Nachdem ich die Außenbezirke der Stadt hinter mir gelassen hatte, fühlte ich mich etwas sicherer. In der Dunkelheit war mein Golf nur schwer zu erkennen und es dämmerte bereits. Irgendwie war dieser Tag an mir vorbeigeflogen. Man konnte mich nicht mehr einholen, - allenfalls mit Motorrädern, aber ob sie damit gerüstet waren? Ich fuhr mit Bleifuß und sammelte Kilometer.
Die Nacht brach an. Obwohl ich nichts zu mir genommen hatte, war ich weder hungrig noch durstig. Mein Körper war nur auf Konzentration eingestellt. Die Gemütsverfassung hatte sich einigermaßen stabilisiert. Meine einzige Sorge galt meinem verräterischen Augenleuchten. Zu einer Sonnenbrille hatte ich es heute nicht geschafft. Also mußte ich meine Lider wieder zusammenkneifen, um nicht erkannt zu werden. Das war nicht ungefährlich, da es meine Fahrweise wesentlich einschränkte. Besonders, wenn mir auf schmalen, kurvenreichen Gebirgs-strecken die Lastwagen entgegenkamen, wurde mein Verhalten nur einerseits zum Schutz, andererseits zum Risiko. Ich behielt jedoch das Tempo bei.
Die Bergstrecke zwischen Igoumenitsa und Ioannina kostete viel Sprit, - meine Tankanzeige stand auf Reserve. Mit dem Rest wollte ich soweit kommen, wie heute noch möglich. Ich hoffte, daß er wenigstens bis zu r Talfahrt reichte. Es klappte. Bergab ließ ich den Wagen rollen und erzielte auf diese Weise eine höhere Kilometerleistung, als ich angenommen hatte. Fast trocken tuckerte ich auf einen Parkplatz auf der linken Straßenseite und schaltete sogleich Scheinwerfer und Motor aus. Weit und breit war niemand zu sehen. Ein etwas abgelegen stehendes Haus war völlig dunkel. Nichts rührte sich. Ich schraubte den Verschluß meines Reservekanisters und des Tanks auf und füllte den Inhalt ein. Jedesmal, wenn ein Auto an mir vorbei zischte, wandte ich mich ab und schloß die Augen. Ich wollte jedes Risiko vermeiden. Dann orientierte ich mich wieder an meinem Atlas, den ich mit einer Taschenlampe beleuchtete. Es war nicht mehr weit bis Ioannina. Von dort aus wollte ich in Richtung Süden über Arta nach Patras. Das Benzin würde über Ioannina hinaus noch einige Kilometer reichen.
Jetzt war es schon gegen 2.00 Uhr morgens und ich wollte mich bald nach einen Schlafplatz umschauen. Vorsichtig fuhr ich weiter, mir meiner Spiegel bewußt. Kurz nach Ioannina verließ ich die Hauptstraße und bog in einen Feldweg, der von der Piste aus nicht zu sehen war. Alles blieb ruhig und dunkel, obwohl die Gegend gut bewohnt war, wie ich an den zahlreichen Häusern unschwer erkennen konnte. Wieder versperrte ich alle Türen und kroch in meinen Schlafsack. Langsam wich die Spannung.
Ich hatte vielleicht eine Stunde geschlafen, als ich von einem eigenartigen Geräusch geweckt wurde. Es hörte sich an, als ob Wasser meinen Golf umströmte. Es wurde lauter. Panische Angst scheuchte mich hoch. Parkte ich etwa in einem Flußbett? Wurde ich schon von gewaltigen Wogen hinweggerissen? Verzweifelt versuchte ich, etwas zu erkennen und drückte meine Nase ans Fenster. Es war zu finster. Mein von Angstphantasien umnebeltes Gehirn benötigte eine Zeit, bis es die Tierleiber erkennen konnte, die an beiden Seiten meines Fahrzeugs entlangzogen, - hunderte von Ziegen hatten mich gestört. Erleichtert fiel ich zurück. Der Hirte ging teilnahmslos vorüber, und nach wenigen Minuten war der ganze Spuk vorbei.
Gerade hatte ich mich wieder beruhigt, als ich die Stimmen von zwei, drei Leuten vernahm, die sich lautstark unterhielten. Sofort bezog ich das auf mich. Wahrscheinlich hatten sie mein Auto entdeckt und mich an den Spiegeln erkannt. Jetzt fühlte ich mich nicht mehr sicher und beschloß, zu verschwinden. Also kroch ich vor auf den Fahrersitz, startete und kehrte auf die Hauptstraße zurück. Einige Kilometer weiter fand ich einen Weg, der nach rechts führte, auf einen größeren Gebäudekomplex zu. Ich zuckelte an dem Gehöft vorbei und parkte hinter einem flachen Schuppen. Hier konnte ich endlich den Rest der Nacht verbringen, da ich von der Straße aus nicht gesehen werden konnte und auch sonst von keiner Ecke Gefahr drohte. Ich legte mich sofort hin und schlief ein.
Es war schon relativ spät, als ich erwachte, aber ich ließ mir Zeit. Obwohl ich durchgeschlafen hatte, fühlte ich mich schwach und matt. Die Schluckbeschwerden hatten zugenommen. Meine rechte Halsseite war geschwollen, - innen und außen. Ich vermutete eine Seitenstrangangina. Als ich aufstand, verspürte ich darüber hinaus starke Gliederschmerzen. Vielleicht hatte ich auch eine Sommergrippe. Das kam allerdings sehr ungelegen, da es meinen ohnehin überstrapazierten Körper zusätzlich schwächte. Mit Mineralwasser, das ich noch im Auto hatte, putzte ich mir notdürftig die Zähne und spülte den Mund aus, damit der faulige Geschmack verschwand.
Vor einem der gegenüberliegenden Häuser tauchte jetzt ein Mann auf, der etwas räumte. Er hatte mich wohl gesehen, kümmerte sich aber nicht um meine Anwesenheit und kramte weiter. Ich ordnete meine Sachen und ließ den Motor an. Lange würde ich sicher nicht mehr durchhalten können. Heute mußte ich tanken und dringend etwas essen.
Es dauerte zum Glück nicht lang, bis ich eine Tankstelle erreichte. Diesmal bediente mich eine Frau. Sie musterte mich, aber das konnte auch an meinem räuberhaften Outfit liegen. Ansonsten verhielt sie sich ganz normal. Sollte die Wirkung der Droge verschwunden sein, - und damit meine Spiegel? Ich wagte nicht, dies zu hoffen, denn bisher war ich diesbezüglich immer enttäuscht worden.
Etwas seelisch aufgemöbelt fuhr ich weiter Richtung Süden. Es mochte etwa eine knappe Stunde später sein, als ich auf eine großzügig angelegte Gaststätte traf, die einen sehr einladenden Eindruck machte, ich bog ab und nahm das kurze Wegstück bis direkt vor die Terrasse, wo ich stehen blieb. Obwohl es ein klarer, schöner Tag war, - sonnig aber noch nicht so heiß, saß niemand an den Tischen, die draußen standen. Vielleicht war es noch zu früh für Gäste. Eine Frau, die um die 40 war, spülte Gläser und wischte den Tresen. Sie trug ihr langes, schwarzes Haar streng nach hinten gebunden. Ich wandte mich an sie, aber sie schien kein Englisch zu sprechen. Lächelnd schüttelte sie den Kopf und sagte etwas Freundliches auf Griechisch. Ich deutete auf ein paar der Speisen, die auf dem Büfett standen. Die Auswahl war reichlich, - viele in Öl eingelegte Gemüse, Oliven, Käse, gefüllte Weinblätter, und andere Sachen, die ich nicht kannte. Zu Brot und Wurst, die sie mir aufgeschnitten brachte, nahm ich noch eine Rebe herrlicher Weintrauben. Nach meiner kleinen Schlemmerei trank ich ein Glas des heißen, starken griechischen Kaffees, spuckte aber einmal, als ich etwas vom Satz auf der Zunge behielt.
Ich hatte versucht, mich ruhig und normal zu geben und hielt auch meinen Blick gesenkt. Es gab keine Anzeichen, daß etwas außergewöhnlich war; meine Spiegel schienen inaktiv zu sein, - wenn sie noch vorhanden waren. Vielleicht aber war mir auch nur das Gefühl dafür abhanden gekommen. Ich war mir mit einem Mal nicht mehr so sicher, daß ich lesen konnte, was sie zeigten. Nachdem ich fertig war, wischte ich mir über den Mund und zahlte bei der netten Frau. Um nicht sofort wieder anhalten zu müssen, wenn ich Durst bekam, hatte ich mich mit Mineralwasser eingedeckt. Auch eine neue Packung Zigaretten hatte ich gekauft, obwohl ich zur Zeit erheblich weniger rauchte als sonst.
Inzwischen war es Mittag geworden und die Hitze hatte zugenommen. Das kostete mich wieder Kraft. Ich wollte nur noch eine kurze Strecke hinter mich bringen und dann Rast machen bis zum Nachmittag, wenn die Sonne ihre Power schon verloren hatte.
Die Gegend, durch die ich jetzt kam, unterschied sich in nichts von der Struktur der Regionen der beiden letzten Tagesreisen. Das erweckte in mir den Eindruck, nicht recht weiter gekommen zu sein und auf der Stelle zu treten, vielleicht war ich auch nur ungeduldig. Meine Zielvorstellung war die, ins Flugzeug zu stei-gen, das,,Fasten seat belt" und das Klicken des Gurtes zu hören, mich in den Sitz zu drücken und endlich abzuheben ... Aber bis dahin hatte ich noch einiges zu bewältigen.
Ich parkte wieder auf dem Vorplatz eines Rasthauses am Rande der Straße, welches eingerahmt war von großen, schattenspendenden Bäumen, unter denen ich Platz nahm und ein paar Minuten die Ruhe genoss. Erst dann trabte ich hinein, um mir selbstbewusst kalten Saft zu holen. Zwei ältere Herrschaften unterhielten sich am Nachbartisch, prosteten sich zu, aber nahmen keine Notiz von mir. Ich hatte meinen Atlas mit aus dem Wagen genommen und studierte noch einmal meine Route. Jetzt befand ich mich kurz vor der Stadt Arta, die etwa 160km vor Patras lag. Hier liefen so gegen 23.00/24.00 Uhr die Fähren nach Italien aus, soweit ich mich erinnern konnte. Ich war nur nicht sicher, ob das täglich der Fall war. Von Patras bis Ancona zu kommen, dauerte eineinhalb Tage und von da aus bis München mußte ich einen weiteren Tag Fahrzeit rechnen.
Mein Allgemeinbefinden war nicht besonders, - ich war einfach ausgelaugt und meine Rachenschmerzen machten mir zu schaffen. Es war wohl doch das beste, Griechenland auf dem Luftweg zu verlassen, auch wenn ich bei dieser Version den Wagen am Flughafen würde stehen lassen und zu einem anderen Zeitpunkt würde nachholen müssen. Meine persönliche Rettung ging auf jeden Fall vor. Die Frage war auch die, wann das Spiel endete. In Patras? Oder erst in München? In dieser Auslegung würde der Landweg eine weitere Tortur bedeuten. Immer auf der Hut, vor Rudolf oder sogar einem mir unbekannten Killer. Furchtbar!
Sollte Rudolf heute Patras anpeilen, dann war dies nur per Flugzeug möglich. Die letzte Maschine startete um 17.00 Uhr von Paros nach Athen. Aufgrund dessen wollte ich versuchen, auf meinem Weg nach Patras so gegen 18.00 Uhr in Agrinion einzutreffen. Von da aus hatte ich die Möglichkeit, mich für Patras zu entscheiden, oder aber via Lania und Larissa doch Thessaloniki anzusteuern. Auf diese Weise blieben meine Verfolger, wie auch die Informanten selbst, im Ungewissen.
Für zwei Stunden hatte ich mir ein Schläfchen im Auto gegönnt, was von der Temperatur her ganz erträglich war, weil ich im Schatten geparkt hatte. Erst um 16.00 Uhr machte ich mich wieder auf die Socken. Bis Agrinion waren knapp 100km zu bestreiten; ich hatte also genug Zeit. Da meldeten sich meine Spiegel wieder! „Patras, Athens and Thessaloniki are in his mind." Also war das Spiel immer noch nicht beendet! Aber ich war nicht sonderlich überrascht. Es klärte zumindest den Punkt, daß ich mir Patras und die Fährüberfahrt aus dem Kopf schlagen konnte, um mir diese Strapaze nicht zuzumuten.
Ich erreichte einen See, als ich schon kurz vor meinem Etappenziel war. Drei Tage hatte ich keine Berührung mehr mit Wasser gehabt; ich war verschwitzt und überzeugt, zu stinken. Es war eine Wohltat und eine Erfrischung, mich ins Naß zu stürzen. Ich tauchte unter und prustend wieder auf. Eine Weile schwamm und planschte ich, - der einzige Badegast hier -schüttelte die Tropfen aus meinem länger gewordenen braunen Haar. Mit meinem Frotteehandtuch rieb ich mich gründlich ab und suchte mir dann aus meinem Gepäck die sauberste Wäsche, die ich finden konnte. Ich war gerade dabei, mich anzuziehen und einmal mit dem Kamm durch die Mähne zu fahren, als ich Rudolf sagen hörte: „Egal, wohin er jetzt fährt, - ich pack ihn und dann murks ich ihn ab!" Mich packte auch etwas: die Wut. So eine linke Tour, erst großzügig versprechen, daß er mich freigegeben hatte, und nichts davon wahr! „Mieses Schwein", zischte ich zwischen den Zähnen hervor.
Nun blieb nur noch eine Destination: Athen. Thessaloniki war zu weit und hätte wieder nur eine Verzögerung bedeutet. Nach Athen würde Rudolf es heute auf keinen Fall mehr schaffen, da die Fähren ja gegen Mitternacht ablegten und erst am nächsten Morgen in Piräus landen konnten. Falls ich heute abend oder morgen früh keine Flugpassage ergattern konnte, würde ich den Spieß umdrehen und nun meinerseits Rudolf auflauern, - entweder am Hafen in Piräus oder am Airport. Ich war nicht nur zornig, sondern auch wild entschlossen, jetzt den Kampf anzutreten. „Der Computer sagt, er will nach Athen", meldete sich überraschend Wolfgang. Rudolf: „Wenn er das tut, ist das endlich ein Zeichen, daß Rolf doch kein Feigling ist!"
Da geschah etwas Neues und völlig Unerwartetes: Der Computer schaltete sich erstmals selbst direkt ein: ,,Er war nie feige. Er wurde nur absolut unvorbereitet in eine Situation geworfen, die er nicht verstehen konnte. Daß Rolf versuchte, herauszukommen und zu fliehen, ist eine klare und logische Reaktion. Rudolf war nie bereit, ihm eine reelle Chance einzuräumen. Deshalb habe ich ihn in Igoumenitsa geweckt, damit er der gestellten Falle entrinnen konnte. Er meinte zwar, Gott habe ihm geholfen, aber vielleicht hat sein Gott ja auch Einfluß auf mich. Jetzt, wo die Wirkung der Droge langsam nachläßt, zeigt sich deutlich, zu welch klugen, taktischen Überlegungen Rolf fähig ist. Alle meine Werte zeigen äußerste Entschlossenheit und Präzision. Er hat beste Aussichten, das Spiel zu gewinnen."
Ich war konsterniert. ,,Jetzt ist es raus", dachte ich. ,,Rudolf ist das eigentliche Schwein. Und unfair dazu!" Blanker Hass rann durch meine Adern. Ich sah dem Kampf nun mit anderen Augen entgegen, es würde mir Genugtuung bereiten, dieses Dreckschwein zu töten. Rudolf war wütend: „Ich muß nach Athen. Als ,Dreckschwein' lasse ich mich nicht bezeichnen!" Wolfgang: „Und wie willst du das bewerkstelligen? Mit einem Privatflugzeug? Aber auch damit wird es knapp. Du hast ja gehört, was der Computer gesagt hat. Wenn Rolf Athen erreicht, hat er das Spiel gewonnen. Und bis dahin braucht er höchstens noch vier Stunden. Warte erstmal ab und beruhige dich!"
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