Rudolf: „Also gut, - jetzt hast du alle Prüfungen bestanden, bist frei, und kannst fahren, wohin du willst. Nichts wird dir mehr geschehen." Ein Fels fiel mir vom Herzen. Jetzt fühlte ich mich wahrlich besser, auch wenn mein Nervenkostüm seit Beginn dieses Spiels völlig ramponiert war. Da zeigten die Spiegel neue Worte: „He thinks to talk to someone. But he is alone, he's talking to himself." Einen kurzen Augenblick war ich erschrocken, dann faßte ich mich jedoch wieder. ,,Umso besser!" dachte ich. Das war genau das, was ich schon längst vermutet hatte. Ab jetzt würde ich für mich bleiben und jeglichen Kontakt meiden. Anscheinend spielte sich sowieso doch nur alles in meinem Kopf ab. Ab jetzt hieß die Devise: Cool bleiben. Nicht mehr verrückt machen lassen! Der ganze Blödsinn mußte ein Ende haben!
Ich konzentrierte mich auf die Fahrt, war inzwischen auf einer befahrenen Strecke angekommen und kurz vor Igoume-nitsa. Um 18.30 Uhr traf ich dort ein. Gerade war eine Fähre dabei abzulegen. Ich parkte in der Nähe der Anlegestelle und stieg aus. Hier gab es wenigstens Tafeln mit den Fahrplänen, so daß ich nicht unbedingt ein Travel Office aufsuchen mußte. Ich konnte ersehen, daß ich erst am nächsten Morgen nach Italien übersetzen konnte. Das war sogar besser als die Nachtpassage, die mir zu gefährlich erschien. Ich stieg wieder in meinen Golf, um nach einer Schlafmöglichkeit Ausschau zu halten.
Nachdem ich einige Zeit herumgekurvt war, um mich über die Stadt zu informieren und einen Eindruck von ihr zu bekommen, kehrte ich wieder zum Hafen zurück und stellte den Wagen ab. Es wurde dunkel. Die ersten Lichter blitzten auf. Ich hatte Zeit. Wie ich wußte, leuchtete meine Augenschrift, jetzt ebenso deutlich auf. Allerdings hatte sie sich während der letzten Stunden brav schweigend verhalten. Vielleicht bildete ich sie mir ja auch nur ein und es gab sie doch nicht. Ich machte mir Mut, wollte meine Selbstsicherheit zurückgewinnen und betrat eine an der Straße gelegene Grillstube. Der Grieche, bei dem ich die Bestellung für ein Brot mit Zaziki und ein Glas Wein aufgab, sprach gut Deutsch und war sehr zuvorkommend. Er wies mir einen der Tische draußen zu und bat mich um etwas Geduld. Nur drei davon waren besetzt. Unauffällig beobachtete ich die Leute, die daran verteilt saßen und ihr Abendessen einnahmen. Niemand schien sich um meine Anwesenheit sonderlich zu kümmern und mich zu beachten. Das war beruhigend.
Nach einiger Zeit spürte ich etwas an meinen Augen. Das altbekannte ,,Malaga, Malaga" wurde sichtbar. Die beiden Griechen am Nebentisch waren darauf aufmerksam geworden und amüsierten sich über mich. Ich glaubte ,,lt's a nice joke" zu hören, war mir dessen aber nicht ganz sicher. Mit einem freundlichen „Guten Appetit!" brachte der Wirt meinen Teller. Ich sah ihn direkt an, aber in seinem Gesicht war keine Regung auszumachen. Erst, als er etwas weiter entfernt mit einem Touristen redete, der Deutscher sein konnte, meinte ich, das Wort,,Todesschmaus" verstanden zu haben. Meine Spiegel sprachen wieder: ,,He is sentenced to death."
Ich blieb unbeirrt und kaute an meinem Sandwich weiter. Während ich langsam meinen Rotwein austrank, der etwas harzig schmeckte, wechselte der Text zum widerlichsten Satz, der bisher aufgetaucht war: ,,He will pick up a kid and cut it's throat." Aus den Augenwinkeln und mit gesenktem Kopf beobachtete ich die beiden Griechen. Sie schienen es mitbekommen zu haben und ihr Gesichtsausdruck wurde finster. Ich wollte keinen Fehler begehen und hielt es für besser, hier zu verschwinden. Ich ließ einen verhältnismäßig großzügigen Geldbetrag liegen und machte mich eilig auf die Socken.
Plötzlich hatte ich eine Eingebung! ,,Sie haben Informanten!" Mit meinen ungewöhnlichen Augentexten war ich auf jeden Fall identifizierbar, - damit verriet ich meinen Aufenthaltsort! Wenn einer der Eingeweihten mich entdeckt hatte, brauchte er nur noch telefonisch die Zentrale zu benachrichtigen, und schon waren sie aktuell informiert! Man hatte wohl ein Netz gestrickt, aus dem kein Entrinnen möglich war. Ich fühlte mich tatsächlich wie die Fliege, die an den klebrigen Fäden der Spinne hängen geblieben war und darauf warten konnte, bis das Untier kam und die Beute verschlang! So also wußte man Bescheid und konnte die nächsten Maßnahmen treffen! Das erschien mir völlig einleuchtend und immer mehr wuchs diese Idee für mich zur Gewißheit. Die Vorstellung, am Computer sichtbar zu sein, schien also falsch.
Trotzdem, - irgendeine drahtlose Verbindung mußte auch bestehen, - für die Übertragung der Signale auf meine Spiegel. So war zu überlegen, auf welche Weise ich mich schützen konnte. Es war ja schon gut, wenn ich die Lider senkte und vermied, Menschen direkt anzusehen. Eine Sonnenbrille konnte mein Problem lösen! Das ich darauf nicht schon längst gekommen war! Eigene Dummheit hatte mich meine Ray-Ban in München vergessen lassen! Gleich am nächsten Morgen, -noch vor Abfahrt - wollte ich mir an einem der Stände eine passende aussuchen. Vielleicht konnte ich so das verräterische Leuchten verdecken! Meine Stimmung gewann an Auftrieb.
Ich ließ den Motor an und kreiste durch die Ortschaft. Diese Nacht mußte ich noch heil überstehen, auch ohne Augengläser. Jedesmal, wenn mir jemand entgegenkam, - sei es als Autofahrer oder Fußgänger - kniff ich meine Sichtfenster so schmal wie möglich zusammen und änderte die Blickrichtung zur Seite ab. Diesmal würde ich auf der Hut sein, auch wenn es hier Informanten gab, denen nicht verborgen geblieben war, daß ich in Igoumenitsa eingetroffen war. Sicher kannten sie auch meinen Wagen, - so viele Münchner Kennzeichen gab es sicher auch wieder nicht.
Ich war langsam durch die dunklen Straßen gefahren und erreichte nun einen größeren Platz, auf dem eine große Anzahl Fahrzeuge parkte. An den Nummernschildern ersah ich, daß die meisten europäische Touristen waren. In einigen Wagen schliefen die Leute bereits. Sicher wollten sie ebenfalls die Morgenfähre nach Brindisi nehmen. Es schien mir gut geeignet, mich hier drunter zumischen und ich steuerte in eine enge Lücke. Außerdem gaben die wenigen Straßenlaternen nur schwaches Licht ab, was ein zusätzlicher Vorteil war. Es war ruhig und man hörte kaum etwas vom Straßenverkehr. Vorsichtig und leise verschloß ich alle Türen, rutschte nach hinten und schlüpfte in den Schlafsack. Da es etwas kühler war, legte ich mir noch eine Decke über und streckte mich so weit wie möglich aus. Die Anstrengungen der gesamten letzten Tage machten sich bemerkbar und mein Hals schmerzte wieder. Ich war zwar hundemüde, vermochte aber dennoch nicht, gleich einzuschlafen. Die heftigen Schwankungen zwischen Zuversicht und Resignation, die Gedanken um Leben und Tod, das ständige Gefühl, in Gefahr zu sein, hatten mich seelisch und körperlich ausgezehrt. Dabei war Schlaf das wichtigste und billigste Mittel, für meine Rekreation so sorgen. ,,l will care", murmelte ich zu mir selbst, nun auch schon in Englisch. Ich verbrachte längere Zeit in einem Dämmerzustand, bis ich endlich einschlief.
Das Motorengeräusch eines ankommenden Autos ließ mich erwachen. Ich wußte nicht, wie spät es war und schreckte schlaftrunken hoch, um mich wegen der Spiegel sofort wieder zu ducken. Zehn Meter von mir entfernt stand ein Pritschentransporter. Ein Mann stieg aus und ging direkt auf meinen Golf zu. Er besah sich den Rand des Parkplatzes, lief wieder zurück und wies den Fahrer so ein, daß der Kleintransporter rückwärts neben mir zum Stehen kam. Die Ladefläche wurde gekippt und von rutschendem Geräusch begleitet. Eine Unmenge Dreck und Bauschutt staubte zu Boden. Ich unterdrückte ein Husten. Nachdem die Normallage wieder hergestellt war, verschwanden die Männer mit ihrem Pritschenwagen. Da ich die Aktion mitbekommen hatte, die nichts mit mir zu tun gehabt hatte, rollte ich mich wieder zusammen und schlief augenblicklich ein.
Später erwachte ich erneut. Eine seltsame Unruhe, vielleicht eine Vorahnung, hatte mich ergriffen. Vorsichtig hob ich den Kopf und sah mich um. Es dämmerte. Am Ende des Parkplatzes, auf einem etwas höher gelegenen Hang, der mit Bäumen und Sträuchern bewachsen war, stand ein Mann, der in meine Richtung blickte. Also wurde ich doch observiert! Die Informanten schienen meinen Wagen entdeckt zu haben und sich zu nähern. Was hatten sie mit mir vor? Meine Spiegel waren wach und zeichneten auf: „He will pick up a kid and cut his throat."
War das eine Falle? Hatten sie selbst ein Kind gemeuchelt und die Leiche im Bauschutt verborgen? Meine Phantasie ging mit mir durch. Natürlich würde man mich der Tat verdächtigen! Ich war hellwach. Wieder stieg Panik in mir auf. In meiner Vorstellung sah ich mich schon gefangen in meinem Golf, umringt von einer tobenden Meute, die mit Stöcken und Steinen meine Fenster einschlug, mit Messern auf mich losging, mich herauszerrte, um mich am nächsten Baum zu lynchen. Ich hatte schon gehört, daß Südländer kein Pardon kannten, wenn es um Kinder ging, - da konnte die Sachlage sein, wie sie wollte! Ich wagte nicht auszusteigen. Mir ging es auch nicht drum, zu prüfen, ob meine Vermutung richtig war. Ich beschloß, Fersengeld zu geben. Hastig wickelte ich mich aus der Decke, kletterte behend auf den Fahrersitz, drehte den Schlüssel um und legte den Rückwärtsgang ein. Der Mann war verschwunden. Ich beschwichtigte mich und blieb bei langsamer Fahrweise, um ja nicht aufzufallen. Meine Abfahrt mit der Fähre hatte ich gestrichen. Am besten, ich verließ Igoumenitsa sofort und steuerte loannina an. Unterwegs hatte ich dann immer noch die Wahl zwischen Thessaloniki und Patras.
Ich erreichte eine kleinere, recht belebte Straße, die ich von meiner Informationstour am Vorabend schon kannte. Jetzt wußte ich auch, wie ich von hier zur großen Abzweigung nach loannina fahren mußte. Konzentriert nahm ich meinen Weg auf, als ich plötzlich am Straßenrand den Kleintransporter stehen sah. Ich passierte ihn und schaute in den Rückspiegel. Sofort wurden die Scheinwerfer eingeschaltet und der Wagen folgte mir. Ich beschleunigte. Er auch. Ich wollte sichergehen und wagte einen Test. Mit einem Ruck stoppte ich auf dem Seitenstreifen. Das Fahrzeug rauschte an mir vorbei und hielt in einiger Entfernung vor mir, ohne Motor und Licht auszuschalten. Also wurde ich doch verfolgt! Ich mußte den Kerl abschütteln. Aber wie?
Als ich wieder anfuhr, setzte auch er sich erneut in Bewegung. Ich nahm mir vor, hinter ihm zu bleiben und bei nächster Gelegenheit einen Haken zu schlagen. Der Kleintransporter fuhr also auch in Richtung der Ausfallstraße nach loannina! Vermutlich hatten die Leute in der Zentrale mir unterstellt, meinen Plan diesbezüglich zu ändern und auf dem Landweg zu fliehen.
Die Einmündung war schnell erreicht. Mein Begleiter verlangsamte und bog rechts ab. Diese Chance nutzte ich, um die Gegenrichtung zu nehmen. Mit halsbrecherischem Tempo wendete ich erneut bei der ersten Biegung nach links und raste in den Ort zurück. Ich trat konstant das Pedal durch, lieferte noch einige Links-rechts-Schlenker und preschte, immer noch mit riskant überhöhter Geschwindigkeit, auf die Seepromenade zu, die hell erleuchtet und voller Menschen war. Jetzt war eine Vollbremsung nötig. Die Leute kümmerten sich nicht um den Verkehr und liefen, ohne sich umzusehen, quer über die Fahrbahn. Etwas knallte auf mein Auto. Eine wütende Beschimpfung auf Griechisch folgte. Ich war zwar erschrocken, ließ mich aber nicht beirren und fuhr flott weiter. Am Ende der Uferpromenade stand ein Einbahnstraßenschild. Ich vergewisserte mich, ob mir niemand entgegenkam und bog ohne zu zögern ein. Gleich bei der ersten Gelegenheit blinkte ich nach links und steuerte eine Nebenstraße entlang, die bergauf führte. Nach kurzer Zeit wußte ich wieder, wo ich war!
Ab hier hatte ich meine geplante Route wieder und erreichte in Kürze die Ausfallstraße. Mein Begleiter war verschwunden. Ihn hatte ich relativ leicht abgehängt. Aber ein wenig stolz war ich wegen meines Manövers schon! Da anzunehmen war, dass meine Informanten nicht ewig in Igoumenitsa suchen würden und mir früher oder später auf der Strecke nach loannina folgen würden, brauchte ich Vorsprung. Ich drückte auf die Tube, blieb aber wachsam. Es konnte ja sein, daß mich irgendwo am Straßenrand der Kleintransporter erwartete.
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