Ich stieg in den Wagen und brauste nach Agrinion. So gut und stark hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt! Das schienen auch die anderen festzustellen. Wolfgang: „Tatsächlich! Schau dir bloß die Werte an! Rolf hat ein unglaubliches Selbstbewußtsein! Wir müssen uns etwas einfallen lassen!" Als erstes würde ich mir jetzt in der Stadt die Sonnenbrille besorgen. Damit würde ich mich auf der weiteren Fahrt und auch am Flughafen schützen. Ich wollte nicht, daß nochmal jemand meine Spiegel zu Gesicht bekam.
Agrinion schien wie ausgestorben. Ich parkte an einer Haupt-1 Straße, die ich mühelos würde wiederfinden können und spazierte durch die Straßen. Sonderbarerweise fehlten nicht nur die Touristen, - auch von den Einheimischen war keiner unterwegs. Bisher hatte ich mich nie um Ladenschlußzeiten gekümmert. Normalerweise war es in Mittelmeerländern üblich, daß gerade am Abend die Geschäfte geöffnet blieben. Unverrichteter Dinge und daher unzufrieden ging ich zum Wagen zurück und fuhr weiter.
Als ich den Stadtrand erreichte, erblickte ich eine Anhalterin, die eine Sonnenbrille trug! Gebannt starrte ich das Mädchen an. Mit ausgestrecktem Arm stand sie da, als ob sie provozierend sagen wollte: „Schau, - ich habe genau das, was du brauchst!" Ich war unentschlossen, denn neben ihr hockte ein schlaksiger, langhaariger Junge. Ich passierte sie. Der Himmel war bedeckt und die Sonne schien überhaupt nicht, zumindest nicht blendend. Es war nicht nötig, sich die Augen zu schützen. Sollte ich das als Zeichen für mich werten?
Abrupt wendete ich. Als ich die beiden erreicht hatte, kam der Boy auf mich zu und fragte in gebrochenem Englisch: „You drive Delphi?" Ich bejahte, da mein Weg tatsächlich über Delphi nach Athen führte, „l can take you with me, if she sells me her sun-glasses!" Er schüttelte den Kopf. „No!" Ich winkte und wendete nochmal, wieder in Richtung Athen. Einen Augenblick kam ich mir schofel vor. Ich hätte die beiden auch so mitnehmen können. Bisher war es ohne Brille gegangen. Außerdem würde ich halt auf andere Weise dazu kommen, spätestens in Athen, da gab es Läden. Das war das einzig Wichtige: Dort ankommen! Dann hatte ich das Spiel gewonnen. Bis dahin jedoch hatte ich noch 350 Kilometer. Vor Mitternacht würde ich dieses Ziel nicht erreichen. Um diese Zeit gab es auch keine Flugmöglichkeit mehr.
Ich war optimistisch! Meine Chancen waren noch nie so gut. Bei meinen Augen tat sich etwas. Die Spiegel ,,He comes to meet the killer!" Ich streckte die Schultern und schob mein Kinn energisch nach vorn. Während der Weiterfahrt blieb ich konzentriert, den Fuß voll aufs Gaspedal gedrückt. Jeder geschaffte Kilometer brachte mich dem Abflug aus diesem Land und damit meiner Sicherheit näher. Manchmal winkten mir fremde Menschen zu, wenn ich durch eine besiedelte Region kam. Vielleicht, weil sie die Signale gelesen hatten, oder auch nur aus Freundlichkeit. Ehemalige Gastarbeiter, die schon in München gelebt und daher die Autonummer erkannt hatten. Ich wußte es nicht und entschied mich, es als nette Geste zu werten.
Eine Stunde später konnte ich erstmals rechter Hand das Meer sehen! Jetzt kam ich in eine Ortschaft, fuhr durch das Zentrum an einer Hafenanlage vorbei, an welcher eine Fähre angedockt hatte. Das mußte das Schiff nach Patras, zum Peloponnes sein! Ich achtete auf die Hinweisschilder, um mich nicht unnötig zu verfransen. Ein Polizist regelte den Verkehr an einer Kreuzung, an der dutzende von Autos sich einreihten und warteten, bis sie freie Fahrt erhielten. Als ich in Rufweite des Gendarmen war, beugte ich mich aus dem Seitenfenster meines Golfs: ,,Which one is the way to Athens?" Im selben Moment spürte ich, wie folgende Schrift auf meinen Augen erschien: „Malaga, Malaga!" Der Polizist blickte mich abweisend an, sagte etwas mir Unverständliches und wies mit dem Arm in die Richtung, aus der ich gekommen war. Plötzlich war Wolfgang zu hören: ,,Hast du's mitgekriegt? Der Bulle schickt ihn zurück!" Er lachte begeistert. Rudolf: ,,Halt den Mund, du Idiot!" Ich hatte schon gewendet.
Ob mich der Gendarm auf die falsche Fährte geschickt hatte, und Wolfgang deshalb so schadenfroh war? Sie schienen doch immer zu wissen, was ich vorhatte, verdammt!
Da ich immer noch orientierungslos war, hielt ich bei zwei Frauen, die mir auf dem Bürgersteig entgegenkamen. Die Spiegel arbeiteten und wiederholten ihren Text. Als ich auf Englisch nach dem Weg fragte, schienen die beiden belustigt, riefen „Athen, Athen!" und gestikulierten mir, daß ich entgegengesetzt fahren sollte. Ich bedankte mich und drehte nochmals. Tatsächlich hatte man mich irregeführt! Es mußte an den blöden Spiegeln und ihrem noch blöderen Inhalt liegen! Es nervte. Wütend erreichte ich dieselbe Kreuzung und folgte einfach der Mehrzahl der Fahrzeuge. Dies mußte eine glorreiche Eingebung gewesen sein, denn schon hundert Meter weiter bewies ein Schild, daß ich endlich die richtige Strecke erwischt hatte!
,,Er hat die Straße", hörte ich Wolfgang, ,,Schade. Beinahe hätten wir es geschafft! Malaga ist das ideale Reizwort für die Griechen. Das trifft sie. Wenn wir das beibehalten, werden sie ihn früher oder später aufhalten, aus dem Wagen zerren und erschlagen." Ich war gewarnt! Von nun an würde ich jeden Kontakt vermeiden und bei jeder unumgänglichen Begegnung den Blick total senken.
Inzwischen hatte ich die Stadt hinter mir gelassen und preschte über die Küstenstraße, rechts von mir das Meer. Da die Spannung wieder zunahm, war ich nicht imstande, den Ausblick zu genießen, obwohl er beeindruckend war. Obwohl ich ziemlich sicher war, nach Osten unterwegs zu sein, wollte ich auf eine Überprüfung nicht verzichten. Ich schraubte den Deckel meines Überlebensmessers auf, das eine ganze Anzahl Funktionen beinhaltete: In Folie verpackte Streichhölzer, einen Angelhaken mit Schnur, und - einen kleinen Kompass, der mir jetzt gute Dienste zu leisten vermochte! Alles o.k.! Kein Zweifel, - es war Osten! Mein Herz hüpfte. Ich packte das Peilgerät in den Knauf zurück und verschraubte ihn.
Wolfgang ließ sich vernehmen, aber an seiner leisen Stimme konnte ich ersehen, daß er verunsichert war. „Verflixt. Rolf macht keine Fehler mehr. Jetzt hab ich den Eindruck, als sei er genau so gut vorbereitet wie wir." Die Bedenken der anderen waren meine Zuversicht! Es sah gut aus! Jetzt müßte schon etwas Gravierendes geschehen, -ein Unfall zum Beispiel, um meinen Sieg zu gefährden. Doch da erschrak ich: Ein mehr zufälliger Blick auf meine Tankanzeige ließ meine Euphorie schrumpfen. Mir verblieben vielleicht noch zwölf Liter Sprit. Zwölf Liter für 200km, - ohne zu tanken war das kaum zu schaffen. Meine Hände wurden wieder feucht und ich umklammerte das Steuer fester.
Wolfgang war überrascht: ,,Was hat er denn jetzt? Bekommt er doch nochmal Angst?" Bernd erklärte: „Der Computer sagt, daß sein Benzin wohl nicht bis Athen reichen wird." Wolfgang, der eindeutig nicht mehr auf meiner Seite stand, erwiderte hämisch: „Was? Dann muß er tanken, - und hier kriegen wir ihn! Wir speichern einen Text auf seine Spiegel, daß die Leute, die das sehen, ausrasten werden! Was ist mit den Informanten? Mach alle mobil! Jede offene Tankstelle zwischen Rolfs jetzigem Standort und Athen muß von unseren Agenten besetzt sein! Das ist unsere Stunde!!" Das war ein harter Rückschlag. Und ich hatte mich schon so kurz vorm Ziel gewähnt!
Erst langsam fand ich meine Beherrschung wieder. Mein Atem ging stoßweise und der Puls raste. Ich rechnete: Wenn mein Golf bei 130km/h normalerweise 10 Liter benötigte, mußte ich die Geschwindigkeit drosseln. Wenn ich 90km/h fuhr, waren es ungefähr 7-8 Liter, also ca. immer noch 15 Liter für 200 Kilometer - und die hatte ich nicht. Wenn ich konstant bei 60km/h blieb, und das im vierten Gang, könnte ich sparen. In dem Fall würde ich mit 5-6 Litern auf 100km kommen, - und das reichte für die 200km nach Athen! Ich hatte mich wieder beruhigt. Den Verbrauch mußte ich voll unter Kontrolle haben. Vor allem müßte ich darauf achten, keine unnötigen Brems- und Beschleunigungsmanöver durchzuführen.
Die Straße verlief immer noch entlang der Küste. Es dämmerte. Ich schaltete die Scheinwerfer ein und schloß das Schiebedach. Es war kühl geworden. Meine Tachonadel zitterte bei 60km/h. Die Tankanzeige war unverändert. Ich hatte nur auf die rechte Seite gewechselt, um die Überholspur freizugeben und blieb konzentriert. Sollten wirklich alle Stricke reißen und trotz der sparsamen, vorsichtigen Fahrweise das Benzin zur Neige gehen, so würde ich nur eine Tankstelle anlaufen, die von einer Einzelperson bedient wurde. Falls sich diese wegen meines Augentextes weigern sollte, den Sprit rauszurücken, müßte ich handgreiflich werden, aber das nur im äußersten Notfall. Außerdem bestand das Risiko, daß zufällig jemand hinzukam, um vielleicht auch zu tanken. Falls er sich einmischte, hätte ich den Schlamassel.
Ich beschloß, das beste für mich zu hoffen. Mein Optimismus war wieder gewachsen und ich begann sogar, mich zu überschätzen. ,,Mit mir nicht! Ihr Idioten, - ich zeig's euch allen!!" Ich setzte ein grimmiges Lächeln auf. Plötzlich dröhnte ein kreischendes Geräusch in meinem Kopf. Bernd: „Was hast du gemacht?" Wolfgang: „Der Computer hat Großkotzigkeit gemessen. In diesem Fall dürfen wir ihn abschalten! Aber es funktioniert nicht, - ich hab es schon versucht. Rolf ist irgendwie abgeschirmt." Ich war verwirrt. Aber gleich hatte ich mich wieder gefangen. „Gott hilft mir wieder", dachte ich. „Wenn Er auf meiner Seite ist, - dann komme ich durch!" Bernd: „Was meint er?" Wolfgang: „Der Computer sagt, Rolf spricht auf einer höheren Ebene, - er kann ihn nicht verstehen." „Aha, - wenn ich zu Ihm spreche, ist es nicht lesbar! Wie sollte ein Computer das auch kapieren, - schließlich ist er eine Maschine!" Ich begann, mir Mut zu machen und wiederholte: ,,Wenn Gott auf meiner Seite ist, - dann komme ich durch!"
Seit einiger Zeit war die Küste aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich fuhr auf eine Gabelung zu. Trotz aufgeblendeten Fernlichts waren die Hinweisschilder in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Außerdem konnte ich die griechischen Schriftzeichen nicht gut entziffern. Ich folgte einer Linkskurve, doch schon nach wenigen Metern wurde ich unsicher. Mich jetzt zu verfahren, das konnte fatal sein! Jeder Kilometer zuviel erhöhte das Risiko.
Meine Intuition ließ mich rückwärts zur Kreuzung fahren. Da entdeckte ich den Wegweiser nach Delphi und Athen, den ich vorhin übersehen hatte! Erleichtert blinkte ich und nahm die rechte Straße. Wolfgang ließ sich hören: ,,Verdammt, - das war knapp! Beinahe hätte er sich verfranst!" Ich grinste wütend. Nein, ich würde noch besser aufpassen und mir keinen Schnitzer erlauben!
Nach kurzer Zeit erreichte ich Delphi, die Stadt des berühmten Orakels! Wo mochte die Pythia ihren Dreistuhl platziert haben? “Erkenne dich selbst," soll in der Antike auf einem Schild am Ortseingang gestanden haben. Ich wollte in der Neuzeit jedoch das Zentrum meiden. Hier liefen die Menschenkreuz und quer über die Plätze und Straßen, ohne auch nur ein bißchen auf den Verkehr zu achten und sich umzuschauen, bevor sie die Richtung wechselten. Aber mir blieb keine andere Wahl. Auf den Nebenstraßen, die plötzlich irgendwo enden konnten, würde ich mich allenfalls verirren und das war das letzte, was ich brauchen konnte. Prophylaktisch drückte ich die Knöpfe der Türen und hielt dauernd die Augen zugekniffen, daß nur noch Schlitze übrig waren. Sollte ich doch aufgehalten werden, müßte ich rücksichtslos durch die Menge rauschen, um zu entkommen. Ich hoffte, daß mir und den Leuten das erspart blieb.
Ein Phänomen erweckte meine Aufmerksamkeit: Alle Schilder innerhalb der Stadt erblickte ich nur rückwärts! Lag das an meinen Augen, - oder hatten die von Rudolf georderten Informanten alle Wegweiser einfach umgedreht, um mich zu verwirren? Es war mir nicht möglich, mich zu orientieren. So blieb nur das Vertrauen in mein Gefühl und meine Intuition, die sich bisher schon bewährt hatte. So kreiste ich durch die teilweise sehr engen Gassen, die außerdem schmuddelig waren und Schlaglöcher aufwiesen. Plötzlich erreichte ich eine Ausfallstraße, die durch ein Schild nach Athen ausgewiesen war. Erleichtert setzte ich meine Route fort.
Wolfgang schien verärgert: ,,Es ist wie verhext! Er hat sich zurechtgefunden, als hätte er den sechsten Sinn!" Mein Blick auf die Tankuhr war bedenklich. Das Stop-and-Go innerhalb Delphis hatte mich sicherlich ein Mehr an Sprit gekostet. Trotzdem brauchte ich mir vorläufig keine Sorgen zu machen. Ich hatte das Gefühl, daß es reichen würde.
Wolfgang meldete sich: ,,Mist! Der Computer sagt tatsächlich, daß Rolf es schaffen kann! Er hat alle Werte analysiert und errechnet, daß das Benzin reicht, wenn Rolf das Tempo und die Fahrweise beibehält. Er wird nicht tanken müssen." Das tat mir gut! Wie der Computer allerdings zu den Daten meines Fahrzeugs kam, war mir schleierhaft. War denn der Golf auch an das Überwachungsnetz angeschlossen? Wie auch immer, - jetzt galt es, die letzten Kilometer auch noch durchzustehen. Es mußten ungefähr 120 sein. Anscheinend analysierte der Computer dauernd neue Daten. Ich konnte mitverfolgen, wie Bernd und Wolfgang sich nur noch über Drehmomente, Spritmengen und Kilometerleistung unterhielten. Es hätte mich gereizt, mich ein- zumischen, aber ich wollte ihre Aufmerksamkeit nicht unbedingt auf mich lenken und mich dadurch vielleicht wieder beirren lassen. Es war gut so, wenn sie ihre Nase nur in technische Fakten steckten und mich dabei in Ruhe ließen!
Solange die Straße einigermaßen eben verlief oder leicht ins Gefalle überging, konnte ich mein Auto problemlos rollen lassen. Bei jeder Steigung jedoch wurde ich nervös. Wenn es etwas länger bergauf ging, begann ich zu zweifeln. Ich wußte ja, dass jede Gemütsveränderung vom Computer aufgezeichnet wurde und somit den anderen zugänglich war. Meine feuchten Hände, die Angst signalisierten, waren der Triumph und die Hoffnung meiner Peiniger. Die Belastung, unter der ich stand, war hoch genug.
Die nächste Tankstelle, die ich passierte, war beleuchtet und geöffnet, aber fünf Männer hielten sich drinnen auf. Grund genug, weiterzufahren. Das Risiko war zu groß. Ich ärgerte mich. Mist! Ein voller Tank hätte meine Lage enorm verbessert! Dann wäre ich diese Sorge los gewesen. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn mein Wagen kurz vor Athen ausrollen und keinen Mucks mehr von sich geben würde! Wenn ich es bis in die Stadt schaffte, könnte ich zur Not ein Taxi zum Airport nehmen. Aber noch war es nicht soweit. Noch war ich im Spiel.
Während ich sinnierte, klickte sich der Computer in meine Gedanken: „Der Sender ist in der Goldplombe!" Wolfgang war der erste, der erregt darauf reagierte: „Der Computer hat ihm verraten, wo der Sender sitzt! Er gibt das System verloren! Er ist überzeugt, daß Rolf nicht mehr aufzuhalten ist. Selbst wenn jetzt noch etwas dazwischenfunken sollte wie ein Unfall, - erklärt er Rolf als Gewinner! Sobald er die Stadtgrenze erreicht hat, will der Computer alle Presseagenturen anwählen und das Spielsystem preisgeben!" Bernd erwiderte ernüchtert: „Dann können wir einpacken."
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