Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder aufgerappelt hatte, l Vor meinen Augen blieb das Bild des auslaufenden Schiffes kleben, - ein Film, den ich am liebsten zurückgespult hätte. Ich gab Gas und fuhr schnell zu meinem Ausgangsplatz zurück. An der gewohnten Stelle hielt ich, parkte, stieg aus, um Ordnung in meine Gedanken zu bekommen. Ich mußte in Erfahrung bringen, ob es eine alternative Fähre gab und wenn, wohin diese fuhr.
Sollte Gert mir aufgelauert haben, dann würde er wahrscheinlich bemerkt haben, daß ich nicht auf der Fähre war. Also war damit zu rechnen, daß er die Suche nach mir wieder aufnehmen würde, wissend, daß ich heute keine Chance mehr hatte, von der Insel zu kommen. Meine Nerven waren angespannt wie ein Flitzebogen.
Entschlossen versperrte ich die Wagentür, streckte meine Schultern und ging zielstrebig zum Anlegesteg. Die Tennisschuhe, die ich praktischerweise trug, dämpften meine Schritte. Zu meiner Erleichterung hatte eines der ansässigen Reisebüros noch offen und konnte mir die nötigen Informationen verschaffen. Tatsächlich gab es eine Fähre, die um 2.00 Uhr morgens nach Piräus abgehen würde. Allerdings konnte der Mann nicht sagen, ob es noch Platz für ein Auto gab. Dies konnte ich erst kurz vor der Einschiffung erfahren. Da sollte ich noch einmal nachfragen. Der Agent, den man fast für einen Seemann halten konnte, warf einen Blick auf mein zerknittertes Ticket und wollte wissen, warum ich denn die gebuchte Passage um 23.00 Uhr nicht genommen hatte. Ich faselte etwas von einem Unfall, da ich ihm über den wirklichen Sachverhalt schlecht etwas sagen konnte. Mit einem kurzen Nicken verließ ich das Office und ging erleichtert auf die Straße. Die Touristenströme waren inzwischen wesentlich dünner geworden, und ich suchte Deckung nahe bei einer Gruppe.
Diesmal mußte ich es schaffen. Bis zur Abfahrt verblieben mir zweieinhalb Stunden, die ich an einem sicheren Ort verbringen wollte. Ein Blick zum Anlegesteg ließ mich meine Überlegungen vergessen. Unmittelbar vor dem noch geschlossenen Tor zum Steg war eine Lücke zwischen den wartenden Autos. Meine Chance! Ein Geschenk des Himmels! Nichts wie hin zu meinem Wagen, mit Tempo dazwischen gestellt, bevor ein anderer auf dieselbe Idee kam und mir den Platz wegschnappte. Ich rannte die Straße hinunter, schlug dabei immer wieder einen Bogen um kleinere Touristengruppen und war gleich da. Abrupt wurde meine Euphorie gebremst. Der Mann, der vor mir ging, war Gert! Mein Herz trommelte. Mit einem Satz sprang ich hinter einen geparkten Kleinlaster. Vorsichtig lugte ich hervor. Das mußte Gert sein, - schwarze Jeans, grünes Hemd mit Aufschrift, - die gleiche Statur, Größe, derselbe Gang! Den Kopf allerdings konnte ich bei der schwachen Straßenbeleuchtung nur undeutlich erkennen. Außerdem sah ich ihn nur von hinten. Ich bemühte mich, meine Angst zu unterdrücken und mich unter Kontrolle zu halten. ,,Du blöder Hund, du gemeingefährlicher, - du fühlst dich wohl ziemlich sicher," dachte ich, und eine grimmige Wut erfaßte mich.
Gert schien nicht zu bemerken, daß er beobachtet wurde. Ich war im Vorteil! Jetzt war ich der Jäger! Vielleicht konnte ich ihm in einer passenden Ecke auflauern und mich aus dem Hinter- halt auf ihn stürzen. Allerdings mußte es schnell gehen. Bevor er dazu kam, seine Pistole zu entsichern und sie auf mich zu richten, mußte ich ihm an die Kehle gehen. Im Augenblick faszinierte mich der Gedanke, so zu agieren. Andererseits erschrak ich über die Vehemenz meiner Aggressionen. Normalerweise war ich ein friedlicher Typ und nur ein einziges Mal in eine Schlägerei verwickelt worden, und das auch nur, um einem Kollegen zu helfen, der angepöbelt wurde. Wie dem auch sei, - ganz unbemerkt konnte das nicht vonstatten gehen. Passanten konnten aufmerksam werden, und ich müßte sofort das Weite suchen, bevor man mich hier einbuchtete. Wenn ich wirklich mit dem Messer angreifen wollte, mußte ich mich vergewissern, auch den Richtigen zu treffen. Also mußte ich prüfen, ob es sich tatsächlich um Gert handelte. Ich wollte mich näher anschleichen.
Aus der Deckung heraus konnte ich mein am Straßenrand geparktes Auto sehen und die Gestalt, die direkt darauf zuging. Wenn er das war, würde er meinen Wagen erkennen und irgendwie darauf reagieren. Das tat er! Als er den Golf mit dem deutschen Kennzeichen bemerkte, wandte er den Kopf nach rechts und musterte es eindringlich. Allerdings ging er daran vorbei, ohne stehen zubleiben.
,,OK, das Gefährt hat er entdeckt," dachte ich ,,aber es ist noch nicht zu spät. Ich habe noch einige Trümpfe im Ärmel." Sobald Gert außer Sicht war, lief ich hin, riss die Tür auf, sprang hinein und fuhr los. Ich düste so schnell wie möglich zum Kai. Zum Glück war die Lücke noch da. Sie schien auf mich gewartet zu haben, und ich parkte schnell ein. Mit einem Ruck stieg ich aus und nahm Deckung hinter einem anderen Vehikel. Von der rechten Seite aus war eine Annäherung, ohne gesehen zu werden, nicht möglich. Dort befand sich eine alte Mühle, direkt auf dem hell erleuchteten Platz. Linkerhand, wo eine ganze Reihe von Fahrzeugen abgestellt war, blieb es ziemlich dunkel. Von dieser Richtung aus konnte man sich unbemerkt ziemlich nahe heranbewegen. Meine Ausgangslage war bestens, und ich konnte wieder beruhigt aufatmen.
Wenn ich es schaffte, den Wagen mit an Bord zu bringen, hatte ich schon halb gewonnen. Sollten die PKW-Plätze ausgebucht sein, was dann? Darüber wollte ich im Augenblick nicht nachdenken. Die Anspannung hatte etwas nachgelassen, und ich verspürte großen Durst. Ich mußte diesen Wahnwitz herunterspülen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte noch eine Kneipe geöffnet. Ein paar Stimmfetzen drangen zu mir herüber. Junge Leute hockten, an ihre Rucksäcke gelehnt, am Boden, rauchten Zigaretten und tranken aus Dosen. Ich ging quer über den Platz auf das Lokal zu.
Gert war wohl noch nicht in der Nähe, und selbst wenn, konnte er nicht schießen. Dazu war alles zu gut beleuchtet. Eine Menge Leute warteten auf die Fähre, teils sich die Füße vertretend, teils in den Fahrzeugen. Für einen gezielten Schuss aus der Dunkelheit war die Distanz zu groß. Ich war sicher.
Beim Barkeeper orderte ich ein großes Bier und trank es in einem Zug aus. Ich wischte mir den Schaum vom Mund. Dann wandte ich mich um, konnte aber nichts bemerken. Ich kaufte einen Apfel, rubbelte die Schale an meinem Shirt glänzend und biss hinein. Gemächlich schlurfte ich zur Autoschlange und verbarg mich irgendwo in der Mitte, mit Blick auf die dunkle linke Seite.
Ich erwog, mich anderen Deutschen anzuvertrauen, um während der Fahrt Verbündete zu haben, die mich schützen konnten. Aber ich verwarf diesen Plan wieder. Irgendetwas hielt mich ab davon. Wahrscheinlich der Gedanke, daß mich jeder vernunftbegabte Mensch als verrückt abqualifizieren würde.
Ich wartete. Die Zeit verstrich schleppend. Noch nie hatte ich ein derart ausgeprägtes Bedürfnis entwickelt, wieder nachhause in mein verregnetes Deutschland zu kommen. Es strengte mich an, immer auf der Hut zu sein, und diese Drohung von Gewalt passte nicht zu meiner Mentalität.
Jetzt fiel mir eine Gestalt auf, die an einen Pfahl angelehnt stand. Der Umriß einer Person, die in meine Richtung sah. Wieder konnte ich nicht genau erkennen, wer es war. Es konnte Gert sein, aber ich war mir nicht sicher. - Ich mußte näher heran! Langsam ging ich zwischen den Fahrzeugen auf den Mann zu. Deckung gab es genug, denn die meisten Fahrer hatten sich neben die Wagen gestellt, stützten sich an die Türen und rauchten. Die anvisierte Person schien jetzt registriert zu haben, daß ich herankam. Plötzlich bewegte sie sich in Richtung der Straße und wurde durch ein Wohnmobil verdeckt. Ich nahm die Verfolgung auf und beschleunigte meinen Schritt. In der Rolle des Verfolgers fühlte ich mich allemal wohler als in der Rolle des Opfers. So hatte ich das Spiel in der Hand, vorausgesetzt, mich hatte nicht schon eine dritte Person im Visier, von der ich nichts wußte.
Die Gasse war leer. Daneben lag ein kleiner, relativ gepflegter Park, mit einer großen Rasenfläche und einigen Palmen bepflanzt. Kein Mensch zu sehen. Eine Grille zirpte. „Gert - du bist mir entwischt. Hast diesmal Glück gehabt aber nur diesmal!" murmelte ich und blieb hinter dem Camper stehen. Ich steckte mir eine Zigarette an und atmete nervös den Qualm ein. Da hörte ich Stimmen, die mir bekannt vorkamen. Sie waren es! Wolfgangs Stimme klang laut und schrill, als er sagte: ,,Schaut mal, wo er steht!" Gert meinte: ,,So komme ich nicht mehr an ihn heran." Wolfgang hatte richtig begriffen: ,,Er ist ausgestiegen, damit du ihn nicht im Auto erwischen kannst" Dann meinte Gert auch noch anerkennend: „Er ist gut, und Mut hat er auch.
Er muß mich zuerst gesehen haben und kam hinter mir her." „Meinst du, daß er durchkommt?" „Ich glaube, er schafft es."
Ich hatte abwechselnd Wolfgangs und Gerts Stimme vernommen. Dann hörte ich Bernd sagen: „Wenn er gut ist, kommt er durch" Dann wieder Wolfgang: „Laß ihn heute fahren, weil er so gut war! Aber morgen sollten wir ihn in Patras fertig machen, damit er uns in Deutschland keine Probleme bereitet." Gert schlug dann vor, auch die Fähre zu nehmen und mich dann an Bord fertig zu machen. Sie erwogen auch, Rudolf anrufen, damit er nach Athen fliegt und mich in Piräus abfängt. Bernd meinte daraufhin, daß er mich netterweise noch ein halbes Jahr leben lassen wolle, falls ich es bis nach Deutschland schaffte, und wie die anderen darüber dachten. „Nein", hörte ich Gert sagen, „wenn er Deutschland erreicht, darf ich ihn nicht mehr töten." Dann fragte ihn Bernd noch lachend, was er denn für ein lausiger Killer sei.
Gebannt hatte ich dieses Gespräch verfolgt und wollte nicht glauben, was sich da abspielte. Diese Sache entbehrte jeglicher Logik und geschah doch. Nun wollten diese Kerle auch noch mit an Bord gehen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ebenso wenig, daß jetzt Rudolf anreiste und auch noch mitmischte. Ausgerechnet der! Ein Klassenkamerad, der älteste in der ganzen Clique, immer gut gelaunt und clever. Ein aufgewecktes Kerlchen, von Beruf Computerfachmann, dem es gelungen war, für seine Firma ein paar spezielle Programme zu entwickeln. Er schaffte es sogar, Sicherheitscodes zu knacken und so Einblick in die Daten anderer Systeme zu nehmen. Just for fun! Rudolf der Hacker. Um dieses Talent habe ich ihn immer beneidet, da ich solche technischen Finessen nicht beherrschte und mich dafür auch nicht geeignet fühlte.
Ich bekam wieder Angst. Die Sätze durchkreisten mein Gehirn. Wo steckten nur diese Misttypen? Vorsichtig kroch ich aus meinem Versteck und blickte mich um. Es war nichts zu sehen, aber was hieß das schon. Lediglich ein ganzes Stück weiter unter einem Torbogen am Rande des Platzes stand jemand, der mich möglicherweise beobachtete. Ich wollte es genau wissen. Alle Vorsicht außer Acht lassend, ging ich direkt auf die Gestalt zu, durch den geschwungenen Eingang durch und landete in einer vollbesetzten Pizzeria. Keine Spur von dem Gesindel - keine bekannten Gesichter. Einen Moment lang blieb ich verstört stehen, dann wandte ich mich um und ging zurück zum Anlegesteg. Ich erinnerte mich, irgendwann gehört oder gelesen zu haben, daß man unter dem Einfluß von Drogen erhöhte Sinneswahrnehmungen hatte und auch über eine größere Entfernung hin Worte empfangen konnte. Vielleicht war das tatsächlich so, und ich hatte das eben testen können. Allerdings konnte das Zeug ja nicht ewig wirken, und das irritierte mich. Es war aber möglich, daß die drei in der Nähe des Torbogens standen und sich in meiner Sache berieten. Wie auch immer. Ich mußte mich einschiffen lassen und höllisch aufpassen.
Angespannt - wie immer in letzter Zeit - wartete ich, bis die Fähre eingelaufen war. Ich nahm mir vor, nicht durchzudrehen und in Ruhe zu warten, bis der geeignete Moment kam, so weit wie möglich an das Schiff heranzufahren. Nun stieg wieder Angst in mir hoch und diesmal so stark, daß mir die Nackenhaare senkrecht standen. Sie kroch durch meinen Körper von unten nach oben und umklammerte meinen Hals. Ich konnte kaum atmen, versuchte klar zu denken, aber es gelang mir nicht. Es dauerte schier endlos, bis die Ausschiffung der ankommenden Fahrzeuge über die Bühne gegangen war. Erst als ein LKW die Auffahrt heraufkam, löste sich meine Erregung. Wie geplant, gelang es mir, auf dem Anlegesteg gut nach vorne zu kommen. Ein Kontrolleur überprüfte die Tickets, bevor er die PKW durchwinkte. „Wenn er mir sagt, daß mein Ticket verfallen ist dann ist alles aus!"
Ich war an der Reihe, und der Mann warf einen kurzen Blick auf mein Billet. Dann rief er den Leuten vom Bootspersonal etwas auf Griechisch zu. Er wandte sich wieder mir zu und bedeutete mir mit hastigen Armbewegungen und großem Palaver, mein Auto nach rechts zu steuern und dort abzustellen.
Ich wurde immer nervöser. Meine Hände klebten und auf meiner Stirn perlten Schweißtropfen. „Lieber Gott, lass mich bitte nicht hier hängen!" Um alles in der Welt wollte ich nicht übrig bleiben. Mein Atem ging stoßweise. Ich weiß nicht mehr, was ich alles fühlte. Ich starrte wie das Karnickel auf die Schlange, als ich der Einschiffung zusah, hilflos und abhängig.
Als ich zum Mitteldeck hochsah, bemerkte ich dort eine einzelne Person, die auf Beobachtungsposten zu sein schien. War es Gert? Also doch! Erfuhr mit, war mir auf den Fersen, ließ nicht locker. Die Angst begann mich wieder zu lahmen. Ich schmeckte Blut auf den Lippen. Muß mich wohl gebissen haben. Mein Nervenkostüm flatterte. Sollte ich umkehren? Noch hatte ich Gelegenheit dazu, noch war ich nicht an Bord. Allerdings würde mich das nicht retten, sondern die kommende Konfrontation nur verzögern.
Die Schreie und das wilde Gestikulieren des Kontrolleurs rissen mich aus den Gedanken. Ich konnte auf die Fähre. Nach den Kommandos der Einweiser rangierte ich den Wagen auf das Schiff und stellte ihn ab, wohin sie mich dirigiert hatten. Ich wußte nicht, ob ich aufatmen sollte. Auch meine eigenen Gedanken verursachten mir Wechselbäder. Um nach oben zu gelangen, mußte ich die schmale Treppe vom Autodeck nehmen. Aber was tun, wenn mein Verfolger dort lauerte - mit gezückter Pistole und eiskalt? Er brauchte nach vollbrachter Tat nur ganz unauffällig das Schiff zu verlassen und niemand konnte ihn zur Verantwortung ziehen. Das perfekte Verbrechen!
Ich spielte mit dem Gedanken, mich zu verbarrikadieren, vielleicht in einem anderen Fahrzeug, das versehentlich nicht abgeschlossen war. Es war kühl und ich zitterte. Ich verwarf den Gedanken wieder. Hier hätte Gert ein leichtes Spiel. Wenn er nur sorgfältig genug nach mir suchte, würde er mich irgendwann auf dieser Ebene finden und auslöschen. Während der Fahrt hielt sich hier unten niemand auf, und somit gab es keinen Zeugen.
Nein, die besten Aussichten hatte ich immer noch, wenn ich mich unter die Fahrgäste mischte und darauf achtete, nicht separat herumzustehen. Gert würde es nicht wagen, so direkt vor den Augen anderer Menschen, so cool war auch er nicht. Ich wühlte in meinem Gepäck, sortierte das Wichtigste aus und packte es in einen Beutel. Das Messer steckte ich dazu und griff nach meinem Schlafsack. Den nächsten Mitreisenden, die den Weg nach oben nahmen, wollte ich auf dem Fuß folgen. Eine Weile geschah überhaupt nichts. Das Parkdeck war jetzt vollbesetzt und alles unter Dach und Fach. Die Einschiffung war beendet, und die Fähre mußte in Kürze ablegen.
Endlich kamen drei Passagiere an mir vorbei und gingen die Treppe hoch. Erleichtert stieg ich hinterher und gelangte so unbehelligt an Deck. Von Gert war nichts zu sehen. Ich suchte den Raum mit den Pullmansitzen und hielt nach einem Platz in der Mitte Ausschau. Außer schlafenden Travellern konnte ich nichts entdecken. Alles schien friedlich. Zuerst wollte ich mich etwas ausruhen, denn das war dringend nötig. Später konnte ich die Decks systematisch durchkämmen.
Das sanfte Rollen machte mich schläfrig, und mein Bewußtsein rutschte langsam weg. Ich träumte von Wogen, die über mir zusammenschlugen, von einsamen endlosen Gassen, die im Zick-zack-Kurs verliefen und nirgendwohin führten, von Menschen, die mich mit leerem Blick anstarrten und stumm den Kopf schüttelten. Ich wollte schreien und brachte doch keinen Ton heraus. Ich träumte von Gert, der über mir hämisch grinste und sich an seinem schwarzen Schnurrbart zupfte. Seine stechenden Augen verfolgten mich. Ich war so schwer geworden und konnte mich kaum noch bewegen. Gelächter dröhnte in meinen Ohren, als säße ich in einem großen leeren Haus, - alles grau und oliv Farben, dann kalkweiß. Das Meer rauschte in meinem Schädel. Dann blitzte ein Messer und wurde so lang wie ein Schwert, bis es zerbrach und in tausend Stücke fiel.
Ich wachte auf, rieb mir die Augen und erinnerte mich wieder, wo ich war. Das Schiff schwankte ein wenig, und das Rumpeln der schweren Maschinen dröhnte bis hier herauf. Ich sah nach der Zeit. 3.30 Uhr! Mein Schlaf war nur kurz gewesen. Ich verließ leise den Raum und schlurfte zur Reling. Was sollte ich tun, wenn ich Gert fand? Ihn in ein Gespräch verwickeln, weshalb er mich umbringen wollte? Sollte ich zum Kapitän gehen und um Hilfe bitten, so daß der mich dann sicher für einen Irren hielt?
Von den Strapazen geschwächt, wankte ich benommen das Deck entlang. Kaum jemand war wach. Teils hatten sich die Reisenden auf den Bänken, teils auf dem Boden in ihre Schlafsäcke eingerollt. Einige schnarchten. Ich studierte mehrere Gesichter. Viele waren nicht zu erkennen, da sie sich eine Decke über den Kopf gezogen hatten. Das ärgerte mich, aber ich wagte nicht, den Stoff zu lüften, um genauer hinzusehen.
Als ich mir etwa die Hälfte aller Passagiere angesehen hatte, hörte ich Bernds Stimme: „Da ist er ja! Hat er das Messer dabei?" Ich drehte mich um und entdeckte ihn, wie er neben Wolfgang im Schlafsack lag und den Arm auf dem Boden aufstützte. Bernd hatte sich abgewandt und zischte Wolfgang zu: „Schau nicht hin!" Wolfgang antwortete daraufhin: „Warum nicht? Rolf kann ja gar nichts machen. Wir sind auf einer anderen Ebene!" Er lachte leise. Irritiert ging ich weiter und glaubte zu halluzinieren. Wieso waren die beiden an Bord und Gert nicht? Die Sache war doch ganz anders abgesprochen. Und was sollte das Gequatsche von einer anderen Ebene? Ich hatte sie doch ganz deutlich gesehen und gehört. Oder spielten mir hier meine Nerven einen bösen Streich? War ich so verrückt vor Angst, daß ich die Gesichtszüge in andere Menschen hineininterpretierte? Verunsichert ging ich auf meinen Platz zurück. Alles schlief. Die Luft war stickig und heiß. Obwohl ich todmüde war, versuchte ich wach zu bleiben. Ich rollte meinen Schlafsack auf dem Boden zwischen den Sitzen aus und legte mich hinein. Sofort muß ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Die Nacht war unruhig. Wirre Träume suchten mich heim und unterbrachen meinen Tiefschlaf.
Am frühen Morgen, die Sonne ging gerade auf und die Dämmerung zauberte eine wunderschöne Färbung an den Horizont, hörte ich ganz deutlich, wie sich ein paar Sitzreihen weiter Bernd und Wolfgang in gemütlichem Plauderton unterhielten. „Wir warten, bis er wach ist, und dann besprechen wir mit ihm die ganze Sache!" Sollte das heißen, daß sie sich einen üblen Scherz mit mir erlaubt hatten? Ich wußte nicht, ob ich erleichtert oder wütend sein sollte. Meine Gefühlslage schwankte ebenso wie die Fähre. Noch war ich bereit aufzustehen. Ich wollte mich sammeln. Das war eine neue Situation! Langsam schlummerte ich wieder ein. Als ich wieder aufwachte, fühlte ich mich wohl, - ja fast heiter. Ich richtete mich auf, streckte meine Glieder und hielt Ausschau nach den anderen, konnte sie aber nicht entdecken. Die meisten Mitreisenden schliefen noch. Die beiden wohl auch.
Um sie auf mich aufmerksam zu machen, folgte ich meinem Impuls und rief in ihre Richtung: „Hey, ihr Killer!" Keine Reaktion. Niemand antwortete. Ein paar der vor sich hin dösenden Leute schauten ungehalten. Die beiden waren an Deck gegangen. Vielleicht saßen sie beim Frühstück. Ich packte meine sieben Sachen zusammen und trollte mich. Es war etwa sechs Uhr. Die meisten Passagiere befanden sich bereits an Oberdeck. Die Ankunft in Piräus sollte in einer Stunde stattfinden. Auf der Backbord- wie auch auf der Steuerbordseite konnte man schon sehr deutlich das Festland sehen. Ich setzte mich auf eine Bank, genoss die frische Brise und die wechselnde Aussicht. Mein Kopf war frei. Ich fühlte mich erholt. Im Moment hatte ich auch keine Lust, die beiden Kerle zu suchen, um mich mit ihnen über den ganzen Mist zu unterhalten. Doch je näher der Zeitpunkt des Anlegens rückte, desto mehr verschlechterte sich meine Stimmung.
Diese seltsame Spannung im Schädel stellte sich wieder ein. Ich brauchte Bewegung und lief das ganze Schiff auf und ab. Nirgends fand ich die beiden. Sollte ich mich getäuscht haben? Da hörte ich wieder ihre Stimmen: ,,Er sucht uns, weil er glaubt, wir wären auf der Fähre!" ,,Er scheint noch immer nicht begriffen zu haben, daß dies kein Spaß ist!" „Vielleicht sollten wir ihm ein bißchen helfen? Wir haben ihn schließlich einfach losgeschickt, und er weiß von nichts. Er hat noch nicht einmal eine Ahnung, daß es um sein Leben geht."
Einen Moment schwiegen sie. Es waren die Stimmen von Bernd und Wolfgang. Dann ging es weiter: „Rudolf dürfte noch nicht in Piräus sein. Rolf wird bestimmt zur Fähre nach Patras aufbrechen, weil er seine Karre nicht stehen läßt." „Glaubst du? Ich könnte mir vorstellen, daß er nach von Athen fährt und dann mit einem Flugzeug aus Griechenland abrauscht. Er hat nur vier Tage Zeit." „Rudolf wird wohl erwarten, daß Rolf nach Patras fährt. Er kann ihn nicht leiden. Er will ihn haben. Kürzlich sagte er mir, er hätte nichts dagegen, wenn Rolf über Bord geht und dabei ersäuft!"
Mir stockte der Atmen. Ging dieser Horror schon wieder weiter, gerade jetzt, wo ich schon so weit war zu glauben, es handle sich um einen üblen Spaß? „Entweder er ersäuft, oder Rudolf schneidet ihm die Kehle durch". Sein Ton war hämisch. Jetzt hörte ich wieder die Stimme von Wolfgang: „Glaubst du, Rudolf kommt rechtzeitig in Piräus an?" ,,Keine Ahnung. Wenn sein Flug nach Athen nicht geklappt hat, ist er eventuell nach Thessaloniki geflogen. Von dort aus kommt er schnell mit einem Mietwagen nach Patras." „Wann geht dort die Fähre?" „Heute Nacht um 24.00 Uhr. Das schafft er." „Warte mal! Rolf hat jetzt gemerkt, daß es um sein Leben geht. Er hat das Spiel begriffen. Was sagt der Computer?" „Schlechte Werte." „Meinst du, wir kriegen das wieder hin? Wir können ihn höchstens noch viermal einschalten."
Dieser Dialog zwischen Wolfgang und Bernd betäubte mich. Der Zustand in meinem Gehirn wurde unerträglich. Wenn das nicht aufhörte, würde ich ohnmächtig werden, daß spürte ich.
„Zeig ihm die Karte!" Schon wieder die Stimme von Bernd! Jetzt ging ich vom Außen- zum innendeck und entdeckte sofort eine große Wandkarte von Griechenland. Mir war klar, daß ich den nächst besten Weg finden mußte, Griechenland zu verlassen. Je eher, desto besser. Irgendwo würde ich auf Rudolf treffen und dann kam es zum Kampf, das stand außer Frage. Ich hörte auch zum ersten Mal, daß Rudolf mich nicht ausstehen konnte. Ich dachte im Gegenteil er sei mein bester Freund! Ich wußte nicht, wie ich das alles einordnen sollte, woher dieser Umschwung kam. Diese Ohnmacht lähmte mich, machte mich fast verrückt. Mir blieb nur der Gedanke an Flucht.
Eineinhalb Tage Aufenthalt auf der Fähre ab Patras! Eine entsetzliche Vorstellung. Da war es besser, das Schiff von Igou-menitsa zu nehmen und eine kürzere Überfahrt zu haben. Während ich überlegte, verschlimmerte sich mein Zustand derart, daß ich zum Schluß überhaupt nicht mehr fähig war, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Auch die anderen schienen das bemerkt zu haben, denn Bernd sagte jetzt, daß der andere mal schauen sollte, was der Computer anzeige und ob man ihn nicht abschalten solle. Es hätte ja doch keinen Zweck mehr.
Irgendwie schien ich mit ihnen telepathisch in Verbindung zu stehen, soviel hatte ich mittlerweile kapiert. Allerdings hatte ich nicht den geringsten Schimmer, wie das funktioniert. Auf welche Weise konnten sie mich überhaupt über diesen Computer überwachen? Was bedeutete das Wort: „Abschalten"? Bedeutete das am Ende meinen Tod?
Unter Aufbringung aller Willenskräfte, die mir noch zur Verfügung standen, versuchte ich, mich zu konzentrieren, um eine Strategie für mein Überleben zu entwickeln. Sie schienen noch damit beschäftigt, meine Computerwerte zu analysieren. Ich hörte Bernd sagen: ,,Schau dir mal seine Hirnströme an! Das sieht nicht gut aus. Meinst du nicht, daß er zu alt ist für solche Spielchen?" „Da! Er ist bereit, auf sein Auto zu verzichten. Er hat einen guten Plan!" Das war Wolfgangs Stimme.
Nun hatte ich mein Konzept! So wie es aussah, rechneten alle fest damit, daß ich mich auf den Weg nach Patras machte. Also würde ich das nicht tun. Ich beschloss, eine andere Route zu nehmen, und zwar von Piräus über Thebai und Lania nach Larissa und von dort nach Thessaloniki. Auf der letztgenannten Strecke würde ich Rast machen und mich irgendwo in der Provinz verstecken. Danach würde ich in Thessaloniki den Wagen stehen lassen und per Flugzeug nach Deutschland reisen. Das Auto konnte ich später holen lassen. Jetzt ging es darum, meine Haut zu retten, die mir lieb und teuer war.
Rudolf würde vergeblich in Patras nach mir suchen. Auf die Art konnte ich ihn austricksen. Selbst wenn ich nicht die Maschine ab Thessaloniki nähme, könnte ich versuchen, auf dem Landweg über Jugoslawien Deutschland zu erreichen. Möglicherweise würde Rudolf auch zwei Tage in Patras warten, weil er annahm, ich müßte dort die Fähre besteigen. Einen Augenblick lang fühlte ich Euphorie. Ich war sehr zufrieden mit mir! Jetzt machte sich Bernd wieder bemerkbar. „Wenn er das Programm durchzieht, hat er gewonnen, auf die Idee kommt Rudolf nie!"
Das eben Gehörte bestätigte mich, und ich schöpfte wieder Hoffnung. Jetzt kam es nur noch darauf an, ob mein potentieller Mörder Piräus noch nicht erreicht hatte. Ich war erleichtert, daß ich nur noch einen Gegner hatte. Die übrigen schienen neutral zu sein und beobachteten die Chose nur auf dem Bildschirm. Ich konnte mich täuschen, aber ich hatte sogar den Eindruck, daß Bernd und Wolfgang ein wenig auf meiner Seite standen. Mich durchzuckte die Idee, die Städtenamen meiner Route zu notieren, - da hörte ich Wolfgang sagen: „Nichts aufschreiben!" Daraufhin ließ ich es bleiben. Mir wurde wieder bewußt, daß ich mich noch an Bord befand, als ich vernahm, wie hinter mir in der Nähe der Reling ein Junge auf Deutsch diesen Satz sagte, den ich schon einmal gehört hatte: „Der ist auf einer anderen Ebene!" Eine ältere Frau erwiderte, ebenfalls auf Deutsch: „Was sagst du? Der steht doch unter Drogen!"
Bevor ich mich zu den beiden umdrehen konnte, wurde ich durch die englischen Worte eines Besatzungsmitglieds abgelenkt, der, mit schwarzer Hose und weißem Hemd bekleidet, zwei Meter weiter stand. „Yes, he is on the Killertrip. If he's good, he comes. But if the Killer is in Piräus ..." Er vollführte mit der flachen Hand die Bewegung des Durchschneidens der Kehle. Ich wandte mich ab, tat so, als hätte ich nichts von dem mitbekommen, was sich eben ereignet hatte, und ging auf das Achterdeck. Mir war sehr wohl klar, daß ich in der Scheiße steckte, - feiner war das nicht zu beschreiben.
Angestrengt durchforstete ich die Gesichter der am Ufer Wartenden, aber Rudolf war nicht auszumachen. Jetzt schalteten sich die Mitspieler wieder ein: ,,Falls Rudolf schon da ist, wird er alles dransetzen, Rolf im Auto zu erschießen, ohne daß jemand etwas bemerkt" Bernd antwortete Wolfgang: ,,Rolf kann sich wehren und versuchen, Rudolf mit dem Wagen zu überfahren, wenn er sich ihm nähert. Dann ist das Spiel zu Ende!" Wolfgang konterte: „Das könnte schon sein, aber ich untersteile, daß Rolf nicht die Nerven dazu hat. Er ist in der Hinsicht gehemmt und wird es nicht wagen. Vor allem - und das ist der Knackpunkt an der Sache - er weiß ja nicht, daß sich alles auf einer anderen Ebene abspielt und ihm selbst nichts geschehen kann, wenn er Rudolf überfährt."
Mit dem eben registrierten Dialog konnte ich nun überhaupt nichts anzufangen. Langsam wurde mir das alles zu verwirrend. Ich wollte so gern eine Pause machen und nur noch glauben, was ich sehen und anfassen konnte. Genug des Gefasels von Ebenen und Erschießen und Abschalten. Es reichte!
Ich beschloß, mich nun um die nächstliegende Realität zu kümmern, und wartete so lange, bis die meisten Wagen die Fähre verlassen hatten. Dann machte ich mich auf zum Autodeck, das schon relativ leer war. Mein Golf stand allein in diesem Teil, nur im vorderen verblieben noch wenige andere Fahrzeuge. Der Rest ging zügig voran, und ich fuhr so schnell wie möglich von der Anlegestelle zur Hauptstraße, die nach Patras führte. In Piräus mußte ich mir dann eine Karte besorgen, denn in meinem Autoatlas war der Maßstab zu groß und es waren leider nur die Hauptstraßen eingezeichnet. Um meine ohnehin nicht berühmten Chancen zu verbessern, mußte ich genau informiert sein.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen