Mittwoch, 24. Januar 2007

Killertrip Teil 3

Die Luft dampfte. Piräus war ein heißes Pflaster - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühlte mich ausgelaugt, ja fast gleichgültig. Mir war egal, was aus mir wurde. Ich hatte den Eindruck, daß man mir Energie abzog, so als reagierte ich nur noch ferngesteuert. Wieder diese Stimmen, an die ich mich mittlerweile fast gewöhnt hatte, obwohl der Verstand Pause machte, wenn ich mir überlegte, weshalb ich sie überhaupt hörte. „Lass ihn links Reinfahren! Er muß von der Hauptstraße runter." ,,Was können wir tun? Rolf ist fix und fertig." Seine Stimme klang fast besorgt, wenn ich es nicht besser gewußt hätte. „Lass ihn ein wenig laufen!"
Ich parkte meinen Wagen und stolperte zum Markt. Hier waren Stände aufgebaut, die alle nur möglichen Waren zum Verkauf feilboten. Beeindruckende handwerkliche Gegenstände, wie Schmuck, Stickereien, Schnitzereien. Es gab vielerlei Sorten von Obst und Gemüse. Daneben Spielzeug, Töpferwaren, wie Krüge und bemalte Teller, Souvenirs und Schwämme. Es war einiges geboten. Die Leute schlenderten geruhsam durch die entstandenen Gassen, feilschten, schauten, prüften, betasteten, kosteten hier und kauften da.
,,Was sagt der Computer?" ,,Es sieht mies aus. Seine Werte sinken rapide." Wolfgang riet, ich solle mir etwas zu essen kaufen. Ich steuerte wie ein stupider Automat einen Obststand an und stopfte mich mit Birnen voll. Nach weiterem Suchen entdeckte ich einen Stand mit Getränken und schüttete literweise Mineralwasser in meinen Bauch. Dann setzte ich mich für ein paar Minuten an einen Tisch. Mein Widerstand erlahmte. Sollte er doch kommen und mich umbringen! Warum sollte ich mich wehren? Ich hatte keine Lust mehr. Prompt hörte ich auch wieder Wolfgangs Stimme: „Ich glaube, er gibt auf!" „Sieht so aus. Es hat keinen Sinn mehr. Wir schalten ihn jetzt besser ab. Oder denkst du, ein Unfall ist überzeugender?"
Obwohl ich nun wirklich kurz vordem psychischen und physischen Zusammenbruch stand, appellierten die letzten Worte an meinen Durchhaltewillen. Zudem zeigte die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme Wirkung. Der Computer schien das registriert zu haben. „Er erholt sich enorm!" Ich wunderte mich selber, wie ruckartig sich mein Zustand stabilisiert hatte. Ich spürte einen positiven Schub, der mir wieder gestattete, vernünftig zu denken. Mein Überlebenswille hatte mich mobilisiert, der, wie es schien, unausrottbar immer wieder aus irgendeiner Ecke meiner lädierten Psyche kroch.
Ich suchte nun nach einem Laden, in dem ich meine ersehnte Landkarte erwerben konnte, fand aber keinen. Es war merklich heißer geworden, und ich konnte nicht mehr auseinander halten, ob mir der Angstschweiß auf der Stirn stand oder mir die brütende Hitze zu schaffen machte. Ich überlegte, ob ich meine Tour nicht auf den Abend verlegen sollte. Die Dunkelheit konnte Schutz bieten, aber andererseits mochte ich sie nicht.
„Jetzt sieh dir bloß den Computer an! Er zeigt ganz normale Werte. Es ist unglaublich!" „Er hat auch keine Angst mehr. So wie er es jetzt angeht, sieht er es von der sportlichen Seite. Es hat nun einen anderen Aspekt. Er scheint stumpf zu werden und nicht mehr zu registrieren, daß es um sein Leben geht." „Lass ihn!" resümierte Wolfgang, „mit seiner Taktik kann er Rudolf tatsächlich austricksen. Dann kommt er durch und darf Kinder haben."
Ich horchte auf. Was war denn das wieder für ein Blödsinn? Was hatten denn bitteschön Kinder mit dieser Situation zu tun? „Vielleicht sollten wir mal nachsehen, wo Rudolf steckt. Ah - sie fahren parallel zueinander. Es kann nicht mehr lange dauern.
Wir sollten unserem Helden Rolf noch ein bißchen helfen. Oder?" Diese Informationen verbuchte ich für mich. Rudolf war also nicht mehr weit entfernt. Anscheinend konnten die anderen wirklich alles auf dem Bildschirm des Computers nachvollziehen. Sie behielten eine verdammt gute Übersicht der Situation. Trotz ihrer mitfühlenden und freundlichen Informationen fühlte ich mich unsicher, da ich die Hauptstraße schon lange verlassen hatte und in nördlicher Richtung fuhr.
„Was hältst du von der Situation? Findest du nicht, daß es so fast zu einfach ist? Der fährt ja drauflos, als wäre er Teilnehmer einer Ralley. Sieht er Rudolf heute noch irgendwann?" „Ich weiß nicht. Lass ihn erst mal weitermachen." Das verursachte mir Gänsehaut. Sollte das bedeuten, daß sie Rudolf auf mich zudirigieren wollten, um das Ganze spannender zu gestalten? Bullshit! Das war ein gemeiner Schachzug.
Wolfgangs Stimme: „Er bekommt wieder Angst. Der Computer registriert alles!" Jetzt fühlte ich mich natürlich nicht mehr so sicher wie vorher. Da meine Tankuhr jetzt langsam Ebbe anzeigte steuerte ich die nächste Tankstelle an. Ich tankte voll und machte mich danach sofort wieder auf den Weg. Nach einer Weile hatte ich das ungute Gefühl, nicht auf der richtigen Straße zu fahren. Keines der dürftigen Hinweisschilder deutete auf eine Stadt hin, die in meiner Streckenplanung vorkam. Ich hielt an einem Kiosk an und wedelte dem Besitzer mit der Landkarte vor der Nase herum, bis er mir endlich erklärte, wo ich mich befand. Ich hätte mich mehr in nordwestlicher Richtung orientieren müssen, aber da die Staatsstraße Nummer eins von Kefisia nach Thebai führte, wollte ich meine Route beibehalten. Der Mann zeigte mir, wie ich mein Ziel erreichen konnte. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, offiziell durch die Gegend zu rauschen. Auf einer so großen, stark frequentierten Straße glaubte ich zu gut sichtbar zu sein, besonders für Rudolf.
,,Er will auf die Staatsstraße. Laßt uns mal schauen, wo ... Mist, das ist gar nicht gut!" „Wo steckt denn Rudolf?" Der dies wissen wollte, war unzweifelhaft Bernd. „Warte, warte, - ich bin gespannt, was er jetzt macht!" Ich wußte sofort, daß sie von Rudolf sprachen, der sicher in unmittelbarer Nähe war. Wie ein Stich durchzuckte es meinen Körper. Die Angst war wieder da und kroch mir über den Rücken. Ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach. Mein Hemd musste klatschnass sein.
Ich befand mich kurz vor der Kreuzung. Die Ampel zeigte rot. Ich hielt und blinkte nach rechts. Wolfgang: „Verflixt, jetzt erwischt es ihn!"
Jetzt war es soweit. Konfrontationszeit! Eine Sekunde lang überlegte ich, ob ich einen Haken schlagen und einfach umdrehen sollte. Doch der Gegenverkehr ließ das nicht zu. Die Ampel sprang auf grün, und ich bog schnell in die Staatsstraße ein. Im Augenblick war ich zu meiner eigenen Überraschung wieder bemerkenswert cool und konzentriert. War Rudolf nun vor oder hinter mir? Es ging zügig voran, trotz der Verkehrsdichte. Ich blieb hellwach und hörte wieder Wolfgangs Stimme: „Das war ein kurzes Spiel. Da kann man nichts machen. Rudolf ist ein guter Jäger. Pass auf, jetzt sieht er ihn!"
Schon von weitem entdeckte ich einen rundum verglasten Kleinbus, der auf der rechten Seite unter einer Brücke parkte. Den Mann am Steuer konnte ich zwar nicht erkennen, aber es war klar, daß es sich dabei um Rudolf handeln mußte. Das hatte ich im Gefühl! Ich gab nun Gas und zischte an seinem Wagen vorbei. Ich sah in den Rückspiegel, um zu kontrollieren, ob er die Verfolgung aufnahm, konnte aber wegen der anderen Fahrzeuge nichts entdecken. Meine Chance bestand darin, den Knaben abzuhängen. In Panik drückte ich auf die Tube und raste dahin. Ein Stoßgebet sollte mich davor bewahren, daß es zu einer Karambolage kam, die alles zunichte machte. Mit quietschenden Reifen und einem weiteren Stoßgebet fuhr ich bei der nächsten Gelegenheit ab. „Das hat doch keinen Sinn mehr. Der prescht davon wie ein Wahnsinniger. Sollen wir ihn abschalten?" Bernd schien sich Sorgen zu machen, und dieses ewige Wort „Abschalten" ging mir auf die Nerven. Es hatte etwas mit meinem Lebenslicht zu tun! „Lass ihn doch! Vielleicht können wir trotz allem noch etwas unternehmen. Ich glaube, Rudolf spielt nicht fair."
Das sie sich bei der ganzen Schweinerei auch noch um Fairness Sorgen machten! Sie wollten mich doch tatsächlich fair umbringen. Nobler Sportsgeist! Bernd sagte merklich empört: „Wie meinst du das? Denkst du, er hat etwas über die Computer herausbekommen?" „Wahrscheinlich. Für meine Begriffe hat Rudolf zu schnell Rolfs Standort gekannt. Sein Ehrgeiz ist zu groß - und sein Hass auch. Das macht mich mißtrauisch. Ich unterstelle, daß ihm jedes Mittel recht ist, und er nichts dem Zufall überlassen wird." „Was hast du gesagt, Wolfgang?"
Jetzt hatte sich erstmals Rudolf dazugeschaltet. Er wirkte ruhig und selbstsicher. Das machte mich nur noch nervöser. Es war ein Scheißgefühl, - gesehen zu werden, aber selbst keine Übersicht zu haben. Wie eine Maus, die nicht weiß, aus welcher Ecke die Katzenpfote zuschlägt. Hass breitete sich in mir aus. Wolfgang: „Wo sind sie jetzt?"
Wie von Bestien gehetzt, kreuzte ich planlos durch die Gegend, immer in der Hoffnung, daß Rudolf eine andere Richtung einschlagen würde. Die Region wurde immer entlegener. Dichte Nadelwälder und Hügelketten zogen an mir vorbei. Die Straße war holprig und von Löchern übersät. Ich war froh, gute Stoßdämpfer zu haben. „Wo steuert er jetzt hin?" wollte Bernd wissen. „Führst du ihn?" Wolfgang: „Nein, ich lasse ihn selber entscheiden. Wir können uns später wieder einmischen." Ich hatte Bedenken. Dieser Weg erweckte den Eindruck, als würde er irgendwann ins Nichts führen. Er wurde immer enger und steiniger. War ich mit Absicht in diese erbärmliche Pampa geleitet worden? Wollten sie mich hier unbeobachtet erledigen und verscharren?
Nun erreichte ich eine Gabelung und entschied mich für links. Nach wenigen Metern war die Straße zu Ende. Sense. Vorbei! Jetzt hatten sie mich! Sekundenlang blieb ich sitzen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Aber noch war ich nicht tot. Vielleicht bot die andere Straße einen Ausweg? Außerdem mußte ich einen kleinen Vorsprung haben, denn mit dem Kleinbus war Rudolf keinesfalls so schnell wie ich. Mit Vollgas startete ich erneut, rangierte und fuhr das letzte Stück zurück und nahm jetzt unbehelligt die rechte Abzweigung. Nichts hielt mich auf. Nach einigen Kilometern erreichte ich eine bewohnte Gegend. Einfach anmutende Gehöfte grenzten an Felder, auf denen Schafe weideten. Irgendwo stieg Rauch auf. Ein paar Bauern zogen Furchen durch den kargen Boden.
Langsam wurde die Straße besser und mündete schließlich in eine größere Kreuzung. Nun fühlte ich mich wieder sicherer. Ohne zu wissen, wo ich mich genau befand, fuhr ich weiter. Die Orts- und Hinweisschilder sagten mir nichts. Ich ärgerte mich immer mehr, keine präzise Karte zur Verfügung zu haben. Mittlerweile war es 16 Uhr. Die Sonne mußte ungefähr im Südwesten stehen. Mein Plan war, immer so zu fahren, daß ich mich dem Sonnenstand entsprechend orientierte. Mehr als dieses Konzept brachten meine grauen Gehirnzellen im Moment nicht zustande. Rudolf schien meine alte Taktik durchschaut zu haben, deshalb brauchte ich dringend eine neue.
Die Anstrengung der letzten Stunden machte sich bemerkbar. Ich fühlte mich müde und ausgelaugt. Nachdem ich eine kleine Ortschaft hinter mir gelassen hatte, fuhr ich auf einen bewaldeten Bergrücken im Osten zu, hinter dem ich die Küste vermutete. Dort entlang konnte ich nach Athen fahren und dann weiter nach Patras. Auf diese Weise hatte ich eine Chance, Rudolf vielleicht doch noch abzuhängen.
Die Straße führte in steilen Serpentinen aufwärts - ein Plus für den Golf, ein Minus für den Kleinbus. Selbst im zweiten Gang keuchte der Motor ein wenig, und ich mußte mich ganz schön in die Kurven legen. Weiter oben wurde ich mit einem phantastischen Ausblick für meine Mühe entschädigt. Fast träumerisch wanderten meine Augen über den Horizont. Ich glaubte die Nähe des Meeres zu spüren und zu riechen. Als ich den Bergkamm erreicht hatte, passierte ich ein einzeln stehendes Haus. Bei einer Frau, die zwei Kinder an den Händen hielt, erkundigte ich mich nach dem Weg. Die Bäuerin war freundlich, aber da sie nur Griechisch konnte, war die Verständigung schwierig. Mit Hilfe meiner Karte bedeutete sie mir, daß ich mich zwar auf der Straße zum Meer befand, die jedoch dort auch endete. Es gab keine Strecke die Küste entlang. Schon wieder saß ich in der Falle!
Mit einem Anflug von Resignation wendete ich den Wagen zurück. Falls Rudolf mir auf den Fersen war, könnte ich ihm jetzt begegnen. Ich hoffte mein Zick-Zack-Kurs würde mich davor bewahren. Während ich mit mir und meiner Situation haderte und meinen Atlas verfluchte, schaltete sich Rudolf plötzlich ein: ,,Es hat keinen Zweck mehr." Wolfgang: ,,Willst du wirklich aufgeben?" Rudolf: ,,Du siehst doch, daß er nur in der Gegend herumirrt." Wolfgang: „Was soll er auch sonst machen? Sein Versuch, zu einer besseren Karte zu kommen, ist gescheitert." Rudolf: „Das weiß ich auch, aber ich mag nicht mehr." Wolfgang: „Gib ihm noch eine Chance!" Rudolf: „Ich halte das für sinnlos!"
Ich fühlte, daß sich die Sache zu meinen Ungunsten entwickelte. Wenn Rudolf, der Ehrgeizige, sogar die Hatz abblasen wollte? Ich fragte mich, was sie jetzt mit mir vorhatten? Niedergeschlagen fuhr ich weiter. Ein Schild deutete auf eine Hauptverkehrsstraße hin. Kurz vor der Einmündung blieb ich stehen und ließ mir von einem spazierenden Griechen meinen Standpunkt erklären. Es war wieder die Seitenstraße, die nun nach Thebai und Larissa führte. Wenigstens etwas! Ich bog ein und gab Gas. Wenig später nutzte ich eine Tankstelle, um mir einen Moment die Füße zu vertreten, vielleicht etwas zu trinken und zu einer Detailkarte zu kommen. Die Tankstelle lag direkt an einer Straßenmündung und war mit einem kleinen Shop ausgestattet. Ich hatte kein Glück. Der Tankwart füllte nur mein Benzinreservoir. Als ich ihn bezahlte, ereignete sich etwas, womit ich im Traum nie gerechnet hatte und was mich zutiefst erschütterte. Er sah mich mit großen Augen an und meinte trocken auf Englisch:
“The boy is on the killertrip. His name is Rolf B. from Munich in West Germany. He started this year for the first time in Noussa on Paros. l can read it in his eyes. Yesterday he was good. He was the first, who got his car on the ferry boat. But today he is bad, because he is tired from his last hunt. He should rest at day and ride at night. He tried his luck, but he did not care. Thessaloniki, Igoumenitsa and Patras are in his mind. He can go everywhere, the killer will be there. He will cut his throat and throw him over board."
Damit wandte er sich ab und ließ mich verdutzt stehen. Ich war so verblüfft, daß ich gar nicht auf die Idee kam, nachzufragen, wie er darauf gekommen war. Wie in Trance stieg ich in mein Auto und fuhr weiter. Die gehörten Sätze wiederholten sich permanent. Sie schienen in meinen Gehirnwindungen zu kreisen und mich nicht mehr loszulassen.
Wenn einer aus meinen Augen lesen konnte, - dann konnte es vielleicht der Rest der Welt auch? Grauen erfaßte mich.

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