleichgültig, als ob jeder mit diesen Dingern herumliefe? Rudolf konnte mir einfach alle erdenklichen Gemeinheiten aufsetzen, und ich konnte nichts dagegen tun!
Ich ging wieder nach draußen, nippte an meinem Mineralwasser und überlegte mir, wie das alles technisch machbar sein konnte. Mir fiel keine plausible Erklärung ein, aber das musste nichts heißen. Die Technik konnte weiter sein als meine Vorstellungskraft. Vielleicht handelte es sich hier um eine Insiderentwicklung, mit der die Allgemeinheit nicht konfrontiert wurde, und das aus gutem Grund.
Um 16.00 Uhr reiste ich weiter. Ich nahm Kontakt auf mit Wolfgang und fragte ihn, weshalb Rudolf mich ständig diffamierte. „lch kann es dir nicht sagen, Rolf. Ich werde versuchen, ihn zu beeinflussen, das künftig zu unterlassen." Die Verbindung mit Wolfgang wurde immer schlechter. Möglicherweise war das aber nur auf die größer werdende Entfernung zwischen Paros und meinem Standpunkt zurückzuführen. Vielleicht ließ auch die Wirkung der Droge nach. Ich fühlte mich mit meinen Gedanken sterbensallein!
Es ging erneut bergauf. Diesmal hatte ich den Eindruck, durch eine Mondlandschaft zu fahren, da es keinen Baum und keinen Strauch gab. Nichts schien sich zu regen. Eine tote Gegend - passend zu meinem Gemütszustand und dem, was mir bevorstand. Eine gute Gegend, um zu sterben! Ich hatte die Vorstellung, mutterseelenallein durch diese karge Region zu kurven, ohne jemals jemandem zu begegnen, ohne irgendwann an ein Ziel zu gelangen. Der Gedanke jagte mir solche Schauer über den Rücken, daß mich Panik erfaßte. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr kontrollieren. Sie hatten sich selbständig gemacht, und ich war dem hilflos ausgeliefert.
Eine Idee setzte sich durch. Ich wollte meine Reaktionen überprüfen, ob überhaupt noch irgendetwas funktionierte. Beispielsweise anhalten, dann aussteigen und wieder weiterfahren. Ich stoppte an einem breiteren Randstreifen. Meine Hände, die sich um das Lenkrad gekrallt hatten, waren feucht. Ich stieg aus und atmete erleichtert auf, als meine Füße den Boden berührten. Eine Weile marschierte ich auf und ab, versuchte soviel Sauerstoff wie nur möglich zu tanken und mich zu entspannen. Ich stieg wieder ein, startete und machte mich auf den Weg. Auf welchen Weg?
Nach einiger Zeit produzierten meine Spiegel einen neuen Text: „He did not want to die, so he has to live forever." Ewiges Leben? Das was viele Menschen ersehnten und als wünschenswert erachteten, bereitete mir jetzt unsagbare Angst. Seltsame Bilder entstanden in meinem Kopf. Ich sah mich als alten Mann, vor einer Holzhütte sitzend, einsam und gemieden, ausgegrenzt von allen Menschen, gezeichnet bis zum Sanktnimmerleinstag durch meine Augenschrift. Ich aktivierte schnell meine Logik und zerrte mich in die Gegenwart zurück. Münchhausen im Sumpf ... Wollte ich nicht verrückt werden, mußte ich die anderen für verrückt erklären und die Vorstellung pflegen, daß ich ein Opfer von perfider Technik und Drogeneinwirkung war. Damit war dann meine Geistesverfassung aus dem Schneider. Ich wollte jetzt wieder mit den anderen reden und Zugeständnisse erkämpfen, die mir halfen. Ich fing einfach an zu reden und hörte nicht mehr auf. Ich erzählte von meinen Erkenntnissen, von meinem Leben, meinen Vorsätzen und Bemühungen. Ich versuchte, die anderen in meine Lage zu versetzen, um auf diese Weise Verständnis und Mitgefühl zu erwecken. Es schien mir endlich auch zu gelingen. Nur Rudolf sperrte sich noch, wollte nicht lockerlassen. Aber dann hatte ich auch ihn überzeugt. Es gab wahrhaftig andere, schönere Spiele, die noch dazu produktiver waren, als dieses Katz-und-Maus-Spiel mit mir.

Donnerstag, 8. Februar 2007

Killertrip Teil 5

Nachdenklich fuhr ich in die Dämmerung hinein. Mein Zeitgefühl war verschwunden. Ich mußte kurz vor Lania sein. Weiter als bis dorthin wollte ich heute nicht mehr. Ich brauchte einen geeigneten Schlafplatz, um mich von den Strapazen zu erholen. Vielleicht klappte es auch, endlich etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Mein Mund war völlig ausgedörrt. Auch eine Dusche war nötig - aber so anspruchsvoll wollte ich gar nicht sein. Was war mit diesen Spiegeln? Waren sie abgestellt? Ich wurde unsicher. Trotzdem, ich mußte den Versuch unternehmen, da ich dringend Stärkung benötigte. Bei der Gelegenheit würde ich schon feststellen, ob man mich tatsächlich freigegeben hatte.
Es mochte so gegen 23.00 Uhr sein, als ich vor mir einen großzügigen Rastplatz entdeckte, auf dem eine stattliche Anzahl Autos parkte. Sirtaki-Musik klang vom Restaurant herüber. Ich blieb stehen und schlug die Wagentür zu. Durch die Glasfront konnte ich erkennen, daß vereinzelt noch Leute an den Tischen saßen, eine Touristengruppe laut lachte und Metaxa genoß. Kaum hatte ich den Raum betreten, stellte ich fest, daß die verhaßten Spiegel wieder in Aktion traten: „Malaga, Malaga, ... Paragalo." Mit diesen Worten wußte ich nichts anzufangen, doch die Griechen schienen sehr belustigt. Sie ließen den Blick nicht von mir und lachten jedesmal, wenn dieselben Worte wiederholt wurden.
Mein bestelltes Bier kam, und ich stürzte es hinunter wie jemand, der nach einer Wüstentour die Oase erreicht hat, ganz wie in der üblichen Bierreklame. Dazu aß ich mit großem Appetit zwei Schinkenbrötchen. Ein Grieche meinte: ,,lt is really a nice joke!" Ich verstand es nicht und kam mir lächerlich vor. War das etwas Frivoles? Jetzt verhöhnten und verspotteten die mich auch noch! Ich fühlte mich wieder hilflos.
Wolfgang schaltete sich wieder ein: ,,Rudolf, hör auf mit dem Blödsinn!" worauf Rudolf meinte: ,,So leicht soll er mir nicht davonkommen!" Ich registrierte, wie neue Worte auftauchten und wieder wechselten. Ich las: ,,He thinks he gets another chance. But tomorrow he will be dead. We let him go but not for long. He will never come through." Es hörte nicht auf. Ich vermied es, in Richtung Leute zu sehen, und schloß so gut als möglich die Augenlider. Es war also doch nicht zu Ende? Wenigstens war ich nun satt. Ich ließ entnervt die entsprechenden Drachenmengen auf dem Tisch liegen und ging. Ich spürte, daß meine Spiegel in der Dunkelheit besonders gut zu erkennen waren.
Jetzt hörte ich die Stimmen von Touristen: ,,Was ist denn mit dem los, ist das ein Scherz?" ,,Nein, der hat auf dem Killertrip versagt. Sie werden ihn umbringen." Eine Frau war entsetzt: ,,Ach, der arme Kerl, - das sollten Sie aber schnell tun und ihn nicht so lange quälen!" Dieses Mitleidsgefasel wollte ich nicht länger ertragen, ließ den Motor an und zog ab. Scheinbar ließ man mich jetzt in Ruhe. Inzwischen war es Nacht geworden, der Mond fast rund und die Sterne deutlich zu sehen. Des Himmels nicht sehr kundig, konnte ich nur den großen Wagen erkennen. So auf der Piste zu sein, gab mir das Gefühl, daß ich wenigstens etwas tun konnte, indem ich mich bewegte.
Aber vielleicht dachte das auch der Fisch, über dem der Krake seine Fangarme ausbreitete.!
Ich spürte, daß sich bei meinen Augen etwas rührte, und zwinkerte. Die Texte erschienen wieder. Dasselbe wie im Lokal.
Es wurde Zeit, Benzin nachzufüllen, und so fuhr ich auf die gegenüberliegende Straßenseite, als ich dort eine Tankstelle ausmachte, die geöffnet war. An der Kasse saß ein alter Mann. Der Bedienstete schraubte den Deckel auf und löste die Sperre des Zapfhahns. Das Benzin blubberte beim Einlaufen. Als der junge Mann in meine Augen sah, wandte er sich sofort irritiert ab. Der Zähler zeigte 2000 Drachmen an. Während ich aus der Brusttasche mein Geld hervorkramte und gerade zählte, wechselten meine Spiegel. „Take the double", stand jetzt zu lesen. Prompt sagte der Junge: „Four thousand." Ich protestierte und deutete auf die Tankuhr. Er drehte sich um, lief zum Älteren hin, und sie debattierten, wobei sie heftig herumgestikulierten. Als er wiederkam, nickte er: „Okay, - two thousand." Ich hörte Rudolf höhnisch auflachen.
Es trieb mich fort von den Menschen. Ich wollte schlafen. Einen Ort würde ich heute nicht mehr betreten. Jetzt entdeckte ich am Straßenrand eine größere Lagerhalle mit einem Parkplatz davor, auf welchem Baumaschinen und ein Lastwagen abgestellt waren. Es schien friedlich. Rudolf schaltete sich ein und gluckste: ,,Das ist ein guter Platz! Ruhig und abgelegen, -da kann ich ihn ungestört niedermachen!" „Laß ihn jetzt!" Das war Wolfgangs Stimme, die immer wieder auf meiner Seite schien. „Warum denn? Das ist doch eine humane Lösung! Ich erschieße ihn im Schlaf, und er merkt nichts davon." Ich war wirklich zu müde, um zu protestieren oder mich aufzuregen. Sollte er doch kommen! Ich verriegelte alle Türen von innen, nahm das Messer in die rechte Hand und kroch umständlich in meinen Schlafsack.
Als ich im Morgengrauen erwachte, hatte ich fast traumlos geschlafen und fühlte mich erfrischt. Ich lebte also noch! Dieser Tatbestand ließ mich seltsam ruhig. Hätte er mich im Schlaf erschossen, wäre jetzt alles vorbei gewesen. Ich wollte gleich in den nächsten Ort fahren, um zu frühstücken. Was wohl die anderen inzwischen taten? Eine neue Chance im nächsten Jahr hatten sie mir geben wollen - auch wenn ich das Rudolf nicht abnahm. Der einzige, dem ich noch vertraute, war Wolfgang. Vielleicht blieb er auf meiner Seite.
Anhand des Autoatlanten plante ich die heutige Route. Ich wollte nach Igoumenitsa aufbrechen. Diese Strecke konnte ich bis zum Abend bewältigen und von dort aus mit der Fähre nach Italien übersetzen.
Bis auf Schluckbeschwerden ging es mir relativ gut. Ich hatte mir wohl eine Erkältung geholt und streckte meine verspannten Glieder, dann ließ ich den Motor an und steuerte auf den nahen Ort zu. Problemlos konnte ich parken. Es war noch nicht viel los. Vereinzelt und gemächlich liefen die Menschen durch die Gassen. Es war 6.00 Uhr.
An einem hübsch angelegten größeren Platz, den bunte Beete zierten, fand ich ein Cafe, das schon geöffnet war. Der Raum machte einen sauberen Eindruck, war aber spärlich eingerichtet. Ein älterer Mann schien außer mir der einzige Gast zu sein. Er schlürfte seinen Kaffee vorsichtig aus einem dampfenden Glas. Ich ging zur Theke und bestellte Tee und Gebäck. Der Wirt sah mich mitleidig an, als er mir das Gewünschte servierte, und wollte gleich darauf kassieren. Mir war schon klar warum, denn meine Spiegel sagten: „He thinks, he is good, but he was always bad. Give him to eat, tomorrow he will be dead."
Ich mußte mich setzen. Tiefe Niedergeschlagenheit überkam mich, und um irgendetwas zu tun, rief ich nach Wolfgang: „Bist du da, Wolfgang?" „Ja." „Bist du allein?" „Ja, ich bin der erste heute Morgen." „ lch bekomme keine neue Chance?" „Nein, Rudolf stellt sich quer. Er hat dich gestern nur hingehalten. Ich kann nichts machen. Er ist der letzte Jäger und entscheidet deshalb selbst darüber." „Ich wollte mir eine Zeitung kaufen, um zu sehen, ob sie etwas über mich geschrieben haben", sagte ich kleinlaut. Wolfgang wehrte ab. „Das brauchst du nicht. Es steht nichts mehr drin. Du bist fertig. Niemand will mehr etwas von dir. Es ist aus, - so leid es mir tut. Aus und vorbei. Finde dich damit ab, Rolf!" Ich schrie fast: „Dann bleibt mir nur noch Kampf oder Selbstmord?" Wolfgang blieb leise: Es wird keinen Kampf mehr geben. Du bist erledigt. So oder so!" Darauf tiefes Schweigen in der Leitung. Seine Worte taten ihre Wirkung. Ich sackte in mich zusammen und fühlte mich hundeelend. Lange Zeit saß ich so da, regungslos und in miserable Gedanken versunken. Es war wirklich aussichtslos. Man hatte mich aufgegeben, und ich sollte das auch tun. Trotzdem wollte ich meine Nase in eine Zeitung stecken und die „News" lesen. Ich verließ das Cafe und ging mit hängenden Schultern durch die Straßen. Mir kam es so vor, als würden sich alle diese kleinen Ortschaften fast aufs Haar gleichen. Ich nahm mir Zeit, um mich zu sammeln. An einer Kreuzung stieß ich auf einen Kiosk, suchte eine englische Tageszeitung, fand aber nur eine griechische, die englisch übersetzt war. Über mich war tatsächlich nichts zu finden.
Es war mittlerweile Vormittag. Die Straßen belebten sich. Irgendwie hatte ich die Orientierung verloren und mich verfranst. Ich konnte mein Auto nicht mehr finden. Fast wollte ich ungeduldig werden. Meine Nerven begannen, mit mir durchzugehen. Plötzlich stand ich wie zufällig an der richtigen Straßenecke. Ich setzte mich in meinen Wagen, studierte noch einmal die Landkarte und beschloß, den Plan von heute morgen durch zuführen. Von Igoumenitsa bis Brindisi brauchte die Fähre 9 Stunden. Für Rudolf konnte es schwierig werden, mich tagsüber zu erledigen. Ein weiterer Vorteil war, daß ich so noch eine Nacht schlafen konnte, um mich ausgeruht auf das Schiff zu begeben.
Ich war zermürbt, unglücklich, fühlte mich hoffnungslos, krank, schizophren, ausgelaugt. Ich sah miserabel aus, unrasiert, verschwitzt, zerzaust. Der Dreitagebart verlieh mir ein verwegenes Aussehen, und die Augen lagen tief in den Höhlen. Ich war demoralisiert. Meine Stimmung wurde immer schlechter. Mir fehlte der Antrieb. Ich fühlte mich, als ob meine Batterie zu verlöschen begann. Mein Gehirn rotierte: Vielleicht sollte ich alles ganz anders anfangen und mich ein paar Tage ans Meer setzen, um mich langsam auf den Tod vorzubereiten, dachte ich. Das war auf jeden Fall besser, als auf den Schlächter zu warten ... Mich an den Gedanken gewöhnen und ertrinken. Konnte ja sein, daß es ganz leicht ging ... Ich driftete ab!
Dann überlegte ich etwas anderes: Ich wollte noch einmal mit meiner Mutter sprechen und mich wenigstens von ihr verabschieden. Da meldete sich Wolfgang: ,,lch rate dir davon ab. Sie ist schon informiert worden und lehnt es ab, mit dir zu reden, nach allem, was geschehen ist. Sie wünscht deinen Tod!" In dem Moment war ich der einsamste Mensch der Welt. Es war ein Dolchstoß durchs Herz, und mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich bat Wolfgang: „Kannst du nicht wenigstens Kontakt mit mir halten? Laß du mich bitte nicht allein, - bitte!" flehte ich zitternd. Meine Spiegel zeigten folgende Worte: „He is sentenced to death," und „He will pick up a kid and cut his throat." Ich war wie gelähmt. Sollte ich jetzt auch zum Mörder werden? Lieber wollte ich mir selbst das Messer in die Kehle stoßen! Mein Verstand fing an sich zu weigern, noch eine Minute länger über diese Sätze nachzudenken.
Ich fuhr weiter, holte tief Luft und versuchte mich zu beherrschen. Die Gegend wurde immer karger und gebirgiger. Die Sonne hatte die Landschaft verbrannt. Nur vereinzelt war noch etwas Grün zu sehen. Die Farben dieser Region wirkten etwas trist. Nur grau und braun! Das paßte zu meinem seelischen Zustand. Serpentinen führten bergauf, und ich mußte aufpassen und konzentriert bleiben. Es war schrecklich heiß.
Ich hatte das Schiebedach geöffnet, um mir Kühlung zu verschaffen. Zwischendurch kontaktierte ich nun wieder Wolfgang, der mir riet, den Zeitpunkt meines Ablebens selbst zu bestimmen. Makaber! Er riet mir in christlicher Nächstenliebe, daß ich nur den nächsten Abhang hinunterrollen sollte, mit geschlossenen Augen und ... Ich malte es mir aus. Steile Abhänge würde ich genügend zur Auswahl haben. Wie lange würde es dauern, bis mich der Aufprall dahinraffte? War es schmerzhaft? Oder würde ich nichts mehr spüren? Wolfgang trieb mich an: ,,Bring es hinter dich! Dann hast du endlich Ruhe! Es hat doch keinen Sinn mehr, sich zu wehren. Das weißt du!" Jetzt wurde ich bockig. „Ich muß mich erst an den Gedanken gewöhnen, und dazu brauche ich etwas Zeit, - vielleicht eine Stunde?" „Worauf willst du denn warten? Es hilft dir nichts! Mach ein Ende!"
Da meldete sich Rudolf wieder: „Ich hab's gewußt. Er ist ein feiges Schwein! Es wäre die Lösung für uns alle, wenn er es jetzt täte. Es würde wie ein ganz normaler Autounfall aussehen und niemand hätte Scherereien. Ruhe sanft!" Wolfgang meinte nun, ich hätte es gehört und wäre aus allem raus, wenn ich mich endlich dazu entschließen könnte, das Zeitliche zu segnen. „Laßt mir noch etwas Zeit!" bat ich fast ungehalten und konnte mich, aufs äußerste erregt, nicht zu dem entsetzlichen letzten Schritt durchringen. Ich war nie der Typ gewesen, der in problematischen Situationen an Selbstmord denkt. Immer wieder spulte sich vor meinem geistigen Auge der Unfall ab, wie der Wagen den Abgang hinunterrollen würde, zwischendurch auf dem Felsen aufschlug und dann ganz unten zerschellte –wo möglich noch in Flammen aufging, und ich mittendrin! Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, daß ich ganz automatisch schaltete und der Golf wie von selbst fuhr.
Jetzt wurde die Gegend ebener, und es waren wieder vereinzelt Häuser zu sehen. Meine Spiegel veränderten sich wieder, und ein weiterer entsetzlicher Satz erschien. Das bestärkte mich in dem Vorsatz, keinesfalls jemanden mitzunehmen. Ich gab Gas, als ich nach einer Kurve einen jungen Mann im Alter um die 25 Jahre ohne Gepäck am Straßenrand stehen sah, der den Daumen hochhielt. Die Texte wurden immer schlimmer, und ich rief Wolfgang: „Es steigert sich, oder?" Wolfgang klärte mich dahingehend auf, daß man meinen Widerstand gegen den Tod brechen wolle und ich ihn herbeisehnen sollte. Es ginge zu langsam!
Ich blieb auf der Straße und richtete meinen Blick starr geradeaus. Es kam nur immer wieder stereotyp: „Ich brauche Zeit!" Die Spiegel waren wieder in Aktion und blendeten weitere Scheußlichkeiten ein. Im selben Augenblick, in dem ich das las, erblickte ich im Rückspiegel einen VW-Bus mit ausländischen Kennzeichen, in dem vier Männer saßen. Sie überholten mich. Es war ein britischer Wagen, dessen Insassen sich angeregt zu unterhalten schienen. Sie lachten, als sie an mir vorüber fuhren. „Wenn sie jetzt halten, dann ist es aus ..." Mir stockte der Atem, und der Adrenalinspiegel stieg. Wolfgang schrie plötzlich auf: „Mensch, fahr den Hang hinunter, bevor es zu spät ist!"

Mittwoch, 31. Januar 2007

Killertrip Teil 4

Was ging hier nur vor? Mein Kopf war krank vom vielen Hin-und-Herwälzen meiner Gedanken. In meiner Vorstellung leuchteten hologrammartige blau phosphoreszierende Buchstaben auf. Gab es am Ende einen Spiegel, der alle meine Gedanken und die jeweilig dazu passende Verfassung reflektierte? Blödsinn! Irrwitz! Ich besann mich jetzt wie immer auf die wichtigen, für das Überleben notwendigen Schritte. Theorien halfen nicht weiter. Ich brauchte Gewißheit! Womit und weshalb peinigten sie mich? Schon ging das Nachdenken wieder los. Sie hielten meine grauen Zellen permanent auf Trab.
Rudolf schien die Jagd beendet zu haben. Er konnte über den Computer all meine Schritte verfolgen und mich abfangen, egal wohin ich auch flüchtete. Ich hatte keine Chance, und das deprimierte mich. Ich konnte die Aufgabe nicht mit Sportsgeist lösen. Es gab kein Entrinnen!
Ich wollte einschlafen und zuhause in meinem Bett aufwachen, um einen ganz normalen, berechenbaren Arbeitstag an-zutreten. Ich sehnte mich nach meiner vertrauten Umgebung. Wolfgang schien meine Gedanken wie immer zu kennen: „Er grübelt darüber nach, was das alles soll. Wir haben ihn einfach losgeschickt, ohne daß er davon wußte. Vielleicht sollten wir ihn doch ein bißchen aufklären?" „Wenn wir ihm vorher gesagt hätten, worum es geht, dann wäre er wohl kaum eingestiegen. Oder glaubst du vielleicht irgend jemand macht so was freiwillig?" „Das ist schon klar. Aber wenn er vorbereitet gewesen wäre, hätte er sich anders verhalten können. Du mußt zugeben, daß wir nicht ganz unschuldig sind!"
Mir riss der Geduldsfaden. „Verdammte Scheiße, - sagt mir endlich was hier gespielt wird!" Rudolf war derjenige, der mir antwortete: „Du bist einer der Menschen, die auf den Killertrip gehen müssen, bevor sie vierzig sind. Kommen sie durch, dürfen sie sogar heiraten. Kommen sie nicht durch, sterben sie! Ich wurde wütend und schrie: ,,Wenn ich es nicht schaffe, dann sterbe ich?" „Jawohl, dann stirbst du." Rudolfs Stimme klang eiskalt.
Erst jetzt registrierte ich bewußt, daß ich mich mit den anderen unterhalten konnte. Bisher hatte ich nur ihre Stimmen gehört. War es doch Telepathie? Wolfgang verneinte: ,,Er glaubt, wir verständigen uns mittels Telepathie. Was für ein Unsinn! Es sind ganz normale Sender und Empfänger. Schalter ein, Schalter aus. So einfach ist das!" Fieberhaft überlegte ich, wo hier Geräte zum Abhören und Senden installiert sein konnten. Waren sie womöglich in meinen Körper eingepflanzt worden? Ich erlaubte mir zu fragen, wie die Sache mit dem Spiegel vor meinen Augen funktionierte. „Die erzeugt der Computer. Nach vier Tagen, wenn die Droge nachläßt, sind sie fast nicht mehr wahrnehmbar. Wir können auch mit unserem Computer den Spiegel verändern. Ganz wie es uns beliebt." Ich wollte wissen, wo sie sich aufhielten, und bekam zur Antwort: „Zur Zeit in Naoussa in einer Wohnung. Hier stehen die Sendeanlage und unser Computer." Auf meine Frage, ob sie immer wüßten, wo ich mich aufhielte, wurde ich dahingehend aufgeklärt, daß man dies mit einer Karte im Computer feststellen könne. Diese technischen Möglichkeiten interessierten mich derart brennend, daß ich darüber fast meine missliche Lage vergaß.
Wolfgangs Stimme blendete sich wieder ein: „Jetzt hält er es für möglich, daß er mit sich selbst spricht. Mensch, Rudolf, laß ihn! Er ist völlig ahnungslos!" „Nein. Ich will ihn!" Ich biss mir auf die Lippen und fragte, was er denn davon hätte mich umzubringen, und bekam zur Antwort: „Nichts. Aber es steht nun mal in den Statuten, daß die Gescheiterten sterben müssen. Du bist gescheitert, also stirbst du!" Widerstand bäumte sich auf: „Ich laß mich doch von dir nicht so einfach abmurksen. Ich werde mich wehren. Mit einem Messer!" Wolfgang war sichtlich überrascht: ,,Er will wirklich kämpfen. Wir sollten ihm Gelegenheit dazu geben." Rudolf meinte herablassend: „Gut, wenn er siegt, darf er leben, - aber er darf nie Kinder haben."
Ich war viel zu müde, um mich mit Erfolg auf einen Kampf einzulassen, aber ich wollte ein Ende. Egal wie es aussah! Rudolf glaubte bei mir ein leichtes Zögern festzustellen: „Was ist nun? Kämpfst du oder nicht?" Mir blieb wohl nichts anderes übrig. Wo sollte es stattfinden? Ich fragte danach. „Dort wo du jetzt stehst. Du fährst von der Straße ab und wartest am Rand auf mich. In ein paar Stunden bin ich da." „Was geschieht mit dem, de rauf der Strecke bleibt?" wollte ich wissen. „Der bleibt liegen. Nichts passiert! Alles spielt sich doch auf einer anderen Ebene ab" Wolfgang wurde ungeduldig: „Rede nicht so viel! Er hat doch gesagt, daß er den Kampf will. Ich glaube, daß er gut ist. Ich kenne ihn. Er bewegt sich wie eine Katze."
Für Rudolf zögerte ich zu lange. Er wollte ein klares Ja oder Nein. Ich wollte überhaupt nicht, daß irgendein Mensch starb, selbst wenn es diese drei Bastarde waren. Wahrscheinlich hatte ich mit der natürlichen Schranke zu kämpfen, die sich in jedem Menschen regt, der vor einem Mord steht und den man als halbwegs normal bezeichnen kann. Mord war nicht mein Geschäft und von Selbstmord, hielt ich auch nichts. Meine Gegner mochten diese Überlegungen nicht.
„Er ist zu feige! Wenn er zum Messer greift, erschieße ich ihn. Wenn er jammert, schneide ich ihm die Kehle durch." Ich hatte wohl verloren. „Rudolf gave him a chance. But he did not want to fight with him. He is a bloody coward and has to die", signalisierten meine Spiegel. Wie immer erschien der Text in englischer Sprache.
Um etwas zu tun, fuhr ich los. Ab von der Hauptstraße und hinein in eine kleine Ortschaft. Das Vernünftigste war wohl, meine Kräfte zu mobilisieren, indem ich aß und trank. Ich bemerkte, daß meine Spiegel immer wieder den gleichen Text wiederholten. Als ich vor dem Restaurant anhielt, stieg ich aus und betrat es. Auf meine Frage, ob die Küche offen hätte, sagte der Mann hinter dem Tresen: ,,No" und eine Frau, die neben mir stand: „Not for you!"
Ich war hilflos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein neues Hindernis. Die Leute starrten mich an, und ich glaubte ihre Ablehnung greifen zu können. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ ich den Raum. Niedergeschlagen setzte ich mich in meinen Wagen und startete ziellos. Mit diesen Spiegeln gezeichnet mußte ich überall auf Hindernisse stoßen. Niemand würde mich bedienen und mir eine Malzeit bringen. Das war dann wohl das Ende! Einen Versuch wollte ich noch unternehmen.
„Hört ihr mich?" „Ja, Rolf. Wir hören dich." „Wolfgang, bist du allein?" „Ja. Die anderen sind weggegangen und einer muß immer am Computer sein." „Wo ist Rudolf?" „Ich weiß es nicht." „Wolfgang. Du wolltest mir doch schon mal helfen?" „Ja. Es ist alles schlecht gelaufen für dich. Du kannst nichts dafür."
Ich hakte nach: „Warum will Rudolf mich nicht laufen lassen?" „Ich weiß nicht. Ich glaube, er hasst dich" „Kannst du dich nicht für mich einsetzen?" Überraschend schaltete sich jetzt Rudolf ein: „Du feiger Hund! Ich habe alles mitgehört. Stirb wenigstens anständig und jammere nicht so erbärmlich. Glaub ja nicht, daß ich nachgebe. Ich erwische dich, und dann geht's dir an den Kragen!" Letzterer platzte mir jetzt: „Töten, jagen, Kehle durchschneiden! Ist das alles, was du kannst? Wieso bist du gegen mich? Was hab ich dir denn getan?" „Du bist ein elender Arsch. Ein Jammerlappen. Du verdienst es nicht zu atmen." „Wieso willst du mich quälen? Du könntest mir auch eine Kugel geben, das ginge schneller und sauberer." „Eine Kugel ist viel zu schade für dich. Ersaufen sollst du wie eine dreckige Ratte!" „Aber das ist doch alles Schwachsinn." Wolfgang schaltete sich wieder ein: „Jetzt laß ihn in Ruhe! Du siehst doch, daß er völlig fertig ist."
Es war etwa 20 Uhr. Die Sonne stand bereits tief. Die Dämmerung begann. Eine schöne Zeit, wenn niemand darauf scharf gewesen wäre, mich umzubringen. Sollte ich mich jetzt auf diesen lächerlichen Kampf einlassen und den Helden markieren? Wer war ich eigentlich? Sollten sie sich doch selbst die Köpfe einschlagen. Außerdem waren die Chancen verdammt ungleich verteilt. Ehe ich mein Messer ziehen konnte, hatte ich vermutlich eine Kugel im Bauch.
Ich steuerte auf eine Ortschaft zu, deren Lichter mir entgegenleuchteten. Es sah einigermaßen einladend aus. „Ihr könnt mir wenigstens andere Spiegel aufsetzen, damit ich etwas zu essen bekomme!" Rudolfs sagte höhnisch: „Das könnte dir so passen. Soll doch jeder sehen, was du für ein Schwächling bist." Wolfgang versuchte ihn zu beschwichtigen: „Ändere den Text, Rudolf! Das hat doch mit der Sache nichts zu tun!"
Ich parkte den Wagen und lief die Straße hinunter. Als ich auf ein paar Frauen traf, erkundigte ich mich nach einem Restaurant oder einer Imbiss Möglichkeit. Etwas ängstlich sah ich sie wohl an und wartete wieder auf die gewohnte ablehnende Reaktion. Sie waren zwar etwas befremdet, gaben mir dann aber bereitwillig Auskunft. Ein Mann ging vorbei, blieb neben mir stehen und bot sich sogar an, mich zu begleiten. Ich atmete auf. Diese erste Hilfsbereitschaft seit längerer Zeit tat mir wohl. Ein Hauch neuer Hoffnung keimte auf. Meine Spiegel schienen verändert. Vielleicht hatten diese Menschen aber auch nur Mitleid mit mir. Der Grieche ging voran und führte mich zu einer hell erleuchteten Kneipe. Das Neonlicht blendete mich. Der Laden war brechend voll. Lautes Gemurmel zeugte von guter Kommunikation. Ich setzte mich an die Bar und wartete.
Niemand schien mich zu beachten. Der Wirt hatte alle Hände voll zu tun, schrie den Gästen etwas zu und reichte volle Becher weiter. Plötzlich konnte ich die Texte vor meinen Augen wieder lesen. „Gib ihm zu essen! Es wird sein letztes Mahl sein. Morgen stirbt er."
Ich verließ fluchtartig das Restaurant, vergaß meinen Hunger und meinen Durst und rannte zum Auto. „Das halte ich nicht mehr aus. Laßt mich endlich laufen!" Ich hörte Rudolfs Stimme: „Wenn er einsteigt, schalte ich den Scheißkerl ab! Ich kann ihn nicht mehr hören" „Laßt mich noch eine Zigarette rauchen, dann ist es mir egal, was ihr mit mir macht!" Ich resignierte und gab auf. Wolfgang schien sich wieder für mich einzusetzen: „Laß ihn doch noch ein bißchen fahren, Rudolf! Es kommt doch jetzt nicht mehr darauf an."
Ich wurde nicht abgeschaltet und fuhr weiter. Ich überlegte, als würde das noch etwas nützen, wie ich mich befreien konnte. Wolfgang war auf meiner Seite. Ein kleiner Pluspunkt, wenn er diese Linie durchhielt. Ich wußte nicht, wie weit er den anderen selbst ausgeliefert war, wenn er nicht parierte. Vielleicht konnte ich Rudolf mit seiner Hilfe umstimmen. Mein Verstand eröffnete erneut ein zerrendes Debakel zwischen Kapitulation und Überlebenswillen, Sinn und Unsinn, Logik und Chaos. Ich murmelte: „Ihr seid verrückt. Hoffnungslos verrückt. Wie kann einem so was Spaß machen?"
Wieder meldete sich Wolfgang: „Ich höre immer nur etwas von Schwachsinn und verrückt. Er ist ja schon ganz verquer. Mensch, schalte den Fernschreiber ab, wenn die Presse Wind davon kriegt! Und so einen schicken wir auf den Killertrip." Er machte eine kleine Pause und sagte dann: „Laßt ihn laufen! Von mir aus soll er nächstes Jahr wieder eine Chance bekommen. Vielleicht hat er sich dann stabilisiert. Jetzt kann er nichts dafür. Schuld sind allein wir, weil wir die Sache angezettelt haben. Was denkt ihr, wie seiner Mutter zumute sein wird, wenn sie erfährt, daß ihr Sohn tot ist?"
Rudolf schwieg eine Weile und dann sagte dann endlich: „Okay, laßt ihn laufen!" Abrupt wurde der Kontakt abgebro-chen. Ich wagte nicht zu glauben, daß ich tatsächlich frei sein sollte. Aber nichts, weiter geschah, kein Wort wurde mehr
gewechselt. War das Spiel jetzt beendet? War das ein Computer-Horror-Trip, der gar nicht so brutal enden sollte, sondern lediglich meinen Sportsgeist anstacheln und meine Psyche auf Hochtouren bringen sollte?