Samstag, 28. April 2007

Killertrip Teil 10

Meine Gedanken wirbelten durcheinander. Die Situation spitzte sich dramatisch zu. Meine Spiegel signalisierten:
„He`s qood he comes." Nachdem von Presse die Rede gewesen war, mußte die Sache eine weitaus bedeutendere Größenordnung haben, als ich angenommen hatte. Ich war anscheinend einem Riesenkomplott zum Opfer gefallen. Wie vielen mochte ähnliches widerfahren sein? Meine Peiniger erschienen mir wie aufgescheuchte Hühner. Jetzt waren sie die Bedrohten. Ich konnte nicht unterdrücken, daß eine breite Genugtuung in mir aufstieg.
Sie schwiegen oder murmelten nur Unverständliches, waren damit beschäftigt, deprimiert die Daten durchzugehen. Wolfgang: ,,Jetzt stecken wir ganz schön in der Scheiße. Welcher Hornochse hat damals gesagt, das System sei sicher und uns könnte nichts passieren?" Rudolf: „Bisher ist ja auch noch kein Spieler durchgekommen." Wolfgang: „Ausgerechnet wir müssen das Pech haben. Aber vielleicht können wir das System retten, wenn wir schon verspielt haben." „Dir glaube ich kein Wort mehr", schnaubte ich. „Von wegen System retten!" Wolfgang war doch nur daran interessiert, seine eigene Haut aus der Affäre zu ziehen. Ausgerechnet dieser Sau hatte ich mein Vertrauen geschenkt. Ihn sogar gebeten, mich nicht zu verlassen! Für einen Augenblick bereute ich meine damalige Schwäche.
Wolfgang: „Nach der Computerinformation kann Rolf bis Athen durchziehen, ohne anzuhalten. Ihr könnt euch vorstellen, was los ist, wenn er am Flughafen ankommt! Aber, warten wir's ab, - vielleicht geschieht doch noch etwas!" „Gar nichts wird passieren!" zischte ich, „Jetzt erst recht nicht!" Ich war bemüht, noch effektiver zu fahren und hielt mich soweit rechts wie möglich. Zeitweise wurde ich von wütenden Fahrern angeblinkt oder angehupt, da ich im Schneckentempo auf einer Autobahn vor mich hinzuckelte. Aber sie konnten ja nicht wissen, was der Grund für meine Bummelei war. Ich ließ mich nicht irritieren. Und ich hatte die besseren Karten!
Plötzlich hörte ich Rudolf mit bebender Stimme sagen: ,,Gert ist tot! Er hat sich im Nebenzimmer vergiftet!" Niemand sagte einen Ton. Selbst ich war geschockt. Wohin sollte das noch führen? Mußte das alles geschehen? Rudolf war total deprimiert. Es schien ihm an die Nieren zu gehen. Vielleicht war er doch nicht so cool, wie er die ganze Zeit über getan hatte. „Es hat keinen Zweck mehr. Laßt uns aufhören!" Wolfgang: „Laßt uns den Computer fragen, ob wir einen Versuch unternehmen sollen, das System zu retten." Wolfgangs Stimme war heiser. Nach kurzer Zeit gab er die Antwort: „Der Computer gibt uns freie Hand. Aber sobald Rolf Athen betritt, gibt er das System auf."
Eine Angstsekunde durchzuckte mein Herz. Aber was sollte jetzt noch an Hinderung auftauchen, - vielleicht 50 Kilometer vor Athen? Falls das Elektronengehirn selbst gegen mich antrat, - das wäre ein Problem. Doch es war neutral. Am Straßenrand entdeckte ich ein Schild: Maut. Hier würde ich auf jeden Fall anhalten müssen. Die Unruhe brach wieder aus. Wolfgang hatte das bemerkt: „Er muß an einer Mautstelle stoppen! Das ist unsere Chance, - vielleicht die letzte! Wir setzen ihm einen wilden Text auf, - dann werden wir ja sehen!" Sofort reagierten meine Spiegel: „Malaga, Malaga, kill him, kill him!" Es gab keinen Ausweg und kein Zurück. Ich mußte hier vorbei. Vielleicht konnte ich dem Kassierer das Geld zustecken, ohne ihn überhaupt anzuschauen. Falls er versuchen sollte, mich aufzuhalten, würde ich Gas geben und davonrauschen wie der Blitz. Aber was, wenn er mir die Polizei hinterherjagte? Ich hatte kein Vertrauen mehr zu den Beamten. Und, - wer würde mir meine Story schon glauben?
Es war soweit. Ich blieb stehen und senkte den Kopf. So gab ich dem Mann einen Geldschein, der die angezeigte Gebühr überstieg und fuhr, ohne das Wechselgeld abzuwarten, davon. Meine Spannung löste sich sofort. Die anderen fluchten. Wolfgang sagte: „Nimm ihm das blöde ,Malaga' von den Augen! Sollte er einen Unfall haben, soll er wenigstens anständig abtreten." Meine Spiegel schrieben: „He's good, he comes."
Ich hatte mich wieder unter Kontrolle. Die letzte Hürde schien genommen. Mein Blick fiel auf die Tankuhr. Der Zeiger war inzwischen weit in den gelben Reservebereich vorgerückt. Wolfgang, der dies nicht bemerkt zu haben schien: ,,Meine Güte, er schafft es wirklich! Ich hätte nie für möglich gehalten, daß die Karre mit so wenig Sprit auskommt!" Ich fühlte mich nun sicher. Nur mußte ich mich orientieren, in welcher Richtung zur Stadt der Flughafen lag. Ich verrenkte mir den Hals bei jedem Schild. Langes Suchen war nicht drin.
Wolfgangs Stimme riß mich aus meiner Konzentration. ,,Der Computer sagt, es kommt noch eine Mautstelle! Die letzte, kurz vor Athen. Jetzt oder nie! Wir müssen ihn hier kriegen!! Rudolf, - kennst du ein gemeines griechisches Schimpfwort?!" Rudolf: „Papyros-Malaga (!?)" Wolfgang: „Okay. Dann ändere seine Spiegel!" Wieder beschlich mich die Angst, doch ich versuchte, sie im Zaum zu halten. Ich atmete tief und stoßweise.
Entschlossen legte ich einen kleineren Gang ein und fuhr langsam heran. Jetzt kam es noch einmal drauf an. Meine Spiegel blitzten und wechselten zwischen: ,,Papyros Malaga", und „kill him, kill him!" Die Hände wurden feucht. Ich preßte meine Zähne aufeinander, bis sie knirschten.
An der Schranke stoppte ich und reichte dem Wart den Drachmenschein. Er übergab mir eine Karte und rief mir ungehalten einen griechischen Wortschwall zu, von dem ich nichts verstand, außer „Papyros Malaga". Man ließ mich unbehelligt weiterfahren! Ich hatte es endgültig überstanden!
Jetzt mußte ich nur noch den Weg zum Airport finden. Die anderen hatten wohl resigniert. Da hörte ich Rudolf anerkennend sagen: „Neben ihm möchte ich begraben sein!" Seine Stimme erinnerte an einen Volltrunkenen, - schwer und verzerrt. Bernd fragte daraufhin: „Was ist denn mit Rudolf los?" Wolfgang antwortete leise: „Er hat auch Gift genommen, er stirbt." Ich war entsetzt! Obwohl Rudolf mein ärgster Gegner gewesen war, verspürte ich keine Rachegefühle. Das Unglück anderer konnte ich nicht als befriedigend empfinden. Tiefe Niedergeschlagenheit drückte mich in meinen Sitz. Es war mir unmöglich, irgendeinen Sinn zu erkennen.
Die Gegend, durch die ich jetzt fuhr, mußte schon ein Randbezirk sein. Ich hatte es geschafft. Der Zeiger meiner Tankuhr hatte den äußersten Bereich der Reservemarkierung erreicht. Ich seufzte. „Gott, - jetzt mußt du fahren!" Obwohl ich bereits im zentralen Stadtgebiet war, wies nichts auf den Flughafen hin. Wolfgang meldete sich wieder: „Noch hat er den Airport nicht erreicht! Wenn der Wagen jetzt stehen bleibt, braucht er Hilfe. Entweder eine Tankstelle oder Passanten, die ihn anschieben. Beides kann uns nützen." Bernd: „Warum läßt du es nicht sein? Der Computer hat schon kapituliert." Wolfgang: „Bis wir hier auffliegen, vergeht noch Zeit. Solange machen wir weiter. Und wenn wir schon in der Hölle braten, Rolf möchte ich dahin mitnehmen!" Ich wurde böse. „So ein Dreckschwein!"
Ich kurvte weiter. Endlich traf ich auf ein Schild „Aeroport“'. Fast war ich daran, zu denken, daß ich mich verfranst hatte. Aber nichts war zu sehen, was auf einen Flughafen hindeutete. Die Straße stieg jetzt leicht an. Da entschloß ich mich, die Fahrt abzubrechen. Ich mußte auf dem letzten Tropfen sein. Die erste Nebenstraße bog ich ab, suchte eine Parkmöglichkeit und zwängte den Golf in eine Lücke. Ich stellte den Motor ab blickte mich um. Die Kreuzung war schlecht beleuchtet, kein Mensch weit und breit. Es war 1.00 Uhr morgens. Ich würde mir ein Taxi nehmen.
Dann öffnete ich die Hecktür und suchte aus meinem Gepäck die wichtigsten Gegenstände, um sie in einer kleinen Tasche zu verstauen. Den Pass steckte ich zu den Geldscheinen in meinen Brustbeutel, den ich immer bei mir trug. Dann wechselte ich meine Kleidung, da ich wieder verschwitzt war und auch aus Gründen der Tarnung. Zwei Leute marschierten über die Kreuzung. Ich kniff sofort die Augen zusammen und sah starr nach unten. Wolfgang hatte sofort reagiert und wieder ,,Malaga!" auf meine Spiegel gesetzt. Er zischte zwischen den Zähnen hervor: ,,Kommt schon, kommt schon, - schlagt ihn nieder!"
Zu meiner Überraschung registrierte ich, daß sich der Text gewandelt hatte: „No Malaga, he's good, he comes", stand jetzt zu lesen. Wolfgang knurrte: „Verdammt, - der Computer quatscht dazwischen! Er hilft ihm!" Bernd: „Laß uns endlich aufhören, - es ist sinnlos geworden!" Wolfgang fluchte und tippte auf der Tastatur herum Aber, wie sehr er auch versuchte, seine Worte einzugeben - der Computer korrigierte sie. Das wilde Geflacker an meinen Augen mußte in der Dunkelheit sichtbar sein. Es war gefährlich. Ich mußte auf die Hauptstraße, um dort ein Taxi aufzuhalten.
Noch herrschte reger Verkehr, obwohl es schon 1.30 Uhr früh war. Passanten waren kaum noch unterwegs. Taxistand konnte ich keinen ausfindig machen, - also winkte ich mit den Armen. Da bremste ein Wagen direkt neben mir. Erleichtert stieg ich in den Fond. Den Kopf hielt ich gesenkt. Obwohl der Fahrer kein Englisch sprach, konnte ich klarmachen, daß ich zum Flughafen wollte. Er nickte. Meine Spiegel mußten ihm aufgefallen sein, denn über Funk gab er etwas auf Griechisch weiter, von dem ich nur „Malaga" verstand. Doch eine Frauenstimme antwortete auf Englisch: ,,He is no Malaga, - l heard about him!"
Mein Kommen hatte sich also anscheinend schon herumgesprochen! Doch ich würde auf der Hut sein. Auch der Taxifahrer könnte ein Spitzel sein, der mich in eine abgelegene Gegend verschleppte, wo bereits die Häscher auf mich warteten, um mir den Rest zu geben. Aufmerksam ließ ich meine Augen jetzt umherschweifen. Sollte mir irgendetwas suspekt sein, würde ich den Mann zum Anhalten bringen, notfalls mit Gewalt. Doch alles blieb friedlich und wir durchquerten weiterhin die großen, hell beleuchteten Stadtstraßen.
Nach ungefähr 20 Minuten wandte der Fahrer sich zu mir und gestikulierte, daß wir unser Ziel erreicht hätten. Er hielt direkt vor dem Haupteingang. Ich bezahlte und stieg aus. Mittlerweile war es 02.00 Uhr morgens, als ich das Flughafengebäude betrat. Niemand da, der auf mich lauerte! Ich seufzte erleichtert. Also war es doch nur meiner Phantasie entsprungen!
In der Halle hockten oder lagen eine ganze Menge Leute auf den wenigen Bänken und am Boden. Sie schliefen. Alle Schalter waren geschlossen. Ich hatte gerade auf einem einzelnen Stuhl Platz genommen, da ertönte der Lautsprecher und eine weibliche Stimme gab bekannt: „The man who just arrived, is on the killertrip, he's good, he comes. His name is Rolf B." Verdammt, - sie hatten mich doch bemerkt! Ich blickte mich suchend um, aber nirgendwo war eine junge Dame zu sehen, die an einem Mikrophon stand, um Mitteilungen durchzugeben. Meine Spiegel waren noch immer aktiv. ,,Malaga" wechselte mit ,,No Malaga", - so war deutlich, daß Wolfgang und der Computer miteinander konkurrierten.

Keine Kommentare: