Was ging hier nur vor? Mein Kopf war krank vom vielen Hin-und-Herwälzen meiner Gedanken. In meiner Vorstellung leuchteten hologrammartige blau phosphoreszierende Buchstaben auf. Gab es am Ende einen Spiegel, der alle meine Gedanken und die jeweilig dazu passende Verfassung reflektierte? Blödsinn! Irrwitz! Ich besann mich jetzt wie immer auf die wichtigen, für das Überleben notwendigen Schritte. Theorien halfen nicht weiter. Ich brauchte Gewißheit! Womit und weshalb peinigten sie mich? Schon ging das Nachdenken wieder los. Sie hielten meine grauen Zellen permanent auf Trab.
Rudolf schien die Jagd beendet zu haben. Er konnte über den Computer all meine Schritte verfolgen und mich abfangen, egal wohin ich auch flüchtete. Ich hatte keine Chance, und das deprimierte mich. Ich konnte die Aufgabe nicht mit Sportsgeist lösen. Es gab kein Entrinnen!
Ich wollte einschlafen und zuhause in meinem Bett aufwachen, um einen ganz normalen, berechenbaren Arbeitstag an-zutreten. Ich sehnte mich nach meiner vertrauten Umgebung. Wolfgang schien meine Gedanken wie immer zu kennen: „Er grübelt darüber nach, was das alles soll. Wir haben ihn einfach losgeschickt, ohne daß er davon wußte. Vielleicht sollten wir ihn doch ein bißchen aufklären?" „Wenn wir ihm vorher gesagt hätten, worum es geht, dann wäre er wohl kaum eingestiegen. Oder glaubst du vielleicht irgend jemand macht so was freiwillig?" „Das ist schon klar. Aber wenn er vorbereitet gewesen wäre, hätte er sich anders verhalten können. Du mußt zugeben, daß wir nicht ganz unschuldig sind!"
Mir riss der Geduldsfaden. „Verdammte Scheiße, - sagt mir endlich was hier gespielt wird!" Rudolf war derjenige, der mir antwortete: „Du bist einer der Menschen, die auf den Killertrip gehen müssen, bevor sie vierzig sind. Kommen sie durch, dürfen sie sogar heiraten. Kommen sie nicht durch, sterben sie! Ich wurde wütend und schrie: ,,Wenn ich es nicht schaffe, dann sterbe ich?" „Jawohl, dann stirbst du." Rudolfs Stimme klang eiskalt.
Erst jetzt registrierte ich bewußt, daß ich mich mit den anderen unterhalten konnte. Bisher hatte ich nur ihre Stimmen gehört. War es doch Telepathie? Wolfgang verneinte: ,,Er glaubt, wir verständigen uns mittels Telepathie. Was für ein Unsinn! Es sind ganz normale Sender und Empfänger. Schalter ein, Schalter aus. So einfach ist das!" Fieberhaft überlegte ich, wo hier Geräte zum Abhören und Senden installiert sein konnten. Waren sie womöglich in meinen Körper eingepflanzt worden? Ich erlaubte mir zu fragen, wie die Sache mit dem Spiegel vor meinen Augen funktionierte. „Die erzeugt der Computer. Nach vier Tagen, wenn die Droge nachläßt, sind sie fast nicht mehr wahrnehmbar. Wir können auch mit unserem Computer den Spiegel verändern. Ganz wie es uns beliebt." Ich wollte wissen, wo sie sich aufhielten, und bekam zur Antwort: „Zur Zeit in Naoussa in einer Wohnung. Hier stehen die Sendeanlage und unser Computer." Auf meine Frage, ob sie immer wüßten, wo ich mich aufhielte, wurde ich dahingehend aufgeklärt, daß man dies mit einer Karte im Computer feststellen könne. Diese technischen Möglichkeiten interessierten mich derart brennend, daß ich darüber fast meine missliche Lage vergaß.
Wolfgangs Stimme blendete sich wieder ein: „Jetzt hält er es für möglich, daß er mit sich selbst spricht. Mensch, Rudolf, laß ihn! Er ist völlig ahnungslos!" „Nein. Ich will ihn!" Ich biss mir auf die Lippen und fragte, was er denn davon hätte mich umzubringen, und bekam zur Antwort: „Nichts. Aber es steht nun mal in den Statuten, daß die Gescheiterten sterben müssen. Du bist gescheitert, also stirbst du!" Widerstand bäumte sich auf: „Ich laß mich doch von dir nicht so einfach abmurksen. Ich werde mich wehren. Mit einem Messer!" Wolfgang war sichtlich überrascht: ,,Er will wirklich kämpfen. Wir sollten ihm Gelegenheit dazu geben." Rudolf meinte herablassend: „Gut, wenn er siegt, darf er leben, - aber er darf nie Kinder haben."
Ich war viel zu müde, um mich mit Erfolg auf einen Kampf einzulassen, aber ich wollte ein Ende. Egal wie es aussah! Rudolf glaubte bei mir ein leichtes Zögern festzustellen: „Was ist nun? Kämpfst du oder nicht?" Mir blieb wohl nichts anderes übrig. Wo sollte es stattfinden? Ich fragte danach. „Dort wo du jetzt stehst. Du fährst von der Straße ab und wartest am Rand auf mich. In ein paar Stunden bin ich da." „Was geschieht mit dem, de rauf der Strecke bleibt?" wollte ich wissen. „Der bleibt liegen. Nichts passiert! Alles spielt sich doch auf einer anderen Ebene ab" Wolfgang wurde ungeduldig: „Rede nicht so viel! Er hat doch gesagt, daß er den Kampf will. Ich glaube, daß er gut ist. Ich kenne ihn. Er bewegt sich wie eine Katze."
Für Rudolf zögerte ich zu lange. Er wollte ein klares Ja oder Nein. Ich wollte überhaupt nicht, daß irgendein Mensch starb, selbst wenn es diese drei Bastarde waren. Wahrscheinlich hatte ich mit der natürlichen Schranke zu kämpfen, die sich in jedem Menschen regt, der vor einem Mord steht und den man als halbwegs normal bezeichnen kann. Mord war nicht mein Geschäft und von Selbstmord, hielt ich auch nichts. Meine Gegner mochten diese Überlegungen nicht.
„Er ist zu feige! Wenn er zum Messer greift, erschieße ich ihn. Wenn er jammert, schneide ich ihm die Kehle durch." Ich hatte wohl verloren. „Rudolf gave him a chance. But he did not want to fight with him. He is a bloody coward and has to die", signalisierten meine Spiegel. Wie immer erschien der Text in englischer Sprache.
Um etwas zu tun, fuhr ich los. Ab von der Hauptstraße und hinein in eine kleine Ortschaft. Das Vernünftigste war wohl, meine Kräfte zu mobilisieren, indem ich aß und trank. Ich bemerkte, daß meine Spiegel immer wieder den gleichen Text wiederholten. Als ich vor dem Restaurant anhielt, stieg ich aus und betrat es. Auf meine Frage, ob die Küche offen hätte, sagte der Mann hinter dem Tresen: ,,No" und eine Frau, die neben mir stand: „Not for you!"
Ich war hilflos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein neues Hindernis. Die Leute starrten mich an, und ich glaubte ihre Ablehnung greifen zu können. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ ich den Raum. Niedergeschlagen setzte ich mich in meinen Wagen und startete ziellos. Mit diesen Spiegeln gezeichnet mußte ich überall auf Hindernisse stoßen. Niemand würde mich bedienen und mir eine Malzeit bringen. Das war dann wohl das Ende! Einen Versuch wollte ich noch unternehmen.
„Hört ihr mich?" „Ja, Rolf. Wir hören dich." „Wolfgang, bist du allein?" „Ja. Die anderen sind weggegangen und einer muß immer am Computer sein." „Wo ist Rudolf?" „Ich weiß es nicht." „Wolfgang. Du wolltest mir doch schon mal helfen?" „Ja. Es ist alles schlecht gelaufen für dich. Du kannst nichts dafür."
Ich hakte nach: „Warum will Rudolf mich nicht laufen lassen?" „Ich weiß nicht. Ich glaube, er hasst dich" „Kannst du dich nicht für mich einsetzen?" Überraschend schaltete sich jetzt Rudolf ein: „Du feiger Hund! Ich habe alles mitgehört. Stirb wenigstens anständig und jammere nicht so erbärmlich. Glaub ja nicht, daß ich nachgebe. Ich erwische dich, und dann geht's dir an den Kragen!" Letzterer platzte mir jetzt: „Töten, jagen, Kehle durchschneiden! Ist das alles, was du kannst? Wieso bist du gegen mich? Was hab ich dir denn getan?" „Du bist ein elender Arsch. Ein Jammerlappen. Du verdienst es nicht zu atmen." „Wieso willst du mich quälen? Du könntest mir auch eine Kugel geben, das ginge schneller und sauberer." „Eine Kugel ist viel zu schade für dich. Ersaufen sollst du wie eine dreckige Ratte!" „Aber das ist doch alles Schwachsinn." Wolfgang schaltete sich wieder ein: „Jetzt laß ihn in Ruhe! Du siehst doch, daß er völlig fertig ist."
Es war etwa 20 Uhr. Die Sonne stand bereits tief. Die Dämmerung begann. Eine schöne Zeit, wenn niemand darauf scharf gewesen wäre, mich umzubringen. Sollte ich mich jetzt auf diesen lächerlichen Kampf einlassen und den Helden markieren? Wer war ich eigentlich? Sollten sie sich doch selbst die Köpfe einschlagen. Außerdem waren die Chancen verdammt ungleich verteilt. Ehe ich mein Messer ziehen konnte, hatte ich vermutlich eine Kugel im Bauch.
Ich steuerte auf eine Ortschaft zu, deren Lichter mir entgegenleuchteten. Es sah einigermaßen einladend aus. „Ihr könnt mir wenigstens andere Spiegel aufsetzen, damit ich etwas zu essen bekomme!" Rudolfs sagte höhnisch: „Das könnte dir so passen. Soll doch jeder sehen, was du für ein Schwächling bist." Wolfgang versuchte ihn zu beschwichtigen: „Ändere den Text, Rudolf! Das hat doch mit der Sache nichts zu tun!"
Ich parkte den Wagen und lief die Straße hinunter. Als ich auf ein paar Frauen traf, erkundigte ich mich nach einem Restaurant oder einer Imbiss Möglichkeit. Etwas ängstlich sah ich sie wohl an und wartete wieder auf die gewohnte ablehnende Reaktion. Sie waren zwar etwas befremdet, gaben mir dann aber bereitwillig Auskunft. Ein Mann ging vorbei, blieb neben mir stehen und bot sich sogar an, mich zu begleiten. Ich atmete auf. Diese erste Hilfsbereitschaft seit längerer Zeit tat mir wohl. Ein Hauch neuer Hoffnung keimte auf. Meine Spiegel schienen verändert. Vielleicht hatten diese Menschen aber auch nur Mitleid mit mir. Der Grieche ging voran und führte mich zu einer hell erleuchteten Kneipe. Das Neonlicht blendete mich. Der Laden war brechend voll. Lautes Gemurmel zeugte von guter Kommunikation. Ich setzte mich an die Bar und wartete.
Niemand schien mich zu beachten. Der Wirt hatte alle Hände voll zu tun, schrie den Gästen etwas zu und reichte volle Becher weiter. Plötzlich konnte ich die Texte vor meinen Augen wieder lesen. „Gib ihm zu essen! Es wird sein letztes Mahl sein. Morgen stirbt er."
Ich verließ fluchtartig das Restaurant, vergaß meinen Hunger und meinen Durst und rannte zum Auto. „Das halte ich nicht mehr aus. Laßt mich endlich laufen!" Ich hörte Rudolfs Stimme: „Wenn er einsteigt, schalte ich den Scheißkerl ab! Ich kann ihn nicht mehr hören" „Laßt mich noch eine Zigarette rauchen, dann ist es mir egal, was ihr mit mir macht!" Ich resignierte und gab auf. Wolfgang schien sich wieder für mich einzusetzen: „Laß ihn doch noch ein bißchen fahren, Rudolf! Es kommt doch jetzt nicht mehr darauf an."
Ich wurde nicht abgeschaltet und fuhr weiter. Ich überlegte, als würde das noch etwas nützen, wie ich mich befreien konnte. Wolfgang war auf meiner Seite. Ein kleiner Pluspunkt, wenn er diese Linie durchhielt. Ich wußte nicht, wie weit er den anderen selbst ausgeliefert war, wenn er nicht parierte. Vielleicht konnte ich Rudolf mit seiner Hilfe umstimmen. Mein Verstand eröffnete erneut ein zerrendes Debakel zwischen Kapitulation und Überlebenswillen, Sinn und Unsinn, Logik und Chaos. Ich murmelte: „Ihr seid verrückt. Hoffnungslos verrückt. Wie kann einem so was Spaß machen?"
Wieder meldete sich Wolfgang: „Ich höre immer nur etwas von Schwachsinn und verrückt. Er ist ja schon ganz verquer. Mensch, schalte den Fernschreiber ab, wenn die Presse Wind davon kriegt! Und so einen schicken wir auf den Killertrip." Er machte eine kleine Pause und sagte dann: „Laßt ihn laufen! Von mir aus soll er nächstes Jahr wieder eine Chance bekommen. Vielleicht hat er sich dann stabilisiert. Jetzt kann er nichts dafür. Schuld sind allein wir, weil wir die Sache angezettelt haben. Was denkt ihr, wie seiner Mutter zumute sein wird, wenn sie erfährt, daß ihr Sohn tot ist?"
Rudolf schwieg eine Weile und dann sagte dann endlich: „Okay, laßt ihn laufen!" Abrupt wurde der Kontakt abgebro-chen. Ich wagte nicht zu glauben, daß ich tatsächlich frei sein sollte. Aber nichts, weiter geschah, kein Wort wurde mehr
gewechselt. War das Spiel jetzt beendet? War das ein Computer-Horror-Trip, der gar nicht so brutal enden sollte, sondern lediglich meinen Sportsgeist anstacheln und meine Psyche auf Hochtouren bringen sollte?