Mit Widerwillen ging ich auf einen Uniformierten zu, der wohl der Aufsichtsbeamte war. Ich erkundigte mich nach den Abflügen nach München, erhielt aber nur die mürrische Auskunft, daß die Schalter um 6.00 Uhr öffnen würden und fast zu gleicher Zeit die ersten Maschinen starteten. Wolfgang gab Kommentar: „Erst um 6.00 Uhr! Bis dahin muß es uns gelingen, die Einheimischen gegen ihn aufzuhetzen! Wir sollten sie reizen bis aufs Blut!" Ich lachte böse. Dieser Mistkerl konnte es nicht lassen! Obwohl mein Spiel als gewonnen gegolten hatte, ließ er mich nicht aus den Klauen. Doch ich fühlte mich jetzt einigermaßen sicher, - die internationale Atmosphäre, die hier spürbar war, vermittelte mir den Eindruck, schon nicht mehr ganz in Griechenland zu sein.
Die Sonnenbrille, zu der ich es immer noch nicht gebracht hatte, hätte meine Lage unauffälliger, und daher einfach gestaltet. So wie manche jungen Leute die dunklen Gläser auch in der Disco trugen, hätte ich hier als cool gegolten, aber mehr nicht. Vielleicht sollte ich einige von den Deutschen ansprechen? Aber nein, zuerst würde ich versuchen, allein zurecht zu kommen, das hatte ich bisher ja auch gemeistert.
Ich setzte mich wieder, zündete mir umständlich eine etwas verdrückte Zigarette an und zog den Rauch tief in die Lungen. An Schlaf war nicht zu denken, obwohl ich völlig erschöpft war. Ich sollte versuchen, mich ein wenig zu entspannen und die noch verbleibenden Stunden mich ruhig zu verhalten.
Jedesmal, wenn ein Grieche an mir vorbeischlenderte, wurden die Spiegel tätig und flackerten. Die Aussagen wechselten wie gehabt. Meistens schloß ich die Augen. Sollte ich Gegenmaßnahmen treffen? Warum sollte ich eigentlich Wolfgang das Feld kampflos übergeben?
Ich stand auf und ging in den Trakt des Gebäudes, in dem ich schon eingangs die Aufseher gesehen hatte. Hinter einem Pult saß ein Uniformierter, der mich mit müden, geröteten Augen ansah, als ich ihn ansprach. Er sollte die leuchtenden Schriftzüge nicht beachten, bedeutete ich ihm und hielt ihm meinen Pass unter die Nase. Er blätterte darin, blickte mich verständnislos an. „l'm on the killertrip", fügte ich hinzu. Er stand auf, ging durch eine Tür in den Nebenraum und kam mit zwei Kollegen wieder. Einer der beiden, - vermutlich der Vorgesetzte fragte mich nach meinem Problem. Ich wiederholte das bereits Gesagte und bat um autorisierten Schutz, bis ich mein Ticket nach München in Händen hätte. Sie besprachen sich, lachten und retournierten mein Dokument mit der Beteuerung, ich könne mich auf sie verlassen:
Mißmutig trottete ich von dannen. Ich hatte ganz und gar nicht das Gefühl, verstanden worden zu sein, - im Gegenteil! Vielleicht hatten sie den Eindruck, ich sei nicht ganz richtig im Kopf. Ich zwang mich zur Ruhe und nahm wieder Platz.
Hinter einem geschlossenen Schalter saß ein Beamter, der sich intensiv mit seiner Zeitung beschäftigte. Ich wollte noch einen Versuch starten und ging zu ihm hin. Mit beschwörenden Worten wiederholte ich meine Story und zückte den Reisepass. Der Mann hörte mir zwar zu, sah mich etwas seltsam an und schwieg. Ich beteuerte, daß ich der Richtige sei und seine Hilfe benötigte. Da lächelte er und sagte: ,,Please go." Ich war wie erschlagen. Entweder wollte er nicht verstehen oder auch er glaubte mir nicht. Es war zum Verzweifeln!
Wolfgang, der währenddessen immer wieder "Malaga" projiziert hatte, triumphierte. "Sie nehmen ihn nicht ernst! Von ihnen hat er keinerlei Schutz zu erwarten!" Verwirrt und verunsichert lief ich durch die Halle. Ich konnte nicht mehr stillsitzen. Die Zeit verrann kaum.
Noch immer waren die Schalter geschlossen, nur an dem der Alitalia standen ein paar Leute, wahrscheinlich Bodenstewardessen, und zwei Männer. Ich ging auf die Gruppe zu und fragte eine der Damen nach der Nummer der Deutschen Botschaft. Die junge Frau war sehr freundlich, suchte aus einem Notizbuch das Gewünschte und schrieb es auf einen Zettel, den sie mir mit einem Lächeln reichte. Als sie meine Augen sah, drückte ihr Gesicht Verwunderung aus. Ich erklärte, daß das Geflacker ein Trick der beiden überlebenden Killer sei, mit dem sie versuchten, die Leute gegen mich aufzuhetzen.
Nachdem ich mich höflich bedankt hatte, marschierte ich zu einem der vorhandenen öffentlichen Telefone und wählte die Deutsche Botschaft an. Es meldete sich nur der Anrufbeantworter, um die Information zu vermitteln, daß erst ab 7.30 Uhr das Büro besetzt sei. Danach versuchte ich es bei der Internationalen Touristenpolizei, deren Nummer sich am Apparat befand. Ein verschlafen klingender Diensthabender hörte mir desinteressiert zu und empfahl mir dann, mich an die am Flughafen befindlichen Beamten zu wenden. Wieder nichts! Anscheinend konnte man auf die Freunde und Helfer in der Tat nicht zählen!
Also blieb mir nichts übrig, als abzuwarten, bis die Abfertigungsschalter ihren Dienst aufnahmen. Alle Blicke waren jetzt auf mich gerichtet, - die der Frauen verwundert, - die der Männer eher abweisend. Für mich entstand der Eindruck, daß sich alle Menschen, mit denen ich in Berührung gekommen war, -in zwei Gruppen gespalten hatten, - Pro und Kontra. Die einen glaubten den Text, der von Wolfgang stammte, die anderen den, welchen der Computer produzierte. Es schien sich jetzt zu einen Zweikampf dieser beiden zu entwickeln. Meine Spiegel reagierten entsprechend und wechselten permanent. Ich mußte versuchen, die Sympathie der Leute zu gewinnen.
Endlich dämmerte es. Immer mehr Passagiere frequentierten die Abfertigungshalle. Ein Imbissstand klappte seine Tür hoch. Ich ging davon aus, daß das gesamte Personal wußte, wer ich war. Um zu prüfen, wie man mich einschätzte, lief ich hinüber zu dem Mann am Würstchenstand, zeigte auch ihm meinen Pass und gab ihm einen Kurzbericht meiner Erlebnisse. Auf meine Frage, ob er mir Glauben schenkte, winkte er ab und verneinte. Enttäuscht steckte ich meine Papiere ein und kaufte ein Mineralwasser.
Ich hatte das Gefühl, als ob die Situation sich zugespitzt hatte. Mit den Fingerspitzen tastete ich nach meinem Messer, das ich am Gürtel gebunden in der Hose trug, - griffbereit, aber nicht sichtbar. Sollte es meinen Widersachern tatsächlich gelingen, Stimmung gegen mich zu machen, würde ich mich wehren müssen. Die beiden schienen wieder an Zuversicht gewonnen zu haben, je mehr mir die Nerven flatterten. Ich wollte nur noch warten, bis die Lufthansa ihren Schalter öffnete.
Gerade, als ich mich wieder hinsetzte, sah ich einen Mann, dessen Uniform sich von den anderen deutlich unterschied. Noch einmal wollte ich es versuchen. „Are you policeman?" Er nickte freundlich. Ich fuhr fort und erklärte ihm, daß Polizisten doch Menschen in Not helfen würden und man mir bisher diese Unterstützung verweigert hätte. Daß man mir eine Droge verabreicht hätte und es mir deshalb sehr schlecht ginge und ich so schnell wie möglich nach München fliegen wollte. Dann fragte ich, ob er mir dabei behilflich sein könnte, die Sache mit meinem Ticket zu regeln. Endlich schien ich auf Glauben und Hilfe gestoßen zu sein!
Der Beamte versprach, sich für mich einzusetzen und legte mir behutsam die Hand auf den Arm. Dann gab er mir ein Zeichen, ihm zu folgen und wir gingen quer durch die Halle zu einem Schalter, an dem mehrere Leute warteten. Die Hostess schien schon tätig zu sein und blätterte in ihren Listen. Der Polizist redete ein paar Worte mir ihr und wandte sich dann an mich. ,,We have to wait till 6.00 o'clock. Then it will be opened." Also hatten sich einige Beschäftigte gegen mich verschworen! Ich hatte doch mitbekommen, daß die junge Frau schon Fluggäste abgefertigt hatte! Erneut bat ich den Beamten, mir eben um 6.00 Uhr zu helfen, wenn der Check-ln begann. Da er dann Dienstschluss hätte, würde er seinen Kollegen anweisen, mir zur Seite zu stehen, versicherte er mir treuherzig. Das gab mir neuen Auftrieb.
Wolfgang knurrte: „Verdammt, der Bulle hilft ihm!" Bernd: ,,Komm, gib es endlich auf! Es hat wirklich keinen Zweck mehr!" Wolfgang entgegnete bockig: ,,Nein! Etwas Zeit haben wir noch!"
Wieder nahm ich Platz. Ein wenig wohler war mir zumute, da ich mich in der Obhut des Polizisten geborgen fühlte. Aber es war gut, ihm nichts vom Killertrip erzählt zu haben. Meine Spiegel schien er nicht registriert zu haben, oder er hatte sich nicht daran gestört. Vielleicht aber waren sie doch nicht vorhanden.
Meine Anspannung war groß. Ich stand wieder auf, um mir die Beine zu vertreten. Wenn doch nur die Zeit schneller verrinnen würde! Da kam eine Nachricht über die Hallenansage: Eine Frauenstimme erzählte auf Englisch, daß der Computer, um mich zu schützen, den Fernschreiber des Flughafens ausfindig gemacht und angewählt hatte. Danach folgte ein Bericht über meine bisherige Tour und die Information, daß ich bereits zwei der Killer getötet hatte, die anderen jedoch noch am Leben waren und durch Manipulation meiner Spiegel versuchten, die im Flughafengelände befindlichen Griechen auf mich zu hetzen. Das Ziel sei, mich auf diese Weise töten zu lassen. Dann wies sie noch darauf hin, daß ich mit einem Messer bewaffnet sei und mich gegen jeden Angriff zur Wehr setzen würde.
Kaum hatte ich mich über die Fehlbehauptung gewundert, daß ich für den Tod von Gert und Rudolf verantwortlich sein sollte, da ertönte der Lautsprecher erneut: Der Computer habe sich korrigiert und nicht ich, sondern die beiden selbst hätten sich das Leben genommen.
Wolfgang meldete sich aufgeregt: „Der Computer muß im Flughafen sein und macht Propaganda für Rolf! Aber wo ist das System genau? Es stinkt mir, daß wir ihn nicht umgehen können!" Bernd entgegnete: „Der Standort wird geheim gehalten, keiner weiß es genau."
Ich war überrascht, daß sich die Situation so plötzlich und eindeutig zu meinen Gunsten verändert hatte. Wenn ich das Elektronengehirn auf meiner Seite hatte, mußte ich es schaffen, endgültig hier herauszukommen. Ich lief zurück in die Halle. Als ich an den Toiletten vorbeikam, dachte ich, daß es mir sicher nicht schaden konnte, mich frisch zumachen und zu rasieren. Ich betrat den Raum, aber Misstrauen beschlich mich, als ich die beiden Männer erblickte, die sich gerade den Bart schabten. Der eine stieß den anderen an, wandte sich zu mir und sagte: „This is the Malaga. Cut his throat!" Ich packte mein Messer, ohne es herauszuziehen und blieb in Angriffsstellung. Doch der andere Mann beschwichtigte: „The Computer says, he is the right one, because he has the knife." Hastig verließ ich die Waschräume.
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