Montag, 20. August 2007

Killertrip Teil 12

Die Gefährlichkeit meiner Lage war immer noch nicht entschärft. Ich hatte mich von dem Schrecken noch nicht ganz erholt, als über die Ansage bekannt gegeben wurde, daß ein Versuch unternommen worden war, mich auf der Toilette zu töten. Das außerdem derjenige selbst zu Tode kommen würde, der mir das Leben nahm. Das der Computer sich so für mich einsetzte, beruhigte mich ungemein, aber noch saß ich nicht im Flieger.
Ständig wurde die Halle von neuen Menschengruppen bevölkert. Die Leute rannten hin und her. Für mich waren das zusätzliche Risikofaktoren, da sie über mich und meine Situation nichts wußten, solange sie keinen der Lautsprecherberichte vernommen hatten. Möglicherweise war einer unter ihnen, der sich durch meine Augenschrift so gereizt fühlte, daß er sich impulsiv zu einer Aggressionshandlung hinreißen ließ.
Als ich mich dem Lufthansa-Schalter näherte, sah ich, daß er nun besetzt war. Ich stützte beide Arme auf das Pult und sah die Hostess erwartungsvoll an. „Geben Sie mir bitte ein Ticket nach München!" Sie tippte die Flugnummer in den Computer ein und sagte einen Moment später mit Bedauern in der Stimme: „Tut mir leid, die Maschine ist ausgebucht! Ich kann Ihnen nur einen Platz in der ersten Klasse anbieten, und das erst auf dem Mittagsflug! Der Flugschein kostet einfach DM 930,-." Ich zögerte, da ich nicht genau wußte, auf welchem Stand sich meine Finanzen befanden. Die Stewardess zuckte mit den Schultern. „Vielleicht versuchen Sie es an einem der anderen Schalter. Es kann sein, daß eine andere Gesellschaft Platz in der Economy-Class hat." Etwas enttäuscht machte ich einen Kassensturz, nachdem ich mich bedankt hatte.
Neben mir saß ein Mädchen, das zu einer älteren Dame auf Deutsch sagte: „Das ist der Mann, von dem sie in den Ansagen immer sprechen. Er ist auf dem Killertrip." Die Touristin sah mich erschrocken an: „Was hat der arme Kerl da an seinen Augen?" Das Mädchen erklärte: „Den Text erzeugt ein Computer. Aber zwei Killer, die noch leben, ändern ihn immer wieder ab." „Die Arbeit des Computers zeigt Wirkung!" dachte ich zufrieden. „Das sieht ja ganz gut aus." Trotzdem erschien mir alles irgendwie unwirklich. Meine lang gehegte, immer wiederkehrende Vermutung, daß ich alles, was ich unter dem Einfluss der Droge hörte, anders verstand, erschien mir wesentlich realistischer. Aber ich konnte ja nur auf das reagieren, was ich als wahr erachtete.
Mein Geld reichte für das Ticket erster Klasse! Aber ich wollte erst sehen, ob ich nicht noch eine Alternative auftreiben konnte, vor allem eine Maschine, die Athen früher verließ. So trabte ich von einem Check-ln zum anderen, aber überall erteilte man mir nur Absagen. Klar, daß um diese Jahreszeit Hochsaison war, aber ich wurde das Gefühl nicht los, daß es in erster Linie darum ging, mir keinen Flugplatz zu geben. Wenigstens konnte ich auf die LH zurückgreifen.
Da wurde die Situation plötzlich bedrohlich: Der Lautsprecher verkündete, daß ich nicht der Richtige sei, sondern ein Killer, der sich mit gefälschten Papieren auf der Flucht befände. Außerdem würde man mir bei Betreten der Toiletten die Kehle durchschneiden, beziehungsweise bei Verlassen des Airports mich erschießen. Ich war wie betäubt. Wie war das zustande gekommen? Um Gottes Willen! Das war mein Ende! Wolfgangs höhnisches Gelächter ließ mich frösteln. „Jetzt haben wir ihn! Er kommt nicht mehr lebend raus!" Also daher wehte der Wind! Die anderen hatten wohl bei der Flughafenleitung angerufen und den Leuten eine wilde Geschichte aufgetischt, die den Computer unglaubwürdig machte. Ich stand wieder allein da. Doch ich raffte mich auf, lief zum Lufthansa-Schalter und erklärte mit fester Stimme: „Ich nehme das Ticket erster Klasse!" Ungehalten erwiderte die Hostess, daß diese Passage inzwischen verkauft worden und auch die Flüge für die folgenden Tage ausgebucht seien. Alles hatte sich gegen mich verschworen!
Jetzt konnte mir nur noch die Deutsche Botschaft helfen! Ich lief zu einem der öffentlichen Fernsprecher und wählte die Nummer. Eine Frau meldete sich in deutscher Sprache. Erleichtert bat ich, mit dem Botschafter selbst sprechen zu dürfen. „Er ist leider nicht im Hause", bedauerte die Sekretärin, „aber ich gebe Ihnen einen Kollegen." Dem schüttete ich mein Herz aus, - daß ich krank sei, man mir eine Droge verabreicht hätte, ich nicht mehr in der Lage sei, mit dem Auto heimzukehren und Probleme mit dem Rückflug hätte. Von der Killerstory hatte ich jedoch nichts erwähnt.
Der Mann versprach mir, am Schalter anzurufen, wo ich in einer halben Stunde nochmals nachfragen sollte. Verdächtig ruhig sagte Wolfgang: ,,Bernd, ruf die Botschaft an, sonst entwischt er uns noch!" „Ihr Schweine!" murmelte ich. Meine Augen verengten sich. Welche Lügen mochten sie nun wieder über mich verbreiten? Ich konnte nur hoffen, daß man ihnen keinen Glauben schenkte. Ungeduldig wartete ich, bis die 30 Minuten um waren. Sofort erschien ich wieder bei der Lufthansa und fragte nach, ob sich das Konsulat schon gemeldet hätte. Die Stewardess verneinte. Nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen. Lag es vielleicht daran, daß meine Widersacher überzeugend gewesen waren und mich diffamiert hatten?
Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief ich durch die Halle. Nach einer weiteren halben Stunde wiederholte ich meine Anfrage, aber nichts hatte sich getan. Überheblich und triumphierend ließ sich Wolfgang hören: „Rolf, du bist geliefert. Kein Mensch glaubt dir noch ein Wort! Du hast ausgespielt!" Ich mußte mich setzen.
Unbedingt mußte ich noch einmal mit der Botschaft sprechen. Ich rannte zum Telefon und wählte mit zittrigen Fingern. Der Anschluß war ständig besetzt, ich kam einfach nicht durch. Meine Augen wanderten durch den Raum. Gerade hatte ein Soldat in Uniform die Flughalle betreten. Eine Frau lief auf ihn zu, fuchtelte mit einem Blatt Papier in der Luft, redete heftig auf ihn ein und gestikulierte in meine Richtung. Sie verschwand und der Söldner kam langsam auf mich zu. In angemessener Entfernung blieb er stehen und musterte mich. Hatte man ihn auf mich angesetzt? Aber ohne Grund konnte doch niemand etwas gegen mich unternehmen. Ich benahm mich so normal wie möglich und drückte auf die Wiederholungstaste.
Endlich hatte ich Glück! Ich wurde mit demselben Herrn wie vorhin verbunden. Er fragte mich scherzhaft: „Sind Sie immer noch in Athen? Ich wähnte Sie längst auf dem Nachhauseweg!" Ich wurde wütend. „Niemand hat mir ein Ticket gegeben, weil Sie nicht bei der Lufthansa angerufen haben!" knurrte ich. „Sie müssen verstehen, - ich bin völlig am Ende und muß weg von hier! Das Konsulat ist verpflichtet, mir zu helfen! Es wird mir nur jetzt nichts nutzen, wenn ich deutsche Touristen über meine Lage informiere, die erst in München zur Polizei gehen können. Das dauert zu lange!" „In Ordnung, - ich kümmere mich darum. Geben Sie mir Ihre Personalien. Wenn sie überprüft sind, lasse ich Sie in der Halle ausrufen, alles klar?" Eine leise Hoffnung keimte auf. Würde ich mich auf ihn verlassen können?
Ich wartete über eine Stunde, aber nichts rührte sich. Trotzdem ging ich zum Schalter und stellte meine übliche Frage. Die Lufthansa Hostess verneinte abweisend. Sie schien nervös. Ich hatte meine Tasche abgestellt und machte keine Anstalten wegzugehen. Unbehagen erfüllte mich. Irgendetwas braute sich über mir zusammen.
Da sah ich, wie der Soldat sich anschickte, alle Leute wegzuschicken und umzudirigieren, die sich in meiner Nähe befanden oder in die Richtung kamen. Ich verfolgte das Treiben, konnte mir aber keinen Reim darauf machen. Erst, als ich ganz allein am Schalter verblieben war, dämmerte mir die Absicht: Ich sollte jetzt und hier getötet werden! Die Stewardess war kreidebleich. Hatte man sie darüber informiert? Dann konnte dieser Hinweis nur von der Botschaft selbst gekommen sein! Also war auch hier die Hoffnung auf Hilfe ein Trugschluss gewesen!
Erstmals verspürte ich wieder Todesangst. Sie war so gewaltig, daß ich unfähig war, mich zu bewegen. Ich war wie angewurzelt. Druck in meinem Kopf blockierte jeden klaren Gedanken. Eine Frau, die mit trippelnden Schritten auf mich zukam, wurde energisch von dem Grünbekleideten zurückgehalten und in die Halle geschickt. Ich riss mich am Riemen, schnappte mein Gepäckstück, ging so bedacht und gemächlich wie möglich zu den Sitzreihen hinüber und mischte mich in die Menge. Wenn er schoss, würde er zweifelsfrei auch Unbeteiligte treffen, - und das würde er wohl doch nicht wagen.
Ich zitterte am ganzen Körper und sank in den Stuhl. Es war wohl Zeit zum Aufgeben. Welche Chance hatte ich noch? Mein Zustand verschlechterte sich dramatisch. Doch da ertönte laut eine neue Ansage: Der Computer hatte den Fernschreiber der Botschaft kontaktiert und einen kompletten Bericht über meine Odyssee, das Spielsystem und alle daran Beteiligten geliefert! Meine Niedergeschlagenheit war wie weggeblasen! Ich sprang auf. Verärgert meldete sich Wolfgang: „Mist, - jetzt wissen sie alles! Ruf nochmals das Konsulat an und erzähl ihnen irgendwas! Sonst geht noch alles daneben!" „Diese Ratte!" dachte ich. Sofort wollte ich die Botschaft über die Richtigkeit der Angaben des Computers informieren. Das Elektronengehirn hatte wahrlich eine Leistung vollbracht, die beachtlich war. Ich fühlte eine Dankbarkeit der Maschine gegenüber, auf die mehr Verlass zu sein schien, als auf alle Menschen, mit denen ich zu tun hatte!

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